unsplash / Jessie Renée

Bau: Future Living

Wie Bauingenieure innovative Ideen zur Wohnraumschaffung verwirklichen und damit neue Lebensentwürfe gestalten

Wenn Verena und Marco abspülen, dann machen sie das bequem vom Sofa aus. Nach dem Zähneputzen können sie direkt vom Bad aufs Bett krabbeln, ohne den Schlafzimmerboden zu berühren, und ein kompletter Hausputz dauert nicht mal einen Vormittag. Die beiden leben in einer der modernsten Wohnformen, die der Markt momentan zu bieten hat: in einem Tiny House. Auf knapp 35 Quadratmetern findet sich alles, was ein normal großes Haus auch hat: Schlaf- und Wohnraum, Küche, Bad, Abstellkammer. Nur eben alles viel kompakter. Ist das die Lebensart der Zukunft? »Jetzt, wo Wohnraum und Platz gerade in den Ballungsräumen knapp werden, setzt langsam eine Gegenbewegung zu großen Häusern ein. Wir müssen Fläche sparen. Das macht kreativ! Tiny Houses sind ein Beispiel dafür«, erklärt Ingo Schötz, Leiter des Referats Zukunftsfragen im Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr, den Trend. Hier können und müssen Ingenieure ansetzen und sich neue Konzepte zur Wohnraumschaffung ausdenken, wie Schötz bestätigt: »Was wir immer brauchen, sind frische Ideen. Junge Architekten und Ingenieure sollten sich trauen, auch mal unkonventionell zu denken. Nur so können wir den Wohnungsbau zukunftsfähig machen.«

Innovative Ideenschmiede

Tiny Houses sind längst nicht das einzige Konzept modernen Wohnens, das bereits in der Gesellschaft angekommen ist. Ein weiteres Beispiel ist die Modulbauweise: Hier entwickeln die meisten Hersteller Steckmodule, die zusammengebaut die Fassade und Innenwände ergeben. Das Dach wird dann von oben eingeklinkt. Der Vorteil daran ist, dass die Bauweise sehr kostengünstig ist und ein großer Teil des Baus von den künftigen Bewohnern selbst gemacht werden kann. Außerdem ist das Haus genau an den Geschmack und die Anforderungen des Eigentümers anpassbar. Flexible Gebäude sind das Stichwort für Prof. Werner Sobek, Leiter des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren und Gründer der Firmengruppe ›Werner Sobek‹: »In einem Sonderforschungsbereich arbeiten wir gerade an adaptiven Tragwerken und Fassaden, also an Gebäuden, die selbstständig auf sich ändernde Umweltbedingungen und Nutzeranforderungen reagieren. In Zukunft können wir so Häuser bauen, die wesentlich leichter als heutige Konstruktionen sind. Häuser, deren Fassaden nur aus einer Stoffhülle bestehen, die atmet und die ihre Lichtdurchlässigkeit ändern kann.« Bauwerke werden also nicht nur raumsparender, sondern auch zunehmend intelligenter. Digitale Bauweisen wie Building Information Modeling sind deshalb auch bei der Wohnraumschaffung nicht mehr wegzudenken. Und auch Nachhaltigkeit gewinnt laut Sobek immer mehr an Bedeutung: »Unsere Devise lautet: Build for more with less. Die Weltbevölkerung wächst nach wie vor, viele wichtige Ressourcen gehen zur Neige – hierauf müssen wir reagieren. Energie ist aber kein Problem – Sonne und Wind versorgen uns mehr als ausreichend, wenn wir diese nachhaltigen Quellen nur richtig nutzen.« Um auszutesten, welche neuen Wohnformen in Zukunft tatsächlich umsetzbar sind, gibt es regelmäßig Modellprojekte, die beispielsweise vom Bauministerium angestoßen werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass Kapazitäten, Ressourcen und Energien auch zweckmäßig eingesetzt und nicht sinnlos verschwendet werden.

Herausforderungen und Skills

Wie alle Veränderungen sind auch die in der Baubranche nicht immer einfach umzusetzen. Egal, wie innovativ eine Idee sein mag: Am Ende zählt, ob sie in der Praxis Bestand hat. Neue Wohnmodelle müssen laut Ingo Schötz vom Bauministerium nicht nur zukunftsfähig, sondern auch wirtschaftlich tragbar sein. Neue Technologien müssen hinterfragt werden, ob diese ausreichend entwickelt sind und eventuell rechtliche Fragen aufwerfen, die geklärt werden müssen. Werner Sobek hält es außerdem für eine Herausforderung, eine nachhaltige Bauweise fest in der Gesellschaft zu etablieren: »Hier müssen wir als Planer ansetzen. Wir müssen die Menschen mitnehmen. Wir müssen ihnen aufzeigen, wie nachhaltiges Bauen ein Mehr an Komfort und Gesundheit bietet – und dafür sorgt, dass unser Planet auch den nach uns kommenden Generationen als Heimat dienen kann.«

Um den Anforderungen des Wandels gerecht zu werden, brauchst du als Berufseinsteiger natürlich das nötige Fach-Know-how. In der täglichen Arbeit mit Building Information Modeling werden außerdem Kenntnisse im Umgang mit der entsprechenden Software verlangt – diese kannst du aber auch on-the-job sammeln. Der wohl wichtigste Soft Skill ist die Fähigkeit, über den Tellerrand zu blicken. Denn innovative Ideen hat nur der, der auch mal querdenkt. Zudem solltest du eine gewisse Portion Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit, Kreativität und Organisationstalent mitbringen. Praxiserfahrung ist – wie in den meisten anderen Bereichen auch – in der Baubranche von Vorteil. Die kannst du bereits während deines Studiums im Rahmen von Praktika oder Werkstudentenjobs sammeln. Wenn du die Möglichkeit hast, einige Zeit im Ausland zu verbringen, ist das ein deutliches Plus in deinem Lebenslauf, denn viele große Bauunternehmen agieren international.

So kannst du loslegen

Wie bereits gesagt, kannst du schon während deiner Studienzeit in die Wohnbaubranche schnuppern. Praktika helfen dir bei der Orientierung, in welchen Bereich genau du einsteigen willst. Als Absolvent hast du in vielen Unternehmen die Möglichkeit des Direkteinstiegs. Du willst einen sicheren Arbeitsplatz mit vielseitigen Einsätzen? Dann lohnt es sich, einen genauen Blick auf staatliche Arbeitgeber zu werfen. »Absolventen mit Bachelor- oder Masterabschluss in bautechnischen Disziplinen können direkt als Tarifbeschäftigte starten oder sich für eine Art Traineeprogramm bewerben, um in die Beamtenlaufbahn einzusteigen. Den Absolventen stehen an unseren 22 staatlichen Bauämtern, den zwei Autobahndirektionen, der Landesbaudirektion und bei uns im Ministerium verantwortungsvolle und abwechslungsreiche Tätigkeiten und Führungsaufgaben offen«, berichtet Ingo Schötz vom Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr. Als Benefits gibt's flexible Arbeitszeiten und vielfältige Entwicklungs- und Karrierechancen.

Noch mag der Lebensentwurf von Verena und Marco kein Standard sein – aber sicherlich eine der einschlägigsten Wohnformen von morgen. Wenn du dazu beitragen möchtest, Raum, Ressourcen und Energien zu sparen und den Menschen dennoch ein gemütliches Zuhause zu schaffen, dann bist du in der Wohnungs- und Hausbaubranche genau richtig.


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