Bauen: Green Mindsets

Ein stärkeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit: Das braucht die Baubranche laut Dr. Christine Lemaitre. Wie sich der Sektor verändert und was das für Berufseinsteiger bedeutet, erzählt sie hier

Frau Dr. Lemaitre, wie hat sich die Baubranche in den letzten zehn Jahren gewandelt?

Sie ist weniger schnelllebig als andere Bereiche. Entsprechend ist auch der Wandel innerhalb der Branche weniger rasant als in vielen anderen Sektoren. Das liegt aber auch in der Natur der Sache – schließlich baut sich ein Gebäude nicht von heute auf morgen. Das heißt aber auch, dass wir den Wandel in der Branche hin zu mehr Nachhaltigkeit heute anstoßen müssen, um rechtzeitig eine grundlegende Veränderung zu bewirken. Speziell in den letzten Jahren ist erkennbar, dass die Aufgeschlossenheit ­gegenüber den vielfältigen Aspekten des nachhaltigen Bauens langsam zunimmt. Es wird bewusster mit Ressourcen umgegangen und Qualität spielt – zumindest in Teilen der Branche – eine zunehmend wichtigere Rolle. Es geht nicht mehr nur um Schnelligkeit und den Preis. Dass wir mit der DGNB inzwischen rund 5.000 Projekte mit unserem Zertifizierungssystem für ihre ganzheitliche Nachhaltigkeitsqualität auszeichnen konnten, ist ein schönes Indiz.

Hat Nachhaltigkeit heutzutage also eine weitreichende ­Bedeutung im Bau?

Eine wachsende, aber bei weitem noch nicht ausreichende. Einzelne Aspekte wie die Energieeffizienz sind zunehmend selbstverständlich. Bei anderen Themen setzt erst jetzt ein Umdenken ein. Ein gutes Beispiel ist die Berücksichtigung von Aspekten, die einen unmittelbaren Einfluss darauf ­haben, ob sich die Menschen in den Gebäuden wohlfühlen und gesund bleiben, beispielsweise eine hohe Innenraumluftqualität oder ein guter visueller Komfort mit einem hohen Tageslichtanteil. Insgesamt geht die Tendenz zwar in die richtige Richtung, aber es gibt in weiten Teilen der Branche nach wie vor eine enorme Kreativität bei der ­Suche nach Gründen, warum etwas nicht geht. Dabei fehlt Argumenten wie ›Es ist zu teuer‹, ›Es ist nur für ein paar einzelne Projekte geeignet‹ oder ›Nur Experten können nachhaltig bauen‹ schlichtweg die Grundlage. Gerade mit Blick auf den Klimawandel und die knapper werdenden Ressourcen benötigen wir ein viel höheres Tempo und noch mehr Bauherren und Investoren, die Dinge letztlich auch umsetzen.

Welche Bausektoren brauchen vermehrt Nachwuchs?

Ich denke, der Fachkräftemangel ist überall spürbar. Nicht nur in Zeiten, in denen die Auftragsbücher prall gefüllt sind. Die steigenden Anforderungen, die beispielsweise mit der zunehmenden Digitalisierung einhergehen, werden in ­vielen Bereichen der Baubranche in den kommenden Jahren spürbar sein. Umso wichtiger ist es für die Unternehmen der Branche, sich für den Nachwuchs als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren. Hier spielen die verschiedenen Aspekte der Nachhaltigkeit auch in der Unternehmenskultur eine zunehmend wichtigere Rolle.

Haben sich die Anforderungen an Absolventen im Hinblick auf digitales und nachhaltiges Bauen stark verändert?

Bauen bleibt letztlich Bauen. Deshalb werden die klassischen Anforderungen an Ingenieure, Architekten und Planer grundsätzlich ähnlich bleiben. Weder die Themen der Nachhaltigkeit noch die Anwendung digitaler Werkzeuge machen dieses Basiswissen obsolet. Beim digitalen Planen und Bauen benötigt es aber natürlich Experten, die die Softwaretools bedienen können. Für die Spezialisierung im Bereich des nachhaltigen Bauens braucht es Fachwissen, das Berufseinsteiger sich beispielsweise über die Angebote der DGNB Akademie aneignen können – auch schon parallel zum Hochschulstudium. Bei den Soft Skills geht es unter anderem um Neugier, Flexibilität und Offenheit bei der Lösungsfindung sowie die Fähigkeit, in interdisziplinären Teams arbeiten zu können.

Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich für Berufseinsteiger durch eine nachhaltige Bauweise?

Nachhaltiges Bauen ist nach wie vor Wachstumsmarkt – und wird es auch noch lange sein. Insofern sind die Chancen für Berufseinsteiger in diesem Bereich sehr vielfältig. Ich gehe sogar noch weiter, wenn ich sage: Wer sich heute nicht mit den Themen der Nachhaltigkeit beschäftigt, wird es künftig zunehmend schwerer haben, denn die Aspekte einer nachhaltigen Bauweise werden immer mehr zum selbstverständlichen Bestandteil jeder Bauaufgabe. Die größte Herausforderung beim Einstieg ist sicher die wenige praktische Erfahrung, die für die Arbeit in der Baubranche sehr bedeutsam ist. Je mehr Projekte Berufseinsteiger mitgestaltet haben, umso besser verstehen sie die Zusammenhänge und Konflikte zwischen einzelnen Anforderungen. Und umso besser können sie Projekten dann auch ihren eigenen Nachhaltigkeitsstempel aufdrücken.

Wie wird sich die Branche im Jahr 2019 entwickeln?

Ein Jahr als Zeithorizont ist im Bereich des Bauens ­sicherlich zu kurz gegriffen, als dass es dort zu großen Veränderungen kommen könnte. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass sich im Kleinen in den Unter­nehmen der Bau- und Immobilienwirtschaft das Verständnis ­dafür, dass eine nachhaltige Bauweise notwendig ist, in Zukunft weiter schärfen wird. Je mehr wir die Auswirkungen des Klimawandels in unserem persönlichen Umfeld spüren und von ihnen direkt betroffen sind, desto mehr wird es in den Köpfen der Bauschaffenden ankommen, dass wir nicht weitermachen können wie bisher. Hier erhoffe ich mir auch, dass viele Berufseinsteiger als Überzeugungstäter fungieren und gewissermaßen ›bottom-up‹ die Themen des nachhaltigen Bauens in den Unternehmen aktiv einfordern.


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