Baby in Reagenzglas schwimmend in blauer Flüssigkeit

Bioingenieur: ein Job der Zukunft und mit Zukunft!

Bioingenieure sind die Erfinder der Neuzeit – und haben demensprechend gute Karrierechancen

Das ist mal eine Ansage: »Das Bioingenieurwesen umfasst zwei Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts: die Biotechnologie und die Bioverfahrenstechnik«, sagt Dr. Kerstin Elbing vom VBIO, dem Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin. Und man hört ihr an, dass sie sich bewusst ist, dass Bioingenieure die Zukunft der nächsten Generationen entscheidend mitprägen werden. Auch deshalb gilt der Beruf wohl als zukunftssicher, ausgesprochen vielfältig und – da die Entwicklung schwer vorhersagbar ist – auch als überraschend: Bioingenieure forschen, experimentieren und entwickeln zum Beispiel in der chemischen und pharmazeutischen Industrie, in der Lebensmitteltechnik, im Anlagenbau und im Umweltschutz an neuartigen Verfahren, die Naturwissenschaft und Technik miteinander verbinden. »Biologische Technologien wie beispielsweise die Erzeugung von Lebensmitteln wie Joghurt mit Hilfe der Milchsäuregärung sind altbekannt«, sagt Dr. Paul Kerzel, Geschäftsführer der Fakultät Bio- und Chemieingenieurwesen an der Technischen Universität Dortmund. Doch immer wieder sorgen mehr und mehr Erkenntnisse aus der Biologie auch für nahezu bahnbrechende Entwicklungen im Bioingenieurwesen. »Dazu gehören unter anderem neue Medikamente sowie Diagnose- und Heilverfahren, in denen Biochips und hochspezifische Eiweißstoffe zum Einsatz kommen«, so Kerzel. Schon die Herstellungsverfahren für solche Produkte, die extrem hohen Ansprüchen an Keimfreiheit und Reinheit genügen müssen, gelten als hochkomplex. Hier werden Experten wie Bioingenieure gebraucht, die es verstehen, naturwissenschaftliche Erkenntnisse in technische Anwendungen umzusetzen. »Sie sind in der Lage, Forschungsergebnisse aus dem Labor in großtechnische Anlagen zu transferieren, geeignete Verfahren auszuwählen, Anlagenkomponenten optimal auszulegen sowie bestehende Produktionsprozesse zu optimieren und sicher zu betreiben. Sie tragen somit zum wissenschaftlichen und technischen Fortschritt bei.« Auch in den Bereichen nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien ist ihr interdisziplinäres Fachwissen gefragt: Knappe Ressourcen und eine wachsende Weltbevölkerung erfordern eine nachhaltigere Art des Wirtschaftens. Die technischen Grundlagen dafür schaffen Bioingenieure. »Im Rahmen der Bioökonomie werden immer mehr Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt«, sagt Prof. Dr.-Ing. Clemens Posten, der den Bereich Bioverfahrenstechnik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) leitet. Um Treibhausgase zu reduzieren und die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu vermindern, beschäftigen sich Bioingenieure zum Beispiel damit, wie aus nachwachsenden Rohstoffen Biokraftstoffe erzeugt werden können.

Innovationen mit hohem Marktpotenzial

An den Technologien von morgen arbeitet auch Dr. Katina Kiep. Die 32-jährige Biotechnologin ist bei dem Spezialchemie-Unternehmen Evonik in der strategischen Innovationseinheit Creavis am Standort Marl in Nordrhein-Westfalen tätig. Dort sollen Innovationen mit hohem Marktpotenzial ausfindig gemacht und im Konzern auf den Weg gebracht werden. »Die Vielfalt an Themen und Methoden ist faszinierend«, erklärt Kiep. Die Bandbreite reicht von der Entwicklung neuer Prozesse und Materialien wie zum Beispiel Fassadenelementen, Leichtbaumaterialien, medizinischen Komponenten oder Kosmetikwirkstoffen bis hin zur Optimierung von Produktionsprozessen für bereits bestehende Produkte. Beispiele sind die Nutzung von Biomasse oder CO2 als alternative Rohstoffquellen oder neue Prozessrouten, bei denen Rohstoffe oder Energie eingespart werden können. Als Projektmanagerin muss sich Kiep zügig in verschiedenste Themen hineindenken, Entwicklungszeiten abschätzen und entsprechende Produktionsprozesse vom kleinen Labormaßstab bis hin zur großen industriellen Herstellung ausarbeiten und optimieren. Ihr Biotechnologie-Studium, eine Kombination aus technischen und naturwissenschaftlichen Fächern, und ihre Promotion in der Bioverfahrenstechnik dienen ihr als Basis für ihre Arbeit. Sie begleitet neue Produkte und Technologien von der Idee bis zum Übergang in einen Geschäftsbereich von Evonik oder sogar bis zum Markteintritt. Neben der fachlichen Analyse und Bewertung von Ideen ist sie auch für die Budget-, Termin- und Aufgabenplanung zuständig. Dazu gehören Marktanalysen, Patentrecherchen, Wirtschaftlichkeitsberechnungen und Vertragsverhandlungen. »Schon in einem sehr frühen Stadium müssen Ideen und Projekte bewertet werden. Zum Beispiel, um die Marktgröße und das Investment abzuschätzen oder eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie sich das Produkt im Markt entwickeln wird.« Das ist nicht immer einfach, vor allem wenn es die Produkte noch nicht gibt oder der Markt dafür gerade erst entsteht. Zusätzlich zählen die Versuchsplanung, Betreuung, Auswertung und Ergebnisdiskussion mit den Forschungspartnern zu ihren Aufgaben. Dafür steht sie allerdings nicht selbst im Labor, sondern betreut und koordiniert die Labortätigkeiten fachlich. Bei der Bewertung der Innovationsthemen spielt auch das Thema Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle, neue Technologien und Produkte werden sowohl unter ökonomischen als auch unter ökologischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet.

Einfallsreichtum als Einstiegsbedingung

Nicht nur fachliches Know-how, sondern auch Einfallsreichtum ist im Bioingenieurwesen gefragt. »Wenn es zum Beispiel gilt, einen Produktionsprozess zu optimieren, kommt es das Fachwissen ebenso wie auf gute Ideen zum richtigen Zeitpunkt an – man braucht Kreativität und bis zu einem gewissen Grad auch die Bereitschaft zu tüfteln«, sagt Elbing vom VBIO.

Die Begriffe Bioingenieurwesen, Bioverfahrenstechnik, Biotechnik und Biotechnologie werden häufig synonym verwendet. Entsprechende Studiengänge haben oft vergleichbare Inhalte. Klarheit verschafft ein Blick auf die einzelnen Module. »Im Bioingenieurstudium liegt der Schwerpunkt meist auf Fächern wie Verfahrenstechnik, Anlagenbau, Mess- und Regelungstechnik, bei den biotechnologischen Studiengänge stehen die Methoden der Mikrobiologie und der Molekularbiologie sowie deren praktische Anwendung im Mittelpunkt«, betont Elbing. »Generell handelt es sich um ingenieurwissenschaftliche Studiengänge, die sich erheblich von einem Biologiestudium unterscheiden«, sagt Kerzel von der TU Dortmund. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt von Absolventen schätzt er deshalb als sehr gut ein. »Da auch zukünftig die Zahl der biotechnologisch hergestellten Produkte steigen wird, können Studienanfänger aller Voraussicht nach von guten Jobaussichten ausgehen.« 


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