Prof. Dr. Henkel

Interview: »Innovationen sind heute anders«

Wie aus Innovationen weitere Innovationen entstehen, erklärt Experte Professor Dr. Joachim Henkel

Herr Professor Henkel, woran lässt sich eine Innovation erkennen? In der Definition der Innovationsforschung sind Innovationen neue Produkte oder Prozesse, die sich vom bisher Dagewesenen unterscheiden. Dabei kann es sich um kleinere und größere Unterschiede, aber auch um etwas radikal Neues handeln wie das Elektroauto im Vergleich zum Benzinauto. Eine Innovation muss dabei nicht zwangsläufig kommerziell erfolgreich sein – Definitionen dieser Art sind nicht hilfreich bei der Gestaltung des Innovationsmanagements, das ja ex ante erfolgt, bevor sich Erfolg oder Misserfolg herausstellt. Es ist normal, dass manche Innovationen erfolgreich sind und andere nicht. Jede Innovation birgt ein Risiko. Haben Sie hierfür ein Beispiel? Der Transrapid ist eine Innovation, die aus verschiedenen Gründen nicht kommerziell erfolgreich war, obwohl eine hochinteressante Technologie mit vielen Vorteilen dahintersteckt. Im Konsumgüterbereich ist Scheitern noch häufiger. Hier werden jährlich viele neue Produkte herausgebracht, von denen nur ein kleiner Teil dauerhaft am Markt verbleibt. Inwieweit gab es Innovationen, die zur falschen Zeit am eigentlich richtigen Ort waren? Es gibt Innovationen, die zu früh kamen – wie der Apple Newton, eine Art PDA mit Handschrifterkennung, 1993 eingeführt. Die Technik dahinter war nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Unter anderem war das Gerät sehr groß und schwer. Einige Jahre später wurden dann Blackberrys und Smartphones ein Riesenerfolg. Ein anderes Beispiel sind die 2002 eingeführten Windows Tablet PCs – ein Reinfall. Gründe hierfür könnten zu geringe Leistung, fehlende Anwendungen oder schlechtes Marketing gewesen sein. Erst als 2010 Apple das iPad auf den Markt brachte, ließen sich die Konsumenten begeistern. Demnach war das iPad keine wirklich radikale Innovation – gibt es heute überhaupt noch Produkte oder Prozesse, die es vorher noch nicht gab? Auf jeden Fall! Vor allem in der Informations- und Kommunikationstechnik tut sich sehr viel und es kommen immer wieder radikale Innovationen auf den Markt. Virtual Reality beispielsweise ermöglicht durch Head-Mounted-Displays wie Oculus Rift oder HTC Vive ein riesiges Potenzial. IKT-Technologien allgemein bieten oft die Basis für anwendungsorientierte Innovationen wie Snapchat und WhatsApp, die auf Mobiltelefonie fußen. Dies zeigt, dass Innovationen nicht ausschließlich technischer Art sind. Auch 3D-Drucker bringen radikale Veränderungen mit sich, sowohl für Konsumenten als auch für Hersteller wie Airbus, die plötzlich Komponenten drucken können. Diese Entwicklung wirft aber auch die Frage auf, ob sich der Markt für Ersatzteile völlig verändert, weil beispielsweise Fluglinien manche Teile selbst drucken könnten. Das wiederum könnte zu einem Wandel von Geschäftskonzepten führen, wenn beispielsweise statt der Ersatzteile deren Drucklizenzen verkauft werden. In welchen Bereichen wiederum mangelt es an Innovationen? Allgemein wird dort innoviert, wo auch Anreize hierfür vorhanden sind. Die Pharma­branche beispielsweise investiert viel Geld in Medikamente gegen Wohlstandskrankheiten, da Menschen mit Wohlstandskrankheiten auch über die finanziellen Möglichkeiten verfügen, das Medikament zu bezahlen. Entsprechend wird weniger Geld in die Entwicklung von Medikamenten gesteckt, die Krankheiten in Entwicklungsländern betreffen oder sehr selten sind, sogenannte Orphan Diseases. Da die Entwicklungskosten in letzterem Fall kaum gedeckt werden können, werden hier alternative Finanzierungsmöglichkeiten wie Stiftungen wichtig. Ein weiterer Fall sind Innovationen, die Positives bewirken und vielen Menschen nützen könnten, aber nicht unbedingt dem Innovator – jedenfalls nicht in dem Maße, dass die Innovation sich für ihn lohnt. Beispiele sind Innovationen, die auf Grundlagenforschung beruhen – wo der Weg zur Kommerzialisierung sehr lang ist – oder solche, die globale Probleme wie die Erderwärmung betreffen. Hier sind supranationale Institutionen wie die EU gefordert, sich dafür einsetzen, dass solche Innovationen in ausreichendem Maße stattfinden. Innovation heute und gestern: Worin lassen sich hier, abgesehen vom technischen Fortschritt, Unterschiede erkennen? Heute sind Innovationen komplexer. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Glühbirne. Edison und seine Mitarbeiter haben lange getüftelt, das richtige Material für die Glühwendel zu finden. Dies ging soweit, dass sie auch Barthaare einsetzten. Am Ende hatten sie das richtige Material gefunden. Dieses Bild haben viele Menschen beim Begriff ›Innovation‹ auch heute noch vor Augen, aber die meisten Innovationen heute sind völlig anders. Für unsere Kommunikation mittels Handy und Laptop beispielsweise waren sehr viele einzelne und einzeln patentierbare Erfindungen notwendig. Allein für den 2G-Mobilfunk GSM wurden mehr als 500 patentierte Erfindungen als ›essenziell‹ deklariert. Heute haben unsere Handys außerdem UMTS und LTE, sind Bluetooth-, WiFi- sowie USB-fähig und die Kamera und der Touchscreen sind wahre Wunderwerke der Technik. Diese Komplexität bedeutet, dass viele Unternehmen und auch etliche Branchen kooperieren müssen, indem sie entweder gemeinsam entwickeln oder Einzelteile zukaufen.

Bedeutet dies, dass es Innovationen nur noch im Zusammenhang mit Interdisziplinarität gibt?

Das spielt auf jeden Fall eine immer größere Rolle. Es kann passieren, dass ein Toxikologe die Lösung für ein Problem in der Grundlagenforschung für einen neuen Touchscreen liefern kann, da er zufälligerweise ein ähnliches Problem in seiner Disziplin hatte. Hier spielt auch Crowdsourcing eine große Rolle. Manchmal stoßen Unternehmen mit diesem Ansatz auf überraschende Ideen, auf die sie selbst niemals gekommen wären, da sie einer völlig anderen Disziplin entstammen.

Gute Idee oder Innovation: Wann lohnt es sich, ein Patent anzumelden?

Oft wird das Wort ›Patent‹ in unserem Sprachgebrauch mit einer guten Idee oder gar einer Innovation gleichgesetzt. Das ist nicht richtig. Patente sind Ausschließungsrechte. Sie werden erteilt auf technische Erfindungen, die neu, erfinderisch und kommerziell anwendbar sind – wobei de facto auch viele triviale ›Erfindungen‹ patentiert werden. Ob ein Patent für den Anmelder nützlich ist, hängt stark von der Branche ab. In der Chemie- und Pharmabranche sind Patente sehr wichtig und auch effektiv. In anderen Bereichen wie der Halbleiterindustrie dagegen sind einzelne Patente weniger effektiv. Ironischerweise wird gerade deshalb sehr viel patentiert.

Manchmal werden sogenannte Patentdickichte geschaffen. Viel zu patentieren ist vor allem dann nützlich, wenn Unternehmen untereinander mit ihren Patenten handeln oder sich, ein wenig wie im Kalten Krieg, in einem Gleichgewicht der Abschreckung durch große Patentportfolien befinden. Ein weiterer problematischer Punkt bei Patenten ist, dass viele nicht rechtsbeständig sind. Drei Viertel aller Entscheidungen deutscher Gerichte in Bezug auf die Gültigkeit von Patenten lauten auf ›nichtig‹ oder ›teilweise nichtig‹ – und Forschung von Dr. Hans Zischka und mir legt nahe, dass die gleiche Quote auch für alle anderen Patente gelten würde. Unternehmen investieren oft viel Zeit und Geld in Patentverletzungs- und Nichtigkeitsverfahren.

Das sind Ressourcen, die sich sinnvoller investieren lassen. Ein weiterer Stolperstein ist, dass Patente in Branchen wie dem Maschinenbau oft relativ leicht umgangen werden können, wenn man rechtzeitig auf sie aufmerksam wird.

Also Hände weg von der Patentanmeldung?

Nein, so pauschal sicherlich nicht. Trotz der genannten Probleme ist es in vielen Branchen wichtig, Patente zu haben. Ein Patent mag ja auch ein positives Signal an Investoren oder Kunden senden oder, selbst wenn es vor Gericht invalidiert würde, Wettbewerber abschrecken. Aber wer ein Patent anmelden möchte, sollte sich vorher gut überlegen, ob er es gegebenenfalls durchsetzen kann und will. Effektivere Mechanismen, von Innovationen zu profitieren, sind in vielen Branchen ein gutes Marketing, eine starke Marke oder ein ausgezeichneter Service.

Wenn die Marke steht und der Service läuft: Was muss ein Gründer tun, um stets aktuell zu sein?

Gründer müssen längerfristig zwei Dinge können: Geld verdienen, indem sie ein Produkt kostengünstig herstellen und vertreiben, das Kundennutzen stiftet. Gleichzeitig sollten sie sich und ihre Angebote weiterentwickeln. Diese Kombination bezeichnet man als ›Ambidexterity‹ – Beidhändigkeit – und sie ist nicht einfach umzusetzen.

Gründer sollten sich außerdem untereinander vernetzen, mit Interessensverbänden in Kontakt treten und sich mit der richtigen Literatur auseinandersetzen – aber darüber die Arbeit nicht vergessen und sich nicht zu sehr darauf fixieren, immer an der Spitze zu sein. Erstmal sollten sie Kunden finden, ein Produkt herstellen, es verkaufen und damit Geld verdienen. 


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