Systemingenieur: Aufgaben und Berufsbild

Bei der Entwicklung komplexer Produkte führen System-Ingenieure alle Stricke zusammen und überwachen den Gesamtprozess. Eine Herausforderung

Einer muss den Überblick behalten! Das macht der Systemingenier.
Foto: Tim Toppik / Quelle: PHOTOCASE

Ein Ohrenschmaus hört sich anders an: Die Pauke schlägt alles, nur nicht im gewünschten Takt, das Cello heult im Moll und die Querflöte kann man nur erahnen, weil sie so leise piepst – wo der Dirigent fehlt, entsteht Disharmonie, das Orchester gerät aus den Fugen und die Symphonie bleibt auf der Strecke. Genauso wenig, wie ein Orchester nicht aus führungslosen Musikern bestehen kann, die einfach wild und laut vor sich hin spielen, können Prozesse zur Entwicklung komplexer Produkte nicht planlos nebeneinander laufen.

Systemingenieure behalten den Überblick

Es bedarf der Feinabstimmung – und die Aufgabe, den Taktstab zu schwingen, obliegt dabei häufig der Zunft der System-Ingenieure: Wie der Maestro im Frack behalten sie einen ganzheitlichen Blick auf alle Abläufe im Produktlebenszyklus. Das bedeutet auch, dass sie jeden Tag erneut vor der Herausforderung stehen, die Zusammenarbeit von Fachabteilungen zu koordinieren und dabei sicherzustellen, dass Kundenwünsche bestmöglich erfüllt werden.

Keine leichte Aufgabe, denn hierbei sind sowohl zwischenmenschliches Vermittlungsgeschick als auch ingenieurtechnische Fähigkeiten gefragt. Immer dann, wenn mechanische, elektrotechnische und IT-Elemente zusammenwirken, handelt es sich um ein mögliches Wirkungsfeld für System-Ingenieure – beispielsweise gehört neben dem Roboter- und Flugzeugbau sowie der Handyfertigung auch die Entwicklung automatisierter Fabrikanlagen zu ihrem Repertoire. Neben der Karriere in Industrieunternehmen steht System-Ingenieuren aber auch eine Anstellung bei Behörden und Verbänden, Dienstleistern sowie der Wissenschaft und Forschung zur Auswahl.

»Aufgrund der großen Anzahl an Spezialisierungsrichtungen sind Systems Engineering-Absolventen in fast allen Bereichen zu finden«, so der Studiengangsleiter für Systems Engineering der Universität Bremen, Prof. Dr. Ing. Bernd Kuhfuß.

Innovationsmanagement: typischer Bereich für Systemingenieure

Denken in Systemen – ein Grundansatz des Systems Engineering – wendet auch David Meyer an. Der Wirtschaftsingenieur konnte sich schon als Dualstudent bei Automobilzulieferer Dräxlmaier etablieren und arbeitet jetzt im Innovationsmanagement – als Querschnittsdisziplin eine der typischen Spielwiesen für Ingenieure im Systems Engineering.

»Unsere zentrale Aufgabe im Innovationsmanagement ist die bereichsübergreifende Etablierung von Innovationsprozessen«, so der 25-Jährige.

Bereichsübergreifend bedeutet hier, dass so ziemlich jedes Kettenglied einer Innovation begleitet wird, von den ersten systematischen Vorbereitungen über die Durchführung bis hin zur Kontrolle, stets mit wachsamem Blick auf die finanziellen und personellen Ressourcen.

Im Kern geht es beim Innovationsmanagement darum, Visionen und Gedankenspiele in konkrete Ziele zu übersetzen. Sind diese gesetzt, kann der Innovationsmanager darauf aufbauend einen Marschplan entwerfen, um sie zu erreichen und schließlich an der Umsetzung zu arbeiten. Neben dem operationalen Part stellt es einen mindestens ebenso relevanten Teilbereich des Innovationsmanagements dar, den Boden für neue Ideen innhalb eines Unternehmens stetig fruchtbar zu halten:

»Sehr wichtig ist hierfür meines Erachtens auch die Schaffung einer innovationsfördernden Unternehmenskultur«, meint David Meyer.

Dräxlmaier hat zu diesem Zweck beispielsweise eigens das Onlineportal ›Dräxlmaier Ideas‹ geschaffen und ermöglicht so, dass Mitarbeiter auf einfachem Wege weltweit Ideen einreichen können.

Aufgaben eines Systemingenieurs am Beispiel »Challenger«

Das Konzept des Systems Engineering stammt ursprünglich aus der Raumfahrt- und Verteidigungstechnik: Hier war und ist es zwangsläufig von Nöten, Zuverlässigkeit und Funktionalität der hochkomplexen Produkte von Vornherein sicherzustellen, denn einmal im Betrieb, lassen sich kleine Fehler oder auch nicht bedachte ›Systemeinflüsse‹ kaum korrigieren. Deshalb ist oft eine ganze Armada an Tüftlern, ergo Ingenieuren, damit beschäftigt, in zahlreichen diffizilen Prozessen Szenarien zu durchleuchten und auf jedes noch so winzige Detail zu lauern.

Was allein das Nicht-Beachten einer zu niedrigen Temperatur beim Start eines Spaceshuttles anrichten kann, hat spätestens der verhängnisvolle Absturz der Challenger im Jahr 1986 gezeigt – sieben Astronauten verloren ihr Leben, genau wie 17 Jahre später, als beim Start der Columbia zerborstene Schaumstoffteile ein Loch in die Hitzeschutzverkleidung rissen und die Raumfähre beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinanderbrach.

Teure Lektionen: Die Challenger beispielsweise hätte damals eigentlich überhaupt nicht erst starten dürfen, das anfällige Material war lediglich für einen Start bis zu zwölf Grad Celsius Außentemperatur ausgelegt. Aber obwohl das Problem bekannt war, wurden die alarmschlagenden Ingenieure damals überstimmt, Termintreue hatte für den Booster-Hersteller Morton Thiokol scheinbar eine höhere Priorität als die Sicherheit.

Ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die Analyse der Systemingenieure sein kann – sie warnten ausdrücklich davor, eine Starterlaubnis zu erteilen – und ein trauriger Beweis, warum man dieser Ingenieursdisziplin trotz ihres manchmal schlechten Rufs als ›Bürokratiekrake‹ mit immensen Personal- und Prozesskosten ein hohes Gewicht zuschreiben sollte.

Systemingenieur: Die Komplexität von Systemen steigt!

Auch abseits von Raumfahrt, in der Automobilbranche, steigt die Komplexität von Systemen – trotz des aktuell sehr hohen Niveaus – stetig an. Roland Marx, System-Ingenieur bei ITK Engineering, sieht den Grund dafür in der zunehmenden Vernetzung in Autos:

»Unsere Gesellschaft ist längst an intelligente und vernetzte Produkte gewöhnt – dass dahinter eine hochkomplexe Technik steckt, ist den meisten Verbrauchern nicht bewusst. Beim Systems Engineering-Ansatz liegt der Fokus nicht auf einzelnen Komponenten, sondern immer auf dem Gesamtsystem. Nur so ist es möglich, die zunehmende Komplexität zu beherrschen und technische Innovationen zu entwickeln.«

Die größte Herausforderung besteht demnach für den Diplom-Physiker darin, den Überblick über die Zusammenhänge nicht zu verlieren und dabei den Anschluss an aktuelle Entwicklungen, ergo veränderte System- und Prozessanforderungen nicht zu verlieren. Gelingt der Streich, geht es im munteren allegro bis zum Schlusstakt – der Applaus ist dem Virtuosen dann so gut wie sicher.

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