Thomas Kathöfer

Interview mit einem MINT-Botschafter

Thomas Kathöfer, Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), philosophiert gern über das Geräusch von Zahnarztbohrern und über die MINT-Zukunft.

Herr Dr. Kathöfer, Sie sind der Generalsekretär der HRK. In drei Sätzen: Was sind Ihre Aufgaben?

Ich leite die Geschäftsstelle mit rund 80 Beschäftigten. Gemeinsam unterstützen wir das Präsidium der HRK und bieten unseren Mitgliedshochschulen Information und Service. Zudem vertrete ich die HRK bei diversen Gelegenheiten und versuche dabei, die Interessen der Hochschulen gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit zu wahren.
 

 

Prof. Dr. Margret Wintermantel hat Ihren Antritt als Generalsekretär mit den Worten kommentiert: »Herr Kathöfer wird die Geschäftsstelle auf die Herausforderungen einstellen, die sich aus den enormen Veränderungen in den Hochschulen ergeben.« Was denken Sie heute über diesen ›Auftrag‹?

Das ist eine zentrale Aufgabe, die mich laufend beschäftigt, denn die Herausforderungen an das Hochschulsystem ändern sich ständig. Und im Moment stehen wir vor besonders großen Herausforderungen. Ich nenne nur das Studierendenhoch. Noch nie gab es in Deutschland so viele Studierende wie jetzt. Wir rechnen in diesem Wintersemester mit bis zu 500.000 Studienanfängern.

Fühlen Sie sich gut gerüstet für diesen Ansturm?

In der Vergangenheit haben die Hochschulen bereits bewiesen, dass sie in der Lage sind, die zusätzlichen Studierwilligen aufzunehmen. Auch die aktuelle Situation ist beherrschbar, aber wir brauchen die Unterstützung von Bund und Ländern in dieser Angelegenheit. Darauf drängen wir als HRK.

Neben dem Studierendenhoch ist der Bolognaprozess ein Thema, das schon lange schwelt. Sind Sie zufrieden mit der Umsetzung?

Inzwischen reden wir gar nicht mehr von Bologna, denn die Umstellung auf die zweistufige Studienstruktur ist weitgehend abgeschlossen. Die Hochschulen haben hier Beachtliches geleistet, denn sie mussten die Studienreform ohne zusätzliche Finanzierung im laufenden Betrieb und bei zugleich weiteren großen Herausforderungen umsetzen, denken Sie an Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, verstärkte Internationalisierung, Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, Ausweitung der Angebote im lebenslangen Lernen.

Welche große ›Baustelle‹ sehen Sie in der Hochschullandschaft aktuell?

Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, durch die Hochschulen unterstützt werden, einen Prozess der kontinuierlichen Qualitätsverbesserung zu implementieren. Damit verbunden ist die Akkreditierung. Die HRK setzt sich dafür ein, die Akkreditierung in Richtung einer Auditierung weiterzuentwickeln. Denn es soll nicht nur darum gehen, Mindeststandards abzuprüfen, sondern darum, auch Studienangebote qualitativ ständig weiterzuentwickeln. Die Gesellschaft und das Beschäftigungssystem verändern sich permanent und das muss selbstverständlich Rückwirkungen auf die Inhalte der Studienangebote haben. Daher brauchen wir einen Prozess der kontinuierlichen Qualitätsverbesserung. Und der wird niemals abgeschlossen sein.

Wagen wir dazu einen Blick in die Zukunft: Was ist Ihre Vision für die deutsche Hochschullandschaft im Jahr 2050?

Die Hochschulen werden auch dann die zentrale Rolle in der Wissensgesellschaft spielen, indem sie unter einem Dach neues Wissen durch Forschung generieren, Wissen im Rahmen der Lehre vermitteln und den Erkenntnistransfer in die Gesellschaft organisieren. Ich habe die Hoffnung, dass Hochschulen eine auskömmliche Finanzierung haben werden, denn mir scheint, dass die Erkenntnis wächst, welche wichtige Rolle sie bei der Weiterentwicklung der Gesellschaft spielen. Ich denke, dass Bund und Länder schon weit vor 2050 eine Kooperationsform gefunden haben werden, wie sie die Hochschulen bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben unterstützen können. Außerdem glaube ich, dass die Hochschulen in wesentlich größerem Umfang als heute im Rahmen des lebenslangen Lernens aktiv sind. In der Zukunft studieren die Leute wahrscheinlich überwiegend ein Bachelorstudium, gehen dann in die berufliche Praxis und kommen zurück an die Hochschule, wenn sie ganz gezielten Weiterqualifikationsbedarf haben. Auch dafür müssen die Hochschulen gewappnet sein.

Zurück in die Vergangenheit. Sie haben Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Warum dieses Fach?

Ich will gerne zugeben, dass ich unmittelbar nach Abschluss der Schule kein scharfes Berufsbild vor Augen hatte. Aber ich war neugierig und vielseitig interessiert. Insofern war mir an einem Studienangebot gelegen, wo ich Erkenntnisgewinnungsmethoden, Denkweisen und Problemstellungen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen kennenlernen konnte. Genau das bietet dieser Studiengang. Meine Erwartung, dass ich mit einer breiten, guten Qualifikation in der Lage sein würde, mich schnell in unterschiedliche Zusammenhänge einzuarbeiten, hat sich eindeutig erfüllt. Deswegen würde ich auch heute immer wieder die Entscheidung für Wirtschaftsingenieurwesen treffen.

Dass Deutschland an einem Fachkräftemangel leidet, dürfte inzwischen jedem bekannt sein. Inwiefern wird das volkswirtschaftliche Problem, das daraus resultiert, noch unterschätzt?

In der Berichterstattung steht die Produktion im Vordergrund – dies müssen wir auf die Produktion von Wissen und Forschung ausweiten. Unsere Volkswirtschaft stützt ihre Erfolge im Wesentlichen auf die Wertschöpfung im Technologie- und Forschungsbereich. Wir sichern den Technologievorsprung durch intensive Forschungstätigkeit – dazu brauchen wir hochqualifiziertes Personal. Wenn es daran fehlt, haben wir fatale Wirkungen zu erwarten. Unternehmen, die ihre Fachkräfte auf dem heimischen Markt nicht mehr finden, gehen natürlich ins Ausland. Dadurch wandert nicht nur die Forschung ab, sondern auch die Produktion.

Sie sind auch MINT-Botschafter. Was unternehmen Sie, um junge Menschen für MINT zu begeistern?

Ich versuche, mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen, indem ich Fragen aufwerfe, die einen Alltagsbezug haben:Warum benutzt der Zahnarzt einen Druckluftantrieb für seinen Bohrer? Darüber macht man sich normalerweise nie Gedanken, aber alle haben dieses hochfrequente Geräusch im Kopf. Wenn es dann erste Dialoge gibt, entsteht sofort Interesse.

Ist es Ihrer Meinung nach denn ausreichend, Technikinteresse bei Kindern in der Schule zu wecken?

Technikinteresse sollte schon vor der Schule geweckt und während der Schulzeit durchgängig gefördert werden. Dabei sollten auch Berufsbilder vermittelt werden. Denn bei jungen Leuten existieren sehr oft nur unzureichende Bilder von den MINT-Berufen. Von daher finde ich die Idee charmant, in Soaps Rollenvorbilder aus dem ingenieurwissenschaftlichen Kontext zu zeigen. Sie kennen bestimmt das berühmte Beispiel ›CSI‹. In Studien wurde herausgearbeitet: In allen Ländern, in denen diese Sendung ausgestrahlt wurde, gibt es einen signifikanten Anstieg der Nachfrage junger Frauen nach Ausbildungsplätzen in der Forensik.

Angenommen, das Interesse ist nun geweckt und wir haben höhere Studierendenzahlen im Bereich der Ingenieurwissenschaften. Wie können im zweiten Schritt die hohen Studienabbrecherquoten reduziert werden?

Die Abbrecherquoten haben sicherlich viele Gründe, zwei will ich nennen: Wir haben bis heute keinen einschlägigen technischen Unterricht an den Schulen und deshalb eine unzulängliche Vorbereitung. Denn die Denkweise in den Ingenieurwissenschaften ist eine spezifische, ebenso wie Arbeitsmethodik und -instrumente. Zum anderen gibt’s Optimierungspotenzial in der Lehre. Ich habe in meinen Lehrveranstaltungen das Leitbild des ›problem based learning‹ gewählt. Ich bin sicher, dass man, bevor man einen technischen Zusammenhang intensiver diskutiert, erst mal darstellen muss, welches Problem bearbeitet werden soll. Den jungen Leuten wird nicht immer ausreichend erklärt, warum sie gewisse Dinge lernen müssen.

MINT-Studienplätze kosten mehr als geisteswissenschaftliche. Wo nehmen die Hochschulen das Geld dafür her?

Gerade in den stark experimentell ausgerichteten Fächern gehen die Hochschulen oftmals Kooperationen mit außeruniversitären Einrichtungen in Wirtschaft und Wissenschaft ein. Sie bekommen dadurch Zugang zu apparativer Ausstattung, die für die Ausbildung der Studierenden sehr wichtig und wertvoll ist. Denn Hochschulen können sich heute oftmals eine zeitgemäße experimentelle Ausstattung gar nicht mehr leisten. Kooperationen bieten hier großartige Chancen. Die Firmen wiederum profitieren dadurch von einer großen Nachwuchsplattform.

Was wollen Sie Deutschlands Studenten auf den Weg geben?

Ich habe einen Wunsch: Und zwar, dass sich Absolventinnen und Absolventen nach Verlassen der Hochschule im Rahmen von Alumni-Netzwerken engagieren. Darüber erhalten Hochschulen und insbesondere die Fachbereiche ein wertvolles Feedback. Das ist wichtig für einen kontinuierlichen Qualitätsverbesserungsprozess in den Hochschulen. Dabei spielen die Absolventen eine herausragende Rolle. Sie können rückmelden, was man an Studienangeboten noch weiterentwickeln kann. Und das fördert, dass die Hochschulen noch intensiver im gesellschaftlichen Kontext arbeiten.

Zur Person:

Dr.-Ing. Thomas Kathöfer ist seit zwei Jahren der Generalsekretär der HRK. Der 54-Jährige leitete vorher das Präsidialamt der TU Berlin und unterrichtete mit Leidenschaft Studenten und manchmal auch Schüler im Ingenieurwesen. Als Botschafter der Initiative ›MINT Zukunft schaffen‹ kritisiert er, dass es in Deutschland keine Technik-Studienräte an den Schulen gibt.


Anzeige

Anzeige