Versteckspiel: Hidden Champions im MINT-Bereich

Deutschland ist das Land der Weltmarktführer ›Hidden Champions‹. Die Suche nach ihnen lohnt sich

Wusstest du, dass der Buckingham Palace, das Weiße Haus und die Oper in Sydney allesamt mit deutscher Farbe gestrichen sind? Ganz nebenbei betrachten Millionen von Touristen also nicht nur Sehenswürdigkeiten, sondern auch den Farbton 812.285 der Keimfarben GmbH mit Sitz in Diedorf bei Augsburg. Die typische Geschichte eines ›Hidden Champions‹, wie kleine und mittlere Unternehmen (KMU) genannt werden, die in ihrer Branche zu den Weltmarktführern gehören.

Die versteckten Champions finden sich in jeder Branche, allerdings gibt es eine Tendenz zum Technikbereich.

»Besonders häufig vertreten«, erklärt Marc Tenbieg, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bund (DMB) e.V., »soweit bekannt, sind sie in den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, Vorleistungsgüter, Produkttechnik oder auch Elektrotechnik. Sie stellen einfache sowie hochkomplexe Produkte her. Viele unverzichtbare Produkte des Alltags werden von Hidden Champions hergestellt, ohne dass die meisten Verbraucher sich dessen bewusst sind.«

Dass die ›heimlichen Gewinner‹ trotz ihres Erfolgs unbekannt sind, liegt daran, dass sie Produkte oder Kompetenzen in einer Marktnische anbieten. Genau diese Spezialisierung ist aber gleichzeitig ihr Erfolgsrezept.

»Es gilt, Einzigartigkeit zu schaffen und auf dem globalen Markt langfristig beizubehalten. Das gelingt zum Beispiel, indem das Know-how durch die Patentierung des Produkts und durch die Eigenproduktion der benötigten einzigartigen Maschinen zur Herstellung des Produkts geschützt wird«, sagt Tenbieg.

Hidden Champions stehen im Schatten großer Konzerne

Allerdings stehen die Hidden Champions mit kleinem Namen im Schatten der bekannten Konzerne. Ein Problem, das generell bei mittelständischen Unternehmen bekannt und in Bezug auf die gefragten MINT-Kräfte, sprich den Absolventen der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, besonders gravierend ist. Gerade in den Branchen Technik, Medizin oder Chemie sind die Kompetenzen der MINTler ausschlaggebend.

»Innovationsfähigkeit basiert nun einmal auf der Entwicklung neuer Konzepte, Produkte und Dienstleistungen, die in großer Mehrheit ohne eine technologische und wissenschaftliche Entwicklung nicht möglich sind«, erklärt der 44-Jährige.


Das bestätigt auch Silvia Schneider-Scholz, Leiterin der Servicegerüste bei Peri, einem weltweit führenden Hersteller von Schalungs- und Gerüsttechnik, die den Erfolg des Unternehmens auf die Innovationskraft in der Produktentwicklung zurückführt. »Peri besitzt heute zum Beispiel über 500 Patente und Patentanmeldungen weltweit, die auf etwa 90 Erfindungen zurückgehen.« Der Firmengründer Artur Schwörer hat außerdem bereits in den 1970er Jahren den Trend zur Globalisierung erkannt und die Expansion ins Ausland vorangetrieben. Ein weiteres Mittel zum Erfolg: »Peri hat sich nie davor gescheut, auch unkonventionelle Ideen zu verfolgen und weiterzuentwickeln«, berichtet die Bauingenieurin weiter.

Die Produkte werden natürlich stets weiterentwickelt und verbessert, wofür die Firma mit Stammsitz Weißenhorn bei Ulm Maschinenbauer und Bauingenieure für die Technische Planung, die Produktentwicklung und die Produkttechnik benötigt. Doch auch in der Produktion, Logistik, Vertrieb und im Produktmanagement sucht das Unternehmen Verstärkung. »Dass mit dem demografischen Wandel ein steigender Fachkräftemangel einhergeht, betrifft uns ebenso wie andere Unternehmen. Der Personalbereich bei Peri ist sich dieser Problematik sehr bewusst und hat daher Konzepte erarbeitet, wie wir noch bekannter und zum bevorzugten Arbeitgeber für den Nachwuchs werden«, berichtet Schneider-Scholz, die an der Uni Stuttgart studiert hat. Dazu gehören beispielsweise Karrieremessen und Veranstaltungen an Hochschulen. Außerdem richtet das Unternehmen schon seit einigen Jahren die ›Peri Baubetriebsübung‹ aus, ein Wettbewerb für Studierende des Bauingenieurwesens.

Hidden Champions investieren verstärkt in Nachwuchskräfte

Auch andere Hidden Champions konzentrieren sich stärker auf die Nachwuchsgewinnung. So kooperiert die Renolit Gruppe, die ein führender Hersteller in der internationalen Kunststoffbranche ist, beispielsweise mit Hochschulen, die eine duale Ausbildung anbieten. Außerdem gibt es die Möglichkeit, im Unternehmen Bachelor- und Masterarbeiten zu schreiben, wodurch Absolventen Renolit als potenziellen Arbeitgeber kennenlernen können. Ihre Produkte sind dir sicher schon einmal untergekommen. Sven Behrendt, Leiter Corporate Engineering bei der Renolit Gruppe, beschreibt:

»Unsere Folien finden sich als Beklebung auf Taxis und Polizeiautos, sie veredeln Möbel, Fensterrahmen und Garagentore, dichten Tunnels und Staudämme ab oder retten Leben in Form von Blutbeuteln oder anderen medizinischen Anwendungen.«
 

Ganz schön bunt gemischt, das Portfolio – und genauso vielfältig sind die Aufgabenbereiche, insbesondere für Ingenieure. Maschinenbau, Elektrotechnik und Messtechnik sind genauso gefragte Disziplinen wie der Kunststoffbereich. Wie vielfältig die Aufgaben sein können, zeigt Behrendt anhand seines Arbeitsspektrums. Als Head of Corporate Engineering leitet er die zentrale Ingenieurabteilung der Renolit Gruppe.

»Die Abteilung unterstützt die Produktionsstätten bei der Umsetzung von technischen Projekten mit klassischem Projektmanagement. Der Grad der Unterstützung wird zusammen mit den Werken ermittelt und kann durchaus unterschiedlich sein. Die Bandbreite reicht von der Beratung bis zur kompletten Projektübernahme.«

Außerdem spürt er mit seinem Team innovative Technologien auf und entwickelt diese bis zur Produktreife.

Hidden Champions als attraktive Arbeitgeber

Dass Mittelständler unattraktive Arbeitgeber sind, kann der Diplom-Verfahrenstechniker eindeutig widerlegen:

»Hidden Champions wie Renolit bieten ähnliche Möglichkeiten wie Konzerne. Dies gilt sowohl für die persönlichen Weiterentwicklungsmöglichkeiten im Unternehmen als auch für die Jobsicherheit und die Incentives für Mitarbeiter. Gleichzeitig sind hier die Wege kürzer, der Kontakt persönlicher und das Aufgabenspektrum vielfältiger.«

Auch Auslandsstationen sind für Mitarbeiter auf Wunsch möglich. Zum Unternehmenserfolg habe Behrendt zufolge ebenfalls beigetragen, dass Renolit in Familienbesitz und dadurch nachhaltiges Wachstum immer wichtiger gewesen sei als kurzfristige Gewinne. Tenbieg vom DMB ergänzt, dass Absolventen schon als Berufseinsteiger Verantwortung übernehmen könnten und die Mitarbeiter in mittelständischen Unternehmen von einem familiären Betriebsklima profitierten. Für Behrendt ist ganz klar:

»Hidden Champions sind die Geheimtipps unter den Arbeitgebern.«


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