Interview: So bleibt das Ingenieurstudium entspannt

Professor Michael Berger von der FH Westküste und sein kritisch-ehrlicher Blick auf das Ingenieurstudium

Herr Professor Berger, Sie kritisieren, dass sich Studierende zu häufig an Oberflächlichkeiten orientieren …

und sich so den Blick auf Wesentliches versperren. Das prägende Bild vom Berufsleben in den Medien und der Werbung ist oft fatal. Die Wissenschaft wirkt in dieser Welt nahezu trottelig.

Was bedeutet das für die Lehre?

Wir merken, wie wichtig Professoren als Normal-Vorbilder geworden sind. Manchmal können die Studis es gar nicht glauben, dass man als Ingenieur Ehemann und Vater ist, keine Hornbrille trägt, sich ordentlich kleidet und mit Messer und Gabel essen kann.

Sie sind jetzt seit 18 Jahren Professor. Was hat sich geändert?

Ich habe den Eindruck, dass die angehenden Ingenieure immer nervöser werden und immer rasanter mit neuen Medien umgehen. Aber das Wissen sitzt nicht, es fehlen Zusammenhänge, es fehlt die Geduld mit uns in der Vorlesung und mit sich selbst bei schwierigen Aufgabenstellungen. Manchmal habe ich das Gefühl, man studiert nach dem Motto: Das Internet weiß alles, ich weiß nichts, aber ich weiß, wo es steht. Das halte ich für einen verhängnisvollen Irrtum.

Wie viele Wochenstunden sollte man für sein Studium einplanen?

Im Semester eher 50, in der vorlesungsfreien Zeit sieben Wochen Urlaub, sonst 30 Stunden. Das meint jedenfalls die Kultusministerkonferenz, die mit rund 1.800 Stunden Arbeit im Jahr für jedes Studium rechnet.

Das hört sich gewaltig an …

Ich habe das nicht erfunden! Und jeder Arbeitgeber wird Ihnen bestätigen, dass das Blödsinn ist. Maximal möglich sind höchstens 1.600 Stunden. In der Realität beobachten wir allerdings Studierende der Ingenieurwissenschaften, bei denen die nötige Vorbereitung auf eine Veranstaltung und eine Nachbereitung beziehungsweise ein Einüben des Stoffs nicht mehr stattfindet. Stattdessen setzt vor den Prüfungen ein ›Bulimie-Lernen‹ ein. Die Inhalte sind danach schnell wieder vergessen.

Die angehenden Ingenieure wollen etwas haben von ihrem ›Studentenleben‹.

Untersuchungen belegen, dass die Studierenden in allen Fachgebieten im Mittel nur 25 Wochenstunden insgesamt für ihr Studium verwenden. Der Rest ist private Zeit. Viel davon geht offenbar in Social Networks drauf, vieles ist auch schlicht fehlende Orientierung.

Also: Studierende haben nur das Gefühl der Überlastung, man muss sich lediglich organisieren. Um sie zu unterstützen, reagieren die Hochschulen bereits mit Zeitmanagement-Seminaren und ›Medienerziehung‹.

Was wirklich zusätzliche Zeit kostet, ist der oft geforderte Blick über den Tellerrand oder das Engagement an der Hochschule.

Ohne Neugier, einen offenen Geist und ein Stück Engagement für andere Dinge kommt man weder durch den Beruf noch durch das Leben. Man muss schon eine ganze Persönlichkeit sein, und dazu gehört auch das Interesse an anderen Menschen und an seiner Umwelt. Gerade Politik schult das Denken und Entscheiden, auch bei Ingenieuren, die irgendwann Leute führen sollen.

Wie finde ich das richtige Praktikum?

Wenn man sich natürlich nicht sicher ist, was ›richtig‹ bedeutet, muss man darüber nachdenken, was man will und kann. Das nehme ich den Studierenden grundsätzlich nicht ab. Mein Tipp: Gehen Sie zu den Dozenten Ihres Vertrauens und holen Sie sich Rat und Tat. Ähnlich entspannt sehe ich übrigens auch die Frage, ob ein Praktikum in einem großen oder eher kleineren Unternehmen sinnvoll ist. Denn Engstirnigkeit findet man in Unternehmen aller Größen, Weltoffenheit auch. Und Verantwortung können Sie überall übernehmen, Sachkunde ist überall gefragt. Auch hier gilt also: Nicht blenden lassen. Es ist Ihr eigenes Leben. Planen hilft.

Welche Tipps würden Sie Studierenden geben, die kurz vor einer Prüfung stehen?

Wenn Sie während des Semesters gelernt haben, viel Spaß. Wenn Sie nur die letzte Woche gelernt haben, viel Glück. Im Übrigen: Ingenieure werden dauernd geprüft, also gelassen bleiben. Die wirklichen Prüfungen hält sowieso das Berufsleben bereit. 

Artikelsuche

Prof. Michael Berger

Michael Berger

Prof. Michael Berger ist Vizepräsident der Fachhochschule Westküste mit dem Aufgabenschwerpunkt Lehre und Qualitätssicherung.

Seit 2011 ist er Vorsitzender des Ausschusses Ingenieurausbildung im Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE).

Stellenangebote: