Franz Kühmayer arbeitet als Experte für die Zukunft der Arbeit, Leadership und Bildungswesen beim Zukunftsinstitut.

Diese Trends bestimmen unsere Zukunft

Wie Trends entstehen, was sie auszeichnet und 
welche Entwicklungen zukünftig ­bedeutsam sein werden, 
erklärt Trend­forscher Franz Kühmayer

Herr Kühmayer, wann können wir von einem Trend sprechen?

Für uns sind Trends so etwas wie Lawinen in Zeitlupe – die großen Veränderungsströmungen in der Gesellschaft. Es gibt also nicht den Megatrend des Jahres 2018 oder den Megatrend in Deutschland. Es handelt sich vielmehr um gesellschaftliche Entwicklungen, die zeitlich und räumlich übergreifend sind. Wir erkennen sie an den vier großen ­Eigenschaften Dauer, Ubiquität, Globalität und Komplexität: Ein Trend hat eine Entwicklungszeit von mehreren Jahren, meist sogar Jahrzehnten. Er spielt in allen Lebensbereichen eine Rolle und zeigt sich überregional – wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt. ­Daneben präsentieren Trends eine evolutionäre Entwicklung, die Rekursionen hat und Widersprüche in sich trägt.

Wie entsteht ein Trend?

Am deutlichsten lässt sich die Entstehung von Trends am Wandel von Werten in der Gesellschaft erkennen: Wenn junge Erwachsene mit ihren Eltern darüber sprechen, was eine erstrebenswerte Karriere ausmacht, dann werden die Meinungen auseinandergehen. In diesem Spannungsverhältnis wird der Wertewandel und somit der Ursprung eines neuen Trends deutlich.

Kommt es auch vor, dass Werte von früher zyklisch wieder aufgegriffen werden?

Ja. Im Grunde gibt es drei Bewegungen: Das eine ist die Disruption, eine schnell auftretende Veränderung. Ein Beispiel hierfür ist der Wertewandel in der Automobilbranche: Bis vor zehn Jahren galt der Besitzer eines richtig fetten SUV mit Acht-Zylinder-Motor noch als Held. Heute muss er sich dafür schon entschuldigen, denn inzwischen zählt nicht mehr Leistung, sondern Nachhaltigkeit. Die zweite ist eine Art Fusion, was sich am Gender Shift gut erkennen lässt. Zuerst hat sich die Rolle der Frau sehr stark gewandelt. Und heute stellen wir fest, dass sich die Männerrolle in der Gesellschaft spiegelbildlich verändert hat und diese beiden Strömungen zusammenfließen. Die dritte Bewegung ist die Rückbesinnung auf Dinge von früher, ein Rückgriff auf tradierte Bilder. So führt etwa der Megatrend der Globalisierung gleichzeitig auch zu einer neuen, alten Besinnung auf das Lokale und zu einem neuen Heimatbegriff.

In welchem gesellschaftlichen Bereich nimmt ein Trend seinen Anfang?

Es gibt diese berühmten Trendsetter, die als Nukleus einer neuen gesellschaftlichen Entwicklung gelten. Ich selbst glaube jedoch nicht daran, dass ein Trend bei einzelnen Menschen seinen Ursprung nimmt. Vielmehr halte ich gesellschaftlichen Wohlstand für einen treibenden Faktor: Je wohlhabender eine Gesellschaft ist, je weniger sie sich um den primären Lebenserhalt kümmern muss, desto mehr entfalten andere qualitative Entwicklungen ihre Wirkung. In China herrscht zum Beispiel ein deutlich höherer Lebensstandard als noch vor 20 Jahren. Nun ist Ökologie dort ein treibender Faktor, vorher ging es darum, materiellen Aufstieg und Wohlstand zu erreichen. Mega-trends sind demnach so etwas wie ein Maß für den Reifegrad einer Gesellschaft.

Das ist einleuchtend. Schauen wir uns nun einen einzelnen Trend an. Welche Phasen sind hier erkennbar?

Zuerst versuchen wir, mithilfe sogenannter schwacher Signale ein Bewusstsein für eine bestimmte Entwicklung zu bekommen. Bei der Medienbeobachtung suchen wir etwa nicht nach aktuellen Headlines, sondern nach kleinen Nachrichten auf den hintersten Seiten eines Mediums und fragen uns, ob das die Schlagzeilen in fünf oder zehn Jahren sein werden. Im Anschluss gibt es eine Phase des Chaos und der Diversität, in der diese zahlreichen kleineren Signale in ganz viele unterschiedliche Richtungen gehen und sich noch keine klare Richtung erkennen lässt. Schließlich kommt es zur Integration oder Selbstregulierung und ein bestimmter Trend stellt sich heraus.

Verschwindet ein Trend auch irgendwann wieder?

Nein, ich glaube, ein Trend löst sich nie komplett auf. Aber seine Gestalt wandelt sich. In der Vergangenheit gab es zum Beispiel ganz lineare steile Karrieren – Schornsteinlaufbahnen mit dem Ziel, eine Vorstands- oder Geschäftsführungsposition zu erreichen. Heute finden die Menschen das gar nicht mehr so erstrebenswert und setzen vielmehr auf eine bessere Balance zwischen Berufs- und Privatleben. Die Unternehmen tun sich derzeit noch mit diesem Ansatz schwer, aber das wird sich normalisieren. Der Veränderungsprozess – der Megatrend, Arbeit anders zu qualifizieren – vergeht nicht.

Inwiefern gehen Entscheidungsträger auf aktuelle Trends ein?

Sowohl politische als auch wirtschaftliche Entscheidungsträger denken sehr häufig viel kurzfristiger als Megatrends andauern. Wirtschaftliche Entscheider denken im Jahresrhythmus. Politische Entscheider denken von einer Wahl zur nächsten. Bei Megatrends geht es dagegen um jahrzehntelange Entwicklungen. Es ist eine Herausforderung, diese Asynchronität in Deckung zu bringen.

Stichwort aktuelle Trends. Welche sind das derzeit?

Wir beobachten zwölf große Entwicklungen. Das sind die sogenannten Megatrends: Wissenskultur, Urbanisierung, Konnektivität, Ökologie, Globalisierung, Individualisierung, Gesundheit, New Work, Gender Shift, Silver Society, Mobilität und Sicherheit.

Das sind einige. In welchen sind Ingenieure am besten aufgehoben?

Laut unserer Megatrendmap gibt es für Ingenieure in allen Bereichen gute Tätigkeitsfelder. Im Rahmen des Megatrends Urbanisierung könnten Ingenieure beispielsweise in der Verkehrs-, Bau-, Umwelt- oder Wassertechnik tätig werden. Die spannendsten Tätigkeitsfelder gibt es meiner Meinung nach jedoch dort, wo sich mehrere Megatrends miteinander verknoten.

Könnten Sie das näher beschreiben?

Ich stelle mir die Trends gerne wie eine U-Bahn-Karte vor, bei der jeder Megatrend einer Bahnlinie entspricht. Ich finde es am interessantesten, nicht einer zu folgen, sondern sich die Umsteigebahnhöfe anzuschauen, wo mehrere Bahnlinien aufeinandertreffen. An der Schnittstelle Arbeitswelt und Konnektivität würden sich Ingenieure zum Beispiel mit Industrie 4.0 und dem Arbeitsplatz der Zukunft beschäftigen.

Unabhängig davon, wo Ingenieure genau einsteigen – was ist mit Blick auf zukünftige Trends bei der Karriereplanung entscheidend?

Das langfristige Denken ist in unserer schnelllebigen Zeit das Wichtigste. Es ist absolut zielführend, sich am Beginn des Studiums nicht zu fragen ›Welchen Beruf möchte ich einmal haben?‹, sondern ›Welches gesellschaftliche oder wirtschaftliche Problem möchte ich gerne lösen?‹. Wer sich dann noch überlegt, wie die Welt in 30 Jahren aussehen wird, setzt sich automatisch mit Trendentwicklungen auseinander. Und dann wird’s spannend.

Lässt sich dieses trendorientierte Denken überhaupt mit den Ansätzen in Unternehmen vereinbaren?

Der Planungshorizont ist in den meisten Unternehmen sehr kurzfristig. Damit wir aber zu Innovationen kommen, die über marginale Produktverbesserungen hinausgehen, brauchen wir wieder einen längeren Blick. Den können Absolventen mitbringen – deren frische Energie wird sogar dringend gesucht.


Anzeige

Anzeige