Medizinerin macht Versuch
DarkoStojanovic / pixabay

Medizintechnik: Einstiegschancen für Ingenieure in der Boombranche

Ein gutes Gefühl - Keine andere ingenieurwissenschaftliche Disziplin hat in den vergangenen zehn Jahren so bedeutende Fortschritte gemacht wie die Medizintechnik.

 

»One apple a day keeps the doctor away.«

 

Seit fast 150 Jahren hält sich dieser Sinnspruch. Und ebenso lange heißt es von offizieller Seite: denkste! Denn so einfach ist es natürlich nicht. Ein Apfel hin und wieder mag nicht schlecht sein, aber wir brauchen trotzdem Ärzte und Pflegepersonal – und diese wiederum brauchen medizintechnische Produkte, die sie unterstützen. Mehr noch: Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen und der demographische Wandel machen es nötig, dass Technik und Automation einen immer bedeutenderen Teil bei Versorgung und Pflege übernehmen.

Vielfältigkeit der Medizintechnik

Während Ärzte und Pflegepersonal nah an den Patienten arbeiten, sorgen Medizintechniker im Hintergrund dafür, dass die Möglichkeiten in Diagnostik und Behandlung vielfältiger werden. Herzschrittmacher, Knieprothesen, Röntgengeräte, Kernspintomographen – in der Medizintechnik werden die unterschiedlichsten Produkte, Geräte und Verfahren entwickelt. Die Medizinprodukte-Hersteller beschäftigen in Deutschland 210.000 Mitarbeiter in rund 1.250 größeren und 11.300 Kleinunternehmen.

»Seit Jahren ist die Medizintechnik ein Jobmotor und wird es auch noch bleiben. Dabei sind vor allem Ingenieure gefragt«,

sagt Carol Petri vom Bundesverband Medizintechnologie.

Vier von fünf Unternehmen haben offene Stellen, jede dritte davon soll idealerweise mit einem Ingenieur besetzt werden. Gesucht wird vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung. Aber auch für den Vertrieb, in Marketing und der Medizintechnik-Kommunikation und im Key Account Management gibt es Bedarf. Dabei sind neben der Ausbildung erste Erfahrungen etwa durch Praktika im medizintechnischen Bereich Voraussetzung für den Einstieg.

Medizintechnik als dynamische Branche

Oder Ingenieure entscheiden sich noch während des Studiums für einen medizintechnischen Schwerpunkt. So wie Thomas Fränkler. Der Medizininformatiker arbeitet bei dem Medizin- und Sicherheitstechnik-Unternehmen Dräger in Lübeck. An der Medizintechnik haben ihn vor allem die Dynamik der Branche und die Vielfalt der Aufgaben fasziniert.

»Als Informatiker geht es ohnehin immer darum, kreativ zu sein. In der Medizintechnik kann ich diesen Ansatz intensiv nutzen«,

sagt er.

Bei Dräger entwickelt er als Software-Projektleiter in enger Absprache mit anderen Ingenieuren und den Kunden Beatmungsgeräte. Mit ihnen kann der Patient maschinell beatmet oder bei seiner Atmung unterstützt werden.

»Durch Aufgaben wie diese kommt neben dem Reiz an der technischen Entwicklung noch die Sinnhaftigkeit dazu«,

sagt Fränkler.

Intensive Zusammenarbeit mit Ärzten

Das sieht Vivienne Paton ähnlich. Sie hat in Hamburg Mediziningenieurwesen studiert und absolviert derzeit bei Siemens Healthineers die dritte Station ihres 24-monatigen Traineeprogramms. So lernte sie Unternehmensbereiche wie beispielsweise Digital Health Services kennen, wo sie an Cloud-Lösungen für Medizinprodukte mitgearbeitet hat. Auf einer anderen Station in den USA hat sie sich mit der Entwicklung von Software für Kardiologieanwendungen vertraut gemacht und – zurück im Headquarter in Erlangen – im Bereich Customer Services Erfahrungen zu Magnetresonanztomographen gesammelt.

»Techniken zu entwickeln, mit denen Ärzte in den Menschen quasi hineinsehen können sind ein Beispiel, warum mich die Medizintechnik so interessiert«,

sagt Paton.

Hinzu komme die intensive Zusammenarbeit mit den Ärzten und das Gefühl, Positives zu bewirken.

 

Mit 12.263 Patentanträgen führt die Medizintechnik die Zahl der angemeldeten Innovationen in Deutschland an.

In der deutschen Gesundheitswirtschaft arbeiten zurzeit rund sieben Millionen Menschen.

Die Zahl der Beschäftigten ist in den vergangenen zehn Jahren um eine Million gestiegen und wächst weiter.

 

In kaum einem anderen ingenieurwissenschaftlichen Bereich ist eine Promotion für die Karriere in einem Unternehmen so entscheidend wie in der Medizintechnik.

Allein in Deutschland werden im Jahr 2030 voraussichtlich mehr als 28 Millionen Menschen 60 Jahre und älter sein. Pflege und Versorgung durch medizintechnische Geräte müssen dann zum Standard gehören.

Schon heute verfügen ältere Menschen in Europa über mehr als drei Billionen Euro. Medizintechnische Entwicklungen im Bereich Ambient Assistent Living in Verbindung mit Smart Home sind zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor geworden.

 

Glänzende Aussichten

»Die Berufsaussichten in der Medizintechnologie-Branche sind für Ingenieure und Medizintechniker, aber auch für Marketingspezialisten im Allgemeinen ausgezeichnet. Der Bedarf an Ingenieuren wird nach Expertenmeinung weiter steigen. Ein Grund ist der Erfolg der medizintechnischen Unternehmen aus Deutschland auf dem Weltmarkt. Gut ausgebildetes Personal wird vor allem für Forschung und Entwicklung, aber auch für den Bereich Zulassungsfragestellungen gesucht. Medizinprodukte und ihr Weg von der Idee zum Markt werden zunehmend komplexer, sodass das Know-how und die personellen Ressourcen in den Unternehmen ständig verbessert werden müssen.«

Manfred Beeres, Bundeverband Medizintechnologie

 

Zwischen Technik und Medizin

»Durch modernste IT-Technik wird es möglich, Organe eines Patienten anhand verschiedener Daten so zu beschreiben, dass sich ein virtuelles Patientenmodell erstellen lässt, um dann im Computer den weiteren Krankheitsverlauf und mögliche Auswirkungen eines bestimmten Therapieansatzes zu simulieren. Auf diese Weise lässt sich die individuell sinnvollste Behandlungsmethode finden. Eine optimale Anpassung von medizintechnischen Systemen erfordert von Experten deshalb oftmals nicht nur technisches, sondern darüberhinausgehend auch biologisches und unter Umständen sogar pharmazeutisches Wissen.«

Prof. Dr. Schmitz-Rode, Chairman Applied Medical Engineering RWTH Aachen University und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik (DGBMT) im VDE


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