Foto: Maxime VALCARCE / Unsplash

Wozu brauchen wir Künstliche Intelligenz?

So lautet die Einschätzung von KI-Insidern bezüglich Trends, Anwendungsfeldern und Zukunftsprognosen

OHNE GEHT'S NICHT MEHR

»KI-Systeme, die Lösungen für Business Analytics oder Intelligent Automation anbieten, haben das Potenzial, nahezu jede Industrie zu verändern«, ist sich Hendrik Reese, Director bei PwC, sicher. »Steigende Datenmengen bei gleichzeitig limitierten, klassischen IT-Systemen und die begrenzten Fähigkeiten des Menschen fordern neue Ansätze zur Datenanalyse.« KI-Errungenschaften verbessern unser Leben in vielerlei Hinsicht, wie Reese betont: »Künstliche Intelligenz kann im Rahmen von Krebsfrüherkennung Ärzte beim Befund unterstützen und optimierte Heilungsmöglichkeiten aufzeigen. Und der Automobilsektor wird neben E-Mobilität auch durch KI-gestütztes, autonomes Fahren massiv be- einflusst werden.« Auch der Bereich Mode profitiert von intelligenten Technologien, wie Stacia Carr, Director of Engineering bei Zalando, betont: »KI bei Zalando bedeutet, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Wir wollen sicherstellen, dass unsere Kunden das beste Kauferlebnis haben. Für unsere Mitarbeiter bedeutet das, dass sie die Möglichkeit bekommen, neue Technologien zu nutzen und sich somit weiterzuentwickeln.«

KI VERBESSERT DAS SHOPPINGERLEBNIS

Stacia Carr arbeitet als Director of Engineering bei Zalando und leitet dort das ›Sizing-Team‹, »ein funktionsübergreifendes Team aus Softwareingenieuren, Datenwissenschaftlern, Business Developern und Fitting Models, das sich mit Produktgrößen und der richtigen Passform am Körper der Kunden befasst.« Mithilfe von Künstlicher Intelligenz arbeitet der Versandhändler Zalando darauf hin, dass Produkte im Store gekennzeichnet werden, wenn ihre Größe von der Norm abweicht. »Kunden erhalten somit bereits bei ihrer ersten Bestellung die richtige Passform«, fügt Carr hinzu. In der Modebranche, so die Ingenieurin, wird noch an der Oberfläche gekratzt: »Wir haben viel Zeit mit 3D-Technologien verbracht und wie diese helfen können, unser Angebot für den Kunden zu verbessern.« Das Ziel ist allerdings klar: »Künstliche Intelligenz soll in unserem gesamten Unternehmen eingesetzt werden, um die Kundenzufriedenheit zu verbessern, Produkte zu skalieren und um effizienter zu arbeiten.«

EIN KOMMEN UND GEHEN

»KI-Expertensysteme wie Chat- oder Voicebots sind in aller Munde und werden beispielsweise vermehrt im Kundenservice eingesetzt«, weiß Jan Morgenthal, Chief Product Owner Artificial Intelligence bei der Deutschen Telekom. Dahinter steckten insbesondere Entwicklungen im Bereich des Deep Learnings aus den letzten Jahren, so der Experte. »Diese haben die Nachbildung von menschlichen Eigenschaften zum Ziel, wie zum Beispiel das semantische Verstehen von geschriebener und gesprochener Sprache. Aber auch Ethik innerhalb der KI ist ein wichtiger Trend: Es werden große Datenmengen zum Training von KI-Technologien benötigt, sodass sich sehr schnell Fehlerquellen in die Systeme einschleichen können.« Dies gelte es zu vermeiden. Morgenthal geht davon aus, dass der Trend ›Robotic Process Automatisation‹ in der heutigen Form deutlich abnehmen wird, »da es sich um eine Brückentechnologie handelt und bislang kaum etwas mit KI zu tun hat. Allerdings zeichnet sich bereits ab, dass es Nachfolgertechnologien geben wird, die sich in den Bereich ›Cognitive Process Automation‹ einordnen lassen.«

INTELLIGENTE POKERMASCHINEN

Auch wenn das Reinforcement Learning, bei dem eine KI stark simplifiziert ausgedrückt nach dem Trial-and-Error-Prinzip lernt, laut Dr. Thomas Franz heute noch sehr eingeschränkt nutzbar ist, findet der Leiter des Technologiebeirats von adesso: »Es wurden unglaublich erscheinende Erfolge, beispielsweise beim Erlernen von Spielen, erzielt. Die Poker-KI ›Pluribus‹ etwa konnte mehrere menschliche Spieler gleichzeitig besiegen. Das zeigt: Auch hochkomplexe Spiele können heute von der Maschine erlernt werden, sodass der Mensch de facto unterlegen ist.« Wenn es gelingen würde, Reinforcement-Ansätze stärker auf Situationen der Arbeits- und Alltagswelt zu übertragen, wäre das ein signifikanter Schritt hin zu flexibel nutzbaren KI-Lösungen, meint Dr. Franz. Unabhängig von den KI-Verfahren könne man sich darauf einstellen, dass das Sprach- und Bildverständnis im Alltag unsere Interaktion mit technischen Geräten oder die Erledigung lästiger Aufgaben verändern und vereinfachen wird: »Grundsätzlich wird KI in immer mehr Bereichen Entscheidungen unterstützen und zu effizienteren Abläufen beitragen. Ich glaube, wir werden immer mehr individuelle KI sehen, das heißt Künstliche Intelligenzen, die spezifisch für bestimmte fachliche, kontextspezifische Probleme Lösungen liefern.«

INNOVATIONSHEMMER MISSTRAUEN

»Ein wichtiger Faktor, der den produktiven Einsatz von KI im Unternehmensumfeld bremst, ist eine fehlende Datengrundlage«, weiß
Hendrik Reese, Director bei PwC. »Organisationen erkennen jedoch immer mehr, dass sie die notwendigen Daten bereits haben – sie müssen sie nur lokalisieren und richtig kennzeichnen, um sie wertschöpfend einzusetzen.« Eine weitere Innovationsbremse sei fehlendes Vertrauen in KI. Um das volle Potenzial von KI zu entfalten, brauche es internationale Standards, die eine Zertifizierung von KI-Systemen ermöglichen. »Durch unabhängige Bewertungsverfahren können wir dann sowohl in B2B- als auch B2C-Interaktionen ein gemeinsames Verständnis und ein geeignetes Maß an Sicherheit in der KI etablieren«, schlussfolgert Reese. Abschließend fügt er hinzu: »Ich sehe eine zunehmende Verzahnung von KI mit anderen Technologien wie etwa dem Internet of Things, Blockchain oder Quantum Computing. Um Anwendungsfälle effektiv zu realisieren, bietet sich eine Kombination der Technologien an. Auf diese Weise können neue Lösungskonzepte kreiert werden.«


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