vier Füße stehen auf einem Steg, ein Paar steht auf Zehenspitzen
Groß oder klein? Deine Entscheidung! Mr. Nico / Quelle:PHOTOCASE

Karriere: Große oder kleine Kanzlei?

Internationale Sozietät oder kleine Kanzlei? Als angehender Anwalt hast du die Wahl. Wir loten mit dir die Vor- und Nachteile aus.

Nein, einfach hast du es als Jurist wahrlich nicht. Musst du dich doch erst durch ein langes und bestimmt oft trockenes Studium quälen, an dessen Ende mit den beiden Staatsexamen zwei der härtesten Prüfungen des deutschen Bildungswesens stehen. Kaum hast du diese beiden Hürden erfolgreich übersprungen, steht schon die nächste Herausforderung bevor:
Als was möchtest du zukünftig deinen Lebensunterhalt bestreiten?

  • Als Anwalt?
  • In der freien Wirtschaft?
  • Oder doch lieber im öffentlichen Dienst?

Wenn du die erste Option mit ›ja‹ beantworten kannst, hast du ein letztes Mal die Qual der Wahl. Schließlich gibt es kleine und große Kanzleien, in die du als Anwalt einsteigen kannst. Und alle haben sie ihre ganz eigenen Vorzüge. 

 

Arbeiten als Anwalt in einer kleinen Kanzlei

Der Rechtsanwalt Ulf Dörfel-Ganzhorn ist Inhaber einer Einzelpraxis in Hamburg und mit dieser Mitglied einer Bürogemeinschaft von fünf Anwälten. Seine Entscheidung, als Jurist in einer kleinen Kanzlei tätig zu sein, hatte gute Gründe: »Ich war daran interessiert, möglichst schnell eigenverantwortlich Mandate komplett zu betreuen und Kontakt zu den Mandanten zu haben. Eine Tätigkeit in einer Art ›Backoffice‹, bei der man nur einem anderen Anwalt zuarbeitet, vielleicht sogar ohne je den ganzen Fall zu kennen, Mandanten zu treffen oder stets Arbeit in einem ganzen Team zu leisten, entsprach nicht meiner Neigung.« Mit seiner Entscheidung ist Dörfel-Ganzhorn heute glücklich.

... oder als Anwalt in einer international tätigen Sozietät

Das hat er gemeinsam mit Dr. Michael Weiß, der sich als Managing Associate bei Linklaters jedoch für den anderen Weg, nämlich den Einstieg in eine international tätige Sozietät entschieden hat. Warum, ist schnell gesagt: »Linklaters hat mir ein spannendes Gesamtpaket geboten und bietet es mir noch immer: internationale Mandate, ein fachlich exzellentes Team, das breit aufgestellt ist und fachbereichsübergreifend arbeitet, ausgezeichnete Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie ein gutes Gehalt.«

Um in den Genuss solcher Vorzüge zu kommen, wird den angehenden Rechtsanwälten einiges abverlangt: Zwei Prädikats-, also mit der Note ›voll befriedigend‹ abgeschlossene Examina sind für die meisten Großkanzleien oft Grundvoraussetzung. Das allein reicht jedoch nicht aus, wie Weiß erklärt. »Neben verhandlungssicherem Englisch denkt ein guter Bewerber auch unternehmerisch, ist neugierig auf andere Kulturen und proaktiv in seiner Arbeitsweise. Unser Kollege von morgen überzeugt uns zudem durch Persönlichkeit, sicheres Auftreten und Teamgeist. Dabei sollte er vor allem Freude an der Juristerei haben und sich gerne mit herausfordernden juristischen Fragestellungen auseinandersetzen.«

 

Auslandsaufenthalt: Pro und Contra

Einen Auslandsaufenthalt als Jurist hält Weiß allerdings nicht für verpflichtend, anders als Michael Pluta. Der Fachanwalt für Insolvenzrecht und geschäftsführende Gesellschafter der Pluta Rechtsanwalts GmbH setzt bei den Bewerbern seiner Rechtsabteilung Auslandserfahrungen zwingend voraus – auch eine weitere Fremdsprache neben Englisch ist bei ihm gerne gesehen. Eine unverzichtbare Eigenschaft aber, vor allem für Anwälte in einer Großkanzlei, ist die Bereitschaft, lange Arbeitszeiten in Kauf zu nehmen. 60 bis 80 Stunden pro Woche sind keine Seltenheit. Ulf Dörfel-Ganzhorns Arbeitswoche sieht dagegen immer noch moderat aus: Sie »geht nicht immer, aber häufig genug, von Montag bis Sonnabend«.
 

Arbeitszeiten und Gehalt als Anwalt

 

Für viele Anwälte in großen Kanzleien mag jedoch der Blick auf den Kontoauszug eine angemessene Entschädigung sein: Während der Durchschnitt des Bruttojahresgehalts von Berufseinsteigern in einer Kanzlei bei rund 56.000 Euro liegt und laut Personalmarkt.de für ein Viertel der Einsteiger sogar mehr als 85.000 Euro beträgt, müssen sich junge Anwälte in einer Kanzlei mit weniger als 20 Kollegen mit rund 39.000 Euro zufriedengeben. »Die Gehälter in einer Großkanzlei sind meist doppelt so hoch wie in einer kleinen. Dafür muss aber auch doppelt so viel gearbeitet werden«, bringt es Michael Pluta auf den Punkt.

Nicht nur in Sachen Gehalt und Arbeitszeiten gibt es Verschiedenheiten zwischen kleinen und großen Rechtsanwaltskanzleien. Auch die Aufgabengebiete variieren in ihrer Bandbreite enorm. »In kleinen Kanzleien«, so Ulf Dörfel-Ganzhorn, »ist sicher häufig keine so große Spezialisierung der einzelnen Anwälte gegeben. Die Rechtsfälle dürften gar nicht so unterschiedlich sein, mit Ausnahme der Fälle, die sehr viel Arbeitskräfte auf einmal binden wie große Firmenfusionen oder Kartellrechtsstreitigkeiten. Ansonsten ist der Unterschied je nach Fachausrichtung der jeweiligen Kanzlei sicher entscheidender als die Größe an sich. Dörfel-Ganzhorn lässt sich davon nicht beeindrucken. Dafür nämlich, betont der Rechtsanwalt, »besteht in kleinen Kanzleien von Anfang die Möglichkeit, direkt am Fall und direkt mit dem Mandanten zu arbeiten. Der gesamte Arbeitsablauf eines Mandats ist für den Einsteiger sichtbar und nachvollziehbar. Es gibt keine Sachbearbeitung nur eines Teils eines größeren Mandats. Auch die Randgebiete wie Zwangsvollstreckung oder Kostenrecht werden dem Einsteiger vermittelt und liegen nicht in der Hand spezieller Abteilungen. Der Einsteiger bekommt die ›Anwalts-Rundumausbildung‹. In der Regel ist auch die Ausrichtung für den einzelnen Anwalt breiter gefächert, so dass ein Einblick in verschiedene Rechtsgebiete möglich ist. Die Herausforderung, schnell alleine Entscheidungen zu treffen und zu verantworten, schult außerdem die Entschlussfreudigkeit.«

Doch auch Michael Weiß von Linklaters kann sich nicht über Routine beklagen. »Bei uns gibt es wenig Routinearbeit – wir sind immer wieder gefordert, wenn es um die komplexen Probleme unserer Mandanten geht, für die wir maßgeschneiderte Lösungen entwickeln. Dementsprechend bewegen sich viele Rechtsfragen, auf die es in unserer täglichen Arbeit ankommt, am Rande dessen, was bereits wissenschaftlich erforscht und damit in der Literatur diskutiert ist – gleichzeitig macht aber genau das unsere Tätigkeit so reizvoll und spannend.«

Wer es dazu noch gerne hätte, dass ihn seine beruflichen Wege ins Ausland führen, sollte sich ebenfalls lieber mit dem Gedanken an den Einstieg in eine Großkanzlei tragen. Ulf Dörfel-Ganzhorn bestätigt das: »Sicher sind die Möglichkeiten in einer Kanzlei, die selbst ausländische Büros betreibt, viel nachhaltiger. In kleineren Kanzleien sind Mandate mit Auslandsbezug eher zufällig, kommen aber in meinem Fall durchaus regelmäßig vor. Dabei ist allerdings dann der Mandant oder Gegner im Ausland ansässig, ohne dass der Fall selbst unbedingt internationalen Bezug haben muss.« In einer global vertretenen Kanzlei dagegen gehören Auslandsreisen zum Berufsalltag. Dr. Michael Weiß schätzt auch das an seiner Arbeit: »Aufgrund der vielfach internationalen Mandatsarbeit sind wir als länder-übergreifende Teams für den Mandanten da und koordinieren uns. So vergeht kein Tag, an dem man als Anwalt bei Linklaters nicht über den eigenen Tellerrand blickt. Im Rahmen des Linklaters CareerHouse sind zudem Secondments in andere internationale Linklaters-Büro oder zu einem im Ausland ansässigen Mandaten möglich.«
 

Einarbeitung für junge Anwälte 

Damit die jungen Anwälte all diesen Herausforderungen gewachsen sind, werden umfangreiche Hilfen zur Einarbeitung angeboten. So auch bei der hww Unternehmensberater GmbH: »Neue Kollegen bekommen grundsätzlich einen erfahrenen Kollegen als Mentor zur Seite. Er steht ihnen als Ansprechpartner für Fachfragen, aber insbesondere auch für alle organisatorischen Fragen zur Seite. Ansonsten erfolgt die Einarbeitung bei uns on-the-job. Denn es ist wichtig, dass neue Kollegen schnell eigene Erfahrungen sammeln. Natürlich lassen wir sie dabei nicht alleine. In der ersten Zeit wird jeder Schriftsatz gegengelesen, bevor er das Haus verlässt. Die auch bei uns selbstverständlich greifenden Kontrollmechanismen lockern sich Schritt für Schritt, wobei die Geschwindigkeit den Fähigkeiten der neuen Kollegen individuell angepasst wird.« Auch Weiterbildung ist bei hww »ein ganz wesentliches Thema. Neben vielen internen Veranstaltungen, aus denen unsere Anwälte aus allen Standorten zusammenkommen, schicken wir unsere Kollegen natürlich auch zu externen Fortbildungen.

Für gute Kollegen fördern wir auch den Besuch von Fachanwaltskursen und bemühen uns, bei der Mandatszuordnung die belegten Fachanwaltskurse mit den erforderlichen Praxisfällen zu versorgen.« Bei Linklaters gibt es sogar eine eigene Law & Business School. Was dahinter steckt, weiß Michael Weiß: »Die Linklaters Law & Business School (LLBS) fördert global die kontinuierliche Entwicklung fachlicher wie nicht-fachlicher Skills. Alle Seminarinhalte sind an die jeweilige Karrierestufe angepasst, sodass die LLBS ein umfassendes Angebot für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Berufseinsteiger bis zum Anwalt mit einigen Jahren Berufserfahrung bietet. Neben fachspezifischen Tagungen zu Themen wie M&A, Finance oder Tax runden beispielsweise IT-, Kommunikations- und Präsentationstrainings das Angebot ab. Auf dem Weg zur Partnerschaft werden Managing Associates gezielt durch Kurse zu Themen wie Mitarbeiterführung und Business Development unterstützt.«

Auch einen MBA kann man bei Linklaters mit Unterstützung des Arbeitgebers machen. Das ist in großen Law Firms zwar Alltag, auf eines ist man dennoch besonders stolz: »Als einzige internationale Sozietät stützt Linklaters ihr Weiterbildungsprogramm auf ein Advisory Board aus Wissenschaft und Praxis, zu  dem unter anderem Harvard-Professor Ashish Nanda und Bertrand Moingeon, Directeur Général an der Pariser HEC Business School, gehören«, erklärt Managing Associate Michael Weiß und fährt fort: »Linklaters ermöglicht ihren Managing Associates im Rahmen des Linklaters CareerHouse, das alle Initiativen zur Karriereentwicklung bei Linklaters zusammenfasst, ein Executive MBA Programm an einer der vier führenden Business Schools im deutschsprachigen Raum, der Universität St. Gallen, der Mannheim Business School, der Kellogg-WHU an der WHU und der EBS-Durham.

Innerhalb von zwei Jahren kann man dort einen vollwertigen MBA erwerben.« Bei den Kosten, die nicht selten mehrere zehntausend Euro betragen, können sich die Associates auf die Unterstützung ihres Arbeitgebers verlassen. Von einem solchen Angebot können die Anwälte in kleinen Kanzleien hingegen nicht profitieren. Auch interne Weiterbildungen sind dort eher die Ausnahme. Das bestätigt auch Ulf Dörfel-Ganzhorn, weist aber darauf hin, dass es durchaus externe Seminare  und Fortbildungen gibt, an denen teilnehmen könne, wer möchte. Eines aber, und da sind sich die Anwälte dieser Welt einig – ganz egal ob in einer internationalen Groß- oder einer kleinen Einmannkanzlei tätig, ist immer gleich: Eine typische Arbeitswoche? Die gibt es nicht! Ulf Dörfel-Ganzhorn wechselt zwischen Aktenbearbeitung, Diktat von Schreiben und Schriftsätzen. »Mal«, ergänzt der 47-Jährige,  »gibt es auch mehrere Gerichtstermine oder Mandantenbesprechungen – in beiden Fällen unterbrochen von sehr viel Kommunikation per Telefon und E-Mail.« Währenddessen hat sein Kollege Michael Weiß bei Linklaters täglich mit Meetings mit Mandanten, Pitches und Videokonferenzen zu tun.

Was nun besser für dich ist, kleine Kanzlei oder internationale Law Firm, musst immer noch du alleine entscheiden. Nicht jedem jungen Anwalt liegt es, nach einem anstrengenden Studium weiterhin die Wochenenden am Schreibtisch der Kanzlei zu verbringen und irgendwann sogar noch für einen MBA zu lernen. Dafür lässt es sich tiefer in ein bestimmtes Thema eintauchen und leichter auf das Lieblingsrechtsgebiet spezialisieren. Wer allerdings lieber den direkten Kontakt zum Mandanten sucht und fachlich gerne breit aufgestellt ist, wird in einer kleinen Kanzlei bestimmt glücklicher. Abstriche in Sachen Gehalt müssen dann zwar hingenommen werden –  gerade aber wer sein Wochenende auch mal zuhause im Kreis der Familie verbringt, tut das  aber sicherlich gerne.


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