Mädchen stemmt sich an zwei Wänden hoch

Spezialisierte Anwälte: Erfolg mit Nischenkanzleien

Durch ausgefallene Spezialisierungen könne sich diese Rechtsanwälte von der Masse abheben

Die Anzahl der Rechtsanwälte in Deutschland steigt seit Jahrzehnten – im Jahr 2014 waren 162.695 Anwälte in Deutschland zugelassen. Die meisten der Anwälte spezialisieren sich auf das Arbeits- und das Familienrecht – im Jahr 2013 waren jeweils etwa 20 Prozent der Fachanwaltschaft in diesen Gebieten tätig. Weniger beliebt scheinen das Agrar- sowie das Urheber- und Medienrecht zu sein, nur bis 0,5 Prozent der Anwälte beschäftigen sich mit diesen Rechtsgebieten. Dabei kann eine Spezialisierung im Anwaltsgeschäft durchaus sinnvoll sein: Zum einen, um sich von der Masse abzuheben, zum anderen aber auch, um eigenen Interessen Platz zu bieten. Was bei Nischenkanzleien zu beachten ist und wann eine Spezialisierung sinnvoll ist, berichten vier erfahrene Nischenanwälte.

›Recht in Sachen Hund‹

Der Hund als bester Freund des Menschen oder kläffender Störenfried? Die Haltung von Hunden kann zu Schwierigkeiten und Streitfällen führen, das weiß auch Kristina Trahms, selbst passionierte Hundehalterin und -züchterin. Die selbstständige Rechtsanwältin verband somit ihr Hobby mit dem Beruf und gründete 2008 ihre Kanzlei ›Recht in Sachen Hund‹. Und das eher durch Zufall: »Als vor Jahren die Landeshundegesetze erlassen wurden, konfrontierte man mich immer mehr mit Fragen zu diesem Thema, so entstand die Idee für diese recht ungewöhnliche Spezialisierung«, erklärt die 44-Jährige.

Zudem gab es zu dieser Zeit die ersten ›Kampfhundangriffe‹ in der Öffentlichkeit, die Haltung bestimmter Hunde wurde daraufhin erschwert und Zuchtverbote traten in Kraft. »Es gab wirklich Bedarf nach Rechtsberatung in diesem Bereich«, erzählt Trahms rückblickend. Auch heute ist dieser unverändert groß, sodass man durchaus von einer rentablen Nische sprechen kann. In ihrer täglichen Arbeit ist die Rechtsanwältin mit den unterschiedlichsten Fällen konfrontiert, denn ihre Kanzlei deckt alle Rechtsfragen rund um das Thema Hund ab.

Hierzu zählen zum Beispiel Kaufrecht, Vertragsrecht, Mietrecht, Nachbarrecht, Straf- und Ordnungswidrigkeitenrecht, Tierschutzgesetz, Zuchtrecht, Tierarzthaftung und Schadensrecht. Konkret geht es hierbei beispielsweise um die Erstellung von Verträgen oder zivilrechtliche Auseinandersetzungen, die oftmals vor Gericht landen.

Die schwierigsten Fälle für Trahms sind meist die, in denen Haltern ihre Hunde entzogen werden:

»Hier ist schnelles und effektives Handeln nötig, da die Situation für Mensch und Hund meist extrem belastend ist«, fügt die Rechtsanwältin hinzu. Um derartige Fälle erfolgreich zu bearbeiten, erfordert es ein besonderes Verständnis für das Verhältnis zwischen Mensch und Hund und für die Materie im Speziellen. »Wenn der Mandant ihnen erst erklären muss, was HD, ED, OCD – was Zuchtwerte sind – bedeutet oder Sie nicht wissen, was sozialadäquates Verhalten meint, wird es mühsam in der Bearbeitung der Fälle.«

Ein besonders kurioser Fall ist Trahms in Erinnerung geblieben: »Ein Züchter und der Welpenkäufer stritten, ob es sich beim Kauf eines Welpen um einen Stück- oder Gattungskauf handele. Der Käufer wollte einen speziellen Welpen, der Züchter wollte ihm jedoch irgendeinen aus dem Wurf geben. Der Richter verstand den Unterschied nicht, weil doch alle Welpen schwarz waren. Dieser Fall zeigt, wie speziell diese Marterie ist.«

Absolventen rät die 44-Jährige zunächst eine gute Allgemeinkanzlei aufzusuchen und das Grundhandwerkszeug des Anwaltsgeschäfts zu lernen. Dann kann neben dem alltäglichen Anwaltsgeschäft eine Spezialisierung erfolgen. Und dabei gibt es immer wieder neue Nischen zu entdecken. »Bei mir ist es so, dass ich für meine Spezialisierung eine echte Leidenschaft entwickelt habe, sodass mir die Arbeit wirklich Spaß macht – und dann stellt sich der Erfolg meist von alleine ein«, ist die Rechtsanwältin überzeugt. 

Pferderecht: Stephan Pahl vertritt Roß und Reiter

Eine Spezialisierung ist zur Abgrenzung von anderen Kanzleien sinnvoll, dessen ist sich Stephan Pahl, Rechtsanwalt für Pferderecht, sicher, »aber es nützt nichts, wenn sich jemand abstrakt auf ein Rechtsgebiet vorbereitet und dann kein Mensch kommt und vertreten werden möchte«, fügt Pahl hinzu. Vielmehr muss man schauen, ob man aus dem, was man macht, eine Spezialisierung entwickeln kann. Ähnlich verlief es bei ihm selbst, während und auch nach der Referendariatsausbildung hat er bei einem Anwalt, der mit Pferderecht zu tun hatte, gejobbt, und ist so langsam in diese Nische hineingewachsen, wobei natürlich ein persönliches Interesse an Pferden und dem Reitsport schon vorhanden war und ist.

Heute betreut er in seiner ASP-Anwaltskanzlei in Münster Fälle, die irgendwie mit Pferd, Stall und Reiten zusammenhängen, sei es der Kauf oder Verkauf eines Pferdes, Unfälle unter Beteiligung von Pferden, Verkehrsdelikte mit den Vierbeinern, Probleme mit der Behandlung durch den Tierarzt, Bußgeldverfahren gegen Rennbahnen, tierschutzrechtliche Fälle und Jagdschäden. Schwierig sind für den Rechtsanwalt beispielsweise Fälle, bei denen ein Reiter mit einem Pferd eines anderen verunglückt: »Wenn der Pferdebesitzer nicht versichert war, kann das teuer werden«, ergänzt Pahl . Das Pferderecht ist ein sehr vielfältiger Bereich, der auch mit direktem Kontakt zu den Tieren, Stallanlagen und den Reitern verbunden ist und viel Erfahrung voraussetzt, »schließlich muss man wissen, wie das Pferd und der Reiter ticken«, fügt der Rechtsanwalt hinzu. Um zusätzlich die Grundzüge der Anwaltsarbeit zu erlernen, rät er Juraabsolventen erst einmal, zwei bis drei Jahre in einer Kanzlei mitzuarbeiten, bevor es in die Selbstständigkeit geht. Denn in einer bestehenden Kanzlei gibt es Know-how, von dem man als Einsteiger nur profitieren kann. 

Rechtsfälle in Sachen Holzhandel

Alexander Sumowski Wenn es um Rechtsfälle in Sachen Holzhandel geht ist Rechtsanwalt Alexander Sumowski einer der wenigen, wenn nicht sogar der Einzige in Deutschland, der sich damit auskennt, denn »im Bereich Holzhandel gibt es Gebräuche, die existieren seit dem Mittelalter und die kennt natürlich der normale Anwalt nicht«, fügt der 43-Jährige hinzu. Eher zufällig ist er zu dieser Spezialisierung gekommen: Während seiner Arbeit als Justiziar beim Gesamtverband Deutscher Holzhandel, ein Interessen- und Lobbyverband, in dem etwa 1.000 Holzhandelsunternehmen organisiert sind, hat er das Handwerkszeug dazu gelernt. Seit er sich selbstständig gemacht hat, vertritt er rund 100 Holzhandelsunternehmen in ganz Deutschland. Seine Kanzlei ›Sumowski & Gosewinkel‹ umfasst im Grunde alle Rechtsgebiete, die Holzhandelsunternehmen benötigen, sein Schwerpunkt liegt allerdings auf dem Handels- und Kaufrecht sowie auf dem Werkvertragsrecht. »Aber wenn ein Unternehmen mit arbeitsrechtlichen oder sozialrechtlichen Fragen an mich herantritt, berate ich sie selbstverständlich auch«, fügt der 43-Jährige hinzu.

Ein etwas kurioser Fall beschäftigt den Rechtsanwalt nun schon seit acht Jahren: »Zwischen dem Berliner Hauptbahnhof und dem Bundeskanzleramt fließt die Spree, darüber gibt es eine mit Holzbohlen belegte Fußgängerbrücke, es wird darüber gestritten, ob die Fugen dieser Brücke 14 oder 16 Millimeter breit sein müssen«, erzählt Sumowski mit einem Lächeln. Diese zwei Millimeter entscheiden darüber, ob die Brücke abgerissen wird oder nicht. Seine häufigsten Fälle, kaufrechtliche Gewährleistungsfälle, sind zwar weniger spektakulär, dürften aber Jurastudenten von den Grundzügen durchaus bekannt sein. Denn das sind die Fälle, die man meist im Studium permanent als Übungs- und Prüfungsaufgaben bekommt.

Und er hat auch noch einen Rat für alle Absolventen: Selbst wenn du ein super Student warst und einen super Abschluss hast, eine Spezialisierung ist erst nach der Tätigkeit in einer bestehenden Kanzlei oder einem Unternehmen sinnvoll. »Die Spezialisierung, die ich jetzt habe, könnte ich nicht verkaufen, wenn ich zuvor nicht im Verband tätig gewesen wäre, denn nur mit einem guten Abschluss kann man die Leute nicht überzeugen«, betont Sumowski.

Außerdem ist für die Verwirklichung einer eigenen Kanzlei ein gut ausgebautes Netzwerk extrem wichtig – und das baut man sich am besten durch die Arbeit in einer bestehenden Kanzlei oder in einem Unternehmen auf. Und wenn dann der Schritt in die Selbstständigkeit gewagt wird, sollten Anwälte nach Spezialisierungen suchen, die förmlich gesehen gar keine sind: »Mandanten denken nicht in Rechtskategorien wie Strafrecht oder Steuerrecht, sondern sie denken darüber nach, welche Probleme sie selbst oder das Unternehmen haben«, fügt der Rechtsanwalt hinzu.

Florian Feinen verbindet mit dem Oldtimerrecht Hobby und Beruf

Ein Oldtimer ist oft der ganze Stolz seines Besitzers, aber was, wenn das gekaufte Fahrzeug nicht die angepriesenen Eigenschaften hat? Dann kann Rechtsanwalt Florian Feinen helfen. Der seit 2011 selbstständige Jurist hat sich unmittelbar nach der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft mit einer eigenen Kanzlei auf Oldtimerrecht spezialisiert, zum einen »stand dahinter der Wunsch, Beruf und private Interessen zu verbinden, zum anderen, sich durch einen Schwerpunkt von anderen Kanzleien abzugrenzen«, so der 30-Jährige.

Unter das Oldtimerrecht fallen beispielsweise die Bereiche Kauf- und Gewährleistungsrecht sowie Verkehrsrecht. Bei Oldtimerhändlern treten auch immer wieder Fragen zum Arbeitsrecht und zur Vertragsgestaltung auf. Fälle, wie den eingangs beschriebenen, betreut der Jurist häufig, »je nachdem, ob das Fahrzeug als Liebhaberei oder als Anlageobjekt erworben wurde, gilt es eine Lösung im Interesse des Mandanten zu erarbeiten und durchzusetzen«, erklärt Feinen. Absolventen, die ihre eigene Kanzlei eröffnen möchte, kann Feinen vor allem raten, sich schnell ein berufliches Netzwerk aufzubauen. Vorerst sei auch die räumliche Zusammenarbeit mit Kollegen, sei es in einer Sozietät oder in einer Bürogemeinschaft, sinnvoll. Außerdem gibt er zu bedenken: »Die Abgrenzung von anderen Kanzleien durch Betätigung in einer Nische hilft sicherlich, Mandanten anzusprechen. Jedoch sollte man auch berücksichtigen, dass nicht jede Nische in jeder Region ein ausreichendes Einkommen sichern kann.«


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