bunt beleuchtete Wörter untereinander: Kebap, Pizza, Steak, Fish
pepipepper / Quelle:PHOTOCASE

Wie sich der Arbeitsalltag von Juristen je nach Kanzlei unterscheidet

Anwalt ist Anwalt ist Anwalt – Unsinn, je nach Kanzlei kann das Berufsleben ganz unterschiedlich sein

Vielleicht hast du schon mal ein Praktikum in einer Kanzlei absolviert oder kennst den Beruf eines Rechtsanwalts durch deinen Job als studentische Hilfskraft. Auf jeden Fall weißt du, dass die Arbeit in einer Kanzlei so gut wie nichts mit Anwaltsserien wie ›Boston Legal‹ oder ›Dani Lowinski‹ zu tun hat. Außerdem ist kein Arbeitsplatz wie der andere: Je nach Größe einer Kanzlei und ihrer internationalen sowie fachlichen Ausrichtung unterscheiden sich Arbeitsalltag und Aufgaben.

Lena von Richthofen ist seit Anfang 2013 Associate in der Düsseldorfer Corporate-Gruppe von Baker & McKenzie. Die Großkanzlei mit Schwerpunkt auf Wirtschaftsrecht beschäftigt mehr als 200 Anwälte in Deutschland. »Neben Anwälten«, erklärt Claudia Trillig, Director Strategic Development bei Baker & McKenzie, »arbeiten zum Beispiel im Bereich Tax auch Ökonomen und Steuerberater. Außerdem sind bei uns Wirtschaftsjuristen tätig. In einer Großkanzlei wie Baker & McKenzie haben wir außerdem zahlreiche Kollegen, die die Anwälte unterstützen.« An einem Mandat sind normalerweise mehrere Anwälte beteiligt. Am Anfang werden die Grundlagen und Rahmenbedingungen geklärt. Erhält ein Partner ein Mandat, das nicht in sein Fachgebiet fällt oder eine Jurisdiktion im Ausland betrifft, gibt er es an das zuständige Büro weiter. »Nach dem Erstgespräch beginnt die konkrete Arbeit auf dem Mandat. Die beteiligten Anwälte tauschen sich regelmäßig mit dem Mandanten über den Fortschritt des Projekts aus und besprechen die Arbeitsprodukte – bis zum Abschluss des Projekts«, sagt Trillig.

Das Klischee von starren Vorgaben und festgefahrenen Arbeitsabläufen, wie es in großen Unternehmen oft der Fall ist, kann von Richthofen nicht bestätigen. Oft weiß die 30-Jährige nicht, was der Arbeitstag für sie bereit hält. Bei ihrer Arbeit an einem aktuellen ›Mergers & Acquisitions‹-Projekt (M&A), fallen ganz unterschiedliche Tätigkeiten an. Diese reichen von der Due Diligence über den Entwurf von Verträgen bis hin zur Kommunikation mit dem Mandanten. Natürlich bearbeitet sie auch Anfragen aus der laufenden Beratung oder beantwortet gesellschaftsrechtliche Fragen. Als Anwältin in der Corporate-Gruppe ist für von Richthofen vor allem die Phase kurz vor dem ›Signing‹, also der Vertragsunterzeichnung, sowie vor dem ›Closing‹, das ist die Zeit, bevor der Vertrag vollzogen wird, interessant. »Hier wird gerne auf den ›letzten Metern‹ noch einmal neu verhandelt und die Anlagen zum Vertrag müssen in kürzester Zeit finalisiert werden«, so die Absolventin der Uni Bonn.





Diese Phase kennt auch Anouk Marie Lunkenheimer gut. Die 28-Jährige ist Rechtsanwältin bei Hengeler Mueller, eine Kanzlei, die mit 280 Anwälten und jährlich 90 Praktikanten sowie 150 Referendaren ebenfalls zu den größten in Deutschland zählt. »Besonders stressig ist es – wie wohl überall – kurz vor einer Abgabefrist. Spannend ist am Anfang fast alles, denn man macht es zum ersten Mal. Danach werden die Aufgaben durch die Besonderheiten des Einzelfalls interessant, durch die jeder Fall wieder ganz anders wird als das Vorgängermandat in demselben Rechtsbereich«, sagt Lunkenheimer. Hengeler Mueller deckt von gesellschaftlichen über steuerrechtlichen bis zu kartellrechtlichen Fragen alle Facetten des Wirtschaftsrechts ab. Das bedeutet, dass Lunkenheimer und ihre Kollegen selten natürliche Personen vertreten, sondern in der Regel Unternehmen. Die Absolventin der Bucerius Law School ist im Bereich Gesellschaftsrecht, M&A und Kapitalmarktrecht tätig: »Insofern habe ich beispielsweise während der ersten Monate sehr intensiv an einem Börsengang mitgearbeitet. In den letzten Monaten habe ich den Bereich Unternehmenskäufe besser kennengelernt. Durch das Rotationsprinzip bei Hengeler Mueller muss man sich gerade am Anfang nicht so stark festlegen, sondern hat die Chance, in verschiedenen Tätigkeitsschwerpunkten zu arbeiten.« Ihr Arbeitstag hängt vom jeweiligen Projekt ab. Manchmal konzentriert sie sich zu hundert Prozent auf ein Projekt, in anderen Fällen ist sie mit mehreren Angelegenheiten parallel beschäftigt. Auch als junge Anwältin hatte sie schon nach kurzer Zeit Kontakt mit Mandanten, beantwortet Fragen und fährt mit dem zuständigen Sozius zu Terminen. »Tage, an denen ich alleine im Büro sitze und niemanden sehe oder spreche, gibt es nicht. Das hat mich positiv überrascht, denn das war meine größte Sorge, als ich mich für den Anwaltsberuf entschieden habe«, so Lunkenheimer.

Teamwork gehört für sie zum Beruf dazu – was so gar nicht dem Klischee einer Großkanzlei entspricht

Auch mit weiteren Vorurteilen kann sie aufräumen, zum Beispiel mit der angeblichen Ellenbogenmentalität unter Anwälten. »Die Atmosphäre ist – nach meinem Empfinden – von sehr großer Kollegialität und Offenheit geprägt, in der alle im Team gemeinsam ihr Bestes für das Produkt geben, das am Ende an den Mandanten geht«, beschreibt Lunkenheimer. Das ist ihrer Meinung nach vor allem ein Ergebnis davon, dass die Kanzlei ihren Mitarbeitern keinerlei Anreiz gibt, miteinander in Wettstreit zu treten. »Der Karriereweg«, ergänzt Lunkenheimer, »ist festgelegt und niemand kann ihn dadurch beschleunigen, dass er sich bei der Arbeit besonders hervortut.«

Je nach Spezialisierung ist eine größere oder eine kleinere Kanzlei besser geeignet

Wer sich wie Lunkenheimer und von Richthofen für Wirtschaftsrecht begeistert, erhält bei einer spezialisierten Großkanzlei sicher interessante Mandate. Bei einem Fachgebiet wie Familienrecht hingegen kommt eine Kanzlei mit über hundert Mitarbeitern weniger infrage. »Die Mandanten«, erklärt Antoni von Langsdorff, Rechtsanwältin bei der Kanzlei Arnold & Kollegen, »suchen hier einen Anwalt mit Problemen höchstpersönlicher Natur auf. Sie wenden sich daher nahezu ausschließlich an kleine Kanzleien, da sie sich mit ihren Problemen dort intimer aufgehoben und persönlicher betreut fühlen«. Die 37-Jährige ist Fachanwältin für Familienrecht in einer Kanzlei mit insgesamt drei Anwälten in München. Bei ihrem Berufseinstieg 2003 arbeitete sie vor allem ihrem Kollegen Arnold zu, bevor er ihr erste Mandate übertrug. Durch Annahme neuer Mandate hat sie zügig einen eigenen Mandantenstamm aufgebaut. »Bei meinen ersten Auftritten vor Gericht war ich sehr nervös. Da mich mein Kollege von Anfang an alleine ins Rennen schickte, musste ich zügig lernen, mich bei Gericht auch vor älteren Kollegen zu behaupten«, beschreibt von Langsdorff ihre Anfangszeit.

Inzwischen hat sie viel Berufserfahrung und Menschenkenntnis gesammelt

Letztere ist vor allem im Erstberatungsgespräch wichtig. Manche möchten die Zielsetzung aktiv mitgestalten, andere hingegen möchten passiv bleiben und sich auf von Langsdorffs Ratschläge verlassen. In der Erstberatung werden persönliche Daten aufgenommen. Im Falle einer Scheidung zum Beispiel Datum der Eheschließung, Namen und Geburtstage der Kinder und Zeitpunkt der Trennung. »Ich nehme diese Daten selbst auf und überlasse dies nicht einem im Vorfeld auszufüllenden Formular, da es Mandanten erfahrungsgemäß leichter fällt mit mir ins Gespräch zu kommen, wenn sie zunächst schlichte Fakten mitteilen sollen und nicht unmittelbar mit ihren Eheproblemen beginnen müssen«, erklärt von Langsdorff, die an der Uni Regensburg studiert hat. Im Erstgespräch wird natürlich auch die Kostenfrage erörtert und weitere Schritte gemeinsam festgelegt.

Bei Familienrechtsfällen geht es daraufhin oft Schlag auf Schlag: »In einem Fall muss eiligst ein Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung bei Gericht eingereicht werden, um überlebensnotwendige Unterhaltszahlungen in Gang zu bringen oder einen Gewaltschutz zu erwirken. Im nächsten Fall erteile ich dem Mandanten lediglich Ratschläge, wie er zunächst selbst versuchen kann, mit seinem (Ex-)Partner eine einvernehmliche Lösung zu finden, in den meisten Fällen aber nehme ich Kontakt zum Gegner beziehungsweise dessen Anwalt auf und versuche unter Auslotung von dessen Position eine Annäherung beider Seiten zu unterstützen.« Manchmal erfolgt eine Einigung sehr schnell, in anderen Fällen entwickelt sich ein langwieriger Schriftwechsel. Nicht selten misslingt eine Einigung und die Beteiligten stellen Anträge bei Gericht.

Gerade bei Sorgerechts- oder Umgangsverfahren sind die Verhandlungen sehr anspruchsvoll, da »hier nicht gewinnt, wer den besten juristischen Sachverstand hat, sondern wer am geschicktesten auf zwischenmenschlicher Ebene agieren kann«. Vereinfacht gesagt, muss das Gericht davon überzeugt werden, dass der eigene Mandant der ›bessere Elternteil‹ ist. Das ist mitunter sehr schwierig, da von Langsdorff eine Lösung anstrebt, die für die betroffenen Kinder am besten ist. Das kann zu einem Konflikt zwischen ihrer rechtlichen Verpflichtung ihren Mandanten gegenüber und ihrer moralischen den Kindern gegenüber führen.

Die engere Bindung zum Mandanten, wie sie von Langsdorff zu ihren Mandanten und Fällen hat, sieht Dr. Philipp Heer als Vorteil einer kleinen Kanzlei gegenüber einer großen. Der 32-Jährige hat sich jedoch für Clifford Chance, eine internationale Großkanzlei mit etwa 350 Anwälten an drei deutschen Standorten, entschieden. Für sein Fachgebiet Gesellschaftsrecht, M&A und Kapitalmarktrecht seien die Mandate in einer größeren Kanzlei renommierter und abwechslungsreicher. »Zudem kann aufgrund der breiteren Aufstellung ein erheblich breiteres Spektrum an Rechtsbereichen abgedeckt werden, was für den einzelnen Anwalt einen wesentlich tieferen Einblick auch in fremde Rechtsgebiete garantiert«, erklärt der Absolvent der Uni Frankfurt am Main und der US-amerikanischen Duke University.

Für den Anwaltsberuf ist die fachliche Qualifikation von großer Bedeutung

Gerade in Großkanzleien sind außerdem sehr gute Englischkenntnisse wichtig, da zum Beispiel Clifford Chance kaum noch rein nationale Mandate und Mandanten betreut. »Persönliche Voraussetzungen pauschal zu umschreiben verbietet sich gerade im Anwaltsberuf, da eigene Persönlichkeiten von Mandanten sehr geschätzt werden. Unerlässlich ist es allerdings, ein vertrauensvoller Partner des Mandanten zu sein, der nicht nur seine Interessen vertritt, sondern oftmals auch neue Ideen präsentiert«, rät Heer. Den Umgang mit Mandanten, die richtigen Worte in einem Telefonat zu wählen oder den angemessenen Ton in einer Vertragsverhandlung zu finden sind hingegen Dinge, die Berufseinsteiger erst durch ›Training-on-the-job‹ und von erfahrenen Kollegen lernen.

Heer ist von seinem Job in einer Großkanzlei begeistert, auch wenn eine nicht unerhebliche Arbeitsbelastung damit einhergehen kann. Er achtet jedoch darauf, das an anderen Stellen wieder auszugleichen. Außerdem möchte er »die thematische Vielfalt, die ständig wechselnden Fragestellungen, den unmittelbaren Kontakt zu Mandanten und das Arbeiten in einem hoch motivierten Arbeitsumfeld nicht mehr missen«. Anouk Marie Lunkenheimer von Hengeler Mueller hingegen hat den perfekten Kompromiss zwischen kleiner und großen Kanzlei für sich gefunden. Sie hat einen kleinen Standort in einer großen Kanzlei gewählt und kann so die Vorteile beider Modelle kombinieren. Ob man nun persönliche oder internationale Atmosphäre bevorzugt, hängt ganz vom Typ und den eigenen Vorlieben ab. Manchmal fällt die Entscheidung von ganz alleine, da durch die Spezialisierung eine bestimmte Kanzleistruktur von Vorteil ist. Auf jeden Fall solltest du während des Studiums reinschnuppern, damit du die – für dich richtige – Wahl treffen kannst.


Anzeige

Anzeige