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Arbeitsmarkt für Juristen: Stellen, Einstiegsgehälter, Trends

Lies nach, wieviel Jura-Einsteiger verdienen, wo es offene Stellen für Juristen gibt und wie Legal Tech juristische Tätigkeiten verändert

Wer als Jurastudent bei den Worten Arbeitsmarkt und Berufseinstieg Panik bekommt, darf gerne erstmal tief durchatmen. Denn die Chancen auf einen guten Job stehen gut: Die Arbeitslosigkeit unter Juristen ist 2017 weiter zurückgegangen und stellt mit einer Quote von 2,3 Prozent nur ein Randphänomen dar. Im Jahresdurchschnitt waren 4.600 Juristen arbeitslos gemeldet. Das waren drei Prozent weniger als im Vorjahr. Im Vergleich zu 2007 sank die Arbeitslosenzahl sogar um ein knappes Viertel. Gleichzeitig sei die Zahl der Juristen im vergangenen Jahrzehnt deutlich gewachsen, sagt Claudia Suttner von der Bundesagentur für Arbeit. Rund 336.000 Erwerbstätige mit einem Juraabschluss waren 2016 in Deutschland tätig – ein Sechstel mehr als 2007. Jeder dritte Jurist arbeitete allerdings fachfremd – beispielsweise als Pressesprecher eines großen Unternehmens.

Richter und Staatsanwälte dringend gesucht

Unter den Juristen, die tatsächlich in ihrem Metier tätig sind, ist jeder zweite – und damit 2016 rund 127.000 Personen – als Rechtsanwalt oder Notar beschäftigt. Im Dienst des Staates standen im selben Jahr circa 107.000 Personen, darunter 5.800 Staatsanwälte und 22.700 Richter. Allerdings könnte sich das bald ändern. Denn im öffentlichen Dienst steht eine Pensionierungswelle an. »An vielen Orten wird händeringend nach jungen Richtern und Staatsanwälten gesucht – dabei sinken die Notenanforderungen«, sagt Dr. Andreas Nadler, Generalsekretär des Deutschen Juristentages (djt) Solange in Deutschland die Wirtschaft weiter wächst, werden außerdem bei den größeren Unternehmen und in der Anwaltschaft Juristen gesucht, vermutet Nadler. Dem Deutschen Anwaltverein zufolge bezieht sich der Nachwuchsbedarf auf alle Fachbereiche. Attraktive Möglichkeiten würden sowohl die klassischen Tätigkeiten wie das Strafrecht aber auch innovative Kanzleien bieten, die neue Formen von Rechtsdienstleistungen und Legal Tech entwickeln.

Einstiegsgehälter für Juristen

Um im hart umkämpften Bewerbermarkt die besten Kandidaten zu bekommen, werden die Großkanzleien weiterhin die höchsten Einstiegsgehälter zahlen – davon geht Dr. Olaf Pätz, Geschäftsführer des Einkommensportals gehaltsreporter.de, fest aus – sofern sich die wirtschaftliche Lage weiterhin so positiv wie in den letzten Jahren entwickelt und das Geschäft der Großkanzleien entsprechend gut läuft. »Volljuristen mit Prädikatsabschlüssen, die für offene Stellen im öffentlichen Dienst gesucht sind, werden zudem von der Privatwirtschaft mit teils höheren Gehältern umworben«, weiß auch Claudia Suttner von der Bundesagentur für Arbeit. Es bestehe ein Konkurrenzkampf um die hochqualifizierten Absolventen, ein sogenannter Bieterwettbewerb. Da sich die Bewerber jedoch nicht mehr einzig und allein durch Geld locken lassen, sind viele Großkanzleien mittlerweile dazu übergegangen, dem Wunsch der Generation Y nach einer besseren Work-Life-Balance nachzukommen. Als Alternative zu den klassischen Karrieremodellen bieten sie Pätz zufolge nun auch Einstiegsoptionen mit klar begrenzten Arbeitsstunden an. Eine typische Obergrenze wäre die 40-Stunden-Woche. Wer sich für dieses Modell entscheidet, muss mit einem niedrigeren Gehalt rechnen – dafür kann er seine Feierabende und Wochenenden frei planen.

Examensnote und Zusatzqualifikationen bestimmen Einstiegsgehalt für Juristen

Übrigens: In keinem anderen Studiengang ist die Spanne der Einstiegsgehälter so breit wie bei Juristen. Während Behörden wie das Auswärtige Amt oder die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht sowie kleine Kanzleien unter zehn Mitarbeitern ein Bruttojahresgehalt zwischen 35.000 und 47.000 Euro zahlen, können Einsteiger in amerikanischen Großkanzleien für Wirtschaftsrecht in Deutschland mit 100.000 Euro mehr rechnen – plus Bonus. Doch natürlich ist die Hürde sehr hoch, dort eine Stelle zu ergattern. »Generell bestimmen vor allem die Abschlussnote und Zusatzqualifikationen über die Bewerberattraktivität und die Höhe des Anfangsgehalts«, sagt der Geschäftsführer von gehaltsreporter.de. Um den Einstieg in eine Wirtschaftskanzlei zu meistern und hohe Gehälter zu realisieren, müssten Bewerber mindestens einen Prädikatsabschluss im ersten oder zweiten Staatsexamen haben und entweder einen LL.M. oder einen Doktortitel vorweisen können – im Idealfall  würden sie natürlich gleich alle vier Kriterien erfüllen.

Die Gehaltsentwicklung bei Juristen fällt Pätz zufolge in den ersten fünf Berufsjahren etwas geringer aus als bei Berufsanfängern mit anderen Studienabschlüssen. Durchschnittlich können Juristen mit einer Gehaltssteigerung von rund fünf Prozent rechnen. In Kanzleien richtet sich die Gehaltsentwicklung nach den Stufen auf der Karriereleiter. Während Associates, Senior Associates und Associate Partner ihr festes Gehalt bekommen, erhalten Partner eine direkte Beteiligung am Kanzleierfolg.

Berufseinstieg als Jura-Absolvent im Öffentlichen Dienst

Im Öffentlichen Dienst können Bewerber zwar mit einem soliden Gehalt rechnen. Dennoch liegt es deutlich unter dem der Großkanzleien. Dafür lockt der Staat mit einem sicheren Arbeitsplatz sowie einer ausgewogenen Work-Life-Balance. Wer als Jurist beim Staat einsteigen möchte, hat als Richter oder Staatsanwalt gute Chancen – beide sind gefragt und die Notenanforderungen sinken entsprechend. Neben diesen beiden Klassikern bietet der Öffentliche Dienst auch noch eine ganze Reihe an weiteren Möglichkeiten. So können Juraabsolventen beispielsweise Verwaltungsjuristen in Ministerien und Landratsämtern werden. Aufgrund der Pensionierungswelle in Behörden wird motivierter Nachwuchs mit einem guten Abschlussexamen dort dringend gesucht. Entscheidend für eine Anstellung ist hier übrigens meist die Note des Zweiten Staatsexamens. Auch das Bundeskriminalamt, das Auswärtige Amt, die Bundeswehr, der Bundesnachrichtendienst und das Bundeskartellamt suchen Juristen für verantwortungsvolle Positionen.

Berufseinstieg als Jura-Absolvent in Unternehmen

Die Anzahl der offenen Stellen für Unternehmensjuristen lässt sich nicht eindeutig prognostizieren. Wenn man aber von 40.000 Unternehmensjuristen ausgeht und einer für ein deutsches Unternehmen üblichen Fluktuation von fünf Prozent, werden pro Jahr etwa 2.000 Stellen für Juristen in den Rechtsabteilungen der deutschen Wirtschaft extern neu besetzt. Daneben wird es noch eine Vielzahl von offenen Stellen bei Verbänden, Kammern und anderen Institutionen geben. »Die Grundqualifikation für Bewerber in Unternehmen ist und bleibt ein gutes zweites Staatsexamen«, weiß Inga Vogt, Leiterin Hauptstadtrepräsentanz des Bundesverbands der Unternehmensjuristen (BUJ). Nicht in jedem Unternehmen und nicht für jede Position müsse ein Vollbefriedigend vorliegen. Aber zumindest in den großen Konzernen müssen Bewerber diese Hürde nehmen. Gerade in international tätigen Unternehmen seien daneben sehr gute Englischkenntnisse erforderlich. »Generell sind ein Verständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen, eine ergebnisorientierte Arbeitsweise und Erfahrung mit Projektarbeit gern gesehen«, sagt Vogt. Auch wenn weitere Zusatzqualifikationen in der Regel nicht verlangt werden, können sie einen entscheidenden Pluspunkt darstellen.

Die digitale Transformation macht auch vor den Unternehmensjuristen und ihrer Arbeit in den Rechtsabteilungen nicht Halt. Legal Technology und Digitalisierung sind große Themen, die die Rechtsabteilungen in den nächsten Jahren auch weiterhin beschäftigen werden. Damit einher gehen berufs- und tätigkeitsübergreifende Veränderungen. Unternehmensjuristen und Syndikusrechtsanwälte müssen interdisziplinär und ökonomisch in der technologisierten Welt agieren. Die Aufgaben innerhalb der Rechtsberatung werden sich verlagern. Unternehmensjuristen werden zunehmend zum Projektjuristen. Laut der Studie ›Digital Economy & Recht 2016/2017‹, die der BUJ gemeinsam mit der Kanzlei CMS Hasche Sigle veröffentlicht hat, erwarten 73,3 Prozent der Antwortgeber einen steigenden Bedarf an digital kompetenten Juristen in den nächsten fünf Jahren – die Nachfrage nach digitalem Know-how wird auch bei rechtsberatenden Berufen deutlich wachsen. Auf die gestiegene Nachfrage nach Juristen mit einem Verständnis für digitale Sachverhalte hat unter anderem der BUJ reagiert und bietet die Ausbildung zum Digital-Legal-Counsel an.

Außerdem sei es Inga Vogt vom BUJ zufolge für die juristische Tätigkeit im Unternehmen unerlässlich, über den Tellerrand hinauszuschauen. Von Bewerbern werde erwartet, nicht nur in juristischen Kategorien denken zu können, sondern auch interdisziplinäre Sachverhalte schnell zu erfassen. Da die Unternehmensjuristen aufgrund ihrer Beratungstätigkeit mit den unterschiedlichsten Funktionsträgern innerhalb eines Unternehmens in Kontakt kommen, sollten sie rechtliche Fragestellungen auch für Fachfremde verständlich erklären können.

Arbeitswelt der Juristen wird digital

Der technische Fortschritt zieht für alle Juristen Änderungen im Berufs- alltag nach sich. So wurden Regelwerke geschaffen, die die digitalisierten Lebensbereiche regulieren sollen, etwa das Gesetz zur Förderung der elektronischen Verwaltung (E-Government-Gesetz) oder das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs (E-Justice-Gesetz). Die Justizminister haben auf ihrer Konferenz im November 2017 beschlossen, gemeinsam mit dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz eine Arbeitsgruppe einzurichten, die sich mit Legal Tech und den Herausforderungen für die Justiz befasst.

»Das IT-Recht und damit einhergehend ein gutes Maß an technischem Verständnis nimmt immer mehr an Bedeutung zu«, betont Kristina Trierweiler, Geschäftsführerin der Bundesrechtsanwaltskammer. Die Schnelligkeit des Technologiefortschritts bringe es mit sich, dass sich die Rechtslage schon während des Jurastudiums wieder ändern kann. »Es genügt jedoch nicht, nur die sich wandelnde Rechtslage im Blick zu haben. Die Geschäftsprozesse und -modelle müssen auf die Bedürfnisse der Mandanten angepasst werden«, unterstreicht Trierweiler. Darüber hinaus müssten Juristen auch selbst als IT-Anwender im eigenen Büro – sei es durch die elektronische Aktenführung oder durch das besondere elektronische Anwaltspostfach – mit der rasanten Entwicklung Schritt halten. Deshalb sollten bereits im Jurastudium IT-Grundlagen erlangt werden, empfiehlt die Geschäftsführerin der Bundesrechtsanwaltskammer. Denn sie glaubt, dass das juristische Denken allein künftig nicht mehr genügen wird. Vielmehr sei ein solides Grundverständnis für die digitale Welt notwendig, um technologische Zusammenhänge zu verstehen – auch wenn diese im Examen nicht abgefragt werden.

Legal Tech verändert juristische Arbeitswelt

Die Digitalisierung bringt somit viel Dynamik in den Arbeitsmarkt für Juristen. Gerade sich wiederholende Arbeitsschritte oder auch einheitliche Prüfungsschemata lassen sich gut technisch bearbeiten. »Entsprechend kann sich der Fokus in den juristischen Tätigkeitsfeldern – so wie in vielen anderen Berufen auch – hin zu kreativen, übergreifenden Aufgaben sowie zu individueller Beratung und Überzeugungsarbeit entwickeln«, erklärt Claudia Suttner von der Bundesagentur für Arbeit. Dr. Nadler vom djt glaubt ebenfalls, dass die Versuche weiter zunehmen werden, durch Legal Tech, also Software und Onlinedienste, gleichförmige juristische Arbeitsprozesse zu unterstützen oder komplett automatisiert auszuführen. »Das ist schon heute im Bereich von Unternehmenstransaktionen, Entschädigungen für Flugverspätungen und -ausfälle oder bei der Überprüfung von Bußgeldbescheiden wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen zu beobachten«, sagt Kristina Trierweiler von der Bundesrechtsanwaltskammer. Diese standardisierten Rechtsfälle – zu denen darüber hinaus Vertragskündigungen oder die Überprüfung von Hartz-IV-Bescheiden gehören – werden zunehmend durch den Einsatz von Algorithmen bearbeitet.

Für die Anwaltschaft könnte daher aus Sicht des Deutschen Anwaltvereins in Bereichen wie Miet- oder Verkehrsrecht immer häufiger nur die Bearbeitung komplexer Mandate im Mittelpunkt stehen. Etwas anderes gelte für Rechtsgebiete, die einer automatisierten Bearbeitung weniger zugänglich sind, beispielsweise das Medizinrecht. Dr. Nadler vom djt glaubt, dass dem Rechtsanwalt durch die Automatisierung zukünftig weniger die Funktion eines individuellen Beraters als vielmehr die eines Verwalters einer Vielzahl von Verfahren zukommen könnte. Der Arbeitsalltag könnte sich also durch die Digitalisierung nachhaltig verändern. »Das hätte einerseits zur Folge, dass damit möglicherweise Personal eingespart wird. Andererseits aber auch, dass ganz neue Tätigkeitsfelder entstehen und diejenigen, die sich den neuen Gegebenheiten am schnellsten anpassen, auf dem Markt die besten Chancen haben«, schlussfolgert der Experte vom djt.


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