Junger Mann sitzt verzweifelt auf Umzugskartons in leerem Raum
Anwalt für Mietrecht kallejipp / Quelle:PHOTOCASE

Anwalt für Mietrecht – Helfer in der Miet-Not

Juristen im Mietrecht sind gefragte Experten: Der Bedarf ist groß – doch das Geschäft nicht immer lukrativ

Warum er Anwalt für Mietrecht geworden ist? »Das hat sich so ergeben«, sagt Rechtsanwalt Günther Koy, der in der Hamburger Kanzlei Mielke | Koy | Butenberg arbeitet. Im Studium war er noch auf Zivil- und Strafrecht spezialisiert, später Netzwerkadministrator und Syndikus einer Software-Firma, hatte also vor allem mit IT-Recht und gewerblichem Rechtsschutz zu tun. Heute hat er seinen Arbeitsbereich stark erweitert, es gab in seiner Kanzlei einfach keinen, der sich um Mietrecht kümmerte. »Es ist nicht das lukrativste Rechtsgebiet«, sagt Rechtsanwalt Koy, denn der Streitwert ist oft gering – »die Masse macht’s«. Vor allem in den Städten, wo es die meisten Streitigkeiten um Wohnungseigentum und Mietsachen gibt. Konflikte um Betriebskosten-Abrechnungen, Minderungen wegen Schimmel, Kündigungen: Das sind seine typischen Fälle, sagt Rechtsanwalt Koy.

Mietrecht als klassisches Fach

Man arbeite sich in die Materie rein, so der Rechtsanwalt, lese Urteile, Fachzeitschriften. Mietrecht ist ein klassisches Anwaltsfach, und bei jedem, der neu als Anwalt anfange sei unter den ersten 20 Fällen bestimmt auch einer aus dem Mietrecht dabei. Die Zahl der Mietrechtsstreitigkeiten, die vor deutschen Gerichten entschieden werden, ist groß, und jeden Monat gibt es neue Entscheidungen des für Mietrecht zuständigen VIII. Zivilsenats des Bundesgerichtshofes. Zwar geht es nur um wenige Normen des Bürgerlichen Gesetzbuches, doch die Rechtsprechung dazu ist »ausufernd«, sagt Günther Koy, inzwischen Fachanwalt für Miet- und Wohnungseigentumsrecht. »Man muss da sehr auf Zack sein«, aber andererseits auch Informationen gut filtern können. Und Mandanten möglicherweise überzogene Erwartungen nehmen, Fingerspitzengefühl beweisen. Seit zwölf Jahren arbeitet er als Anwalt, und mittlerweile stammen 60 Prozent seiner Fälle aus dem Miet- und Wohnungseigentumsrecht – Tendenz steigend. Dass das so ist, liegt sicher auch an seinem Hamburger Mietrechtsblog, den er seit 2009 betreibt. »Das ist ein wichtiges Marketing-Instrument«, sagt Rechtsanwalt Koy, und es verschafft ihm bundesweit Resonanz. Klar, viele potenzielle Mandanten suchen erstmal via Google. Zwar könnte er auch Anzeigen schalten – »doch das ist teuer«. Der 43-Jährige schreibt aber auch immer wieder für juristische Fachzeitschriften oder Portale wie Anwalt24.de. Worauf es ankommt? »Content, Content, Content.«

Mietrechtblogger

Auch andere Anwälte bloggen. Dr. Catharina Kunze etwa gehört neben Dirk Bachmann und Dr. Rainer Tietzsch zu einem Team, das die Seite proMietrecht.de betreibt. Die Berufsaussichten für Juristen im Mietrecht seien derzeit schlecht, sagt Kunze: »Das Rechtsgebiet ist schwierig und unterbezahlt, und vor allem für reine Mietervertreter ein Zuschussgeschäft.« Zwar wird es in diesem Bereich immer Bedarf geben, sagt Tietzsch, »aber es ist schwierig, allein davon zu leben«, zumal die typischen Wohnungsmieter meist die sprichwörtlichen kleinen Leute sind. Warum sie sich trotzdem auf das Mietrecht spezialisiert haben? »Ich habe als Berufsanfängerin beim Mieterverein beraten«, erzählt Catharina Kunze, »konnte und wollte Mietrecht für Mieter praxisnah vermitteln.«

Und der Bedarf war und ist groß. Auch Dirk Beckmann hat seinerzeit viele Mieter beraten, kurz nach der Maueröffnung war das und Beckmann Berufsanfänger im Ostteil Berlins: »Ich war damals beim Berliner Mieterverein und bei der Mieterberatung Prenzlauer Berg, und bin dabei geblieben.« Mit ihrem Portal proMietrecht.de wollen die Anwälte nach eigenen Angaben Maßstäbe setzen. Anwälte, die sich dort als Autoren eintragen, können so auf sich aufmerksam machen. Nicht in der Art eines Branchenbuchs, sondern weil sie durch ihre Artikel zeigen, dass sie bereit und in der Lage sind, solide Informationen gut verständlich aufzubereiten. Gerade durch fachlichen Weitblick und menschliche Offenheit könne man sich von der Konkurrenz abheben, findet Rainer Tietzsch, »so dass man Menschen nicht in aussichtslose Streitigkeiten laufen lässt. Seriöses und sorgfältiges Arbeiten spricht sich herum«.

Mietrecht setzt Verständnis für beide Parteien voraus

Genauigkeit bei der rechtlichen Recherche ist wichtig, dazu ständige und aufmerksame Fortbildung sowie die Bereitschaft, sich in fremde Fachgebiete ein Stück weit einzuarbeiten. »Es gibt viele wirtschaftliche und technische Vorgänge, die für mietrechtliche Probleme und Lösungen entscheidend sind«, so Tietzsch. Anderes wiederum lernt man nur durch Erfahrung, die Einschätzung der Richterpersönlichkeiten etwa, also die Antwort auf die Frage, wie man als Anwalt argumentieren muss, um genau diesen Richter zu überzeugen. Auf Mieterseite wiederum »wird man unvermeidlich nicht nur als Jurist, sondern auch als Lebenshelfer und Sozialarbeiter in Anspruch genommen«, sagt Beckmann. »Empathie ist notwendig, ab einem gewissen Punkt auch Abgrenzung.« Wer Anwalt als im Mietrecht arbeiten will, muss also die Fähigkeit haben, zuzuhören, aber auch die Interessen beider Seiten verstehen. Eine Überidentifikation mit Mandanten müsse man vermeiden, sagt Kunze. »Man muss bereit sein, seinen Mandanten auch zu sagen, was man nicht für sie tun kann oder will«, sagt Tietzsch.

Mietrecht ist auch für Studenten von Bedeutung

Auch für Studierende werden Mietrechtsfragen immer wichtiger. Die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt ist groß wie nie, zehntausende Studenten hatten kurz vor Semesterbeginn noch keine Wohnung. Wohnheime, über die gerade Berliner Studenten lange Jahre die Nase rümpften, haben nun lange Wartelisten. »Die Wohnsituation wird sich für Studierende nicht entspannen«, sagt der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde. 25.000 zusätzliche Wohnheimplätze wären nötig, rechnet er vor. Mehrere Bundesländer versuchen es nun mit einer Mietpreisbremse. Studenten jedoch hilft diese aus Expertensicht kaum: »Studierende sind mobil und ziehen oft um«, sagt Studentenwerks-Sprecher Stefan Grob. Zudem müssen Mieter selbst überprüfen, ob sie zu viel zahlen und überhöhte Mieten dann rügen, sagt der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner Wild. Die Mieten in den typischen Studentenwohnungen nah an Innenstadt und Uni lagen aber schon vor Einführung der Mietpreisbremse oft deutlich über den Mietspiegeln. Und kein Vermieter muss nun weniger Miete verlangen als früher. Billiger wird Wohnen so also nicht, maximal weniger schnell teurer. 


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