Berufseinstieg im Arbeitsrecht
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Berufseinstieg im Arbeitsrecht

Spass an Arbeit: Arbeitsrecht geht uns alle an und begleitet unser gesamtes Arbeitsleben, finden viele aber schrecklich trocken. Ist es allerdings gar nicht, sagen Arbeitsrechtler

Spass an Arbeit: Arbeitsrecht geht uns alle an und begleitet unser gesamtes Arbeitsleben, finden viele aber schrecklich trocken. Ist es allerdings gar nicht, sagen Arbeitsrechtler  

Ihre Arbeit hat für die meisten Menschen einen hohen Stellenwert. 90 Prozent der berufstätigen Deutschen ist ihr Beruf ›sehr beziehungsweise ziemlich wichtig‹. Das ergab die Studie ›Glücksatlas 2011‹, die Forscher der Universität Freiburg und das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Deutschen Post erstellt haben. Zu den drei größten Unglücksfaktoren gehört neben Gesundheitsproblemen und dem Tod des Partners auch ungewollte Arbeitslosigkeit. Die meisten Arbeitsgerichtsverfahren sind daher auch Kündigungsschutzprozesse.

»Das Arbeitsrecht setzt sich zusammen aus verschiedenen Teilbereichen«, erklärt Prof. Dr. Jacob Joussen, Lehrstuhlinhaber für Bürgerliches Recht, Deutsches und Europäisches Arbeitsrecht und Sozialrecht an der Ruhr-Universität Bochum. »Ein Bereich sind die einzelnen Vertragsbedingungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Ein weiterer Bereich beschäftigt sich mit sogenannten kollektiven Fragen wie Betriebsverfassungsrecht, Streikrecht und Tarifrecht. Schließlich gehört auch das gesamte Prozessrecht dazu.« Wer sich auf Arbeitsrecht spezialisiert, kann sich für verschiedene Karrierewege entscheiden. Daher ist es wichtig, sich von Anfang an zu fragen: Welcher Typ bin ich? Studiere ich Arbeitsrecht, weil ich mich für die Belange der Arbeitnehmer einsetzen will? Oder hauptsächlich, weil es ein interessantes Rechtsgebiet ist? Professor Jacob Joussen meint: »Es gibt die idealistisch veranlagten Studierenden, welche die Arbeitnehmer schützen wollen und sich eine Arbeit im Gewerkschaftsbereich oder als Anwalt für Arbeitnehmer suchen. Aber natürlich gibt es auch Studierende, die sagen: Für mich steht die anspruchsvolle, gut bezahlte Arbeit im Vordergrund. Diese Juristen arbeiten dann eher in Großkanzleien und beraten tendenziell eher die Unternehmerseite.«

Neben der Tätigkeit in Kanzleien arbeiten Arbeitsrechtler bei Verbänden, Gewerkschaften, im öffentlichen Dienst, für Arbeitsgerichte und in den Personalabteilungen von Unternehmen. So unterschiedlich wie die Arbeitsplätze sind auch die Verdienstmöglichkeiten. »Die Einstiegsgehälter für Arbeitsrechtler sind wie bei allen anderen Anwälten auch«, weiß Professor Joussen. »Sie variieren stark. Je nach Arbeitsplatz kann man zwischen 2.000 bis 3.000 Euro verdienen – oder 9.000 bis 11.000 Euro oder vielleicht sogar darüber hinaus bei den großen Kanzleien.«

Für welchen Weg man sich auch entscheidet, jeder Arbeitsrechtler sollte neben seinen rein juristischen Fähigkeiten noch zusätzliche Kompetenzen besitzen

»Man sollte im Bereich der Rhetorik, des Auftretens und des Umgangs mit Menschen ausgebildet sein. Als Arbeitsrechtler wird man häufig mit Menschen in schwierigen Situationen zu tun haben. Eine Kündigung beispielsweise ist das Schlimmste, was dem Menschen im Arbeitsleben passieren kann. Da sollte der Anwalt sehr feinfühlig mit dem Mandanten umgehen. Wer das kann, der hat sicher Vorteile. Denn beim Arbeitsrecht geht es eben um den Menschen«, resümiert Professor Joussen.

Dem kann Christian van Remmen nur zustimmen: »Keines der anderen Rechtsgebiete hat eine so herausragende Bedeutung für den Einzelnen wie das Arbeitsrecht. Im Individualarbeitsrecht geht es häufig um existenzielle Fragen.« Eine »große Freude« bereitet es dem 30-Jährigen daher auch, »Mandanten in schwierigen Lebenslagen zu unterstützen und ihnen Lösungswege aufzuzeigen«. Seit zwei Jahren ist Christian van Remmen als Rechtssekretär bei der DGB Rechtsschutz GmbH tätig, von Anfang an mit eigenem Dezernat. »Das Dezernat besteht zur Hälfte aus arbeitsrechtlichen und zur Hälfte aus sozialrechtlichen Mandaten. Derzeit sind meist individualrechtliche Mandate zu bearbeiten. Hierzu zählen insbesondere Kündigungsschutzverfahren sowie Leistungsklagen in allen Formen«, berichtet der Jurist. Neben der Fallbearbeitung im Dezernat und dem Mandantenkontakt hat van Remmen »nahezu täglich Gerichtstermine – häufig drei bis vier pro Tag«.

30 bis 50 Neueinsteiger sucht die DGB Rechtsschutz GmbH jährlich

»Allerdings könnte sich die Zahl in den kommenden fünf Jahren noch erhöhen, da viele unserer Juristen in den Ruhestand gehen«, erklärt Karlheinz Schierle, Personalleiter der DGB Rechtsschutz. Von den Bewerbern wird neben dem ersten und zweiten Staatsexamen – »gerne im befriedigenden Bereich« – erwartet, sich bereits während des Studiums oder der Referendariatszeit auf Arbeitsrecht spezialisiert zu haben. »Es ist mit Sicherheit von Vorteil, bei uns bereits ein Praktikum oder einen Ausbildungsabschnitt des Referendariats absolviert zu haben«, sagt Karlheinz Schierle. »Wer sich im Referendariat bei uns bewährt, hat gute Chancen, später als Rechtssekretär eingestellt zu werden.« Vergessen sollte der Bewerber dabei nicht, »dass die DGB Rechtsschutz GmbH ein Tendenzbetrieb ist. Wir sind Vertreter der Gewerkschaften. Insofern erwarten wir schon, dass die Beschäftigten, die bei uns anfangen, eine gewisse Grundüberzeugung mitbringen und das, was wir machen, vertreten können«. Christian van Remmen jedenfalls ist von seiner Arbeit überzeugt: »Ich arbeite gemeinsam mit rund 370 Juristen bei Deutschlands größter Fachkanzlei für Arbeits- und Sozialrecht. 2010 haben wir insgesamt 135.433 neue Verfahren für Gewerkschaftsmitglieder aufgenommen und dabei 307 Millionen Euro erstritten. So sorgt die DGB Rechtsschutz GmbH für mehr Gerechtigkeit, unabhängig vom Geldbeutel der Mandanten.«

Einen anderen Weg hat Rechtsanwalt Kai Spriestersbach eingeschlagen

Nach seinem Studium an der Ruhr-Universität Bochum bewarb sich der Volljurist als Personalreferent für die Bereiche Arbeits- und Tarifrecht beim Ruhrverband, einem der größten Wasserwirtschaftsverbände in NRW. Seit 2006 ist der 39-Jährige nun im Bereich Personalwesen tätig. Zu seinen Hauptaufgaben zählen »die Beratung des Vorstands bei arbeitsrechtlichen Fragen, die Personalsachbearbeitung sowie Beratungsgespräche oder arbeitsrechtliche Personalgespräche«. Außerdem ist er Leiter der Gruppe Entgeltabrechnung und Familienkasse. Seine Arbeit findet Kai Spriestersbach sehr abwechslungsreich: »Natürlich gibt es aber bestimmte Tätigkeiten, die immer wieder auftauchen, zum Beispiel einen Arbeitsvertrag erstellen oder Entscheidungsvermerke verfassen.« Von besonderer Bedeutung für seinen Beruf sei »Diplomatie, da man den Beschäftigten die Sichtweise des Unternehmens plausibel und nachvollziehbar vermitteln muss«, außerdem Kommunikationsstärke und Serviceorientierung. Wer in einer Personalabteilung arbeiten will, sollte sich zudem auf »Terminarbeit einstellen und muss auch unter Termindruck arbeiten können«, meint der Personalreferent. Sein Tipp: »Werde dir frühzeitig klar darüber, in welchem Bereich du tätig sein willst. Dann knüpfe Kontakte und baue dir ein Netzwerk auf, zum Beispiel durch Praktika.«

Wer als Arbeitsrechtler weder auf Seiten der Arbeitnehmer noch der Arbeitgeber stehen will, kann sich für die Laufbahn des Richters an einem Arbeitsgericht entscheiden. So wie Dr. Christian Kallos, der seit Juli 2010 als Richter am Arbeitsgericht Düsseldorf tätig ist. »Ich stehe den Parteien gerne als neutraler Ansprechpartner zur Verfügung, um mit ihnen zusammen eine einvernehmliche Lösung des bestehenden Problems zu suchen, bevor es zu einer streitigen Entscheidung kommt. Gerade als Richter ist man nicht äußeren Zwängen unterworfen und kann sich ganz auf die Sache konzentrieren«, beschreibt Christian Kallos die Vorteile seines Karrierewegs. Voraussetzung dafür sind natürlich die entsprechenden Noten. »In den Schwerpunkten Arbeitsrecht und Bürgerliches Recht sollten die Noten schon überdurchschnittlich ausfallen«, rät der Richter. »In der Regel sollten Bewerber mindestens das zweite Staatsexamen mit ›vollbefriedigend‹ bestanden haben und einen Bezug zum Arbeitsrecht vorweisen können. Hilfreich ist, wenn sie schon während ihrer Ausbildung Arbeitsrecht als Schwerpunkt gewählt haben«, bestätigt Georg Goeke, Vizepräsident des Landesarbeitsgerichts Düsseldorf, und fügt hinzu: »Außerdem sollte man wissen, dass Richter sich ihrer Vorbildfunktion als Inhaber eines öffentlichen Amtes stets bewusst sein müssen.« Nach einer größeren Einstellungswelle in den vergangenen beiden Jahren seien momentan zwar keine Stellen zu besetzen, »aber wir freuen uns über gute Bewerbungen, da sich die Einstellungssituation unter Umständen auch kurzfristig wieder ändern kann«.

Insgesamt sieht die Arbeitsmarktsituation für Arbeitsrechtler »nicht schlecht« aus, meint Professor Jacob Joussen und ergänzt: »Außer den Beamten, Kindern und Rentnern sind alle von diesem Gebiet betroffen. Wir haben im Moment 41,7 Millionen beschäftigte Arbeitnehmer in Deutschland. Jeder von ihnen hat einen Arbeitsvertrag. Es ist eine Materie, die immer in gleicher Weise gefragt ist, weil alle damit zu tun haben. In schlechten Zeiten gibt es mehr Kündigungsschutzprozesse, in guten Zeiten beispielsweise mehr Tarifauseinandersetzungen. Bei Personalabteilungen und auch bei Behörden und Verbänden ist der Arbeitsmarkt schon sehr im Fluss. Ich würde daher sagen: Der Markt ist nicht schlecht in diesem Segment.«


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