Venezianischer Mann treibt sein Boot mit Ruder an
Die Steuer in der Hand profanto90 / Flickr unter CC BY 2.0

Fachanwalt für Steuerrecht: Berufsbild

Steuerrechtler navigieren ihre Klienten sicher durch die Untiefen der fiskalen Gesetzgebung

Steuerstraftaten sind für die Presse ein gefundenes Fressen: Wenn sich herausstellt, dass Promis ihr Vermögen vor dem Fiskus versteckt haben, gibt das oft ein enormes Medienecho. Alice Schwarzer und Uli Hoeneß sind da nur die neuesten Beispiele. Auch Unternehmen geraten immer wieder ins Visier von Steuerfahndern und damit auch schnell in die Schlagzeilen. Warum das Thema so viel Aufmerksamkeit hervorruft, ist verständlich: Wer meint, trotz hohen wirtschaftlichen Erfolgs noch Geld am Staat vorbei schleusen zu müssen, ist jedem ehrlichen Steuerzahler ein Dorn im Auge. Wobei: Auch so mancher Otto Normalbürger mogelt in seiner Steuererklärung schon mal ein wenig – sei es bei der Kilometerentfernung zum Arbeitsplatz oder bei der Angabe der vermeintlichen Geschäftsessen. Die Grenze zur Steuerhinterziehung ist dann schnell überschritten. Ab wann dies aber strafrechtlich verfolgt wird, hängt auch von dem Ausmaß des Vergehens und der Höhe der Unterschlagung ab. Allein im Jahr 2012 wurden laut dem Bundesfinanzministerium in Deutschland etwa 70.000 Steuerstrafverfahren bearbeitet. Steuerfahnder und Finanzbeamte, die für den Staat Milliarden eintreiben, haben hier also eine Menge zu tun. Aber auch Anwälte, die mit steuerrechtlichen Dienstleistungen ihr Geld verdienen.

Auf knapp 4.800 Fachanwälte für Steuerrecht kommt die Bundesrechtsanwaltskammer in einer aktuellen Statistik

Diese Fachanwaltsbezeichnung gehört zu den ältesten der deutschen Bundesrechtsanwaltsordnung. Wer sich so nennen darf, hat sich für ein Rechtsgebiet entschieden, das es in sich hat: »In keinem Land der Welt ist die Steuergesetzgebung so ausgeufert wie in Deutschland. Ständig werden neue Säue durchs Dorf getrieben, Vorschriften verkompliziert, Ausnahmeregeln geschaffen«, wird Aloys Altmann vom Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein in der ›Zeit‹ zitiert. Nüchtern betrachtet beschäftigen sich Steuerrechtler mit allen Fragen rund um die Festsetzung und Erhebung von Steuern. Hierfür legen sie in Deutschland 118 verschiedene und zum Teil sehr umfangreiche Gesetze zugrunde, für die es an die 100.000 Verwaltungsvorschriften gibt. Eine buchstäbliche Steuer-Erklärung wäre bei diesem Wust an Gesetzen für so manchen Laien ganz hilfreich.

Wer sich auskennt, findet aber vielleicht gerade das interessant: »Das Steuerrecht ist sehr komplex, daher bleibt meine Arbeit in diesem Rechtsgebiet immer spannend und herausfordernd«, sagt zum Beispiel Ludmilla Maurer, die seit knapp vier Jahren bei der Großkanzlei Baker & McKenzie arbeitet. Zunächst war sie als Rechtsanwältin im Steuerrecht tätig. Seit August 2013 darf sie als Associate auch den Fachanwaltstitel führen. Zu den Mandanten, die sie betreut, gehören multinationale, weltweit agierende Unternehmen, die vor allem in Sachen Steueroptimierung und -gestaltung Unterstützung suchen. Daneben wenden sich auch vermögende Privatpersonen an die Kanzlei. Bei ihnen geht es häufig um den Bereich des Wealth Managements, also um Fragen der Vermögensanlage und -strukturierung. Auch internationale Sachverhalte spielen eine wichtige Rolle. Zum Beispiel die Nachfolgeplanung für eine Familie, deren Mitglieder in mehreren Staaten ansässig sind oder der Zuzug oder Wegzug aus Deutschland.

Mit dem leidigen Thema Steuerhinterziehung haben Ludmilla Maurer und ihre Kollegen ebenfalls häufig zu tun – und heute mehr denn je: »Die Selbstanzeigen nehmen in letzter Zeit zu. Wegen des medialen Drucks – aber auch wegen des Drucks der großen Schweizer Banken, die ihre deutschen Kunden drängen, ihre bisher nicht erklärten Einkünfte in Deutschland offenzulegen.« Maurers Aufgabe besteht dann unter anderem darin, die Unterlagen für die noch nicht verjährten Jahre aufzuarbeiten und die besagten Einkünfte für eine Nacherklärung zu ermitteln. Da die Steuergesetze immer komplizierter werden, erhöht sich aber auch ganz allgemein das Risiko, dass den Mandanten der Vorwurf der Steuerhinterziehung gemacht wird. Um dem zu vorzubeugen, müssen die Anwälte bestimmte Compliance-Richtlinien im Blick behalten, zum Beispiel indem sie steuerliche Sachverhalte von vornherein sorgfältig dokumentieren. »Dabei versuchen wir auch, die Rechtslage für unsere Mandanten durch eine verbindliche Auskunft des Finanzamts zu klären – um so den Vorwurf der Steuerhinterziehung gar nicht erst aufkommen zu lassen«, so Maurer.

Neben großen Kanzleien, Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften beschäftigen sich auch viele Boutiquekanzleien mit steuerrechtlichen Fragestellungen

Ebenso sind Einzelanwälte auf diesem Rechtsgebiet aktiv. Zum Beispiel Christian Spies: Der 34-Jährige berät in seiner Düsseldorfer Kanzlei vor allem Privatpersonen bei der Gestaltung ihres Vermögens. Hierbei geht es zum Beispiel um erbschaftsteuerrechtliche, materielle Fragen im Rahmen der Nachfolgeplanung. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist das Steuerstrafrecht: So tritt er etwa beim Vorwurf der Steuerhinterziehung als Strafverteidiger vor Gericht auf. In welchem Umfang sich die Steuerstraftaten seiner Mandanten bewegen? »Das fängt bei ganz kleinen Beträgen an«, so Spies. Diese Fälle seien oft auf Unwissenheit oder auf die undurchsichtige Materie zurückzuführen. »Und es geht hin bis zu millionenschweren Privatvermögen vermögender Familien, die vorsätzlich an Ertrags- und Schenkungssteuer vorbei gehalten werden.« Für die Mandanten stehe viel auf dem Spiel: Bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe kann eine einfache Steuerhinterziehung nach sich ziehen, bei besonders schweren Fällen sind sogar bis zu zehn Jahre möglich. Je nach beruflicher Situation drohen außerdem Gewerbeverbote, der Entzug der Approbation oder der Verlust des Beamtenstatus.

Bei der Strafverteidigung komme es, so Spies, sehr auf die persönliche Beziehung und die Sympathie zwischen Anwalt und Mandant an. Kein Wunder: Schließlich geht es hier um das liebe Geld und um den vertrauensvollen Umgang mit Informationen. Wenn man dabei die Schnittstellen zwischen Strafverfahrensrecht und materiellem Steuerrecht beherrsche, könne man sich einen Nischenmarkt schaffen – und dann auch als Einzelanwalt erfolgreich tätig werden. Hilfreich beim Schritt in die Selbstständigkeit sei auch ein gutes Netzwerk aus anderen Steueranwälten, Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern. Das könne man sich zum Beispiel durch die Teilnahme an entsprechenden Bildungsgängen aufbauen wie bei einem Vorbereitungskurs für Steuerberater.

Aber ganz gleich ob als Einzelkämpfer, in einer Boutique oder Großkanzlei: Wer sich aufs Steuerrecht spezialisieren und hierin den Fachanwalt machen möchte, hat neben komplexen Regelwerken auch mit ganz alltagsnahen Themen zu tun, bei denen andere Rechtsgebiete immer wieder eine Rolle spielen. »Das Steuerrecht begleitet jeden Aspekt unseres Lebens«, meint Christian Spies. So habe jedes bürgerliche Rechtsgeschäft und jeder Hoheitsakt eine steuerliche Komponente. Auch Berührungspunkte zum Gesellschaftsrecht könnten sich ergeben. Eine seriöse Vertretung im Familien- und Erbrecht sei ohne steuerliche Kenntnisse ebenfalls nicht möglich: Zum Beispiel können bei Unternehmerehepartnern Fragen über die Höhe des Zugewinns oder des Unterhalts aufkommen. Und beim Verdacht auf Steuerhinterziehung kann das Strafrecht relevant werden. Das sei auch der besondere Reiz für den Rechtsanwalt, »im Steuerrecht zu Hause zu sein, aber immer wieder mal Ausflüge in altbekannte Rechtsgebiete unternehmen zu können«. 


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