Großstadt von oben bei Dämmerung
Juristen im Immobilienrecht Imahinasyon Photography / Quelle: Flickr.com unter CC BY 2.0

Juristen im Immobilienrecht

Bettelarm und superreich: Juristen im Immobilienrecht vertreten Mandanten jeglicher Gehaltsklasse

Eigentlich wollte Dorothea Schimmel nach ihrem Jurastudium bei der Münchner Kanzlei Clifford Chance als wissenschaftliche Mitarbeiterin anfangen und an ihrer Promotion arbeiten. »Aber nach dem Vorstellungsgespräch habe ich mich gleich so wohl gefühlt, dass ich direkt über eine Festanstellung als Anwältin eingestiegen bin«, erinnert sich die 29-Jährige heute. Seit rund zwei Jahren ist Dorothea Schimmel nun als Associate im Immobilienrecht bei Clifford Chance tätig. Die Juristin kümmert sich im Auftrag potenzieller Investoren um die rechtliche Bewertung von Immobilien, sobald diese für einen Ankauf in Frage kommen. »Bei der Prüfung geht es beispielsweise um möglicherweise abgeschlossene städtebauliche Verträge, um Belastungen der Immobilien mit Grundpfandrechten oder Baulasten, um Instandhaltungsthemen oder auch um die Frage, ob das Grundstück durch Umweltschäden belastet ist«, erklärt Dorothea Schimmel, die am Ende ihrer Arbeit einen umfassenden ›Due Diligence Report‹ vorlegt, bevor die Kaufverhandlungen beginnen. »Jede Immobilie ist speziell und eine völlig neue Herausforderung«, sagt sie. »Insofern ist mein Beruf sehr facettenreich.«

Dorothea Schimmel ist in allen Branchen unterwegs, doch in der Projektentwicklung sind Logistik-Zentren zu ihrem Spezialgebiet geworden. »Das beginnt mit der Prüfung, inwiefern das konkrete Bauvorhaben an dem angestrebten Standort genehmigungsfähig ist«, erzählt Schimmel. Ein aktueller Trend im Immobilienrecht sei derzeit ›Green Building‹, bei dem Gebäude über eine hohe Energieeffizienz und gleichzeitig geringe Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt verfügen. »Green Building ist auf dem Vormarsch, und entsprechende Zertifikate sind mittlerweile Teil unserer Reports«, berichtet die Juristin.

Wie viele Juristen wie Dorothea Schimmel in Deutschland im Immobilienrecht tätig sind, ist bislang nicht erfasst. Doch eine Schätzung des Deutschen Anwaltvereins (DAV) geht von rund 16.000 aus. Rund zehn Prozent aller beim DAV gemeldeten Anwälte gibt an, den Schwerpunkt Mietrecht – ein Teilbereich des umfassenderen Immobilienrechts – zu belegen. »Dieser Berufszweig ist deshalb so schwer zu beziffern, weil kein Jurist ausschließlich im Immobilienrecht unterwegs ist, sondern in der Regel weitere Arbeitsgebiete wie zum Beispiel das Arbeits- und Familienrecht abdeckt«, erklärt Thomas Hannemann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Mietrecht und Immobilien im DAV.

Erst seit 2005 gibt es im Miet- und Wohnungseigentumsrecht einen Fachanwaltstitel, und weil das Fachgebiet auf den ersten Blick übersichtlich und wenig kompliziert erscheint, ist es bei Anfängern sehr beliebt. Doch tatsächlich unterteilt sich allein das Mietrecht in viele verschiedene Teilrechtsgebiete – was allein mit der Unterscheidung zwischen der Gewerberaummiete und dem Wohnraummietrecht beginnt. »Wie das Familien- und das Arbeitsrecht gehört das Mietrecht zu den Massengebieten – keine Kanzlei kommt darum herum«, weiß DAV-Experte Hannemann. Die Konkurrenz auf dem Markt sei groß, denn Juristen im Mietrecht konkurrieren auch mit zahlreichen Verbänden, die Interessen von Mietern wie auch Wohneigentümern vertreten. »Darüber hinaus haben wir in den vergangenen 25 Jahren eine Verdreifachung der Anwälte in Deutschland erlebt – bei gleichbleibender Mandatsanzahl«, berichtet Hannemann. »Das macht es natürlich nicht einfacher.« Außerdem müsse man sich darüber im Klaren sein, dass es im Immobilienrecht um Gebäude und ums Geld gehe: »Im Familienrecht menschelt es natürlich mehr«, sagt Hannemann. Dennoch gilt das Immobilienrecht als attraktives Arbeitsfeld für Juristen: »Jeder von uns war mal Mieter oder Vermieter – das ist ein verhältnismäßig konjunkturunabhängiges Geschäft«, sagt DAV-Experte Thomas Hannemann. »Im Immobilienrecht gibt es kaum spektakuläre Streitfälle, aber dafür ist es krisensicher.« Hinzu kommt, dass sich die gesetzlichen Regelungen im Mietrecht nur selten ändern: Die letzte große Mietrechtsreform liegt zehn Jahre zurück. »Dafür ist die Rechtssprechung im Immobilienrecht sehr aktiv«, sagt Hannemann. »Man muss immer auf dem neuesten Stand der Entscheidungen sein.«

Bei Clifford Chance sieht man auch in Zukunft gute Beschäftigungsmöglichkeiten: »Juristen im Immobilienbereich werden in den nächsten Jahren gefragt sein«, schätzt Cornelia Thaler, Bereichsleiterin Real Estate bei Clifford Chance. »Ausgelöst durch die Euro- und Bankenkrise und Inflationsängste ist der Markt schon jetzt in Bewegung und wird es weiter bleiben.« Aufgrund regulatorischer Anforderungen und der komplexen Strukturen werde immobilienrechtliche Expertise eine der gefragten sein, glaubt Thaler. Bei der Kanzlei sind die Anforderungen an den Nachwuchs hoch: »Ein Jurastudium mit zwei Staatsexamina ist unabdingbar, gut ist auch praktische Erfahrung«, sagt die Real-Estate-Leiterin. Ebenso erwartet werden fundierte Englischkenntnisse – »am besten mit einem längeren Aufenthalt in einem englischsprachigen Land« – sowie Kenntnisse über wirtschaftliche Themen, die die Immobilienbranche betreffen. »Es gibt inzwischen auch fachspezifische Masterprogramme oder spezielle Kurse an Wirtschaftshochschulen, die spezifisches Fachwissen, aber auch Netzwerke in die Immobilienwelt vermitteln«, sagt Cornelia Thaler. Eher zufällig rutschte der seit 13 Jahren als Anwalt zugelassene David Frinken in sein Spezialgebiet Mietrecht. »Nach meinem Referendariat habe ich in der juristischen Abteilung einer großen Wohnungsbaugesellschaft gearbeitet«, erzählt der im nordrhein-westfälischen Bornheim ansässige 40-Jährige. »Mein Ziel war es immer, als Anwalt Menschen zu helfen. Das Mietrecht schien mir ideal dafür.« David Frinken vertritt Mieter und Vermieter – vom Sozialhilfeempfänger bis zum schwerreichen Immobilienbesitzer treffe er im Berufsalltag auf die unterschiedlichsten Charaktere. »Das ist ganz klar ein Beruf, den man machen wollen muss«, sagt er. »Aber es ist ein Beruf von umfassender Bedeutung im Leben der Menschen: Überlegen Sie doch mal, wie viele Millionen Mietverträge regelmäßig in Deutschland abgeschlossen werden.« Jeden Tag gehe er deshalb mit Freude in sein Büro, erzählt Frinken.

In letzter Zeit hat der auch auf Familien- und Arbeitsrecht spezialisierte Anwalt viel an einem ›Mammutfall‹ gearbeitet, wie er nur selten vorkommt: Ein Mieter hatte eine schwere Erkrankung auf Schimmelbildung in seiner Wohnung zurückgeführt und daraufhin die Mietzahlungen gekürzt. Der Streit eskalierte, bis es zu einer Zwangsräumung der Wohnung kam. In der andauernden Auseinandersetzung geht es nun um die Frage, ob der Schimmelbefall der Wohnung die Erkrankung des Ex-Mieters tatsächlich verstärkt hat. »Das ist natürlich anstrengend für mich, aber ich sehe meinen Beruf als Dienstleistung und versuche, für meinen Mandanten das Beste aus der Sache herauszuholen«, sagt David Frinken. Wer ihm vorhält, im Mietrecht tätig zu sein, sei langweilig, dem entgegnet der Anwalt: »Ich finde, das ist eine gute Sache!«


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