Amy Humphries/unsplash

So vielfältig ist die Arbeit als Fachjurist*in

Very special: Anwält*innen berichten von ihrem Arbeitsalltag. Von Familien- bis Lebensmittelrecht

Wie im echten Leben 

Volker Rank, der als Fachanwalt für Familienrecht arbeitet, erzählt, was er an seinem Aufgabengebiet so sehr liebt: »Ich habe mich auf das Fachgebiet Familienrecht spezialisiert, weil es das ganze Leben in seiner Buntheit gut abbildet und es sehr vielseitig ist, ein bisschen wie ein Roman. Es geht um menschlich-soziales: Bei welchem Elternteil sollen die Kinder nach einer Trennung Leben? Scheidung: ja oder nein? Es geht den Betroffenen einer Trennung um das Finanzielle: Unterhalt, Zugewinnausgleich, Steuern – es ist also immer etwas los und es wird nie langweilig. Als Jurist*in ist es deshalb wichtig, ein*e menschliche*r Ansprechpartner*in zu sein und auch mal ein paar mitfühlende Worte an die Mandant*innen zu richten.«

Mieten, Kaufen, Wohnen

Sich jeden Tag mit persönlichen Schicksalen auseinanderzusetzen, kann natürlich belastend sein. Doris Ferner, Fachanwältin für Miet- und Baurecht, sieht es in ihrem Gebiet deshalb als Vorteil, dass es ums Geld geht und weniger um nahegehende Geschichten. Spannend ist das Fachgebiet trotzdem oder gerade deswegen allemal: »Die Herausforderung liegt in der umfassenden Beurteilung von Sachverhalten, insbesondere bei An- und Verkaufsprozessen von Immobilien und Vermietung von Gewerbeflächen. « Dabei spielen auch Randgebiete wie Steuerrecht, Versicherungsrecht oder öffentliches Baurecht eine große Rolle. Weil laufend neue Entscheidungen des Bundesgerichtshofs hinzukommen, die bei der Vertragsgestaltung im Mietrecht bedeutend sind, kommt es darauf an, »auf dem Laufenden zu bleiben, sich fortzubilden und natürlich auf die Umsetzung des Neuen in der Praxis«, so Ferner.

Mediation statt Meditation

Für Rechtsanwältin Doris Ferner gilt es, Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden, »da dies vor allem im Baurecht und im Gewerberaummietrecht für den*die Mandant*in nicht zielführend ist.« Die Folge wären lange Prozesse, hohe Kosten und ein mehr oder weniger guter Deal. Damit es gar nicht so weit kommt, sind erfolgsorientiertes Denken und Handeln wichtig. »Die Fähigkeiten sollten außerdem im konzentrierten Arbeiten an komplexen Themen liegen und natürlich im Verhandlungsgeschick«, weiß Ferner. Deswegen seien Einblicke in Verfahren der Mediation im Bereich Miet- und Baurecht durchaus von Vorteil.

Weich und hart zugleich

Im Familienrecht sieht Anwalt Volker Rank seine Rolle nicht nur als Jurist. »Man ist im Familienrecht auch immer gewissermaßen Psycholog*in und sozial tätig.« Dazu gehört ein gehöriges Maß an Einfühlungsvermögen und Verständnis. Genauso wichtig ist es aber auch, dem Gegenüber erst mal zu erklären, was dieses überhaupt wollen kann. Oft herrscht hier Unklarheit bei den Mandant*innen. Rank beteuert: »Es kommt besonders darauf an, mit verständlichen Worten erläutern zu können, was möglich ist und was mit Erfolgsaussicht getan werden kann.« Deswegen ist Kommunikation ein weiterer Punkt. Klar, dass man als Familienanwalt*in das entsprechende rechtliche Fachwissen benötigt, »gleichzeitig braucht es aber auch die nötige anwältliche Härte, um Ziele durchzusetzen«, weiß Rank.

Stimmt die Chemie?

Ein*e Fachjurist*in befasst sich oft mit Themen, die nicht direkt etwas mit der Rechtslehre zu tun haben. Das gilt auch für Thomas Bruggmann, Anwalt im Lebensmittelrecht. Wer sich für diesen spannenden Bereich interessiert, sollte wissen: »Man muss Juristerei und fachwissenschaftliche Erkenntnisse zum Beispiel aus der Lebensmittelchemie unter einen Hut bringen und dabei eine praxistaugliche Lösung finden. Nicht selten muss man dabei Neuland betreten, zu dem es noch keine gerichtlichen Präzedenzentscheidungen gibt«, so Bruggmann.

Voller Durchblick 

Ein Grund, warum Marc Becker sich schon im Studium vertieft mit dem Arbeitsrecht auseinandergesetzt hat, waren die großen Gestaltungsmöglichkeiten. Vieles beruht hier immer noch auf Richterrecht, was Spielraum für grundlegende juristische Arbeit ermöglicht. »Später hat mich vor allem der Einblick in die reale Arbeitswelt vieler Menschen fasziniert«, berichtet der Rechtsanwalt. Auch die Menschen seien oft verschieden, so Becker aus Erfahrung: »Man kann durchaus sagen, dass fast alle Branchen und Berufsgruppen unterschiedlich ticken und es deshalb eine Herausforderung ist, sich immer wieder neu in die Lebens- und Gedankenwelt der Mandanten hineinzudenken.«

Mit Fingerspitzengefühl

Marc Becker sieht Empathie als eine der wichtigsten Qualifikationen für die Tätigkeit im Arbeitsrecht. Weil die Arbeit als zentrales Element des Lebens gilt, sind Fälle oft mit Emotionen verbunden, die es als Anwalt zu händeln und in juristische Sprache zu übersetzen gilt. Dabei muss er auch darauf achten, dass die Parteien nach dem Streit noch zusammen arbeiten können, denn zum Glück enden die Arbeitsverhältnisse nur in den wenigsten Fällen. Becker vertritt in seiner Tätigkeit sowohl Arbeitgeber*innen als auch Arbeitnehmer*innen. Dazu sagt er: »Für mich macht dies einen besonderen Reiz aus, da man stets beide Seiten bedenken muss und daraus auch Argumente für die jeweils eigene Position ableiten kann.« Trotzdem ist wie im Familienrecht auch Durchsetzungsvermögen gefragt. »Einfallsreichtum und Kreativität helfen beim Entwurf von Arbeitsverträgen, Betriebsvereinbarungen und Tarifverträgen oder auch bei der juristischen Argumentation vor Gericht«, fasst Marc Becker zusammen.

Juristischer Feuerwehrmann 

Mit dem Fokus auf Lebensmittelrecht ist Rechtsanwalt Thomas Bruggmann auf eine Nische spezialisiert, die in der Uni gar kein Thema war. Stattdessen arbeitete er sich ›on the Job‹ ins Fachgebiet ein. Wichtig sind vor allem Neugier, Kreativität, Schnelligkeit und Entscheidungsfreude, weil ein*e Anwalt*in im Lebensmittelrecht »oft als juristischer Feuerwehrmann gefragt ist«, so Bruggmann. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Polizei bei einer Mandantin im Büro steht, denn es geht um wettbewerbsrechtliche Abmahnungen und von Behörden verhängte Verbote. Für ihn gilt es dann, schnell mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. »Man weiß nie genau, was einen während des Arbeitstages erwartet «, fasst Bruggmann zusammen. Inzwischen gibt es übrigens mit der Lebensmittelakademie in Marburg die Möglichkeit, sich gleich im Studium zu spezialisieren.

Übrigens:

In Deutschland kann man in über 22 Bereichen einen Fachanwaltstitel erwerben. Dazwischen gibt es noch weitere Nischenbereiche, um sich im juristischen Spektrum zu spezialisieren. Aber was bringt die Konzentration auf einen bestimmten Bereich? »Ich bin der Auffassung, dass eine Spezialisierung – unabhängig vom Fachgebiet – immer sinnvoll ist. Das Recht ist mittlerweile in nahezu allen Fachgebieten derart komplex, dass ein vertieftes Wissen in mehreren Rechtsgebieten immer schwieriger wird. Zwar werden alle Jurist*innen als Generalist*innen ausgebildet, aber gerade als Rechtsanwalt*in kann die Spezialisierung eine umfassende Beratung der Mandantschaft gewährleisten«, so der Rechtsanwalt Marc Becker. Ein bisschen speziell zu sein, kann also durchaus nicht schaden – wie schön!


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