gezeichneter Mann hält in einer Hand die Waage mit ´Geld, die genauso schwer wie die Menschen auf der anderen Hand sind
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Wirtschaftsrecht: Internationale Jobs für Juristen

Auf internationalem Parkett – Im Wirtschaftsrecht können Juraabsolventen in Kanzleien und Unternehmen richtig Karriere machen

Als Großbritannien letztes Jahr für den Brexit stimmte, klingelten die Telefone in deutschen Wirtschaftskanzleien öfter und schriller als sonst. Alle, vom kleinen Ein-Mann-Betrieb bis zum großen Unternehmen, wollten wissen, was der Ausstieg Großbritanniens aus der EU für sie bedeutet. Das Referendum löste auch ein kleines Beben in den Rechtsabteilungen vieler Unternehmen aus. Plötzlich landeten Fragen zu den Auswirkungen des Brexit auf Handelsbeziehungen oder die Anerkennung britischer Gesellschaften innerhalb der EU auf den Schreibtischen der Syndikusanwälte. Das internationale Wirtschaftsrecht ist sensibel für politisches und gesellschaftliches Geschehen und bietet damit ein abwechslungsreiches Berufsfeld.

Internationales Wirtschaftsrecht als spannendes Themenfeld

Rund 163.000 Rechtsanwälte gibt es in Deutschland. Gerade mal 80 davon waren 2016 als zugelassene Fachanwälte im Bereich Internationales Wirtschaftsrecht gemeldet, wie die Zahlen der Bundesrechtsanwaltskammer zeigen. Klingt erstmal nicht viel. Wenn man aber bedenkt, dass 2015 erst 20 Fachanwälte für internationales Wirtschaftsrecht zugelassen waren, geht es immerhin um einen Anstieg von über 300 Prozent. Einer von ihnen ist Sebastian Seidler, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Internationales Wirtschaftsrecht. Auf seinem Tisch landet montags der Entwurf eines englischsprachigen Liefervertrages für eine Maschine nach China, am Dienstag die Frage, ob man etwas gegen die irreführende Werbung eines italienischen Wettbewerbers unternehmen kann. Und am Donnerstag geht es darum, wie man sich gesellschaftsrechtlich aufstellen sollte, um den Markt in Brasilien zu erschließen, berichtet Seidler. Parallel dazu fragt der nächste Mandant nach einem Entwurf für eine Verschwiegenheitsvereinbarung für ein Forschungsprojekt mit einem Schweizer Pharmahersteller. Ein anderer muss in Bezug auf unberechtigte Gewährleistungsansprüche aus einer Warenlieferung nach Thailand vertreten werden. Der nächste will wissen, wie man den Kunden in der Ukraine zwingen kann, die gelieferte Maschine endlich abzunehmen, beschreibt der Fachanwalt. Hochgradig spannend, herausfordernd und abwechslungsreich findet er diesen Bereich.

Während Experten wie Seidler in Kanzleien beschäftigt sind, arbeiten viele Syndikusanwälte in den Unternehmen an ganz ähnlichen Fragestellungen. Sie haben aber nur einen Mandanten: ihren Arbeitgeber. So wie Alexandra Brüning, Syndikusanwältin bei Nestlé: Wie gut muss sie sich in den anderen Landesgesetzgebungen auskennen? »Es ist sicherlich von Vorteil, wenn man einen Überblick über die Gesetzeslage in anderen Ländern hat. Allerdings ist dies meines Erachtens grundsätzlich keine zwingende Voraussetzung, da in internationalen Konzernen im Allgemeinen jedes größere Land eine eigene Rechtsabteilung besitzt beziehungsweise vor Ort rechtlich beraten wird«, antwortet Brüning. »Sollten Syndizi also einen grenzüberschreitenden Sachverhalt zu bearbeiten haben, so können sie sich in der Regel jederzeit mit den entsprechenden Kollegen vor Ort austauschen.«

Vielseitige und abwechslungsreiche Aufgaben in einem Unternehmen

Ähnlich wie Nestlé hat auch Siemens Juristen an mehr als 60 ihrer Standorte, wie Syndikusanwältin Susanne Gropp-Stadler erklärt. Sie ist Abteilungsleiterin ›Gerichtliche Verfahren‹ und Inhouse-Counsel bei Siemens: »Die Aufgaben in einem Unternehmen sind sehr vielseitig und abwechslungsreich. Zudem können sich die Juristen auf ein Fachgebiet spezialisieren«, erklärt sie.

Spezialthemen gibt es viele. Beispielsweise im Bereich Compliance, der Einhaltung von nationalen und internationalen Gesetzen und Richtlinien. »Compliance betrifft einerseits die Korruptionsbekämpfung, andererseits die Einhaltung des Wettbewerbsrechts«, erklärt Prof. Dr. Volker Römermann, Rechtsanwalt und Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. »Alternative Konfliktbeilegung in Form von Schiedsverfahren oder Mediation hatte international schon immer eine deutlich größere Bedeutung als national, das gilt weiterhin. Natürlich geht es oft auch um Fragen, die sich aus neuen Medien ergeben: Auftreten am Markt per Social Web, Cyber-Crime, Datenschutz bei Handelsunternehmen«, erläutert er. Die Rechtsanwälte im internationalen Wirtschaftsrecht beschäftigen dann Fragen wie: »Wie präsentiert sich das Unternehmen in den sozialen Netzwerken? Was kann man gegen globale Hackerangriffe tun?«

Englisch als Grundvoraussetzung

Ein ungebrochener Trend ist Legal Tech, der Einsatz von Software in den Kanzleien. Ein wenig Technik-Affinität schadet daher nicht, wenn Absolventen ins internationale Wirtschaftsrecht wollen, rät Sebastian Seidler. Er beschäftigt sich zudem mit Gesellschafts- und Handelsrecht, vor allem in Bezug auf internationale Lieferbeziehungen und bearbeitet Themen wie gewerblichen Rechtsschutz, Wettbewerbs- oder Kartellrecht.

»In allen diesen Bereichen benötigen Einsteiger zwingend eine solide Kenntnis des internationalen Zivilprozessrechts und der Kollisionsregelungen des Internationalen Privatrechts. Ebenfalls zentral ist sicherlich das UN-Kaufrecht«, erklärt Seidler. Aber Kenntnisse in diesen Fachbereichen und Interesse an aktuellen Themen alleine genügen nicht. »Ohne Englisch geht nichts, völlig klar«, sagt Prof. Volker Römermann. Schulenglisch alleine reiche nicht, es sei wichtig, eine Zeit lang selbst im Ausland gewesen zu sein, um verhandlungssicher die Fremdsprache zu beherrschen.

»Erfahrung im Umgang mit anderen Mentalitäten können Studierende nicht hinreichend gewinnen, wenn sie ›nur in der eigenen Suppe schwimmen‹«, sagt Römermann. Er empfiehlt, neben Englisch, auch Spanisch und Französisch zu lernen und vielleicht auch Chinesisch oder Russisch. »Natürlich werden die jeweiligen Handelsbeziehungen zu diesen Ländern auch von der jeweiligen politischen Großwetterlage beeinflusst. Aber der Einfluss chinesischer Unternehmen in Deutschland steigt spürbar an, deswegen ist auch dieser Bereich nicht zu unterschätzen.« Juraabsolventen mit Fremdsprachenkenntnis und Interesse an topaktuellen Fragen können sich im internationalen Wirtschaftsrecht einen echten Namen machen. Die Trends im internationalen Wirtschaftsrecht: Compliance, Legal Tech, Social Media, Cyber-Crime und Datenschutz.


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