Walter Gietmann

Gerichtsvollzieher werden: Was kommt auf dich zu?

Walter Gietmann, Bundesvorsitzender des Deutschen Gerichtsvollzieher Bund (DGVZ) erklärt im Interview die Facetten seiner Arbeiten

Herr Gietmann, warum haben Sie sich für den Beruf des Gerichtsvollzieher entschieden?

Früher gab es im mittleren Justizdienst zwei Möglichkeiten der beruflichen Veränderung:

Zum einen konnte man sich für den Rechtspflegerberuf, eine Tätigkeit im Innendienst, oder für die Ausbildung zum Gerichtsvollzieher entscheiden – womit eine Außendiensttätigkeit, selbstständiges Arbeiten und viele Kontakte mit den Menschen vor Ort einhergehen. Deshalb wurde ich Gerichtsvollzieher.

Welche Inhalte gehören zur Ausbildung zum Gerichtsvollzieher?

Allgemein umfasst die Ausbildung, die deutschlandweit nicht einheitlich, sondern Sache der einzelnen Bundesländer ist, alle Bereiche des Zivilrechts – vom bürgerlichen Gesetzbuch und Zivilprozessordnung über Vollstreckungs-, Handels-, Wechsel- und Scheckrecht bis hin zum kompletten Zustellungswesen.

Die Ausbildung ist sehr komplex und es kommen immer wieder neue Inhalte hinzu wie Psychologie, da in den letzten Jahren die Gewalt gegen Gerichtsvollzieher deutlich zugenommen hat. Allgemein unterliegt die Ausbildung einem Wandel wie auch der Beruf des Gerichtsvollziehers selbst.

Inwieweit?

2013 kam es zu einer Reform der Sachaufklärung in der Zwangsvollstreckung, die mit einer erheblichen Ausweitung der Tätigkeit des Gerichtsvollziehers im Bereich der gütlichen Erledigungen verbunden war. Unter anderem sind Gerichtsvollzieher heute eine Art Mediator, die zwischen Schuldner und Gläubiger vermitteln, um beispielsweise einen vernünftigen Weg über Ratenzahlungen oder Vergleichsabschlüsse zu finden – als Alternative zu Zwangsmaßnahmen. Aber auch im Bereich der Zwangsvollstreckung sind neue Aufgaben wie Drittabfragen bei Behörden zur Aufklärung des Schuldnervermögens hinzugekommen. Das schlägt sich alles in der Ausbildung nieder, die mehr ausgedehnt werden müsste.

Woran denken Sie hier genau?

Wir vom Deutschen Gerichtsvollzieherbund fordern seit Jahren, dass die Ausbildung den Charakter der justiz-internen Fortbildung verlassen muss. Diese mindestens 20-monatige, auf die Ausbildung zum mittleren Justizdienst aufgesattelte Fortbildung reicht nicht mehr aus, um die ganzen beruflichen Inhalte zu erfüllen. Es ist an der Zeit, eine Hochschulausbildung anzustreben, in Baden-Württemberg ist dies bereits in Planung.

Die Akkreditierung läuft und das Studium soll am 1. September 2016 starten. Wir brauchen Nachwuchs! Die Personaldecke schrumpft, was auch daran liegt, dass in vielen Ländern der mittlere Justizdienst nicht mehr oder nicht mehr hinreichend ausgebildet wird. Hinzu kommt, dass immer weniger gewillt sind, diesen Beruf zu ergreifen, weil er oftmals auch anstregend und aufreibend ist. Aber Gerichtsvollzieher ist kein Beruf, sondern Berufung.

Was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit als Gerichtsvollzieher?

Der Beruf erlaubt gewisse Freiheiten: Ich kann selbstständig arbeiten, bin nicht an Dienststunden gebunden, was aber auch heißt, dass ich in der Regel mehr Stunden arbeite als im Innendienst. Außerdem betreibe und finanziere ich mein eigenes Dienstzimmer außerhalb des Amtsgerichts und ich beschäftige Mitarbeiter, wofür mir vom Staat Gebührenanteile überlassen werden.

Letztlich unterliege ich in meiner Berufsausübung nur der Kontrolle des Vollstreckungsgerichts – ansonsten als Beamter der Aufsicht durch den Direktor des Amtsgerichts, in dessen Bezirk ich tätig bin.

Inwieweit hat Ihr Arbeitspensum zugenommen – gibt es mehr Zwangsvollstreckungen?

Eher im Gegenteil: Die Zahl der Zwangsvollstreckungen war eine Zeitlang sogar rückläufig, weil der Erfolg hier nicht mehr gegeben ist. Die klassische Art der Zwangsvollstreckung – Pfändung eines Gegenstands, dessen Verwertung und Herausgabe des Erlöses an den Gläubiger – funktioniert immer weniger, weil der Wertverfall zu groß ist.

Früher hat es sich gelohnt, einen Videorekorder, der einen Kaufpreis von 2.000 Mark hatte, zu pfänden. Vergleichbare Geräte wie DVD-Player bekommt man heute bei einschlägigen Handelsketten für 50 Euro. Deshalb befindet sich der Beruf auch im Wandel: vom Vollstrecker hin zu einer Art Vermittler, um dem Gläubiger doch noch zu seinem Recht zu verhelfen. Hinzu kommt die Ausforschung des Schuldnervermögens, Vermögensauskünfte oder – wenn der Schuldner diese verweigert – die Auskunftseinholung bei Drittbehörden. Hier liegt die Grenze aber bei einer Mindesthauptforderung von 500 Euro.

Was muss passieren, damit Sie vor der Türe stehen?

Ohne einen rechtswirksamen Schuldtitel wird kein Gerichtsvollzieher vorbeischauen. Es muss immer eine rechtliche Grundlage vorliegen. Klassiker sind dabei Vollstreckungsbescheide, Gerichtsurteile oder Kostenbeschlüsse. Zudem gibt es noch Schuldtitel außerhalb der gerichtlichen Zuständigkeit – wie im Bereich der öffentlich-rechtlichen Forderungen, beispielsweise wenn Krankenkassenbeiträge nicht mehr gezahlt werden. Aber allgemein wird Sie ein Gerichtsvollzieher nur dann besuchen, wenn er einen entsprechenden Schuldtitel in der Hand trägt.

Wie hart müssen Sie in Ihrer Rolle als Vermittler sein?

Der Begriff ›Härte‹ gefällt mir nicht. Härte hat bei einer Vermittlertätigkeit wenig zu suchen, denn man muss mit Geschick und Konsequenz operieren. Natürlich geht es nicht, dass ein Schuldner sein Versprechen nicht einhält. In diesen Fällen muss ich konsequent sein und mit Maßnahmen, die das Vollstreckungsrecht vorsieht, ›drohen‹.

Wie viel Empathie lässt Ihr Beruf zu?

Empathie gehört dazu – andernfalls müsste ich das Mensch-Sein abschalten. Als Gerichtsvollzieher möchte ich aber noch Mensch sein dürfen. Dies ist auch die Maxime meines Handelns und solange ich den Beruf ausübe, wird sie es auch bleiben. Allerdings darf man es nicht übertreiben: übersteigertes Mitleid ist fehl am Platze. Oft genug trifft man auf menschliche Schicksale: Menschen, die durch Krankheit oder Arbeitsplatzverlust in die Schuldenfalle rutschen. Es ist klar, dass ich zu solchen Fällen anders hingehe als bei jemanden, der böswillig Schulden gemacht hat.

Allerdings sind diese Schuldner in der Minderheit. Die meisten Schuldner rutschen in die Schuldensituation rein. Das beginnt mit einem 500-Euro-Kredit, den sie in zwei Jahren zurückzahlen möchten. Fällt dann der Job oder der Nebenjob weg, beginnen die schleichenden Prozesse. Plötzlich können sie die Handy-Kosten nicht mehr bezahlen und im Endeffekt kann dies zu einer erstaunlichen Verschuldung führen. Viele übernehmen sich auch beim Hausbau und das Haus, das sie möglicherweise mit eigenen Händen gebaut haben, muss zwangsversteigert werden mit der Folge einer verbleibenden immensen Verschuldung.

Welcher Fall ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Es gibt einige Fälle, an die ich mich erinnern kann: Zum einen, weil sie mich menschlich berührt haben, zum anderen, weil ich bedroht worden bin. Schließlich trifft man nicht immer auf angenehme Menschen. Auch wenn mir manche Prügel androhen, muss ich konsequent bleiben.

Es kann auch sein, dass ich von Polizisten begleitet werde, wenn beispielsweise eine Durchsuchungsanordnung vorliegt, um in die Wohnung zu kommen oder bei der Durchführung von Zwangsräumungen und Verhaftungen aufgrund zivilrechtlicher Haftbefehle. In solchen Fällen muss ich mich durchsetzen und darf nicht zögerlich sein.

Fühlen Sie sich oft bedroht?

Insgesamt haben die Gewaltanwendungen körperlicher und verbaler Natur zugenommen und die Hemmschwelle hierfür ist mit Sicherheit gesunken. Allerdings haben wir damit weniger zu kämpfen als mit der Lethargie der Menschen. Wenn die Schuldner sich nicht mehr um ihre Probleme kümmern und wir keine Möglichkeit mehr haben, mit ihnen zu kommunizieren, werden oftmals Zwangsmaßnahmen fällig, die wiederum zu Beschimpfungen und Bedrohungen führen.

Wie reagieren die Schuldner allgemein auf Sie?

Wir haben feste Amtsbezirke und wenn man diese seit Jahren verwaltet, kennt man in der Regel die Menschen, mit denen man zu tun hat. Natürlich kommen immer wieder neue hinzu, manche fallen weg. Es ist einfacher, wenn man es schafft, ein vernünftiges, konstruktives Verhältnis – auch im Interesse der Gläubiger, die mich beauftragen – mit dem Schuldner aufzubauen, als wenn ich die Menschen nicht kenne oder sie sich querstellen. 


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