Thomas Reil und Heino Schöbel

Jurastudium und Bolognaprozess: Streitgespräch

Steht das klassische Jurastudium vor dem Aus, weil Bachelor und Master dem Staatsexamen den Rang ablaufen? Unsere zwei Experten im Streitgespräch. Es diskutieren Thomas Reil, Geschäftsführer der Akkreditierungsagentur Acquin, und Heino Schöbel vom Bayerischen Staatsaministerium der Justiz und für Verbraucher.

Herr Reil, Ihre Akkreditierungsagentur ist unter anderem dafür zuständig, Akkreditierungen von Bachelor- und Masterstudiengängen aller Fachrichtungen durchzuführen. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge beim Bolognaprozess für Juristen?

Reil: Derzeit gibt es einige Modellversuche in Mannheim, Dresden, Rostock oder an der Bucerius-Law-School in Hamburg. Aber es werden von Jahr zu Jahr mehr Universitäten, die in diese gestufte Struktur überwechseln.

Schöbel: Das glaube ich nicht, die Juristischen Fakultäten lehnen den Bolognaprozess vehement ab. Die Justizminister haben sich vor fünf Jahren einhellig gegen eine Übernahme der Bologna-Strukturen auf die Juristenausbildung ausgesprochen. Dann gab es aus den unterschiedlichsten Gründen aber vor etwa zwei Jahren Auf- und Abweichungen. Tatsache ist, dass gewisse Elemente des Bolognaprozesses bereits heute umgesetzt sind, nämlich beispielsweise die Internationalisierung, die Pflicht zur Fremdsprachen-Ausbildung oder die Profilierungsmöglichkeit für die Hochschulen. Eine Entscheidung über den Fortgang des Bolognaprozesses in der rechtswissenschaftlichen Ausbildung wird aber frühestens im Jahr 2011 erfolgen.

Können Sie kurz definieren, was der Bolognaprozess für Juristen bedeutet beziehungsweise bedeuten wird?

Schöbel: Für mich ist es ein Prozess, der ins Ungewisse führt, es ist eine Reform ohne Sinn und ohne erkennbares Ziel. Ich sehe keinen Grund und keine Notwendigkeit, einen international so renommierten Studiengang völlig umzukrempeln.

Reil: Die Bolognareform für Juristen bedeutet, dass Studierende ein besser strukturiertes universitäres Studium erhalten und der bisherige deutsche Sonderweg wegfällt. Deutschlands Juristenausbildung wird zwar auch heute schon vom Ausland honoriert, weil sie gute Juristen hervorbringt. Aber sie wird auch als ineffizient kritisiert, weil sie zu viel kostet und zu viele Studierende so ausbildet, als würden sie alle nachher in den Staatsdienst gehen. Das machen aber etwa nur zehn Prozent! Und das bedeutet, dass neun von zehn Jurastudentinnen und Jurastudenten durch eine ›Mühle‹ müssen, die sie nicht gezielt auf ihren künftigen Beruf vorbereitet.

Schöbel: Einspruch! Die derzeitige Juristenausbildung bildet selbstverständlich nicht nur für den Staat, sondern auch für die Anwaltschaft und die Wirtschaft aus.

Warum sprechen sich dann beispielsweise Anwaltskammern gegen den Bolognaprozess aus?

Reil: Weil ein Kammerwesen der Juristen darauf angelegt ist, Besitzstände zu wahren. Die öffentliche Hand gibt für die Referendariatsausbildung laut Aussage des Baden-Württembergischen Justizministers pro Jahr etwa eine halbe Milliarde Euro aus. Lobenswert ist das für die Ausbildung von zukünftigen Staatsdienern. Weil aber nur ein Bruchteil in den Staatsdienst geht, werden mit dem restlichen Geld Anwaltskanzleien subventioniert. Denn diesen werden teuer ausgebildete Referendare zur Verfügung gestellt. Es kann also kein Anliegen der Rechtsanwaltskammer sein, diese versteckte Subventionierung abzuschaffen.

Ein Ziel des Bolognaprozesses ist es, die Studienabschlüsse international vergleichbar zu machen.

Schöbel: Der Ansatz an sich ist vernünftig. Nur: Die Rechtsordnungen der europäischen 47 Mitgliedsstaaten, die sich am Bolognaprozess beteiligen, unterscheiden sich grundlegend. Das deutsche Recht entspricht nicht dem französischen Recht, das englische Recht nicht dem italienischen Recht. Es wird nicht gelingen, Abschlüsse vergleichbar zu machen, weil die Inhalte nicht vergleichbar sind. Hinzu kommt, dass das hohe Niveau der juristischen Ausbildung in Deutschland durch den Angleich an andere Länder eher gedrückt wird – zum Nachteil für die Absolventen.

Auch die Befürworter des Bolognaprozesses wollen die Qualität der deutschen Ausbildung erhalten, zumal sich die Staaten nun einmal auf den Bolognaprozess festgelegt haben.

Schöbel: Moment! Die Bologna-Erklärung hat keine rechtliche Verbindlichkeit, es ist eine schlichte politische Absichtserklärung. Andere Länder wie beispielsweise Österreich, Ungarn oder Italien folgen dieser Bologna- Erklärung auch nicht beziehungsweise nicht mehr. Hier wie auch bei uns wurde erkannt, dass es für Bachelorabsolventen in Jura kaum Arbeitsmöglichkeiten gibt.

Reil: Das ist schlicht falsch. Fragen Sie beispielsweise nach bei der Bucerius-Law- School. Hier werden seit einigen Jahren Bachelor- Studiengänge angeboten. Die Absolventen haben keine Probleme in den Arbeitsmarkt einzutreten oder einen Masterstudiengang zu beginnen, weder im In- noch im Ausland. Das Argument erinnert mich an eine ähnliche Diskussion, als die Fachhochschulen den Wirtschaftsjuristen eingeführt haben. Auch hier wurde behauptet, dass die Absolventen wahrscheinlich keine Stellen finden. Heute wissen wir, dass das Gegenteil richtig ist. Zudem bekommen die Studierenden durch die Einführung des Bachelor-Master- Systems erstmalig die Chance sich zu entscheiden, ob sie sechs Semester Jura studieren wollen, um dann die praktische Arbeit aufzunehmen oder und ob sie Volljuristen werden wollen, also den ganz normalen Weg weiter gehen. Oder sie können einen Master-Studiengang beispielsweise in Informationsrecht oder einen MBA-Studiengang wählen, um ihr Profil weiter zu schärfen. Bedenken Sie: Nach dem bisherigen Modell gibt es keine Wechselmöglichkeiten. Wenn Sie als Jurastudent nach dem vierten, fünften, sechsten oder siebten Semester oder vielleicht sogar erst nach dem ersten Staatsexamen für sich feststellen, dass Sie sich für das klassische Jura-Studium nicht weiter begeistern können, haben Sie verloren.

Schöbel: Die fehlenden Berufschancen künftiger Bachelor-Juristen hat der Fachausschuss der Justizministerien ermittelt. Der veröffentlichte Bericht ist nicht widerlegt.

Gerade von Juristen wird in besonderer Weise eine Qualifikation im Bereich Querdenkertum erwartet. Auch sind Praxiserfahrung und gegebenenfalls Auslandsaufenthalte unabdingbar für eine Karriere als Jurist. Wie passt das mit dem engen Studium des Bachelors zusammen?

Schöbel: Das Jura-Studium ist so organisiert, dass mir eine weitere Straffung unter keinen Umständen möglich erscheint. Wir hatten bereits vor Bologna bei Jura mit einer Dauer von 9,5 bis zehn Semestern einen der kürzesten Studiengänge überhaupt.

Befürchten Sie, dass ein Bachelorabsolvent als ›Schmalspurjurist‹ in das Berufsleben geht, weil er ›nur‹ sechs Semester studiert hat?

Schöbel: Nicht nur das. Ich würde diese Absolventen als Hartz-IV-Juristen bezeichnen. Denn in sechs Semestern kann niemand das notwendige Wissen für Juristen vermitteln, mit allen Konsequenzen für den Arbeitsmarkt.

Wobei wir dabei im Grunde genommen nur über das Faktenwissen sprechen …

Schöbel: Richtig. Zur Qualität eines Juristen gehört aber nicht nur das Faktenwissen, sondern beispielsweise auch Verständnis, Methodensicherheit und Überblick. Es ist ein Vorteil der deutschen Juristenausbildung, dass sie eben nicht auf auswendig Gelerntes abstellt, sondern versucht, Zusammenhänge und Strukturen zu erklären und den Absolventen zu befähigen, sich auch in andere Rechtsgebiete einzuordnen.

Reil: Das sehe ich anders: Der bisherige, tradierte, lange und ineffiziente Jura-Studiengang zwingt die Studierenden dazu, Zeit in Bereiche zu investieren, die sie bei ihrem individuellen Berufsziel gar nicht brauchen. Beim zweistufigen Modell, wie es beispielsweise in Mannheim angeboten wird, können sich Interessierte nur auf ihren Wunsch- Schwerpunkt Zivilrecht konzentrieren und sich dann nach sechs Semestern entscheiden, ob sie bis zum Staatsexamen weiter studieren wollen oder andere Berufswege einschlagen. Diese Möglichkeit fehlt im bisherigen System vollständig. Die Kammern wollen den Volljuristen, den Einheitsjuristen mit zwei Staatsexamen, möglichst mit zweimal Prädikat. Das bedeutet aber acht Semester Jurastudium mindestens plus Repetitorien plus zwei Jahre Referendariat, also mindestens sechs Jahre Ausbildung.

Bologna soll die Mobilität der Studierenden erhöhen, weil der Wechsel des Studienorts wegen der Vergleichbarkeit der Lehrinhalte leichter wird. Wie ist hier Ihre Einschätzung?

Schöbel: Eine größere Mobilität ist selbst in anderen Studiengängen nicht erreicht worden. Im Gegenteil: Die Mobilität ist hier sogar geringer geworden. Zudem sind Jura-Studenten im Vergleich zu anderen Studiengängen bereits jetzt relativ mobil, sie gehen häufiger als der durchschnittliche Student ins Ausland.

Reil: Auch hier muss ich deutlich widersprechen: Die Möglichkeiten für mehr Mobilität werden durch Bologna deutlich erhöht. Zum einen was die Auslandsaufenthalte anbelangt als auch was die Praxisphasen betrifft. Das liegt unter anderem daran, dass die Mobilität Teil des Bachelor-Master-Konzepts ist. Zudem wird die sogenannte ›vertikale Mobilität‹ deutlich steigen: Viele Bachelor-Absolventen wechseln an eine andere Hochschule im Inoder Ausland, um hier den Master zu machen. Und das, weil es wesentlich einfacher möglich ist als dies früher der Fall war.

Macht es für Studierende, die heute Jura studieren, überhaupt Sinn sich über den Bolognaprozess Gedanken zu machen? Der Zug – egal, in welche Richtung er geht – ist doch längst abgefahren? Letztlich bleibt doch nichts anderes übrig als abzuwarten, ob man mit dem tradierten Studium oder dem Nutzen des Bachelor-Masters-Systems auf das richtige Pferd gesetzt hat ...

Reil: Man müsste den Studierenden je nach Bundesland unterschiedliche Ratschläge geben. Denn wir können in der Tat erst ab 2011 eine Tendenzentscheidung erwarten. Diese aber wird sicherlich nicht zulasten der Studierenden gehen.


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