Quo Vadis, ihr Juristen?
Quo Vadis, ihr Juristen? Christophe Papke / Quelle:PHOTOCASE

Quo Vadis, ihr Juristen?

Aus nahezu allen Branchen hört man von Wandel und Digitalisierung, überall werden Branchennamen mit der Endung 4.0 versehen. Wie sieht das in der Juristerei aus?

Jura. Das bedeutet: viel lernen, viele Gesetzestexte und wer sich für den Abschluss mit Staatsexamen entscheidet: eine lange Zeit an der Uni. Dafür bekommen Jurastudenten, nach ihrem Studium gefragt, in den meisten Fällen ein wohlwollendes ›Oh‹ oder ein bewunderndes ›Ah‹ zu hören. Ja, Jura, das hat Hand und Fuß, da weiß jeder, was nach dem Studium kommt – anders als bei manch anderen Studiengängen, die auf den ersten Blick nicht verraten, wohin die Reise später gehen soll. Jurastudenten werden später mal Richter, Notare oder Anwälte und verdienen unwahrscheinlich viel Geld. Die Vorstellung, dass mancher Juraabsolvent keinen Job findet, weil der Abschluss nicht mit Auszeichnung bestanden wurde, galt lange Zeit als Mär. Doch ganz so einfach haben es Absolventen der Rechtswissenschaften schon lange nicht mehr. Ein Blick in einschlägige Internetforen, in denen sich Juraabsolventen tummeln und ihre Erfahrungen austauschen, reicht, um zu erkennen: Der Arbeitsmarkt für Juristen hat sich gewandelt. Ein paar Beispiele gefällig? »Ich hab mein 2. Staatsexamen im November letzten Jahres bestanden. Leider nur 6 Punkte. Im ersten waren es auch nur 6,5 Punkte. Jetzt bin ich arbeitslos, hab schon über 90 Bewerbungen geschrieben und auch Vorstellungsgespräche gehabt, aber find eben keinen Job.« Oder: »In keinem anderen Fach ist das ›Preis/Leistungs-Verhältnis‹ so schlecht  wie in Jura. Viele Juraanfänger haben ein gutes Abi. Nicht alle schaffen es bis zum Examen. Zuvor lernen sich alle mindestens 1,5 Jahre den Arsch ab. Trotzdem fallen noch 30 Prozent durch. Über 50 Prozent erreichen kein ›Befriedigend‹. Dann zwei Jahre Ref bei einem Gehalt, wie man es als Azubi schon nach dem Abi hätte haben können. Daran anschließend ein 2. Examen, das so hammerhart ist, dass nochmal 25 Prozent durchfallen. Und das ist noch die ›Positivauslese‹, die es bis dahin überhaupt geschafft hat!« Oder: »Nach Ende der Ausbildung vor jetzt fünf Jahren war ich arbeitslos oder habe mich mit mies bezahlten Aushilfsjobs rumgeplagt, im Bereich Jura hat sich für mich nichts ergeben. 08/15-Lebenslauf plus schlechte Examensnoten, keine Beziehungen – da kann man sein Zeugnis auch gleich in den Müll werfen weil es nichts wert ist. Irgendwann habe ich nach unzähligen Bewerbungen (und jeder Menge Absagen) eine Lehrstelle bekommen. Weit weg von Jura, viele Juristen würden auch sagen weit unter ›unserem Niveau‹. Mir was es total egal. Ich wurde nach der Ausbildung übernommen und verdiene mit meinem Beruf heute genug Geld.«

Natürlich sind das drei besonders herausstechende Beispiele, aber sie untermauern auch eine Entwicklung, die Simon Schmitt bestätigt. »Nach wie vor spielen die Noten der beiden Staatsexamina die ausschlaggebende Rolle in der Beurteilung von Juristen und insbesondere der juristisch-handwerklichen Fähigkeiten«, bestätigt der Senior Manager bei hemmerconsulting. Er betreut dort seit 2006 das Legal High Potentials Programm (LHPP) und den Associate Career Service (ACS) und berät Top-Juristen in allen Karrierefragen während des Referendariats und dem Berufseinstieg und steht Associates mit Berufserfahrung bei ihrer weiteren Karriereplanung unterstützend zur Seite. Neben den Noten spielen Schmitts Meinung nach auch weitere Aspekte eine Rolle, ob man nach dem Studium einen Job findet – oder eben nicht: »Prädikatsexamina sind nicht mehr automatisch eine Garantie für einen erfolgreichen Berufseinstieg beziehungsweise erfolgreiche Karriere. Auch wenn die Noten, im Vergleich zu anderen akademischen Fachgebieten, immer noch eine sehr dominante Rolle spielen, müssen Nachwuchsjuristen verstärkt zusätzliche Schlüsselqualifikationen aufbauen und sich weitere Kompetenzen aneignen, die das Gesamtprofil abrunden und es interessant für den Arbeitsmarkt macht.« Zu diesen Zusatzkompetenzen gehören »gute Fremdsprachenkenntnisse, insbesondere Englisch, – optimalerweise mit einem fachspezifischen Auslandaufenthalt unterlegt«, so Schmitt, der ergänzt: »Zusatzabschlüsse wie ein juristischen Masterabschluss (LL.M.) oder eine abgeschlossene Promotion werten ein Profil ebenfalls auf und sind immer ein schöner Zusatz. Auch relevante praktische Erfahrungen, sowohl während des Studiums als auch während des Referendariats, spielen eine immer wichtigere Rolle. Abschließend sollten auch die eher ›weichen‹ Faktoren wie beispielsweise rhetorische Fähigkeiten, Präsentationstechnik oder Führung von Mitarbeitern erwähnt werden.  Die Fertigkeit der sozialen Interaktion ist für den Juristen der Zukunft eine absolut wichtige Schlüsselqualifikation. Ein guter Jurist ist nicht nur fachlich brillant, sondern findet auch im Umgang mit Menschen den richtigen Ton.«

Ein durchaus anspruchsvolles Portfolio an Fähigkeiten, das Schmitt aufzählt und das Absolventen mitbringen sollten, wenn sie nicht von der Uni aufs Arbeitsamt gehen wollen. Die Gefahr ist dabei größer als noch vor ein par Jahren, schließlich sind 60 Prozent aller arbeitslosen Juristen unter 35 Jahre alt. Dabei sollten angehende Juristen auch ihre Arbeitsweise überdenken, findet Ingeborg Rakete-Dombek, Fachanwältin für Familienrecht: »Ich muss feststellen, dass die jungen Juristen zu einer nur ›fallbasierten‹ Arbeitsweise neigen. Es werden lediglich Entscheidungen recherchiert und herangezogen. Ich halte das für falsch: Als Anwälte haben wir die Aufgabe auch von der gängigen Rechtsprechung abweichende Meinungen zu vertreten und die Rechtsprechung zu zwingen, sich fortzuentwickeln. Nimmt man lediglich bereits ergangene Entscheidungen zum Maßstab seines Handelns, gibt es keine Entwicklungen mehr. Meine These ist, dass es die Anwaltschaft war, die zu einer starken Fortentwicklung des Rechts immer beigetragen hat. Mann muss also alles ›a.A.‹ heißt kennen und berücksichtigen.« Das heißt, so die Rechtsanwältin und Notarin weiter, eben auch, die Literatur, Kommentare und Aufsätze, lesen, nicht nur ergangene Entscheidungen und schon gar nicht nur die BGH-Entscheidungen. Natürlich müsse man diese kennen, schon um Haftungen zu vermeiden und den Mandanten nicht in sinnlose Rechtsstreitigkeiten zu jagen. Aber man dürfe auch Zweifel anmelden. Rakete-Dombek sieht dabei auch die Hochschulen in der Pflicht: »Die Hochschulen haben eine große Verantwortung dabei, die fallbasierte Arbeitsweise zugunsten der eigenen Abwägung, einer kritischen Sicht auf und der Einschätzung von Entscheidungen zurückzudrängen. Das nämlich würde eine Rückkehr zu einer diskussionsfreudigen Rechtskultur nämlich bedeuten. Effektiv und schnell Entscheidungen vorzubereiten oder zu fällen ist nicht immer auch gute Juristerei. Da die Referendarzeit nahezu ausschließlich auf den Richterberuf ausgerichtet ist, bleibt es an den Hochschulen hängen, die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln.« 

Doch wenn die Jobsuche nicht mehr so einfach ist, wie sie es mal war – was können angehende Juristen tun, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern? Auf welche Rechtsfelder sollten sie sich spezialisieren und welche Trends beachten? Fortbildung ist ein großes Thema in der Juristerei. Fachanwälte beispielsweise müssen jährlich mindestens 15 Stunden Fortbildungen nachweisen, sonst wird ihnen der Fachanwaltstitel entzogen. Viele Rechtsfelder verschmelzen zusehends, so dass sich neue Themen, erweiterte Rechtssprechungen, veränderte Rechtsgrundlagen ergeben. »Die juristische Ausbildung ist trotz Schwerpunktwahl an den Universitäten immer noch recht breit angelegt. Im Gegensatz dazu ist in der juristischen Praxis, insbesondere im Bereich der internationalen Großkanzleien, eine Spezialisierungstendenz zu erkennen, die in den letzten Jahren zugenommen hat. Die Komplexität in den jeweiligen Rechtsgebieten ist größer geworden, so dass ein eher generalistischer Einstieg ins Berufsleben immer schwieriger umzusetzen ist. Dies hängt vor allem mit der Internationalisierung des Tagesgeschäfts zusammen«, merkt zum Beispiel Simon Schmitt an. Gerade europäische Einflüsse würden bei dieser Thematik eine große Rolle spielen. Um auf hohen Niveau beraten zu können, sei es nicht mehr möglich, mehrere Rechtsgebiete in der Tiefe gleichzeitig abzudecken. »Um sich für den Arbeitsmarkt besser zu positionieren, kann es hilfreich sein, schon frühzeitig einen fachlichen Schwerpunkt in der Ausbildung zu setzen und diesen beispielsweise durch eine relevante wissenschaftliche Nebentätigkeit oder eine Dissertation zu untermauern. Dies führt am Ende der Ausbildung zu einem klareren Profil, welches wiederum den Berufseinstieg erleichtert«, resümiert Schmitt.

Auch Ingeborg Rakete-Dombek erkennt einen kontinuierlichen Wandel des Berufsbildes. Als Beispiel fügt sie den Fall des Werbeverbots an. »Anwälte sind keine Gewerbetreibenden. Dennoch sind sie Unternehmer. Ich denke, es werden voraussichtlich mehr Möglichkeiten zur Heimarbeit angeboten werden müssen – sowohl für die Anwälte, als auch für die Mitarbeiter. Auch die telefonische Betreuung muss immer und gut funktionieren. Man sollte sie nicht outsourcen, was in Bezug auf die Schweigepflicht problematisch ist, das Telefon kann aber auch dorthin umgeleitet werden, wo ich gerade bin. Ob die Mitarbeiterin am Telefon vor Ort sitzt, oder die Anwältin im Büro sitzt, dürfte zukünftig keine große Rolle mehr spielen.« Unverzichtbar blieben aber ein erster und manchmal auch ein wiederholter persönlicher Kontakt zu dem Mandanten. Von der sogenannten Online-Scheidung hält Rakete-Dombek daher nichts. »Es geht um ein persönliches Vertrauensverhältnis, das hergestellt werden muss, ähnlich wie beim Arzt. Und es muss eine Basis zu einer verlässlichen Zusammenarbeit geschaffen werden, deren Bedingungen auch beiden bekannt sind. Hierzu gehört eine gute Kommunikation.«

Einen weiteren Trend macht Rakete-Dombek insbesondere in ihrem Spezialgebiet, dem Familienrecht aus: »Mir scheint ein Trend zur Vermeidung der gerichtlichen Inanspruchnahme erkennbar. Wir werden also zunehmend beratend und bereits im Vorfeld einer Ehescheidung tätig, oder beteiligen uns an Bemühungen, vergleichsweise Lösungen zu erarbeiten. Die Gerichte sind ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen, dort wird ›gestritten‹, es können – insbesondere im Familienrecht – dort auch nicht alle Facetten der beiderseitigen Interessen im Hinblick auf eine Einigung ausgelotet werden. Dazu fehlt dem Gericht die Zeit.«

Ein wichtiges Thema ist auch die Digitalisierung. Auf die Frage, inwiefern die Digitalisierung den Berufsstand beinflusst, antwortet die 66-jährige Fachanwältin mit einem deutlichen Wort: »Massiv.« Ihre Erläuterung dazu: »Wir bekommen demnächst flächendeckend den elektronischen Rechtsverkehr mit den Gerichten, Papier wird dann nicht mehr versandt. Dies bedeutet, elektronische Postfächer einzurichten. Die Umstellung soll schon zum 1. Januar 2016 erfolgen können, verpflichtend für alle Anwälte wird der elektronische Rechtsverkehr erst zwei Jahre später«, so Rakete-Dombek. Eine klare Meinung zu diesem Thema vertritt auch Prof. Dr. Thomas Kania, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner in der Kanzlei Seitz. Er sagt: »Wir Juristen denken traditionell und nehmen an, dass wir so einzigartig sind, dass wir nicht wegdigitalisiert werden können. Das stimmt so nicht. Es gibt zum Beispiel auch im Arbeitsrecht standardisierte Prozesse, wie etwa Msuterarbeitsverträge oder die Sozialauswahl bei betriebsbedingten Kündigungen, in denen wir bereits mit unterstützenden Programmen, die Kollegen in den USA sogar schon mit ersetzenden Programmen arbeiten. Und das ist die Entwicklung: Dort, wo Standardisierung möglich ist, wird es digitale Standardisierung geben. Aber natürlich lebt unser Beruf auch von individueller Beratung und von individuellen Fällen.«

Bleibt noch die Frage, die sich viele angehende Juristen stellen – die nach dem Abschluss nämlich. Die Bachelorisierung des Jurastudiums ist nach wie vor umstritten. »Der Wirtschaftsjurist (LL.B. / LL.M.)  hat im Vergleich zum Volljuristen (1. und 2. Staatsexamen), trotz fachlich spezialisierter und häufig sehr guter Ausbildung, keinen Zugang zur Anwaltschaft. Im staatlichen Umfeld bestehen für den Wirtschaftsjuristen auch nur beschränkte Möglichkeiten. Trotz der Verbreiterung der juristischen Ausbildung (Bachelor/Master), ist die Ausbildung zum Volljuristen somit immer noch das Model, mit den breiteren Möglichkeiten«, stellt Simon Schmitt klar, schränkt aber im nächsten Atemzug ein: »Natürlich gibt es Überschneidungen bei den Einsatzmöglichkeiten der beiden Gruppen – beispielsweise bei Wirtschaftskanzleien, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Wirtschaftsunternehmen, Unternehmensberatungen oder Insolvenzverwaltungen. Aber gerade in Großkanzleien wird nur der Volljurist wirklich Karriere machen. Die Karriereperspektiven für Wirtschaftsjuristen sind dort sehr übersichtlich. In der Regel steigt man als Support Lawyer ein und hat so gut wie keine Aufstiegsmöglichkeiten.« Der normale Karriereweg in eine Kanzlei bliebe Absolventen versperrt und gleichzeitig verdiene man bis zu 50 Prozent weniger im Vergleich zum Berufseinsteiger mit 1. und 2. Staatsexamen, ergänzt der Senior Manager bei hemmerconsulting. Dafür habe man einen ähnlichen Belastungsgrad wie der Volljurist. Die Situation außerhalb der Kanzleiwelt sei jedoch positiver, weshalb man sich genau und frühzeitig überlegen solle, welchen Weg man wählen möchte, um seine beruflichen Ziele zu erreichen.

Thomas Kania hat »prinzipiell nichts gegen Masterabsolventen«, bemängelt aber die teilweise Orientierungslosigkeit von Studenten. »Wir hatten hier schon Praktikanten, die in eine bestimmte Richtung marschiert sind und irgendwann festgestellt haben, dass sie auf dem völlig falschen Gleis gelandet sind. Es gab zum Beispiel mal einen Praktikanten, der gemeint hat, mit seinem Abschluss als Wirtschaftsjurist in einer Wirtschaftskanzlei unterzukommen – das ist natürlich definitiv nicht der Fall.« Kania stellt klar: »Wer Anwalt werden möchte, braucht das Staatsexamen, sonst ist dieses weite Berufsfeld verschlossen. Wir beschäftigen ausschließlich Mitarbeiter mit Staatsexamen, weil wir gar keine Anwendungsbereiche für Bachelor- oder Masterabsolventen haben.« Es heißt also: Augen offen halten und einen klaren Plan verfolgen, wo und in welchem Rechtsfeld man später arbeiten möchte – und sich dabei sicher sein: Natürlich gibt es immer mal wieder Trends, sind Englischkenntnisse von wachsender Bedeutung und interdisziplinäres Denken zunehmend unabdingbar. Aber letztlich bleibt der Kern der Juristerei immer derselbe. 


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