Sprachführer Juristendeutsch
Sprachführer Juristendeutsch ovokuro / Quelle:PHOTOCASE

Sprachführer Juristendeutsch

Was Juristen in ihren Schriftsätzen beachten sollten

»Magnums und Uzis durchlöcherten den Tatort, oğlum, und du liegst danach dort tot rum, Straßenmorde, Tagesordnung«, dass diese Zeilen aus ›Chabos wissen wer der Babo ist‹ des vom Feuilleton gefeierten Rappers Haftbefehl keinen guten juristischen Text abgeben würden, obwohl sie eine Tat beschreiben, ist wohl allen klar. »Als Grundregel gilt in jedem anwaltlichen Schreiben, wie auch in nicht anwaltlichen Schreiben, die Umgangsformen zu wahren. Die Aussage eines Anwaltes: ›Ich habe Ihren Schriftsatz gelesen und laut gelacht‹ wurde beispielsweise vom Gericht als nicht akzeptabel deklariert«, erklärt Anwalt Jan Frederik Strasmann von edicted, die sich als Kanzleiassistenten für juristische Schriftsätze verstehen, die Kunden ›auftragsbasiertes Legal Outsourcing‹ bieten. Allerdings sollte man auch nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen: »Es irrt, wer glaubt, sich durch Fremdwörter die Aura von Kompetenz geben zu können«, warnen die Baker & McKenzie Partner Prof. Dr. Jörg Risse, aus Frankfurt am Main und Dr. Stephan Spehl aus München, »die Kunst besteht darin, für den Adressaten Schwieriges einfach und interessant darzustellen, ohne dabei flach zu werden. Ein guter Schriftsatz ist für den Adressaten geschrieben, nicht für den Verfasser und auch nicht für den Mandanten.« Prof. Dr. Stephan Lorenz von der LMU München rät deshalb zu »Kürze, Prägnanz und Sachlichkeit, eine klare, nicht redundante Darstellung des Sachverhalts, Klarheit des juristischen Arguments«. Denn: »Das Argument lebt durch Sprache.«

»Inhaltlich sollte man auch stets darauf achten, den Sachverhalt korrekt darzustellen, da dieser die Grundlage der rechtlichen Beurteilung darstellt«, führt Strasmann von edicted aus, »insbesondere muss genauestens darauf geachtet werden, etwaige Sachverhaltsdarstellungen der Gegenseite auf ihre Richtigkeit zu überprüfen und ihnen gegebenenfalls zu widersprechen, damit sie nicht als unstreitig gelten.«

Helfen kann für die systematische Aufarbeitung eines Falles der Gutachtenstil, den Prof. Dr. Lorenz als »unabdingbare Gedankenschule für jeden Juristen« bezeichnet. »Neben der Struktur beim Schreiben erlernt der angehende Jurist durch die Verwendung des Gutachtenstils auch eine strukturierte Denkweise und Analyse von juristischen Sachverhalten, die sich unbemerkt bis in den späteren Arbeitsalltag fortsetzt«, weiß man bei edicted. Die erfahrenen Juristen von Baker & McKenzie weisen jedoch darauf hin, dass der Stil im Arbeitsalltag zu gekünstelt wirkt: »Die ewigen Konjunktive will keiner lesen; der Anwalt braucht den Mut zum klaren Hauptsatz. Der Gutachtenstil bleibt aber ein wichtiges Denkwerkzeug des Anwalts, weil er zum disziplinierten Durchdenken des Falles zwingt und ein ›jumping at conclusions‹ verhindert. Nur schreiben sollte der Anwalt so nicht.«

Sprache: des Juristen stärkste Waffe

»Ich arbeite das Gewollte juristisch auf, überlege mir erst, was ich schreibe und konzipiere ohne Diktiergerät«, vereinfacht der LMU-Professor Lorenz und fügt mit Bedauern hinzu: »Leider greifen Anwälte selten zur Tastatur, sondern zum Diktiergerät – und das merkt man am Schriftsatz.« Einen schlechten Schriftsatz kann sich kein Anwalt erlauben. »Das Handwerkszeug des Anwalts ist die Sprache. Der beste Jurist erreicht gar nichts, wenn er seine brillanten Gedanken nicht sprachlich überzeugend vermitteln kann. Das ist auch der Grund, warum nicht jeder glänzende Jurist auch ein guter Anwalt ist«, wissen die Baker & McKenzie Partner. Sie haben auch wichtige Tipps zur Struktur parat: »Immer in zwei, strikt getrennten Schritten: Im ersten Schritt liegt der Fokus auf dem Inhalt, also auf den sachlichen und rechtlichen Argumenten. Im zweiten Schritt kommt es darauf an, den Inhalt sprachlich zu vermitteln. Wer als Anwalt meint, er könne in einem Arbeitsschritt juristisch stichhaltig und sprachlich überzeugend schreiben, überschätzt sich regelmäßig. Im zweiten Schritt ist vieles Technik, etwa, dass man die besten Argumente an den Anfang eines Schriftsatzes setzt.«

Wie lernt man aber überhaupt, sich schriftlich auszudrücken? »Gut schreiben zu können, ist weniger ein Talent als die Anwendung erlernbarer Fähigkeiten«, finden die Baker & McKenzie Partner Prof. Dr. Risse und Dr. Spehl. »Es hilft sehr die Bücher von Schreibprofis wie Wolf Schneider zu lesen und auf dieser Grundlage zu üben. Ansonsten hilft viel Lesen und viel Wissen: Wissen verhindert Schwadronieren.«

»Für Juristen ist ein regelmäßiges Lesen von juristischen Aufsätzen und Zeitschriften sowie Urteilen eine wichtige Grundlage, um die juristischen Sprachfähigkeiten zu verbessern«, sagt auch Anwalt Strasmann von edicted. Er empfiehlt, viel zu üben: »Das regelmäßige Schreiben von juristischen Texten, wie Klausuren, Hausarbeiten und Urteilen und die sorgfältige Analyse der Bewertung dieser Texte ist unerlässlich, um seine sprachlichen Fähigkeiten im juristischen Bereich zu verbessern.«

Mit besonderer Vorsicht zu genießen sind laut Prof. Dr. Risse und Dr. Spehl, »alle gekünstelten Ausdrücke und Evidenz-Appelle wie ›Klage ist geboten‹, ›frei erfunden‹, ›völlig‹, ›fraglos‹ und alle Füllwörter wie ›hiermit‹, ›an dieser Stelle‹, ›nichtsdestotrotz‹, ›aber‹, ›jedoch‹«. Wenn es um Verständlichkeit geht, hilft weder Phrasendreschen noch unverständliches Kauderwelsch. Anwalt Strasmann denkt, dass Fremdwörter dennoch nicht ganz Unnütz für den juristischen Alltag sind: »Es ist richtig, dass ein Anwalt viele Fremdwörter kennen sollte. Zum einen, um diese richtig anwenden zu können, und zum anderen, um diese verstehen zu können. Viele rechtliche Konstellationen werden mit meist lateinischen Bezeichnungen beschrieben und ermöglichen es, komplexe, rechtliche Konstellationen präzise und kurz zu benennen. So wird vielen Jurastudenten die ›dolo agit Einrede‹ bekannt sein, womit in drei Worten eine komplexe rechtliche Einrede dargestellt werden kann. Es ist für den Juristen unerlässlich, diese Fremdwörter zu kennen und zu verstehen, um eine juristische Konversation korrekt und präzise führen und verstehen zu können. Jedoch gilt bei Fremdwörtern stets die Regel, diese auch korrekt zu verwenden und damit nicht nur die eigene Unkenntnis zu verschleiern.« 


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