gemalter Mann schlägt im Buch etwas nach

Warum haben Anwälte ein schlechtes Image?

Das Dasein als Jurist ist kein Garant für Prestige, ganz im Gegenteil. Warum du trotzdem über ein Jurastudium nachdenken solltest, zeigen wir dir in diesem Artikel.

Dass Politiker unter einer dauerhaften Vertrauenskrise leiden, ist ein Dauerbrenner in den Medien: Regelmäßig bestätigen Umfragen, dass der deutsche Bürger im Allgemeinen nichts von den Frauen und Männern an den Strippen der Macht hält. Im Verborgenen fristet aber auch eine andere Berufsgruppe ein trauriges Dasein als Prestigeverlierer: die Juristen. Nur noch 27 Prozent der Bevölkerung vertrauen den ›Rechtsverdrehern‹ – Ende der 1990er Jahre waren es laut Institut für Demoskopie Allensbach noch 37 Prozent gewesen. Damit liegen Anwälte im Berufe-Ranking nun schon seit vielen Jahren weit abgeschlagen hinter Ärzten, Ingenieuren und Lehrern. Richter stehen deutlich besser da.

Woher kommt das schlechte Image der Rechtswissenschaftler?

Selbst der Deutsche Anwaltverein (DAV) weiß darauf keine befriedigende Antwort zu geben: »Sicherlich dürften einige Urteilsveröffentlichungen, wie beispielsweise die Bestätigung einer Kündigung wegen Diebstahls geringwertiger Sachen, eine Rolle spielen«, lautet die spröde Vermutung der anwaltlichen Interessenvertretung auf audimax- Anfrage.

Damit spielt der DAV auf ein berüchtigtes Skandal-Urteil aus dem Jahr 2009 an: In Berlin war damals eine Kündigungsschutzklage einer Kaiser’s-Kassiererin abgewiesen worden, die wegen angeblich unterschlagener Pfandbons von 1,30 Euro fristlos entlassen wurde. Doch einzelne Urteile, die auf den ersten Blick schräg erscheinen, reichen als Erklärung für den jahrelangen und dauerhaften Imageverlust der Berufsgruppe nicht aus. »Was man mit Sicherheit sagen kann: Anwälte haben nicht das Image, das sie verdient haben«, sagt Astrid Wannieck, Juristin und Marketingleiterin bei der D. A. S. Prozessfinanzierung AG, einem Unternehmen, das bei Klagen gegen Erlösbeteiligung Prozesskosten übernimmt und dabei mit zahlreichen Anwälten zusammenarbeitet. »Es mangelt an Grundvertrauen in die Anwaltschaft – vielleicht, weil die juristische Sprache für die meisten wie Fachchinesisch klingt, oder weil viele vermuten, dass Anwälte ihnen nur Geld abknöpfen wollen.«

Sollten Anwälte mehr geschätzt werden?

Solche Verdächtigungen ärgern Michael Opitz: »Dass wir mit unserer Arbeit als Juristen Rechtspflege betreiben und dazu beitragen, den Rechtsstaat beizubehalten, sollte in der Gesellschaft mehr geschätzt werden«, sagt der auf Erbrecht spezialisierte Anwalt, der in Regensburg eine Kanzlei betreibt. Die juristischen Berufe litten weniger an einer Imagekrise als an einem Wahrnehmungsverlust. Immer weniger Bürger wüssten, was Anwälte, Richter und Staatsanwälte eigentlich tun: den in Deutschland hochentwickelten Rechtsstaat anzuwenden. »Im Iran werden Homosexuelle hingerichtet, und selbst in den USA wird man bei der Einreise wie ein Krimineller behandelt«, sagt Opitz. »Dass wir verglichen damit hierzulande in einem Rechtsparadies leben, wird selten genug gewürdigt.« Michael Opitz jedenfalls ist trotz schlechter Umfragewerte stolz, zu der Berufsgruppe der Anwälte zu gehören: »Wissen Sie, es tut einfach gut, Menschen dabei zu helfen, zu ihrem Recht zu gelangen.«

Medien als Prügelknabe

Auf der Suche nach einem Grund für das geringe Ansehen von Juristen holen Verbände und Interessenvertreter gern einen alt gewordenen Prügelknaben hervor: die Medien, deren Vertreter im Beliebtheitsranking übrigens noch hinter Anwälten liegen. »Viele verwechseln die Realität mit der völlig verqueren Kino- und Fernsehwirklichkeit. Dort herrscht eine erschreckende Fehlvorstellung von den Abläufen in deutschen Gerichten«, sagt Andrea Titz, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Richterbundes und Oberstaatsanwältin in München. »Der Arbeitsalltag eines Juristen würde auf die meisten Menschen wahrscheinlich schockierend unglamourös wirken.«

Den charmant flirtenden Robert Redford in ›Staatsanwälte küsst man nicht‹ oder den verführerischen Keanu Reeves ›Im Auftrag des Teufels‹ – solche Anwälte gibt es nur im Kino. Und eine Richterin wie Barbara Salesch gibt es nur im Fernsehen. Die gleichnamige, seit über zehn erfolgreiche ›Gerichts- Show› des Senders Sat.1 zeigt hitzige Wortduelle zwischen Verteidigern und Staatsanwälten, aus dem Nichts auftauchende Beweisstücke, die die Unschuld des Angeklagten belegen, oder scheinbar harmlose Zeugen, die sich durch einen Versprecher überraschend als wahre Täter entlarven. »Völlig falsch«, urteilt Swen Walentowksi, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Anwaltvereins. »Auch dass hier meist der Richter beziehungsweise die Richterin als Hauptakteur gezeigt wird, ist völlig falsch. In Wahrheit ist es die Anwaltschaft, die die Prozesse mit ihrer Argumentation voranbringt.« Dieses durch die Medien vermittelte Bild habe natürlich einen großen Einfluss auf das gesellschaftliche Verständnis des Berufsstandes. »Man darf ja nicht vergessen, dass in der Regel ein Bürger nicht zu Gericht geht oder auch nur sehr selten – über einen langen Zeitraum.

Doch gerade weil der Großteil der Bürger nur äußerst selten Einblick in den juristischen Arbeitsalltag erhält, sieht Oberstaatsanwältin Andrea Titz auch Anlass zur Selbstkritik: »Natürlich ist es angesichts der umfassenden Desinformation in der Bevölkerung auch die Aufgabe der Justiz selbst, in die Öffentlichkeit zu gehen und offensiv daran zu arbeiten, wie sie wahrgenommen werden will.« Die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Richterbundes wünscht sich, dass angehende Juristen im Studium und während des Referendariats auch in Sachen Image, Auftreten und Kommunikation geschult werden.

Anwaltliche Rhetorik müsste geschult werden

Doch die Hochschulen vermitteln bislang ausschließlich die harte juristische Kost: »Es gibt kaum Hinweise auf anwaltliche Rhetorik noch auf das richtige Verhandeln oder aber auch über das Problem: Wie spreche ich mit meinem Mandanten über Geld?«, berichtet Swen Walentowski vom Deutschen Anwaltverein. »Diese harten Fakten lernt man tatsächlich nur in einer Kanzlei.«

Um dem anhaltenden Ansehensverlust der Juristen Einhalt zu gebieten, betreibt der DAV seit einigen Jahren Imagewerbung mit dem Slogan ›Vertrauen ist gut. Anwalt ist besser.‹ Anzeigen klären darüber auf, in welchen Situationen Anwälte helfen können. »Rund drei Viertel der Fälle, die in eine Kanzlei getragen werden, landen niemals vor Gericht, sondern werden von den beteiligten Anwälten außergerichtlich beigelegt. Dies führt zu einer erheblichen Befriedung der Gesellschaft«, erklärt Walentowksi die Motivation der Kampagne.

Trotz der Bemühungen des DAV erkennt Astrid Wannieck bei der D. A. S. Prozessfinanzierung AG einen »erheblichen Nachholbedarf im Bereich des Anwaltsmarketing«. Viele Juristen wüssten nicht, wie einfach Kontakt mit Mandanten aufgenommen werden könne: »Auch Kanzleien müssen heute unternehmerisch denken und sich beispielsweise optisch von Konkurrenten abgrenzen«, sagt Wannieck. Noch sei die Investitionsbereitschaft zur Imagepflege allerdings nur schwach ausgeprägt, insbesondere bei kleinen Kanzleien.

Auch bei der D. A. S. Prozessfinanzierung AG hat man Erfahrungen mit dem schlechten Image von Juristen gemacht. Das Unternehmen ist auf die gute Zusammenarbeit mit Anwälten angewiesen, die ihm Mandanten zuführen, deren Klagen durch den Dienstleister finanziert werden. »Wir haben uns entschlossen, gezielt das Image von Anwälten zu verbessern, mit denen wir seit vielen Jahren erfolgreich zusammenarbeiten «, berichtet Astrid Wannieck. »Und dabei sind wir von dem Grundprinzip ausgegangen, dass Vertrauen wächst, je näher man einen Menschen kennenlernt. « Unter dem Titel ›Legal Image‹ hat die D. A. S. Prozessfinanzierung AG vor zehn Monaten ein Online- Portal veröffentlicht, das unterhaltsame Magazin-Artikel mit sehr persönlichen Porträts und hochwertigen Fotografien von Anwälten verbindet. »Das Portal ist sehr gut angekommen. Wir erhalten immer mehr Anfragen von Anwälten, die auf legalimage.de vertreten sein wollen«, berichtet Wannieck.

Auch Michael Opitz aus Regensburg ist in ›Legal Image‹ vertreten. Seine Mandanten schätzen den Online-Auftritt und schauen sich sein Profil an, bevor sie ihn kontaktieren, berichtet der Anwalt. Um das Image der Juristen in der Gesellschaft langfristig zu verbessern, müsse jedoch in erster Linie der Nachwuchs eine überzeugte Haltung entwickeln: »Viele studieren Jura nur deshalb, weil man damit angeblich viel machen kann. Als Referendare haben sie dann keine Ahnung, was wirklich auf sie zukommt «, sagt Opitz und rät Studienanfängern: »Macht ein Praktikum und überzeugt euch davon, was Juristen wirklich tun – und lernt, diesen Beruf wertzuschätzen.«


Anzeige

Anzeige