viele Ordner aufeinander
Kartellrecht: Boombereich für Juristen Christian Schnettelker / Quelle: Flickr.com unter CC BY 2.0

Kartellrecht: Boombereich für Juristen

Die EU-Kommission geht immer konsequenter gegen Brecher des Kartellverbots vor. Der Bedarf an spezialisierten Anwälten steigt sprunghaft an.

Ein Horrorszenario für den deutschen Einzelhandel: Die Discounter-Riesen Aldi und Lidl fusionieren, beherrschen über zwei Drittel des Marktes und sprechen untereinander Produktpreise ab. Der Verbraucher hätte keine Wahl – ein Kartell wäre entstanden. »So etwas ist in Europa natürlich nicht erlaubt«, weiß Christian Miege, 32, aufs Kartellrecht spezialisierter Anwalt in der Großkanzlei Clifford Chance in Düsseldorf. »Die EU-Kommission und die nationalen Kartellbehörden wachen streng über die Einhaltung des Kartellrechts und verhängen bei Verstößen mittlerweile hohe Geldbußen.«

So brummte man der E.on Energie erst kürzlich eine Geldstrafe in Höhe von 38 Millionen Euro auf

In dem Unternehmen war eine Ermittlung wegen wettbewerbswidriger Verhaltensweisen auf dem deutschen Strommarkt gelaufen und über Nacht wurden wichtige Dokumente in einem versiegelten Raum der Münchener E.on-Niederlassung verstaut. Am nächsten Morgen war das Siegel gebrochen. »Unser Job ist es einerseits, Unternehmen zu beraten, die sich in derartigen Kartellverfahren befinden«, erklärt Miege. »Und natürlich arbeiten wir präventiv.« Als Anwalt im Kartellrecht geht sein Job sogar so weit, dass er Mitarbeiter schult, wie man sich bei einer Durchsuchung durch eine Behörde am besten verhält. »Kartellrechtliche Fragen können mit vielen Emotionen verbunden sein – gerade bei mittelständischen unternehmergeführten Betrieben«, berichtet Miege aus seinem Berufsalltag. »Oft ist man da der Leuchtturm im Sturm, der Orientierung und Ruhe vermitteln muss.« Auch bei großen Unternehmensübernahmen wird Rat gesucht: »Das heißt, wir beraten zum Beispiel Unternehmen aus dem Ausland, die in Deutschland investieren wollen, oder Fusionskandidaten, die ihren Zusammenschluss beim Bundeskartellamt oder der EU-Kommission anmelden müssen.«

Juristen, die sich auf das Kartellrecht spezialisiert haben, sind derzeit sehr gefragt: »Ich schätze die Berufschancen für diese Absolventengruppe als sehr gut ein«, bestätigt Prof. Dr. Torsten Körber vom Lehrstuhl für Kartellrecht an der Universität Göttingen. »Dass Kartellämter konsequenter vorgehen und immer höhere Geldbußen verhängen, ist ein Trend, der die vorbeugenden Maßnahmen in den Unternehmen verstärkt hat und den Beratungsbedarf wachsen lässt.« Ausgelöst wurde diese Entwicklung unter anderem durch eine Änderung im europäischen Kartellrecht im Jahr 2004: Seitdem müssen Unternehmen selbst prüfen, ob sie gegen das Kartellverbot verstoßen. »Inzwischen hat die EU im Kartellrecht die Führungsrolle von den USA übernommen«, urteilt Prof. Körber.

Dass der Bedarf an Kartellrechtsspezialisten so hoch ist, liegt auch am überschaubaren Angebot: »Die meisten Jurastudierenden halten das Kartellrecht für eine schwierige Materie und wählen andere Schwerpunkte«, weiß Prof. Körber. Richtig ist, dass man für die Arbeit im Kartellrecht auch betriebs- und volkswirtschaftliches Interesse und Wissen mitbringen muss. Arbeitgeber sind meist die renommierten Großkanzleien mit engen Kontakten zur Wirtschaft. So plant Baker & McKenzie, eine der international führenden Kanzleien im Wirtschaftsrecht, ihre Aktivitäten im Kartellrecht zu verstärken. Da das Kartellrecht wirtschaftliche Fachbereiche mit Jura verknüpft, suchen die Arbeitgeber vorrangig wirtschaftsaffine Rechtswissenschaftler. »Wer in unsere Kartellrechtsgruppe einsteigen will, sollte neben fachlichem Know-how vor allem unternehmerische Kompetenz, Erfahrungen im Projektmanagement und Teamgeist mitbringen «, sagt Claudia Trillig, Director Strategic Development bei Baker & McKenzie in Frankfurt am Main. »Außerdem erfordert die Arbeit an internationalen Mandaten sehr gute Englischkenntnisse.«

Nicolas Kredel hat den Bereich Kartellrecht bei Baker & McKenzie in Deutschland mit aufgebaut. Nach seinem Jurastudium in Bonn, Lausanne und München, seinem Referendariat in München und erster Berufserfahrung bei einer Düsseldorfer Großkanzlei, wechselte der heute 33-Jährige im vergangenen Jahr als Partner zu Baker & McKenzie. »Wir wollen unser Team vergrößern, weil das Kartellrecht zunehmend an Bedeutung gewinnt«, sagt Kredel. »Gerade im Mittelstand wird es den Unternehmern jetzt erst bewusst, wie wichtig das Thema für sie ist.« Der Jurist gelangte über sein »Steckenpferd Völker- und Europarecht«, über das er auch seine Promotion schrieb, an die Arbeit im Kartellrecht. Jobs in diesem Fachgebiet sind nichts für Juristen, die sich für das Recht in der Bürokratie interessieren, findet Nicolas Kredel. »In meinem Beruf ist man nah dran am Wirtschaftsleben. Die Mandanten stehen oft unter massivem Druck und man muss ausreichend Vertrauen aufbauen, ohne ihnen dabei nach dem Mund zu reden.« Die Spezialität von Baker & McKenzie sei das Wirken in internationalem Umfeld. »Da steht man schon mal vor der Frage: Ist der Zusammenschluss von zwei Unternehmen in China anmeldepflichtig?«

Derzeit arbeitet die EU-Kommission in Brüssel an einer neuen Richtlinie, die Sammelklagen von Verbrauchern möglich machen soll

Diese in den USA üblichen ›class actions‹ werden den Bedarf an kartellrechtlich spezialisierten Juristen noch einmal anfachen, schätzt Prof. Körber. »Solche Privatklagen, mit denen Verbraucher auch von Kartellrechtsverletzern Schadensersatz einfordern können, werden ein weiteres Betätigungsfeld eröffnen. « Kartellrecht sei auch keine technische Materie, wie von vielen vermutet, sondern sehr nah am Verbraucherschutz. »Kartellrecht ist keine seelenlose Angelegenheit, sondern bietet auch die Möglichkeit für sozial engagierte Menschen, attraktive Jobs zu finden.« Angehenden Juristen rät Körber deshalb, sich im Referendariat nicht treiben zu lassen, sondern gezielt Stationen in den Kartellbehörden von Bund und Ländern, bei spezialisierten Anwälten sowie bei der EU-Kommission anzustreben.

Auch Christian Miege hat nach seinem Masterabschluss mit Schwerpunkt Wettbewerbs- und Kartellrecht eine Station in Brüssel eingelegt. »Anfangs hatte ich keine konkrete Vorstellung vom Kartellrecht. Ich wollte in erster Linie weg von der Bürokratie und hinaus ins grenzüberschreitende, internationale Kartellrecht «, erzählt der Anwalt. Miege weiß, dass bei Bewerbern im Kartellrecht darauf geschaut wird, ob jemand über den juristischen Standard hinaus den Blick über den Tellerrand gewagt hat. Claudia Trillig von Baker & McKenzie bestätigt diesen Ansatz: »Den Standardtypus eines Anwalts suchen wir nicht, sondern talentierte und motivierte Juristen mit unternehmerischen Ambitionen, die Fairness und Respekt, Engagement und Selbstdisziplin mitbringen«


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