Wahlstation in New York?
Wahlstation in New York? Jerry Ferguson / Quelle: Flickr.com unter CC BY 2.0

Rechtsreferendare im Ausland

Während des Referendariats gibt es oft die Chance, internationale Erfahrungen zu sammeln.

»Start spreading the news, I’m leaving today«, trällerte Frank Sinatra fröhlich im Jahr 1977. »I’m the new Sinatra« wiederholt Jay-Z 2009. Beide inspiriert durch dieselbe Stadt, mit ihren tausend Lichtern und Wolkenkratzern. Die Stadt, der nachgesagt wird, dass sie niemals schläft und von der dennoch so viele Menschen träumen. Wenn Dirk Sievert, Associate bei Noerr LLP, aufwacht, ist der Traum allerdings nicht vorbei, sondern Realität. Für drei Jahre wurde er durch seine Kanzlei ins ›Representative Office‹ in New York entsandt. »In New York wird man belohnt, wenn man dran bleibt und hartnäckig ist. Die Amerikaner haben eine ganz andere Herangehensweise sowohl im Juristischen als auch im Networking. Man braucht eine gute Portion Selbstbewusstsein und Mut, dann ist man hier richtig.« Schon als frischgebackener Bachelorabsolvent, mit dem ersten Uniabschluss in der Tasche versuchte er den Sprung über den großen Teich. 


Der international anerkannte Abschluss machte sich jedoch nicht so bezahlt, wie er es erwartet hatte. »Den Bachelor habe ich studiert, da er als international anerkannter Abschluss gilt. Ich dachte mir damals, es wäre eine super Gelegenheit, um ins Ausland zu gehen und meinen Master zu machen. Ich habe mich dann mit meinem Abschluss in den USA an verschiedenen Unis beworben und musste leider feststellen, dass in den USA der Bachelor doch nicht so anerkannt war. Hier hat man mir damals mitgeteilt, dass ohne Staatsexamen eine Zulassung nicht möglich ist und dass dies die Standardvoraussetzung für Deutsche sei.« Nach bestandenem Staatsexamen klappte es dann zum Glück endlich. Doch als die Referendariatsstelle schon fast greifbar war, kam die Wirtschaftskrise und zog erst mal einen Strich unter den ersehnten Einstieg bei einer New Yorker Kanzlei. »Ende Januar findet organisiert durch die New York University immer eine große Jobfair statt. Da ich das Auslandsthema einfach nicht loslassen konnte, habe ich mich nach Referendariatsstellen umgesehen, bei denen man zumindest die Wahlstation im Ausland verbringen konnte. Oft wurde mir gesagt ›Machen Sie doch erstmal die Anwaltsstation bei uns‹. Noerr allerdings war für das Thema von Anfang an offen.« 

Wahlstation in New York

Zur selben Zeit, in der selben Stadt sitzt Christina Zapf bereits im Büro von Freshfields Bruckhaus Deringer und absolviert ihre Wahlstation genau so, wie Dirk es später auch tun wird. »Ich habe mich bei Freshfields ursprünglich auf eine Teilzeitstelle als wissenschaftliche Hilfskraft beworben, um meine Doktorarbeit zu finanzieren. Allerdings kristallisierte sich beim Schreiben heraus, dass die Doktorarbeit und ich doch nicht so das Dream-Team waren. Also habe ich mich entschieden, mein Referendariat zu machen und die Anwaltsstation im Kapitalrecht zu absolvieren. Auch wegen des tollen Frankfurter Teams bin ich bei Freshfields geblieben, wollte aber unbedingt noch ins Ausland. In Frage kamen New York und London. Mit dem New Yorker Büro hat es dann geklappt.«

Kaum angekommen traf die Wirtschaftskrise den amerikanischen Markt und machte die Aufgaben am ›German Desk‹ von Freshfields, das hauptsächlich für amerikanische Kunden arbeitet, die im deutschen Markt investieren wollen, zu einer überschaubaren Angelegenheit. »So hatte ich sehr flexible Arbeitszeiten und konnte mir den Kleinmädchentraum erfüllen, die Fifth Avenue entlang zu laufen, die wirklich riesengroße Stadt zu Fuß zu erkunden, im Central Park Schlittschuh zu laufen und all das von New York zu sehen, das man sonst nur aus Filmen kennt.«
 

Karriere bei Linklaters: Von London nach Dubai

Hätte sich Zapf für London entschieden, wäre es ihr wahrscheinlich ganz anders ergangen. Eher so wie Lynn-Albert Brandes von Linklaters LLP. »Ich habe vier Jahre im Bankrecht in London gearbeitet, bis die Frage nach dem nächsten Karriereschritt aufkam. Somit war ich auch dort, als Lehman Brothers Insolvenz angemeldet haben. Linklaters war die beratende Kanzlei für PwC, die hier als Insolvenzverwalter agierten. Ich weiß noch, dass damals am 15. September 2008 morgens bei uns im Büro der Insolvenzvertrag unterzeichnet wurde und am Dienstag morgen um acht war ich, zusammen mit einem Team von zehn, 15 Leuten, einer der Ersten, die mit dem Taxi in die Investmentbank gefahren wurden. Wir haben mit Laptops auf den Knien arbeitend im Gang gesessen.« Heute arbeitet Lynn-Albert Brandes als Managing Associate im Dubai Büro von Linklaters und stellt sich ganz anderen Herausforderungen. »Dubai ist eine sehr globale Stadt. Sie ist zwar einerseits islamisch und konservativ geprägt, andererseits ist hier Religion auch ein viel offeneres Thema, als man es aus Europa kennt. Das beeinflusst auch das Geschäftsleben. Wie in meinem Fall speziell ›islamic finance‹. Lokale Transaktionen müssen mit der Sharia vereinbar sein und sich nach den unterschiedlichen Schulen des Koran ausrichten. Gleichzeitig ist Dubai sehr international, sodass man im Supermarkt Dinge aus der Heimat antrifft und sich, wenn man dies nicht aktiv versucht, gar nicht umstellen muss. Da gibt es definitiv Städte auf der Erde, wo der Unterschied deutlicher wäre.«
 

Als Jurist im Kongo: Menschenrechte

Wie zum Beispiel in kongolesischen Kinshasa. »Wenn man hier mit seiner deutschen Gründlichkeit und dem Arbeitstempo etwas werden möchte, stößt man sehr schnell an seine Grenzen. Hier geht alles ein wenig langsamer, Stromausfälle, Staus, das andere Verständnis von Planung und Zeit sowie die unterschiedlichen Auffassungen von Teamarbeit erschweren die Arbeit manchmal zusätzlich«, sagt Annette Reimer, die für die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) für den Zivilen Friedensdienst seit 2010 in der afrikanischen Millionenstadt arbeitet.

Die 49-jährige Juristin, die sich vom Staatsdienst beurlauben ließ, hat sich bewusst für die Organisation entschieden. »Meine Eltern waren aktiv an der ›Wende‹ der DDR beteiligt, mein Großvater war ein großer Verfechter von Menschlichkeit und Gerechtigkeit und mein Vorbild – diese Prinzipien sehe ich hier vereinigt.« Nah an den Bedürfnissen der Bevölkerung zu sein, begeistert sie noch heute. Täglich arbeitet sie daran, die Gesetzgebung über Sexualstraftaten in der Bevölkerung bekannt zu machen – vor allem bei Frauenvereinigungen, denn »viele Frauen kennen ihre Rechte nicht«. Dabei stößt die Juristin, die in ihrer Karriere als Anwältin bereits in der Politik und in Leitungspositionen gearbeitet hat, oft an Grenzen. Auf Fragen wie »Was nützt es, seine Rechte zu kennen, wenn man kein Geld hat, sie einzuklagen?« versucht sie Antworten zu finden. Sie hat schon vieles erreicht, weitere Ziele warten noch. »Innerhalb meines Drei-Jahres-Projekts möchte ich das Gender-Thema in unsere Organisation implementieren, diese in allen Programmen hinsichtlich Wald, Landwirtschaft, Rohstoffe und Zivilgesellschaft umsetzen und Aufklärungsarbeit über Frauenrechte leisten«, zählt Reimer auf. Dafür muss sie sich mit den entsprechenden französischen Gesetzestextes auseinandersetzen, klärt die Inhalte mit ihren kongolesischen Kollegen ab und plant gemeinsam die Umsetzung der Aktivitäten. Doch nicht nur die berufliche Herausforderung treibt sie an: »Ich möchte weiterhin in der Lage sein, für alles offen zu sein – ohne Vorurteile.«

»Es gilt, immer genau hinzuschauen«, fällt Dr. Kafui Sandra Hammes-Afanou dazu ein. »Im Studium habe ich gelernt, dass Menschenrechte universell sind. Ich musste feststellen, dass dies nicht gilt, wenn damit ein Interesse an Öl oder Rohstoffen verbunden ist.« Die 44-Jährige arbeitet seit 2009 wie Annette Reimer für die AGEH als Beraterin für Menschenrechts- und ›Advocacyarbeit‹ bei der nichtstaatlichen Menschenrechtsorganisation ›Association Africaine de Défense des Droits de l’Homme‹ (ASADHO). Schon bei der Studienwahl war Hammes-Afanou klar, dass sie gegen die Ungerechtigkeit in der Welt kämpfen möchte. Aus diesem Grund behandelte sie in ihrer Doktorarbeit Menschenrechte und hat nie eine Kanzleikarriere in Betracht gezogen. Für den Zivilen Friedensdienst hat sie sich entschieden, weil sie überzeugt davon ist »mit Waffen keinen Frieden erzielen zu können« – und das Programm ermöglicht ihr genau das: Friedensarbeit mit Fortbildungsarbeit auf lokaler Ebene zu verbinden. Sie kämpft für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte und gegen sexuelle Gewalt an Frauen. Für ihren Einsatz hat sie sich gut vorbereitet. Zusammen mit der AGEH hat sie ein Kursprogramm verfasst, hat Kurse wie interkulturelle Kommunikation, Landeskunde und Öffentlichkeitsarbeit besucht und ist nach Burundi geflogen, um den Projektpartner von ASADHO zu treffen. Trotzdem: Eine noch so gute Vorbereitung stößt an Grenzen, wenn gegebene Umstände Handlungsmöglichkeiten beschneiden: »Im kongolesischen Justizapparat herrscht eine unglaubliche Korruption. Es ist manchmal sehr schwierig, die Opfer davon zu überzeugen, die Täter anzuzeigen. Viele Afrikaner gehen nicht gerne vor Gericht«, erklärt die Juristin. Um ihren Zielen näherzukommen, möchte sie in diesem Jahr 100 Parajuristen ausbilden und noch einen Bericht über die Arbeitsbedingungen von Kindern, die in Minen arbeiten, schreiben. Hammes-Afanou ist in ihrem letzten Jahr im Kongo und obwohl sie neben vielen Erfolgserlebnissen auch schreckliche Dinge erlebt hat, legt sie jedem Studenten einen Auslandsaufenthalt ans Herz: »Die Möglichkeit, andere Rechtssysteme kennenzulernen, ist eine unschätzbare Bereicherung. Selbst für diejenigen, die später eine Kanzleikarriere oder den Staatsdienst anstreben.«

 

Kanzlei oder internationale Organisation?

Wo ihr Weg sie hinführen wird, kann Noa Kumpf noch nicht sagen: »Im Moment stehe ich am Scheideweg – zurück in die Kanzlei oder doch lieber in eine internationalen Organisation?« Die 28-Jährige hat viele Möglichkeiten, weil sie bereits umfassende Erfahrungen sammeln konnte. Nach ihrem Mathematik- und Wirtschaftsstudium an der London School of Economics und ihrem Jurastudium an der Londoner City Law School hat sie ihr Referendariat in der Wirtschaftskanzlei Clifford Chance absolviert. Im Zuge ihrer Ausbildung hat sie sechs Monate in Moskau gearbeitet – nach ihrer Anwaltszulassung in Wales und England zog sie es 2009 in den Nahen Osten, der schon immer einer ihrer Interessens- und Studienschwerpunkte war – außerdem wollte sie ihre Arabischkenntnisse verbessern. In Hafez, einer Arbitration-Boutiquefirma in Kairo, fand sie ein Unternehmen, bei dem sie an ihrer Spezialisierung auf die Bereiche Energie- und Völkerrecht sowie Arbitration weiterarbeiten konnte.Drei Jahre hat sie in Ägypten verbracht, spricht mittlerweile fließend Arabisch und ist »froh darüber, diese Jahre der Revolution miterleben« zu dürfen. Langfristig möchte sie einer Tätigkeit nachgehen, die der nahöstlich-europäischen Verständigung zu Gute kommt und die Deutschland und den Nahen Osten geographisch verbindet. Um ihrem Ziel näher zu kommen, macht sie gerade ihren Master of the Science of Law an der Stanford Law School, der teilweise vom DAAD durch ein LL.M-Stipendium, teils mittels eines Stipendiums der Universität Stanford finanziert wird. Das Studium und die Vorbereitungen auf ihre Doktorarbeit erlauben ihr, sich intensiv auf ihre Interessen zu konzentrieren: Internationales Investitions- und Energierecht und den Nahen Osten. Im Sommer plant sie aber erstmal, eine weitere Anwaltsprüfung abzulegen – in New York.


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