Selbstständigkeit als Jurist: Hast du das Zeug dazu?

10.000 Jura-Absolventen verlassen jährlich die Hochschule. Die Wenigsten davon wagen den Sprung in die Selbstständigkeit. Warum ist das eigentlich so und welche Perspektiven bietet einen Selbstständigkeit als Jurist?

Vorteile der Selbstständigkeit als Jurist

Auf das Angestellten-Dasein in einer Kanzlei ist Viola Bicking immer noch schlecht zu sprechen:

»Schlechte Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung, schlechte Atmosphäre«
– das seien nicht nur ihre Erfahrungen. Zudem gebe es kaum Möglichkeiten sich weiterzuentwickeln und eigene Ideen im Umgang mit Mandanten, Kollegen, Richtern und Rechtsthemen zu entwickeln, resümiert die 33-Jährige.

»Wer die Selbstständigkeit als Anwalt anstrebt, muss nicht nur ein beruflicher ›Allrounder‹ sein. Er oder sie muss auch in der Lage sein, die Zähne zusammenzubeißen und Nervenstärke zu beweisen.«

Viola Bicking, Kanzlei Goldrecht, Bielefeld



Deshalb habe sie schon nach kurzer Zeit die eigene Akte als Angestellte einer Kanzlei geschlossen und sich selbstständig gemacht. Über die Arbeitsagentur erfuhr sie, dass in Bielefeld ein Platz in einer Bürogemeinschaft frei geworden war.

Sie bemühte sich erfolgreich um finanzielle Unterstützung von der Bundesagentur für Arbeit und der KfW-Bank. Seit mittlerweile zwei Jahren arbeitet sie nun mit eigenem Klingelschild – und auf eigene Rechnung. »Gerade in der Anfangszeit hatte ich immer wieder schlaflose Nächte«, sagt sie. Immerhin muss Viola Bicking ihre gesamten Betriebsausgaben – von den Bürokosten bis zur Schreibkraft – jeden Monat aufs Neue erwirtschaften.

Bleiben die Mandanten aus, kann sie nicht mehr zahlen. »Ich muss zudem damit rechnen, dass manche Mandanten nicht oder nur verspätet überweisen und auch derartige Risiken von Anfang an mit einkalkulieren«, erzählt sie. Das allerdings sei ihr von Anfang an klar gewesen: »Ich wollte mich nicht ‘trotz’ des Risikos, sondern ein Stück weit auch ‘wegen’ des Risikos selbstständig machen.« Selbstständigkeit, das sei auch eine Typenfrage: »Ich bin keine Juristin, die die vermeintliche Geborgenheit eines Arbeitsvertrages braucht und bereit ist, den ganzen Tag Auftragsarbeiten an einem fremden Schreibtisch im Kämmerlein zu übernehmen.« Wer, wie sie, bereits in Schule und Studium die Unabhängigkeit zu schätzen gelernt hat und sich ungern etwas habe sagen lassen, für den sei die Selbstständigkeit ein richtiger und oft auch »erlösender« Schritt. 

Selbstständigkeit gut überlegen!

Dass die Entscheidung zur Selbstständigkeit dabei wohlüberlegt sein muss, betont Thomas Remmers. Der Rechtsanwalt und Notar ist Vorsitzender des Ausschusses ‘Juristenausbildung’ bei der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK). »Selbstständigkeit ist nicht zwangsläufig ein Selbstläufer«, erklärt Remmers. Deshalb empfiehlt er dringend, zunächst in Kanzleien eigene Erfahrungen zu sammeln, um einige Jahre später als selbstständiger Anwalt darauf aufbauen zu können. Zudem, so Remmers, sollten Interessierte in jedem Fall bereits im Vorfeld bei den Anwaltskammern Rat suchen.

»Wer sich selbstständig machen will, sollte sich klarmachen, dass er deut - lich häufiger als bei einer Festanstellung in einer Kanzlei nicht nur als Anwalt tätig ist, sondern auch unter - nehmerische Qualitäten haben oder entwickeln muss, um den Betrieb ›Anwaltsbüro‹ führen zu können.«

Dr. Thomas Remmers, Stobbe Rechtsanwälte Hannover, Vorsitzender des Ausschusses ‘Juristenausbildung’ bei der Bundesrechtsanwaltskammer.

Auch die IHK bietet entsprechende, wenn auch nicht auf den Anwaltsberuf spezialisierte Existenzgründungskurse an. Überlegenswert sei zudem, sich in den ersten Jahren als Selbstständiger zunächst eher an allgemeinen juristischen Themen zu orientieren und später, wenn die wirtschaftlichen Grundlagen vorhanden sind, zu überlegen, sich weiter zu spezialisieren. Wer sich als Anwalt selbstständig machen will, müsse zudem wissen, dass er in der Regel weniger Zeit für seinen eigentlichen Beruf aufwenden kann.

»Nach meiner Erfahrung sind es etwa 50 Prozent Jura und 50 Prozent organisatorische und betriebswirtschaftliche Aufgaben«, rechnet Viola Bicking vor. Während das Studium auf die ersten 50 Prozent vorbereite, sei das Bewältigen der zweiten 50 Prozent eher mit einem »Sprung ins kalte Wasser« zu vergleichen. »An der Uni und oft genug auch im Referendariat lernt man in der Regel nicht, wie eine Akte angelegt werden muss, gewinnt keine Erfahrungen im Kostenrecht und arbeitet kaum mit Mandanten zusammen«, sagt sie. All dies aber komme auf Selbstständige wie selbstverständlich zu.

»Natürlich«, meint Bicking, »ist es sinnvoll sich bei der Auswahl der Referendariate oder etwa durch das Absolvieren von zusätzlichen Kursen auf die Selbstständigkeit vorzubereiten. « Die eigentliche Erfahrung aber könne man letztlich nur ‘onthe- job’ machen: »So wichtig Trockenübungen sind: Das Schwimmen lernen kann man auch als Anwalt nur im Wasser.«