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Juristen bei Banken und Versicherungen Mediababe / Quelle:PHOTOCASE

Juristen bei Banken und Versicherungen

Konzern statt Kanzlei: In Banken und Versicherungen haben Juristen vielfältige Aufgaben

Krimiautor John Grisham gelingt es immer wieder, seine Leser mit spannenden Geschichten zu fesseln und ihnen den Atem stocken zu lassen. Der Schriftsteller und Rechtsanwalt schafft es aber auch, Menschen für die Juristerei zu begeistern. So zum Beispiel Frederic Neu, der Rechtswissenschaften an der Uni Augsburg studiert hat. Romane von Grisham und eine Arbeitsgemeinschaft ›Recht‹ an der Schule haben sein Interesse dafür geweckt. Dennoch spielt sich sein Arbeitsleben nicht in einem Gerichtssaal ab, denn der Jurist ist Generalist und der 29-jährige Neu Trainee bei Munich Re, einem der weltweit größten Rückversicherer.

»Keine Kanzlei und kein Gericht bietet mir so viele Entwicklungsmöglichkeiten und Tätigkeitsschwerpunkte wie ein Global Player in der Wirtschaft. Hier lerne ich unterschiedlichste Rechtsgebiete kennen und habe darüber hinaus auch die Gelegenheit, später ins Ausland zu wechseln«, begründet Neu seine Entscheidung für einen Versicherungskonzern. Die Vielfalt und das internationale Umfeld gefallen ihm besonders gut an seiner Arbeit. Fast die Hälfte seiner Kollegen kommen aus dem Ausland und da Munich Re Märkte auf der ganzen Welt betreut, haben auch seine Aufgaben globalen Charakter. »Momentan erstelle ich ein Rechtsgutachten zu einem US-amerikanischen Rechtsproblem und prüfe Haftungs- und Deckungsfragen eines großen Wirtschaftsfalles«, beschreibt Neu. Sein Arbeitstag richtet sich je nach Tagesgeschehen. Normalerweise prüft er Haftungsfälle und erstellt Gutachten. Ereignet sich jedoch ein potenzieller Großschaden, »rückt alles andere in den Hintergrund«.

Tatsächlich sind Juristen in einer Versicherung nicht nur in der Rechtsabteilung gefragt, sondern zum Beispiel auch in einer Schadenabteilung, im Underwriting oder im Personalwesen.

Sabrina Schweitzer etwa arbeitet in der Grundsatzabteilung Krankenversicherung bei der Debeka. Genau wie Neu hat sie bei einem Praktikum während des Studiums in den Versicherungsbereich geschnuppert und Gefallen daran gefunden. Als Schwerpunkt in ihrem Studium der Rechtswissenschaft an der Uni Trier hat die 30-Jährige Arbeits- und Sozialrecht gewählt. »Hierbei habe ich mich unter anderem mit dem gesetzlichen Krankenversicherungsrecht auseinandergesetzt. Neben dem bürgerlichen Recht und dem Versicherungsvertragsrecht kommt mir dieses Wissen, auch wenn die Debeka ein Privatunternehmen ist, häufig zugute. Nach dem ersten Staatsexamen stand für mich fest, dass ich im Bereich Krankenversicherung tätig werden möchte. Dies habe ich vor circa einem Jahr bei der Debeka in die Tat umgesetzt«, erzählt sie. Gegen einen Job in einer Kanzlei oder einem Gericht hat sich Schweitzer entschieden, weil bei beiden Berufsbildern kaum im Team gearbeitet wird und sie das vermissen würde. »Ein Richter beispielsweise ist in seinem Arbeitsalltag überwiegend allein und muss in den meisten Fällen seine Entscheidungen alleine treffen. Mir gefällt es jedoch, durch Diskussionen Impulse und Denkanstöße zu erhalten, die am Ende zu einer Lösung führen. In meinem Job begleitet man in der Regel das gesamte Gesetzgebungsverfahren. Man hat, was die unternehmerische Umsetzung angeht, einen Gestaltungs- und Einwirkungsspielraum. Ein Anwalt kommt häufig erst ins Spiel, wenn schon Probleme vorhanden sind. Selten kann vorher eingewirkt werden, um Probleme zu vermeiden«, sagt Schweitzer.

Genau das ist aber in ihrer Tätigkeit möglich. Zuletzt hat sie an einem Projekt mitgearbeitet, bei dem sie das Gesetz zur Beseitigung sozialer Überforderung bei Beitragsschulden in der Krankenversicherung umgesetzt sowie den einhergehenden Notlagentarif eingeführt hat. »Neben der rechtlichen Umsetzung habe ich bei diesem Projekt auch viel über die unternehmerische Umsetzung, beispielsweise im technischen Bereich, gelernt«, so Schweitzer. Für die technische Umsetzung war es notwendig, sich mit den Mathematikern und Programmierern abzusprechen. So konnte sie das Unternehmen in allen Bereichen sehr gut kennenlernen. Dieser ›Blick über den Tellerrand‹ und die Tatsache, dass man bei jedem Projekt Neues lernt, gefallen Schweitzer besonders gut an ihrem Job. Auch Frederic Neu muss sich immer wieder auf neue Themen einstellen, was für ihn Herausforderung und Anreiz zugleich ist. Eine gewisse Neugierde sieht er für seinen Job als unerlässlich. Außerdem sollten Berufseinsteiger seiner Meinung nach teamfähig sein, internationale Erfahrungen gesammelt haben sowie gute Studienleistungen vorweisen können. »In einer Versicherung ist es sicher auch von Vorteil, wenn man eine gewisse Zahlenaffinität mitbringt«, ergänzt er.





Zahlenaffinität kann man auch bei Solveig Kirsten Cloß vermuten, die als Rechtsanwältin für den Verband der Sparda-Banken e.V. tätig ist. Der Verband vertritt die Interessen der Sparda-Banken und unterstützt sie unter anderem in der Rechts- und Steuerberatung als eine Art externe Rechtsabteilung. »Meine Position als Rechtsanwältin des Verbands ist daher höhst vielfältig, da von unseren Mitgliedern Fragestellungen aus allen Rechtsgebieten an mich herangetragen werden, angefangen von Fragen zum Genossenschafts- oder Kreditrecht bis hin zu strafrechtlichen Fragestellungen«, sagt die 29-Jährige. Gefallen an der Bankenwelt hat sie während ihres Referendariats gefunden, als sie eine Station bei einer Großbank absolviert hat. Besonders interessant fand sie das Zusammenspiel von rechtlicher Bewertung und der Berücksichtigung betriebswirtschaftlicher Gegebenheiten. Hierbei ist es nicht nur wichtig, ein Problem rechtlich richtig zu lösen, sondern die Lösung muss auch betriebswirtschaftlich sinnvoll sein. »Diese Erfahrungen führten dazu, dass ich nach dem zweiten Staatsexamen eine Stelle in der Rechtsabteilung einer Bank gesucht habe«, erzählt Cloß. Allerdings war der Anfang schwieriger als gedacht: »Ich musste jedoch die Erfahrung machen, dass Banken nur sehr ungern Berufsanfänger einstellen. Ich bekam allerdings die Chance, in der Rechtsabteilung eines Unternehmens der Luftverkehrsbranche meine ersten Erfahrungen im Spannungsfeld zwischen juristischen und betriebswirtschaftlichen Erwägungen machen zu dürfen. Im Anschluss wechselte ich in den Verband der Sparda-Banken«, berichtet die Absolventin der Uni Freiburg.

Inzwischen bestehen ihre Arbeitstage darin, zusammen mit den Kollegen aus den Banken Sachverhalte zu klären und gemeinsam eine Lösung zu entwickeln

Zusätzlich überarbeitet sie Verträge, die der Verband für die Gruppe abschließt oder die sie für die Banken prüfen soll. Zurzeit ist Cloß aber auch mit dem Thema Widerrufsbelehrungen in Kreditverträgen beschäftigt. »Ausgelöst durch Berichte in der Presse versuchen manche Kunden ihre Kreditverträge zu widerrufen, um entweder einen Kreditvertrag mit günstigeren Zinsen abschließen zu können oder sich die Vorfälligkeitsentschädigung zu sparen. Ich unterstütze die Banken bei der Frage, wie mit solchen Widersprüchen umgegangen werden soll und versuche zeitgleich mit den Banken das gesetzliche Muster so aufzuarbeiten, dass die Fehleranfälligkeit minimiert wird«, beschreibt sie.

Bei der Vielzahl der Themengebiete taucht natürlich die Frage auf, ob man sich als Studierender der Rechtswissenschaften auf eine bestimmte Spezialisierung konzentrieren sollte? »Da während des Studiums rein theoretische Kenntnisse vermittelt werden und somit der praktische Bezug fehlt, ist es für eine Tätigkeit bei einem Banken-Verband nicht zwingend erforderlich, während des Studiums den Schwerpunkt im Bank- und Kapitalmarktrecht zu legen. Allerdings kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass für Juristen, die in einer Bank oder einem Banken-Verband tätig sein möchten, Kenntnisse zu internen Abläufen der Bankorganisation, wie man sie beispielsweise im Rahmen einer Ausbildung zum Bankkaufmann erlangen kann, von Vorteil sind«, empfiehlt sie. Die herausforderndste Aufgabe in ihrem Job besteht in ihren Augen darin, Fragestellungen auf ihre rechtlichen Risiken hin zu untersuchen und  die Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie auch ein Kollege ohne Jura-Vorkenntnisse verstehen und nachvollziehen kann.

Die Finanzkrise ist an der Branche natürlich nicht spurlos vorbeigegangen

Zum einen, da viele Menschen ihr Vertrauen in Banken verloren haben. Zum anderen aber auch, da seit der Krise vermehrt gefordert wird, Banken stärker zu kontrollieren.  So beeinflusst sowohl die zunehmende Regulierung von staatlicher als auch von europäischer Seite die Branche und damit ihre Arbeit. Dennoch oder gerade wegen der steigenden Ansprüche und vielen Veränderungen würde Cloß sich aber immer wieder dazu entscheiden, bei einem Banken-Verband zu arbeiten. »Weil es mir persönlich große Freude macht, mit Kollegen aus verschiedensten Fachbereichen zusammenzuarbeiten und so immer wieder etwas Neues zu lernen. Zudem finde ich die gesamte Themenpalette, die in einem Banken-Verband wie dem unseren auftritt, sehr interessant. Ich bin froh, dass ich mehrmals am Tag das Rechtsgebiet wechseln darf. Da kommt nie Langweile auf.«

Wen es also nicht in eine Kanzlei oder in den Staatsdienst zieht, hat viele Möglichkeiten. Juristisches Fachwissen ist in jedem Bereich gefragt und nicht nur klassischerweise in der Rechts- oder Personalabteilung. Ratsam ist es allerdings, schon im Studium mit einem Praktikum in die freie Wirtschaft zu schnuppern und sich ein arbeitsmarktgerechtes Profil zu erarbeiten. Denn in der freien Wirtschaft konkurrieren Juristen mit vielen anderen Akademikern. 


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