grüne Bank im Park
Juristen in Banken & Versicherungen Martin Abegglen / Quelle: Flickr.com unter CC BY 2.0

Juristen in Banken & Versicherungen

In Banken und Versicherungen sind Juristen geschätzte Kollegen: Ihr analytisches Denken hilft nicht nur den Rechtsabteilungen in kniffligen Geldfragen weiter.

Langfristig geplant hatte er dafür eigentlich nicht. Man könnte es Zufall nennen oder Schicksal. Adrian Glaesner definiert es als Glück: »Luck is when preparedness meets opportunity«, antwortet der promovierte Jurist auf die Frage, weshalb er bei einer Versicherung und nicht etwa am Gericht oder in einer Kanzlei arbeitet. »Meine Entscheidung für die Tätigkeit bei der Allianz war der Entschluss für ein spannendes Jobangebot«, sagt der 49-Jährige, der 2002 seine Stelle in der Konzernrechtsabteilung der Allianz SE antrat. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge hinter den rechtlichen Fragen verstehen und schließlich Resultate kompetent präsentieren zu müssen, schien ihm besonders reizvoll. »Innerhalb der Rechtsabteilung leite ich das Team ›Kapitalmarktrecht, Finanzierung, Aufsichtsrecht‹«, erklärt er. »Allianz SE als Holding und Rückversicherer der Allianz-Gruppe ist nicht mit dem typischen Versicherungsgeschäft betraut.«
Adrian Glaesner beschäftigt sich also nicht etwa mit Wasserschäden, eingeschlagenen Fensterscheiben oder Knochenbrüchen, sondern »mit Themen wie der Konzernfinanzierung, dem Aufsichtsrecht und der Kapitalanlage«. Für die Schadenabwicklung und die übliche rechtliche Betreuung der Versicherungsgesellschaften sind die jeweiligen Fachabteilungen in den Tochtergesellschaften zuständig, in denen auch eine Vielzahl von Juristen beschäftigt sind. Der Umgang mit Zahlen bedeutet ihm nichts Neues. Vor seinem Einstieg in die Allianz SE hatte Glaesner zehn Jahre lang in Luxemburg an internationalen Finanzierungsprojekten gearbeitet und zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn erst einmal eine Banklehre absolviert.

Ingo Klein dagegen war sich zu Beginn seines Jurastudiums an der Universität Gießen sicher: Rechtsanwalt in einer Kanzlei zu werden ist das Fernziel. Im Laufe der Semester allerdings wuchs sein Interesse an wirtschaftlichen Themen, das sich durch die Mitarbeit in der Studierendeninitiative ›Contact & Cooperation‹ manifestierte. »Mein erster engerer Bezug entstand durch eine spannende Projektarbeit bei der Allianz-Versicherung in Frankfurt«, berichtet der 35-Jährige. »Die dort gesammelten Eindrücke und Erfahrungen haben den Entschluss, später in einem Versicherungsunternehmen zu arbeiten, noch befördert.« Zielstrebig durchlief er während des Referendariats eine Station in einer wirtschaftsrechtlich ausgerichteten Kanzlei und absolvierte ein Ergänzungsstudium im Fach ›Wirtschaftsrecht‹, um schließlich direkt in die zentrale Rechtsabteilung bei der Volksfürsorge-Versicherung in Hamburg einzusteigen. Parallel zu den ersten Berufsjahren absolvierte er erfolgreich einen versicherungsrechtlichen LL.M.-Studiengang. Heute verantwortet Klein nach der Fusion mit der Konzernschwester das Referat für Lebensversicherungsrecht bei der Generali Lebensversicherung AG. Auch er beschäftigt sich in dieser Position nicht mit Einzelfällen aus dem typischen Tagesgeschäft einer Versicherung. »Die Arbeit besteht in vielfältigen und komplexen Aufgaben, die sich automatisch in der zentralen Rechtsabteilung eines der größten deutschen Versicherungsunternehmen ergeben«, erklärt Ingo Klein. Beispielsweise betreut er die Entwicklung von neuen Versicherungsprodukten von juristischer Seite her und klärt Grundsatzfragen, die in Fachabteilungen oder zugehörigen Unternehmen aufkommen. »An meiner Arbeitsstelle schätze ich die hohe Komplexität der Aufgaben. Es macht Spaß, neben dem juristischen Denken auch das unternehmerische einbringen zu können«, meint der Jurist. Besonders herausfordernd sei es für den gebürtigen Gießener auch, Entscheidungen zu treffen, die eine unmittelbare strategische Bedeutung nach sich ziehen.

Wer als Jurist mit dem Gedanken spielt, in der Versicherungsbranche Fuß zu fassen, sollte nach Ingo Kleins Auffassung unbedingt Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen sowie aktuellen Finanzthemen haben, »um den notwendigen Spaß an der Arbeit zu entwickeln«. Einen »juristischen Tunnelblick« hält er in diesem Rahmen für sehr hinderlich: »Durch Praktika, Projektarbeiten oder Auslandsstudien lernt man frühzeitig andere Sichtweisen zu entwickeln und zu verstehen. Diese werden bei einem rein dogmatischen Blick durch die Jurabrille nicht gefördert, sind aber für das tägliche Arbeiten in Unternehmen unerlässlich «, betont Klein. Auch Adrian Glaesner unterstreicht die Dringlichkeit, sich nicht nur auf in der Uni Erlerntes zu verlassen: »Kommunikation ist sehr wichtig. Das ist etwas, das man im Studium überhaupt nicht lernt«, bedauert er. »Es kommt darauf an, bei Verhandlungen die eigene Position überzeugend zu vertreten, Kompromissmöglichkeiten auszuloten und das Verhandlungsergebnis in rechtlich vernünftiger Form zu fixieren. Neben der analytischen Kompetenz kommt der schriftlichen und mündlichen Ausdrucksfähigkeit besondere Bedeutung zu. Im Studium wurde mir ein Sachverhalt meist in drei Zeilen vorgegeben.« Kommunikation ist sowieso in jeglicher Hinsicht ein nicht zu unterschätzender Faktor. »Ich schätze, dass etwa zwei Drittel meiner E-Mail-Korrespondenz auf Englisch ist«, sagt Glaesner. »Jede weitere Fremdsprache ist nützlich. Weil die Erfahrung zeigt, dass man mit der lokalen Sprache immer ein leichteres Entrée hat. Wenn ich bei der Begrüßung, zwischendurch beim Kaffee oder beim Essen Smalltalk auf Französisch oder Spanisch halten kann, hilft das ungemein.«

Allerdings gehören nicht nur Fremdsprachen zu den Hürden der Kommunikation. Auch vor dem Austausch mit Kollegen anderer Disziplinen darf sich ein Jurist in einem Versicherungsunternehmen oder einer Bank nicht scheuen. Carina Erlenwein arbeitet bei der Commerzbank im Bereich Unternehmensrecht fast ausschließlich mit interdisziplinären Teams: »In unseren Projekten arbeite ich selten in reinen Teams aus Juristen. In aller Regel ist da jemand aus der Konzernentwicklung dabei und aus den Bereichen Strategie und Finanzen, insbesondere Tax und Accounting«, beschreibt die Rechtsanwältin. Nach zwei Staatsexamina und dem Referendariat war es für sie auch gar nicht obligatorisch, unbedingt auf dem Rechtssektor zu arbeiten. Ein Traineeprogramm bei der Commerzbank schleuste sie durch acht verschiedene Abteilungen innerhalb des Konzerns, von denen sie nur zwei Module tatsächlich in einem juranahen Bereich absolvierte. »Es war kein Programm, das sich speziell an Juristen richtet. Alle Disziplinen können sich dafür bewerben«, sagt die 34-Jährige. »Es war eine gute Gelegenheit, meinen Bankbackground zu stärken und mir ein Netzwerk aufzubauen, auf das ich inzwischen ständig zugreife.« Dass sie am Ende tatsächlich in der Rechtsabteilung landete, habe sich spontan ergeben. Ihr Kollege Sebastian Voigt hat sich für einen augenscheinlich sehr wirtschaftswissenschaftlichen Bereich entschieden und arbeitet im Client Relationship Management des Investmentbankings der Commerzbank. »Die meisten meiner Kollegen sind in der Tat Betriebswirte«, merkt er an. »Eine juristische Ausbildung bietet einem aber viele Möglichkeiten innerhalb einer Bank, losgelöst von den klassischen Tätigkeiten in einer Rechtsabteilung.« Denn das Jurastudium lehre einen, sehr analytisch vorzugehen und Wichtiges von Unwichtigem trennen zu können, ist der Jurist überzeugt. »Die meisten Produkte in der Bank erfordern ein großes Spezialwissen, das heißt, vieles muss man sich sowieso erst in der täglichen Arbeit aneignen«, fügt er an.

Adrian Glaesner bringt den unschlagbaren Bonus von Juristen auf den Punkt: »Das Referendariat bietet dem Juristen im Vergleich zu Ökonomen die einmalige Gelegenheit, vor der endgültigen Berufswahl verschiedene Tätigkeitsgebiete ›unverbindlich‹ kennenzulernen. Wer im Referendariat nur das juristische Pflichtprogramm ableistet und auf ›Tauchstation‹ geht, vergibt eine große Chance. Oft sind Dinge, die man so nebenbei noch mitgenommen hat, später der entscheidende Trumpf, mit dem man sich bei der Bewerbung aus der Masse abheben kann.«
 


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