Juristen in Unternehmensberatungen

In Unternehmensberatungen arbeiten längst nicht mehr nur Wirtschaftswissenschaftler.

ein Mann mit Pinguinschnabel aus Papier schaut gemalte Pinguine an Wand an
Juristen in Unternehmensberatungen kallejipp / Quelle:PHOTOCASE

»Als Jurist in der Unternehmensberatung erlebt man, wie befruchtend und inspirierend die Zusammenarbeit mit Kollegen aus unterschiedlichen Fachrichtungen sein kann: Die kreativen Ergebnisse, die lebhaften und kontroversen Diskussionen und das gemeinsame Erarbeiten und Ringen um Lösungen im Projekt-Team gemeinsam mit Ingenieuren, Mathematikern und Medizinern ist jedes Mal eine einzigartige Erfahrung.« Wenn Dr. Sebastian Fontaine, Junior Consultant im Berliner Büro der Beratungsgesellschaft The Boston Consulting Group (BCG), über seine Arbeit spricht, merkt man ihm an, mit wie viel Leidenschaft und Begeisterung er bei der Sache ist. Fontaine geht auf in seiner Rolle als Unternehmensberater – und das, obwohl er mit seinem Studium erst eine andere Richtung eingeschlagen hat. Der 29-Jährige hat zunächst Jura studiert, ganz klassisch die beiden Staatsexamen absolviert und außerdem eine Promotion draufgesattelt. Warum aber hat es den Juristen nicht in eine Anwaltskanzlei oder ans Gericht verschlagen? »Ich habe nach dem ersten Staatsexamen und der Promotion ein unglaublich inspirierendes zehnwöchiges Praktikum bei BCG gemacht, bei dem ich vollends in die Projektarbeit bei einem Kunden eingebunden wurde und sehr viel lernen konnte. Trotz dieser interessanten Zeit«, berichtet Fontaine, »wollte ich dennoch zunächst mein Rechtsreferendariat in Berlin absolvieren, um Jura noch eine letzte Chance zu geben und mir langfristig die Möglichkeit offen zu halten, jederzeit wieder juristisch arbeiten zu können.« Doch nicht nur frisch gebackene Rechtswissenschaftler können den Weg in die Beratung einschlagen. »Auch nach ein paar Jahren als Anwalt«, erklärt Fontaine, »kann man bei BCG einsteigen.«

Dr. Sebastian Fontaine steht mit seiner Entscheidung, als Jurist in die freie Wirtschaft zu gehen, nicht alleine da. Gerade die Unternehmensberatung ist für Juristen eine begehrte Branche. »Neben Wirtschaftswissenschaftlern heißen wir vor allem in unseren Consulting-Bereichen neben Mathematikern auch Juristen herzlich willkommen«, heißt es von Marcus K. Reif, Leiter Employer Branding & Recruitment GSA (Germany, Switzerland, Austria,) von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. »Besonders im Bereich der Steuerberatung sowie innerhalb unserer Ernst & Young Law GmbH haben Juristen zahlreiche Ein- und Aufstiegsmöglichkeiten.« Mit ihrem rechtlichen Know-how haben Juristen ihren nicht rechtswissenschaftlich ausgebildeten Kollegen eine Menge Fachwissen voraus – und das wird gerade bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften gerne gesehen, wie Marcus K. Reif betont. »Wir beraten deutsche und internationale Unternehmen in allen Fragen des Wirtschaftsrechts. Als dynamisch wachsende Wirtschaftskanzlei können wir unsere Mandanten mit unserem übergreifenden Beratungsansatz dort unterstützen, wo singuläre Betrachtungsweisen an ihre Grenzen stoßen. Unsere Beratungsleistungen umfassen alle Bereiche des Wirtschaftsrechts, insbesondere die Beratungsschwerpunkte Arbeitsrecht, Banking & Finance, Corporate, Mergers & Akcquisitions, IP-, IT- oder Immobilienrecht.«  

Wer da genau hinsieht, bemerkt jedoch eines sofort: Ohne wirtschaftswissenschaftliches Wissen geht gerade in der Unternehmensberatung nichts. Bei Ernst & Young ist man sich dessen bewusst und hat sich auf die fachfremden Einsteiger vorbereitet. »Studierende und Absolventen, die keinen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund haben, sollten zumindest eine gewisse Affinität zu wirtschaftswissenschaftlichen Sachverhalten mitbringen«, erklärt Reif und ergänzt: »Alle weiteren benötigten Qualifikationen werden durch Training on- und off-the-job erlernt.« Ob mit oder ohne umfangreiche Wirtschaftskenntnisse – einige Voraussetzungen, die an den Beraternachwuchs gestellt werden, gilt es natürlich trotzdem zu beachten: Exzellente Schul- und Studienleistungen werden in der Unternehmensberatung vorausgesetzt. Wer zusätzlich über verhandlungssichere Englisch- und weitere Sprachkenntnisse, Auslandserfahrungen und einschlägige Praktika verfügt, hat gute Chancen, bald als Berater von Unternehmen zu Unternehmen zu ziehen. Überhaupt sind es Praktika, anhand derer Juristen das Beraterdasein austesten sollten. Bei Ernst & Young bekommen angehende Juristen die Möglichkeit, ihren Interessen zunächst in Praktikumsform nachzugehen. »Theorie ist gut. Praxis auch«, ist Marcus K. Reif überzeugt. »Aus diesem Grund bieten wir Juristen bereits während des Studiums die Möglichkeit, wertvolle Praxisluft zu schnuppern und dadurch ihre persönliche und berufliche Entwicklung zu bereichern. Wenn man bereits während des Studiums die Möglichkeit nutzt und schon Praxiserfahrung sammelt, fällt einem die Wahl bezüglich des Arbeitgebers leichter. Viele Juristen stellen sich nach ihrem Studium die Frage, ob sie in einer international tätigen und renommierten Großkanzlei anfangen sollten oder lieber in der Justiz oder Verwaltung. Durch ein Praktikum oder ein Referendariat kann diese Frage leichter beantwortet werden.«

Sebastian Fontaine von BCG hat es nicht anders gemacht – und war sich hinterher sicher, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. »Im unmittelbaren Vergleich zu meinem Praktikum bei BCG konnte letztendlich kein juristisches Tätigkeitsfeld mithalten, das ich im Rahmen des Referendariats näher kennengelernt habe, wie Richter, Staatsanwalt, Verwaltung und Großkanzlei. Den spannenden und abwechslungsreichen Arbeitsalltag, die intensive Feedbackkultur und das facettenreiche – über das Juristische hinausgehende – Lernen hatte ich zuvor in der Welt der Großkanzleien vergeblich gesucht. Die ausschließliche Arbeit mit Paragraphen für den Rest des Berufslebens fühlte sich sehr eindimensional und langweilig an. Und zu guter Letzt habe ich in keiner Kanzlei so viele unterschiedliche, charismatische, inspirierende, aber trotzdem gelassene Menschen kennengelernt, wie dies bei BCG der Fall war.« Kein Wunder – schließlich ist es in der Unternehmensberatung an der Tagesordnung, in fachlich gemischten Teams zu beraten. So kommt es vor, dass Chemieingenieure mit Wirtschaftswissenschaftlern, Historikern und Juristen auf ein Projekt angesetzt werden – und jeder darf sein fachliches und methodisches Wissen einbringen.

Bei Ernst & Young ist das ganz ähnlich: »Wir betreuen unsere Mandanten immer in Kooperation mit anderen Ernst & Young-Dienstleistern durch unseren multidisziplinären Beratungsansatz in allen Bereichen des Wirtschaftsrechts. Unsere Spezialität: Wir fügen praxisbezogene Rechtsberatung mit spezifischer Branchenerfahrung international zusammen.« Ein Ansatz, der sich bewährt, wie sich Marcus K. Reif freut: »Zu unseren Mandanten zählen unter anderem Unternehmen aus der Automobilindustrie, dem Bank- und Finanzwesen, der Energie- und Versorgungsbranche sowie dem Gesundheitswesen.«

Im Consulting geht es jedoch nicht nur branchen-, sondern auch länder­übergreifend zu. Neben den ständigen Reisetätigkeiten, die sich meist auf die Bundesrepublik beschränken, gibt es daher auch die Möglichkeit, als Berater ins Ausland zu gehen – die meisten Unternehmensberatungen sind schließlich international tätig – so auch EY: »Als global tätiges Unternehmen bieten wir unseren Mitarbeitern internationale Einsätze und die Arbeit in grenzüberschreitenden Projekten. Das eröffnet ihnen neue Perspektiven und fördert zudem den weltweiten Wissensaustausch innerhalb und außerhalb der Ernst & Young-Organisation. Ein internationaler Einsatz kann ein wesentlicher Schritt für die Karriere sein. Unsere Mitarbeiter lernen viele interessante Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Kultur kennen, arbeiten für internationale Konzerne und sammeln wertvolle Erfahrungen.« Wertvolle Erfahrungen, die sich auch für den weiteren Karriereweg  als äußerst hilfreich erweisen können. Denn selbstverständlich muss ein Berater nicht auf ewig Berater bleiben. Nach ein paar Jahren Consulting-Erfahrung sind Unternehmensberater mit ihrem Know-how begehrte Mitarbeiter in der Industrie – selbstverständlich in leitenden Positionen.

Bis dahin warten in der Consultingbranche zahlreiche abwechslungsreiche und interessante Projekte auf die beratenden Juristen. Lennart Bösch, Jurist mit MBA-Abschluss und Senior Berater bei Roland Berger, kann sich über zu wenig Abwechslung nicht beklagen: »Die meisten meiner Projekte sind enorm spannend«, berichtet der 28-Jährige, fragt man ihn nach seinem bislang bemerkenswertestem Projekt. »Ich erinnere mich aber gerne an eines zu Beginn meiner Karriere, bei dem ich vor allem meine juristische Erfahrung einbringen konnte: Das Gesundheitsministerium hatte gerade einen ersten Gesetzesentwurf eingebracht, als uns ein Kunde aus der Pharmaindustrie darum bat, für ihn zu ermitteln, was dieses Gesetz konkret für sein Portfolio und seine Geschäftsentwicklung bedeuten würde. Denn Pharma-Unternehmen planen ihre Budgets traditionell sehr früh, um signifikante Einschnitte rechtzeitig berücksichtigen zu können.  Eine meiner Aufgaben war es, den Gesetzesentwurf aus juristischer Sicht zu beurteilen und eventuelle Folgen auf das Pharmaunternehmen zu übertragen. Gefragt war also meine Kompetenz an einer juristischen und wirtschaftlichen Schnittstelle. Am Ende haben wir für den Kunden ein allgemeines Modell entwickelt, mit dem das Unternehmen künftig alle möglichen Folgen dieses Gesetzes für sich prüfen und daran die eigene Produktstrategie ausrichten kann.«  

So vielfältig wie die Unternehmen und Projekte sind, die Juristen in der Beratung anvertraut werden, so abwechslungsreich ist ihr Arbeitsalltag. Eine typische Arbeitswoche? Die gibt es hier nicht und Lennart Bösch ist sicher: »Das macht meinen Beruf immer wieder so spannend.«


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