Lächelnder Mann
Wie wird man eigentlich Richter? DRB

Wie wird man eigentlich Richter?

Oliver Sporré, Präsidiumsmitglied beim Deutschen Richterbund, erklärt, worauf es ankommt, wenn du ins Richteramt berufen werden willst.

Herr Sporré, wann sind Sie ins Richteramt berufen worden und wie ist es dazu gekommen?
Nach meinem 2. Staatsexamen im Jahr 1995 habe ich mich für den gehobenen Dienst – also als Richter oder Staatsanwalt – in Niedersachsen beworben. Da zu der damaligen Zeit ein längerer Einstellungsstopp bestand, bin ich erst im Juli 1997 in den Richterdienst eingetreten. Mein Studium hatte ich bereits 1991 beendet. In der Zwischenzeit war ich als Referendar und anschließend als Rechtsanwalt tätig.

Welcher Fall war der spannendste, bei dem Sie jemals den Vorsitz hatten?
Spannend im Sinne von herausfordernd sind die Fälle, in denen sowohl juristische als auch menschliche Probleme zu lösen sind. Ich denke da an Auseinandersetzungen in Familienunternehmen, die komplizierte juristische Fragestellungen des Gesellschaftrechts aufwerfen und auch schwierige menschliche zwischen den Gesellschaftern beinhalten.

In welchen Fällen ist Ihnen die Urteilsfindung besonders schwer gefallen?
Im Strafrecht, wenn jemand auf Grund eines Augenblickversagens im Straßenverkehr eine andere Person fahrlässig getötet hat. In diesen Fällen ist der Täter bereits durch die Tatfolgen meist psychisch schwer belastet. Es ist dann nicht einfach, eine gerechte Strafe für den Täter zu finden. Im Zivilrecht, wenn eine Verurteilung – zum Beispiel zur Zahlung von Schadensersatz – den wirtschaftlichen Ruin des Verurteilten bedeutet. Gleichwohl muss ein Richter auch in diesen Beispielen nach Recht und Gesetz urteilen.

Und was ist der faszinierendste Teil an Ihrem Beruf?
Die Unabhängigkeit in meinen Entscheidungen. Damit meine ich nicht die Möglichkeit, meine Arbeitszeit selbst bestimmen zu können, sondern einen Sachverhalt ohne Einflussnahme von außen und wirtschaftlichen Zwängen so beurteilen zu können, wie es meines Erachtens Recht und Gesetz erfordern.

Fällt es Ihnen manchmal schwer, diese Entscheidungen zu treffen?
Als Richter treffe ich die Entscheidung, niemand anderes. Ich entscheide, ob jemand eine lange Haftstrafe antreten muss, einer Mutter das Sorgerecht entzogen wird oder eine Partei zu einer Zahlung verurteilt wird, die diese wirtschaftlich ruiniert. Mit dieser Verantwortung muss ich leben und umgehen können. Wenn jemand daran zweifelt, diese Verantwortung tragen zu können, sollte er vom Richterberuf Abstand nehmen.

Welche Neuerungen finden Sie besonders spannend?
Im Strafrecht ist da das Recht der Sicherungsverwahrung zu nennen, das nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Deutschland neu zu regeln ist. Weiterhin wird aller Voraussicht nach im Jahr 2011 das Gesetz zur Förderung der Mediation und anderer Verfahren der außergerichtlichen Konfliktbeilegung verabschiedet werden. Mit diesem Gesetz wird erstmals die Mediation als Mittel des Konfliktmanagements gesetzlich geregelt.

Können Sie kurz erklären was eine Mediation ist?
Gerne, dazu möchte ich an die letzte Frage anknüpfen. In den letzten Jahren ist man immer mehr dazu übergegangen, den streitenden Parteien mehrere Möglichkeiten anzubieten, ihren Konflikt beizulegen. So wird der Richter vor dem Erlass eines Urteils immer versuchen, ob die Parteien ihren Konflikt nicht durch einen Vergleich beenden können. Neben diesem altbewährten Mittel der konsensualen, also nicht streitigen Konfliktlösung, ist die Mediation getreten. Die Mediation kann vor einer gerichtlichen Streitigkeit versucht werden, aber auch immer mehr Gerichte bieten eine gerichtliche Mediation während eines laufenden Prozesses an. Dadurch sind in den letzten Jahren viele Prozesse beendet worden, die ansonsten die Gerichte eine lange Zeit beschäftigt und die den Parteien mit Sicherheit viel Zeit, Geld und Nerven gekostet hätten. Diese gerichtliche Mediation, in der auch ich tätig bin, halte ich für eine ganz wichtige und spannende Entwicklung.

Welche gerichtliche Entscheidung ist für den Deutschen Richterbund in naher Zukunft besonders interessant?

Mit Spannung sieht der Deutsche Richterbund (DRB) einer Entscheidung über einen Vorlagebeschluss des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Münster an das Bundesverfassungsgericht entgegen. Das Bundesverfassungsgericht soll sich dazu erklären, ob die Alimentation der Richter und Staatsanwälte – also ihr Gehalt – noch amtsangemessen ist. Der DRB vertritt seit Jahren die Auffassung, dass auf Grund von Besoldungskürzungen, beispielsweise durch den Wegfall des Weihnachtsgeldes und kaum nennenswerte Gehaltserhöhungen, die Alimentation nicht mehr amtsangemessen, also zu niedrig ist.

Sie erwähnten eben den Deutschen Richterbund. Was genau tut der DRB?
Der Deutsche Richterbund ist der mit Abstand größte Berufsverband der Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte in Deutschland. Über seine 25 Mitgliedsvereine gehören ihm etwa 14.000 Richter und Staatsanwälte an. Im Deutschen Richterbund sind Richterinnen und Richter aller Gerichtszweige sowie Staatsanwältinnen und Staatsanwälte organisiert. Die Ziele des DRB sind die Förderung der Gesetzgebung, der Rechtspflege und der Rechtswissenschaft. Außerdem die Wahrung der richterlichen Unabhängigkeit und der unparteiischen Rechtsprechung, die Förderung der beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Belange der Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte. Hierzu findet man auf der Homepage des DRB viele Informationen für Richter und Staatsanwälte und alle die, die es vielleicht einmal werden wollen sowie Stellungnahmen zu aktuellen Gesetzesvorhaben.

Welche Spezialisierung eignet sich besonders, um später die Laufbahn als Richter einzuschlagen?
Ich bin gegen eine zu frühzeitige Spezialisierung im Studium. Es sollte die Möglichkeit gegeben sein, eine bestimmte Zeit die juristischen Neigungen zu ergründen. Wer sich allerdings bereits im Studium eine Grundlage für den Richterberuf schaffen will, sollte sich mit allen fünf Büchern des BGB – also auch mit dem Familienrecht und dem Erbrecht – und mit den Verfahrensordnungen – zum Beispiel der Zivilprozessordnung (ZPO), dem Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) und der Strafprozessordnung (StPO) – vertieft beschäftigen.


Welche Hürden müssen genommen werden, um Richter zu werden?
Grundvoraussetzung ist natürlich das Bestehen des 1. und 2. Staatsexamens. Die weiteren Voraussetzungen für die Einstellung in den Richterdienst variieren von Bundesland zu Bundesland. Ich rate daher, sich in dem Bundesland, in dem man sich bewerben will, nach den dort geltenden Voraussetzungen zu erkundigen. Generell kann gesagt werden, dass zumindest das 2. Staatsexamen mit einem ›vollbefriedigend‹ abgeschlossen worden sein muss und auch das 1. Staatsexamen nicht schlechter als ein ›befriedigend‹ sein darf. Werden diese Anforderungen erfüllt, kann der Bewerber zu einem Einstellungsinterview geladen werden. In diesem Interview stehen nicht so sehr seine juristischen Fähigkeiten im Vordergrund. Vielmehr wird seine soziale Kompetenz anhand von Fragen oder kleinen Rollenspielen getestet. Hat man dieses Interview gut überstanden, steht einer Einstellung in den Richterdienst grundsätzlich nichts mehr im Wege.

Als Jurastudent, der anstrebt zum Richter berufen zu werden: Ist Auslandserfahrung wichtig oder total überflüssig, wenn man davon ausgeht, dass man später definitiv in Deutschland arbeitet?
Eine solche Erfahrung ist sehr wichtig. Die internationale Vernetzung schreitet auch im Recht schnell voran. Man denke nur an den Einfluss des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) oder des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte auf die deutsche Rechtspolitik und die deutsche Rechtssprechung. Darüber hinaus trägt ein Auslandsaufenthalt auch zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und ihren sozialen Kompetenzen bei.

Welche Charaktermerkmale und Eigenschaften sollte man mitbringen, um Richter zu werden?
Ich beziehe diese Frage auf den nichtjuristischen Bereich: Der Richter muss ein ausgleichendes Wesen haben, verbunden allerdings mit Standfestigkeit und Behauptungsvermögen, er muss den Menschen hinter dem Fall sehen und Lebenserfahrung haben, die nicht nur aus Büchern stammt. Zusammengefasst: Gemeinsam mit seinem juristischen Wissen sollte er Rechtsfrieden herstellen wollen und können. Ob ein Student diese Eigenschaften mitbringt, kann in einem kleinen Selbstversuch getestet werden: Angenommen, es gibt Streit in der Verwandtschaft oder unter Freunden: Wäre der Student in der Lage, zwischen den ›Parteien‹ zu vermitteln, mit ihnen eine Lösung zu suchen und – wenn das nicht gelingt – den Streit zu entscheiden? Wenn der Student diese Fähigkeiten besitzt, ist das ein erster Anhaltspunkt dafür, dass für ihn der Richterberuf in Betracht kommen könnte.

Was unterscheidet für Sie einen guten Richter von einem hervorragenden?
Ein guter Richter verbindet vertiefte Rechtskenntnisse mit sozialen Fähigkeiten und kann beides für die Parteien überzeugend auf den konkreten Fall anwenden. Ein hervorragender Richter hat ebenfalls diese Fähigund Fertigkeiten. Er zweifelt jedoch innerlich das gefundene Ergebnis bis zum Urteilsspruch immer wieder an, um zu einer noch besseren oder der richtigen Lösung zu kommen. Aber Vorsicht: Durch das Zweifeln darf es nicht zu einem Zögern oder Zaudern kommen.

Was halten Sie von dem neu eingeführten Bachelor-System für Jura-Studenten?
Es stellt sich die Frage, welche Berufsaussichten Kollegen haben, die lediglich einen Bachelorabschluss erworben haben. Meines Erachtens gibt es nur einen eng begrenzten Arbeitsmarkt für Juristen mit diesem Abschluss. Deshalb stehe ich dieser Art Ausbildung zurückhaltend gegenüber.

Wie sehen Sie die Richterausbildung in Deutschland im internationalen Vergleich?
Mit dem zweistufigen System einer zunächst theoretischen universitären Ausbildung, die mit dem 1. Staatsexamen endet, und der dann folgenden Referendarausbildung sehe ich die deutsche Richterausbildung sehr weit vorne. Hinzukommt, dass einige Bundesländer mit einem sogenannten Personalentwicklungskonzept junge Richter und Staatsanwälte weiter fördern und ausbilden.

Und wie sehen Sie die deutsche Rechtssprechung im internationalen Vergleich? Auch hier sehe ich Deutschland sehr weit vorne. Wir haben zum Beispiel mit dem Bundesverfassungsgericht ein hervorragendes Gericht, auf das wir zu Recht stolz sein können.

Die deutsche Rechtssprechung wird nicht unmaßgeblich durch die Rechtssprechung des Europäischen Gerichtshofs beeinflusst. Befürworten Sie dies?
Auch wenn manche Entscheidungen des EuGH Kritik hervorrufen, befürworte ich seinen zunehmenden Einfluss. Wer in der EU einen einheitlichen Rechtsraum schaffen möchte, braucht ein Gericht, das die Rechtsnormen EU-weit auslegt. Würde man diese Aufgabe bei den nationalen Gerichten belassen, kämen womöglich deutsche Gerichte zu einer ganz anderen Auslegung des EU-Rechts als französische, britische oder italienische Gerichte. Dass das nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand.

Regen Sie eigentlich ›gestellte und gespielte‹ Gerichts-Shows im Fernsehen auf?
Es ist ein peinlicher Wildwuchs unserer Mediengesellschaft. Ich schaue diese Shows nicht und rege mich nicht darüber auf. Das wäre zu viel der Aufmerksamkeit.

Können Sie trotzdem beurteilen, ob diese Shows das Geschehen vor Gericht korrekt wiedergeben? Gibt es grobe Fehler?
Da ich sie nicht schaue, kann ich auch keine Fehler benennen. Ich glaube, dass diese Shows das Leben in einem Gerichtssaal nicht abbilden. Diesen Schluss ziehe ich , weil schon so manches Mal ein Beteiligter oder ein Zeuge zu mir gesagt hat, hier gehe es ja gar nicht zu wie bei ›Barbara Salesch‹. Eine Gerichtsverhandlung ist eben keine Show.

Oliver Sporré hat von 1986 bis 1991 in Osnabrück Jura studiert. Nach seinem 2. Juristischen Staatsexamen im Jahr 1995 arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt. 1997 trat er in die niedersächsische Justiz ein und wurde in seiner Proberichterzeit bei verschiedenen Staatsanwaltschaften und Amtsgerichten sowie dem Landgericht Osnabrück eingesetzt. Im Jahr 2003 wurde er zum Richter am Landgericht ernannt. 2008 wurde er zum Direktor des Amtsgerichts Bersenbrück ernannt. Dort bearbeitet er zur Zeit Zivil- und Insolvenzsachen uns ist darüber hinaus als gerichtlicher Mediator tätig. Zudem ist der 43-Jährige Präsidiumsmitglied des Deutschen Richterbunds.


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