Woran Auswanderer scheitern

Aus welchen Gründen eine Auswanderung scheitern kann – und wie du sie vermeidest

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»I’m leaving on a jet plane, don't know when I'll be back again«, sang schon John Denver 1966 – und viele Deutsche scheinen ihm zuzustimmen. Es zieht sie in die USA, nach Großbritannien, Frankreich oder Kanada. Aber auch exotischere Ziele wie Australien, Chile oder Mexiko steuern die Auswanderer an. Der Gedanke, jeden Morgen von Meeresrauschen geweckt zu werden oder den ›American Way of Life‹ zu leben, ist ja auch verlockend. Zusätzlich bieten internationale Unternehmen Absolventen oft vielversprechende Karrierechancen. Doch Auswandern bedeutet nicht nur, die Koffer zu packen und ins nächste Flugzeug zu steigen – es gibt einige Stolpersteine, die den Lebenstraum zu Fall bringen können.

Fettnäpfchen gut informiert vermeiden

Das weiß auch Catherine Kiely, die seit 25 Jahren mit ihrer Auswanderungsagentur CKLA Consulting deutschen Auswanderern hilft, in den USA Fuß zu fassen.

»Viele kommen nach mehreren Urlauben hierher und meinen, dass später auch alles so lässig sein wird«, erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Doch wie ein Urlaub gestaltet sich der Arbeitsalltag natürlich in den wenigsten Ländern. Vielerorts sind längere Arbeitstage, kürzere Urlaubszeiten oder laxere Kündigungsfristen die Norm. Auch die Arbeitsmoral ist oftmals eine andere – wer nicht aufpasst, kann bei den neuen Kollegen schnell als überambitionierter, pedantischer Deutscher ungewollt negativ auffallen. Hier ist laut der Expertin also Vorsicht geboten.

Auch Uta Koch, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des katholischen Verbands Raphaelswerk e.V., der Aus- und Rückwanderer berät, kann bestätigen, dass es den Menschen oft schwerfällt, sich an die Unterschiede in der Entscheidungsfindung, dem Hierarchiegefüge oder in der Kommunikation anzupassen. Eine gründliche Recherche über Geschäftsprozesse und -gepflogenheiten vor Antritt der neuen Stelle kann hier helfen, einen holprigen Start und das ein oder andere Fettnäpfchen von vornherein zu vermeiden – ohnehin sollten sich Auswanderer vorab so genau wie möglich informieren.

Planung ist doch das halbe Leben

Viele sind mit der Gesetzeslage ihres neuen Heimatlandes nur mangelhaft vertraut und haben sich unzureichend über Visa-Bestimmungen und Arbeitserlaubnis informiert. Diese sind oft an versteckte Voraussetzungen gebunden – so warnt Catherine Kiely beispielsweise, dass ein Investorenvisum in den USA nur verlängert wird, wenn das Start-up in den ersten zwei Jahren einen bestimmten Gewinn erwirtschaftet. Über solche Stolpersteine sollte man sich zwingend vorab informieren und die notwendigen Zahlen im Kopf haben.

»Viele müssen wieder in die Heimat zurück, weil ihre Geschäftsidee nicht richtig durchdacht war.«

Das Problem: Ein großer Anteil der Auswanderer hat zwar studiert, sie verfügen aber trotzdem nicht über das notwendige Business-know-how und die Führungserfahrung, um sich erfolgreich selbstständig zu machen – denn das ist in den USA keinesfalls ›easygoing‹, nur weil Hollywood es so propagiert. Die Immigration Consulterin fügt hinzu, dass gerade solche überstürzten Aktionen nicht nur im Verlust der Aufenthaltsgenehmigung enden, sondern die Auswanderer oft auch den Großteil ihres angesparten Geldes kosten.

Und Uta Koch warnt: Wer mit dem falschen Visum einreist, riskiert schlimmstenfalls einen illegalen Aufenthalt im Zielland, der weitreichende Folgen nach sich ziehen kann. Weitreichende Folgen hat zudem auch eine Auswanderung ohne ausreichende finanzielle Rücklagen. Was sich wie eine Selbstverständlichkeit anhört, bedarf gründlichster Planung: Umzugskosten, Kosten für die Wohnungssuche, die tatsächlichen Lebenshaltungskosten – die Ausgaben werden oft unterschätzt und können die Pläne vom ›Expat‹-Leben zu Fall bringen.

Die eigenen Motive ausgiebig und ehrlich prüfen

Der schlimmste Auswanderer-Fauxpas ist allerdings – und da sind die Expertinnen sich völlig einig – die Landessprache nicht zu beherrschen

»Wenn ich nicht fließend sprechen kann, hat es gar keinen Zweck«, sagt Catherine Kiely ganz offen und Uta Koch bekräftigt: »Sprachliche Feinheiten sind in einer Fremdsprache nicht ohne Weiteres zu erfassen.«

Viele Auswanderer würden sich dahingehend schlicht und einfach überschätzen – ein Sprachkurs oder -test, auch wenn es sich ›nur‹ um Englisch handelt, ist deshalb Pflicht. Wer ohne intensive Planung ›nur‹ auswandert, weil sich ein Land in Urlaub, Film oder Fernsehen als ›Traumplatz zum Leben und Arbeiten‹ präsentiert, riskiert zu scheitern.

»Man kann nicht leben, wie im Hollywood-Film«, betont Catherine Kiely und Uta Koch unterstreicht: »Sollten das Motiv für die Auswanderung ungelöste Probleme in Deutschland sein, schleppt man einen riesigen Ballast mit.«

Eine Karriere im Ausland sollte keine Flucht sein, sondern ruhig und geplant entschieden werden. Bis man sich in der neuen Heimat dann auch wirklich heimisch fühlt, können nämlich Jahre vergehen. Offenheit und Neugier für die fremde Kultur sind da besonders wichtig. Auswanderer sollten sich selbst die Zeit geben, sich »vorurteilsfrei auf die Sitten im Aufenthaltsland« und das neue Leben einzulassen und nicht exakt die gleichen Verhältnisse wie in Deutschland erwarten.

In Deutschland nicht alle Brücken abbrechen

Für alle, die jetzt noch nicht völlig eingeschüchtert sind, gibt es aber auch gute Neuigkeiten: Ihre Kunden wollten sich integrieren und fänden schnell Anschluss, berichtet Catherine Kiely: »Viele haben nach kürzester Zeit schon etliche neue Freunde gefunden«. Kontakte mit ›Locals‹ zu knüpfen, statt sich nur auf die eigenen Landsmänner zu beschränken, kann helfen die Kultur zu verstehen und damit das Einleben erleichtern. Und für den Fall, dass es mit der Karriere im Ausland doch nicht klappen sollte, empfehlen die Expertinnen, nicht alle Zelte in Deutschland abzubrechen. »Wenn ich die Möglichkeit einer Rückkehr von vornherein einkalkuliere, ist sie kein Scheitern«, ist Uta Koch überzeugt. Eine Wohnung, ein finanzielles Polster, das Rückkehrer bis zum neuen Job über Wasser hält oder auch einfach nur ein soziales Auffangnetz aus alten Freunden kann viel Druck nehmen – und die dadurch gewonnene Sicherheit macht in der neuen Heimat vielleicht auch den ein oder anderen Schritt etwas leichter.

14.10.2015
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