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Voll FantasDIG – Skill-Check Digitalisierung

Was Mensch können, wissen, mitbringen muss, um in der digitalen Berufswelt zu bestehen. Expert*innen geben Auskunft.

Mit dem Smartphone bezahlen, den Pulsmesser am Handgelenk, unsere Schrittanzahl und unseren Kalorienverbrauch in der App gespeichert. Unser Auto parkt für uns ein, während wir über unser Handy schon mal die Heizung zu Hause anmachen. »Hey Siri?«, stets zu unseren Diensten. Die Digitalisierung ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Eine Welt ohne Web 2.0 kennen wir nicht mehr. Kommunikation, Wohnen, Mobilität, Kreativität, Shopping oder Gesundheit. »Die digitale Transformation bedeutet für alle Lebensbereiche tiefgreifende Veränderungen. Im Privaten nehmen wir diese ganz selbstverständlich und dankbar an. Denken wir nur an Dinge wie Alexa, Google Home, den Thermomix oder Staubsaugerroboter. Wer diese einmal hatte, will sie nicht wieder hergeben, sie erleichtern unseren Alltag ungemein«, bringt es Dr. Isabelle Kürschner, Expertin für New Work und Digital Leadership auf den Punkt.
 

Status Quo

Und in der Arbeitswelt? Sieht das Ganze noch etwas anders aus. Deutschlands Digitalisierungsgrad ist laut des DESI-Index der EU-Kommission mit 56,1 von 100 Punkten nur Mittelmaß und gerade mal einen Punkt über dem europäischen Durchschnitt. Die Devise in den fünf Kategorien des Index, Konnektivität, digitale Kompetenzen, Internetnutzung, Digitaltechnik in den Unternehmen und digitale öffentliche Dienste, ist immer dieselbe: Da geht noch mehr. Auch in Sachen Internetgeschwindigkeit sind uns Länder wie Spanien, Frankreich, Ungarn oder Rumänien einen ordentlichen Schritt voraus. Die Liste ist lang. Durch die Corona-Pandemie hat die digitale Transformation in Deutschland Antrieb bekommen und gezeigt, welche Möglichkeiten es geben kann. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, es bestehen Defizite, die es auszugleichen gilt. Durch die Digitalisierung können Prozesse mit einem hohen Routineanteil automatisiert werden. Das gilt nicht mehr nur für Tätigkeiten in Fabriken. Auch Routinejobs im Büro, von Buchhaltung bis Controlling, juristische Prozesse oder Abläufe in den Back-Offices der Banken können uns die Maschinen abnehmen. Die Frage nach dem Warum - warum digitalisieren? - scheint viele Unternehmen, aber auch Mitarbeitende trotzdem noch immer zu beschäftigen. »Der Erfolg der Vergangenheit verleitet dazu, Bewährtes zu lange zu bewahren und Neues zu lange zu negieren«, ist sich Dr. Holger Schmidt, Experte für Digitalisierung und Arbeit 4.0, sicher.

 

Digitalisierung: why not?

›Never change a running system‹ gilt hier aber nicht mehr. Warum stellt man sich nicht stattdessen die Frage: Why not? Warum nicht Prozesse digitalisieren, wenn dadurch Effizienz gesteigert werden kann? In Zukunft werden und müssen sich Unternehmen und damit auch unsere Arbeitswelt, Arbeitsgewohnheiten und vor allem Fähigkeiten verändern, digitaler werden, um nicht gegen die Konkurrenz im Wettbewerb zu verlieren. Dass es bei der digitalen Transformation nicht nur um Roboter geht, mit denen wir künftig zusammenarbeiten werden, sondern sich genauso viele Möglichkeiten eröffnen können, wie in unserem Alltag, weiß Dr. Isabelle Kürschner. »Es geht auch um digitale Plattformen, die die Zusammenarbeit auf Distanz erst möglich machen. Hier sehen wir aber oft mehr Zurückhaltung, um es nicht Widerstand zu nennen, als im Privaten.« Denn nicht zuletzt ist einer der Gründe, warum die deutsche Wirtschaft ihr Potenzial in Sachen Digitalisierung nicht voll ausschöpft, die Angst vieler Beschäftigter um ihren Arbeitsplatz. Diese Furcht vor großer Arbeitslosigkeit bleibt aber unbegründet. Dr. Isabelle Kürschner zeigt sich zuversichtlich: »Mit jedem Job, jedem Berufszweig, der weggefallen ist, sind wieder neue entstanden«. So schaffen laut Manpower Report diejenigen Unternehmen, die am meisten digitalisieren, sogar die meisten neuen Jobs. Online-Handel, Marketing und IT sind nur ein paar Beispiele von vielen. Auch ganz neue Berufs- und Arbeitsbereiche entwickeln sich, und jeden Tag kommen neue hinzu. »Neben der Automatisierung vieler Prozesse in Fabriken und Büros entstehen spannende Tätigkeitsfelder in der Geschäftsentwicklung, der digitalen Kundenansprache oder den sozialen Medien.« Laut Holger Schmidt besteht die größte Nachfrage nach Fachkräften außerdem derzeit im Bereich Cloud-Computing, Online-Marketing und E-Commerce. 

 

Lebenslanges Lernen

Und der Schlüssel zum Erfolg, um als Mitarbeiter*in nicht ersetzbar zu sein, sind Weiterbildung und Digitalwissen, da sind sich die Expert*innen einig. Kürschners Devise für die digitale Arbeit der Zukunft lautet: »Je offener ich für digitale Lösungen bin, je mehr ich mich selbst fortbilde, desto besser sind meine Chancen, nicht nur gebraucht zu werden, sondern auch einen besseren Job zu finden.« 
Arbeitnehmer*innen sollten offen und bereit dazu sein, sich neues Wissen, neue Fähigkeiten anzueignen und vor allem mit den Maschinen zu arbeiten, nicht gegen sie. Und dafür muss man kein Technikprofi sein, es geht darum, digitale Tools und Anwendungen, die für den Job wichtig sind, einsetzen zu können.

 

Future Skills

Aber auch bestimmte Fähigkeiten rücken in den Mittelpunkt, die der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft e.V. in seinem Hochschul-Bildungsreport als ›Future Skills‹ bezeichnet. Dieser macht deutlich, dass neben speziellen technologischen Skills und digitalen Kompetenzen auch klassische ›Soft‹-Skills eine zentrale Rolle spielen. Die technologischen Fähigkeiten, Datenanalyse, Webentwicklung und nutzerorientiertes Design, Blockchain-Technologie, Smart-Hardware- und Robotikentwicklung, Konzeption und Administration vernetzter Systeme sowie Tech-Translation, bleiben den Spezialisten an der Spitze überlassen, die für die Gestaltung von transformativen Technologien zuständig sind. Für jede*n Mitarbeiter*in 4.0 sind die digitalen und klassischen Skills der Schlüssel, um sich in der digitalisierten Welt nicht nur zurechtzufinden, sondern aktiv an ihr teilzunehmen. Prof. Dr. Ute Schmid, Professorin für Kognitive Systeme und Künstliche Intelligenz an der Universität Bamberg betont vor allem ›Digital Literacy‹, digitale Inhalte erfassen, verstehen und angemessen nutzen zu können. »Dazu gehört ein Verständnis von Datenqualität, beispielsweise, was fehlerhafte oder fehlende Einträge in ein Formular für Konsequenzen haben können. Dazu gehört aber auch ein Verständnis für Datenschutz und Privatheit von Daten.« Eng damit zusammen hängen Digital Ethics. 

Privatsphäre, Überwachung, der Einsatz algorithmischer Entscheidungs- oder Diagnosesysteme, die Gesichtserkennung in der Polizeiarbeit oder die Frage der Verantwortung beim autonomen Fahren. Man muss digitale Informationen beurteilen, sein eigenes Handeln hinterfragen und die Auswirkungen abschätzen können, bevor man entsprechende ethische Entscheidungen trifft.

 

Mensch vs. Maschine

»Damit Menschen nicht ersetzbar werden, ist aber meiner Meinung nach am allerwichtigsten, dass sie hohe fachliche Kompetenz in ihrem jeweiligen Bereich haben.« Denn das hebt uns laut Dr. Ute Schmid im Wesentlichen von Künstlicher Intelligenz ab, deren Stärke darin liegt, Informationen aus komplexen Datenbeständen zu ziehen. Unser menschliches Verständnis dagegen basiert auf Erfahrungen und übertragbarem Handlungswissen und das gilt es, in der digitalen Zukunft weiterhin zu fördern: »Entsprechend ist es für die Bildung der Zukunft wichtig, dass wir nicht so viel Gewicht auf Reproduktion von Auswendiggelerntem legen, sondern, dass wir Verständnis von Konzepten sowie Problemlösefähigkeiten vermitteln.« Und Probleme löst man am besten im Team. Denn mit der Digitalisierung entstehen immer spezifischere Aufgaben, die Teamwork über räumliche und kulturelle Grenzen hinaus und die Zusammenarbeit mit Expert*innen verschiedenster Disziplinen erfordern. Stichwort Kollaboration und agiles Arbeiten. Für Dr. Holger Schmidt sind es in diesem Kontext vor allem Eigenschaften wie die Fähigkeit zu sozialer Interaktion oder Anpassung an den digitalen Wandel, die in allen Berufen gefragt bleiben.

 

Chance statt Bedrohung

Diese menschlichen Qualitäten stehen auch für Dr. Isabelle Kürschner im Fokus: »Empathie, die Gabe, zu vertrauen und loszulassen einerseits, aber auch Eigenverantwortung und Selbstdisziplin andererseits, werden immer wichtiger.« Kreativität für innovative Ideen, Durchhaltevermögen bei herausfordernden, dynamischen Projekten, Hindernisse und Misserfolge überwinden können, Anpassungsfähigkeit in neuen Situationen, Eigeninitiative und unternehmerisches Denken. Die klassischen, vermeintlich soften Skills, die wir schon kennen, bleiben also mindestens so wichtig wie bisher. Wenn wir uns spezialisieren, unser fachliches Know-How um digitale Fähigkeiten erweitern und bereit dazu sind, uns auf neue Technologien einzulassen, sind wir derjenige Mitarbeiter 4.0, der durch seine Qualifikationen aus der breiten Masse heraussticht und sich nicht ersetzen lassen wird. 

Und dann sehen wir, dass der digitale Wandel viel mehr Chance als Bedrohung ist: Mehr Freiheit und Flexibilität, neue Arbeitsformen und Arbeitszeitmodelle, eigenverantwortlich arbeiten können, mitbestimmen, mehr Wertschätzung. Dr. Holger Schmidt zieht dasselbe Fazit: »Mehr individuelle Freiheit, was und wo gearbeitet wird. Mehr Chancen, ein eigenes Unternehmen zu starten. Und mehr Möglichkeiten, mit guten Ideen etwas zu bewegen. Das Positive überwiegt meiner Meinung nach eindeutig.«


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