Vom neuen Trend, die Gesundheit der Mitarbeiter zu erhalten – Fitnessprojekte in Betrieben

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Ratey und Lohr gelangen in ihrer Studie zum Schluss, dass körperliche Aktivität auch die neuronale Fitness erhöht, die sich in einer aktiveren Vernetzung der Synapsen niederschlägt.

Bereits jeder dritte Arbeitgeber bietet seinen Beschäftigten Fitness- oder Sportangebote zu vergünstigten Tarifen an, Tendenz steigend. Dahinter steckt das wohlüberdachte Kalkül, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper ruht. Je fitter ein Mitarbeiter ist, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Job mit größtmöglicher Energie und Elan angehen und in für die Firma zufriedenstellende Resultate ummünzen kann. Unter dem Schlagwort „Gesundheitliches Betriebsmanagement (BGM) firmiert ein nicht uneigennütziges Gesundheitsdiktat, das auch im letzten Jahr ungebrochen in Unternehmensstrategien Einzug gehalten hat.

Ausgehend von den Erfahrungen der letzten Jahre prognostiziert denn auch der Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen für die nahe Zukunft ein Anhalten der Dynamik auf dem Sektor und erwartet einen Umsatzanteil von rund 25 Prozent der Fitness-Studios an Kunden, denen der Besuch eines Fitnessstudios vom Arbeitgeber durch erstattete bzw. ermäßigte Monats- und Jahresbeiträge versüßt wird.

Mens sana in corpore sano?

Dass ein Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness und gesteigerter kognitiver Leistungsfähigkeit besteht, haben zahlreiche Studien zu belegen versucht. So kommen Ratey und Lohr 2011 zusammenfassend in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass körperliche Aktivität die kognitive Leistungsfähigkeit erhöht, die nicht nur kurzfristig direkt nach einer Trainingseinheit äußert, sondern sich langfristig in gesteigerten Lern- und Gedächtnisleistungen manifestiert. In beiden Untersuchungsszenarien wurde auf molekularer Ebene ein Anstieg an Neurotrophinen registriert. Als körpereigene Botenstoffe sind sie für Interaktionen der Nervenzellen untereinander zuständig und triggern Gedächtnisleistungen.

 

Durch ihr Anwachsen wird nicht nur die Neubildung von Nervenzellen begünstigt, sondern auch eine Veränderbarkeit von Synapsen, Nervenzellen und Hirnarealen – die sogenannte Neuroplastizität – gewährleistet. In den zwei Vergleichsgruppen schnitt die Gruppe der sportlich aktiven Personen in Hinsicht auf eine kognitive Fehlerquote deutlich besser ab, neuronale Abbauprozesse, wie sie den Alterungsprozess kennzeichnen, spielten in der Gruppe der sportlich Aktiven auch in höherem Alter eine weitaus geringere Rolle. Das veranlasste die Autoren zu dem Schluss, dass viel Fitness auch viel in puncto kognitiver Leistungen und Verzögerung des Alterungsprozesses bedeutet. Aus ihrer Sicht kann betriebliches Gesundheitsmanagement den Aufbau und Erhalt eines körperlich aktiven Lebensstils der Mitarbeiter unterstützen.

Von fünf Maßnahmenbereichen betrieblicher Gesundheitsförderung

Goldgruber und Ahren differenzierten bei ihren Untersuchungen zwischen Programmen, die ausschließlich auf Steigerung körperlicher Aktivität abzielten, und umfassenderen Maßnahmen zur Erhöhung der körperlichen Aktivität, ausgewogenerem Ernährungsverhalten und verbesserter Stressbewältigung.Unter betrieblicher Gesundheitsförderung werden nach dem deutschen Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock sowohl verhaltenspräventive Maßnahmen zusammengefasst als auch Maßnahmen zur Entwicklung eines gesundheitsförderlichen Settings „Betrieb“ verstanden. (Quelle: wzb.eu). J. Goldgruber und D. Ahren haben entsprechend dieser Maxime 17 wissenschaftliche Arbeiten für den Zeitraum von 2004 bis 2008 systematisch ausgewertet und ihr eigenes Résumé hinsichtlich der Wirksamkeit von Maßnahmen betrieblicher Gesundheitsprävention gezogen. Danach konnte sich der Präventivkomplex körperliche Aktivität, gesunde Ernährung und Fitness neben Stressbewältigung, Raucherentwöhnungsmaßnahmen, Ergonomie-Training, Rücken- bzw. Nackenschulen sowie Maßnahmen zur Organisationsentwicklung als einer von fünf zentralen Bereichen eines gesundheitspräventiven Maßnahmenkatalogs herauskristallisieren.

Beide Autoren sehen besonders in der Kombination von betrieblichen Fitnessangeboten und der Verfügbarmachung von gesunden Lebensmitteln in betriebseigenen Kantinen einen größtmöglichen Effekt auf eine Reduktion krankheitsbedingter Fehltage. Arbeitnehmer, die an organisatorischen Wellness- und Fitnessangeboten teilnehmen konnten, wiesen einen durchschnittlich geringeren Krankenstand auf, als Kollegen, für die keine Anreize geschaffen wurden. Als höchst wirksam haben sich dabei das Aufstellen von Hinweisschildern zur Treppennutzung sowie die Möglichkeit der Nutzung an Trainingseinrichtungen in eigens dafür zur Verfügung gestellten Trainingsräumen erwiesen. Auch die Teilnahme an von Unternehmensseite organisierten In-house-Fitnesskursen wird der Studie zufolge bereitwillig genutzt und hat unmittelbaren Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit, signalisiert durch reduzierten Krankenstand.

Noch Handlungsbedarf in bundesdeutscher Unternehmenskultur

Dass BGM-Maßnahmen noch alles andere als selbstverständlich in der deutschen Unternehmenskultur sind, belegt eine Studie von 2013, die von der Hochschule für Ökonomie & Management durchgeführt wurde. Befragungen von 329 Studenten der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien (VWA), Fachhochschulen für Ökonomie und Management (FOM) und dem German Open Business (GoBs) ergaben, dass weit weniger als die Hälfte (42,2%) der Unternehmen, in denen sie bereits arbeiten oder einen Teil ihrer Ausbildung absolvieren, überhaupt betriebliche Gesundheits-Anreize bieten. Die Teilnahme beruht in der überwiegenden Zahl der Fälle auf Freiwilligkeit (97,2%), die angebotenen Maßnahmen erstrecken sich auf Stressvorbeugung, Muskeltraining und Ernährungsberatung. 57,4 Prozent der Unternehmen sehen keine Anwendung von betrieblichen Gesundheitsmanagements-Maßnahmen vor, von denen aber immerhin noch 79,4 Prozent eine Einführung von BGM als sinnvoll erachten würden. Ungefähr genauso viele Betriebe gehen davon aus, dass Maßnahmen im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements sinnvoll sind und die Gesundheit verbessern.

Dieses positive Feedback bestätigt die „Trendstudie Betriebliches Gesundheitsmanagement“, die Wissenschaftler der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt haben (Quelle: zukunft-personal.de). In Auftrag gegeben wurde sie vom Messeveranstalter spring Messe Management (Veranstalter der Messen Zukunft Personal, PERSONAL, Personal Austria und Corporate Health Convention), federführend waren Prof. Dr. Jochen Prümper (Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin) und Prof. Dr. Jens Nachtwei (Humboldt-Universität zu Berlin, Hochschule für angewandtes Management und IQP). Danach erwarten 92,5 der befragten Unternehmen, dass die Bedeutung von BGM in der Unternehmenskultur wachsen wird. Zur Triebfeder der Einführung von BGM gaben die befragen Unternehmen an:

 

  • Schaffung von verbessertem Firmen-Image und Erhöhung der unternehmerischen Strahlkraft (37,7%)
  • Ausgleich zu gestiegenen Arbeitsbelastungen (28,3%)
  • Steigerung des Wohlbefindens der Mitarbeiter (15,1%).


Der Trend belegt auch: Je größer ein Unternehmen, desto dringlicher wird die Bedeutsamkeit von BGM-Maßnahmen erkannt. Insgesamt führten laut Studie weniger als die Hälfte der 556 befragten Unternehmen (43,5 Prozent) BGM-Maßnahmen durch. Fazit: Langfristig macht sich ein Engagement in die Aufrechterhaltung der Mitarbeitergesundheit für die Unternehmen bezahlt.

Bildungsniveau korreliert mit Leistungsbereitschaft

Je höher der Bildungshintergrund der Mitarbeiter in einem Unternehmen ist, desto höher ist die Motivation, das zur Verfügung gestellte Fitness-Setting oder Fitnessclub-Gutscheine zu nutzen.In ihrer Studie „Wirksamkeit und Nutzen betrieblicher Prävention“ kommt die Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) und ihre Autoren Claudia Pieper und Sarah Schröer nach Auswertung wissenschaftlicher Übersichtsarbeiten des Zeitraums von 2006 bis März 2012 zusammenfassend zum Ergebnis, dass eine Förderung allgemeiner Gesundheitseffekte von Beschäftigten ungebrochen einen zentralen Platz in der betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention einnimmt. Dabei hat sich ein Maßnahmen-Mix sowohl zur Bewegungsförderung als auch zur Gewichtsreduktion oder Rauchentwöhnung als effektiv erwiesen.

 

Im Bereich der Förderung körperlicher Aktivität zeigt ein Großteil verhaltenspräventiver Maßnahmen wie körperliche Übungsprogramme, Treppennutzung oder das Mitführen von Schrittzählern eine bewegungsfördernde und moderat fitnesssteigernde Wirkung. Dabei zeigt eine Auswertung der soziodemographischen Daten einen Zusammenhang zwischen Bildungshintergrund und der Bereitschaft und Motivation Fitnessangebote im Betrieb selbst oder in externen Fitnessclubs wahrzunehmen. Laut Peak hätten von den befragten 30 bzw. 50-jährigen Probandinnen und Probanden die meisten einen Hochschul-Abschluss, gefolgt von denen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Auch ist der Anteil an Angestellten im Vergleich zu Arbeitern überdurchschnittlich hoch.

Wie betriebliche Gesundheitsprävention aussehen kann

Für fast 8 Millionen Menschen in Deutschland gehört das Fitnessstudio bereits zum Alltag. Gerade jüngere Arbeitnehmer achten dabei viel mehr auf eine Work-Life-Balance und wollen auf ein Fitnessangebot auch am Arbeitsplatz ungern verzichten.Eine weitere Studie des schwedischen Karolinska-Institutes von 2010 belegt einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang betriebswirtschaftlich schädlicher Fehltage sowie einer Steigerung des Arbeitspensums um bis zu zehn Prozent und einem Angebot von Fitness-Aktivitäten in Unternehmen. Die Studie gelangt zu dem Fazit, dass Mitarbeiter sich öfter über größeres Wohlbefinden und verstärktes Gemeinschaftsgefühl äußerten, wenn ihr Arbeitgeber sich aktiv um die körperlichen Belange kümmerte. Konzentration, Lernfähigkeit, Kreativität und Stressbewältigung der Mitarbeiter verbessern sich auf einfache Weise.

Die Botschaft kommt an und wird zunehmend auch von deutschen Betrieben erkannt. Wie das Ingenieurbüro Arinka aus Stuttgart machen es bereits viele andere Mittelständler: Aufgrund wachsenden Konkurrenzdrucks im Wettbewerb entdecken laut ntv.de mittelständische Betriebe verstärkt das Alleinstellungsmerkmal Fitness am Arbeitsplatz, um qualifiziertes Fachpersonal an sich zu binden. Um als Arbeitgeber in einem hart umkämpften Markt attraktiv zu bleiben, leistet sich die Firma einen Personal Trainer, der für jeden Mitarbeiter bis zu zehn Stunden pro Jahr exklusiv zur Verfügung steht und auf Wunsch auch individuelle Fitness-Pläne erstellt. Sie können dann in einem speziell zur Verfügung gestellten Fitness-Raum umgesetzt werden.

Auch Betriebe, die firmenintern über keine geeignete Infrastruktur verfügen, wollen als Fachkräfte-Magnet und attraktiver Arbeitgeber im Gespräch bleiben und sponsern verstärkt feste Abos zu günstigen Konditionen mit einem bestimmten, nahe gelegenen Fitnessstudio. In anderen Fällen kann sich ein Mitarbeiter einen Fitnessclub seiner Wahl aussuchen und erhält dafür eine (Teil-)Erstattung der Jahresmitgliedergebühr.

In Konzernen wie beispielsweise British American Tobacco (BAT) oder bei der Otto Group in Hamburg gehört BGM mittlerweile zum Alltag. Außer Fitness-Angeboten für BAT-Büroangestellte wurde auch für die 200 Außendienstmitarbeiter ein knapp eine Million Euro teures Programm aufgelegt, an dem bereits etwa jeder Vierte unter Anleitung eines Coaches per Skype teilnimmt. Laut Personalchef Leif Lümkemann war dieser Schritt dringend notwendig geworden, um im Wettbewerb bestehen zu können. Offenkundig rechnen sich solche Investitionen. So ist der Krankenstand im Außendienst 2013 verglichen mit dem Vorjahr um ein Fünftel zurückgegangen.

Der Handelsriese Otto besticht durch eine medizinische Versorgung, soziale und psychologische Beratung sowie ein Fitnessstudio mit Übungsraum für Kurse wie Pilates, Rückengymnastik und Kickboxen. Laut den Erfahrungen des Sprechers des Arbeitgeberverbands Chemie Nord, Alexander Warstat, gewinnt der Gesundheitsaspekt bei Jobeinsteigern an Bedeutung, die Nachfrage nach Fitnessmöglichkeiten komme immer öfter schon bei Bewerbungsgesprächen auf den Tisch.

Auch der Telekomanbieter O2 kümmert sich aktiv mit einem Zentrum für Fitness und Gesundheit um das Wohlergehen seiner Mitarbeiter. Das Zentrum beherbergt alles von Fitnessgeräten über Kletterwände bis hin zu Ernährungsberatern, Masseuren und Ärzten, die in Zusammenarbeit mit der AOK und Techniker Krankenkasse nicht nur während der Arbeitszeit mit Rat und Tat zur Seite stehen.

 

Ein Beitrag des externen Autors Patrick Heidemann

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