Workaholic? Arbeitssucht in Job und Studium

Workaholismus betrifft nur Arbeitnehmer? Nicht ganz, auch Studenten können arbeitssüchtig sein! Arbeitspsychologe Dr. Poppelreuter gewährt Einblicke.

Dr. Poppelreuter / Arbeitspsychologe

Herr Dr. Poppelreuter, Sie haben sich schon vor vielen Jahren mit Arbeitssucht beschäftigt. Woher kam Ihr Antrieb?
Das geht auf den Anfang der 1990er Jahre zurück. Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich mich viel mit Sucht und Abhängigkeit beschäftigt, in erster Linie mit stoffgebundenen Abhängigkeiten wie Alkohol, Drogen und Medikamenten. Im Rahmen meiner Tätigkeit an der Uni Bonn habe ich später das Thema stoffungebundene Süchte für mich entdeckt.

Auf der Suche nach einem interessanten Thema für die Dissertation bin ich auf Arbeitssucht gestoßen, was damals in Deutschland relativ wenig bekannt war. Es gab erste Ansätze zur Diskussion von stoffungebundenen Süchten.

Zu Arbeitssucht selbst gab es keine empirischen Daten. Meine Doktorarbeit war eine der ersten Studien, die sich überhaupt empirisch damit beschäftigt hat. Schon damals war feststellbar, dass es Menschen gibt – gerade im akademischen Bereich –, die doch ein sehr exzessives Arbeitsverhalten pflegen.
Warum war das Thema damals in Deutschland nicht bekannt? In Japan gibt es die Thematik schon seit den 1960er Jahren.
In den westlichen Industrienationen kam das Thema durchaus schon auf, nicht nur in Japan, auch in den USA zum Beispiel. In Deutschland spielt der deutsche Arbeitsethos mit der weit verbreiteten Auffassung, wer viel arbeitet, kann kein schlechter Mensch sein und wer viel arbeitet, arbeitet auch gut, eine Rolle dafür, warum es hier eine solch frühzeitige Entwicklung nicht gab.

Man hat sich in Deutschland nicht so richtig an das Thema herangetraut, weil gerade in der Zeit eher Themen wie Arbeitslosigkeit den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt haben. Insofern war es eher etwas kontraintuitiv, sich mit Menschen zu beschäftigen, die zu viel arbeiten. Eher waren das Problem Menschen, die zu wenig arbeiten oder erst gar keine Arbeit hatten. Die vermeintlichen Leistungsträger, die Vielarbeiter, wollte man nicht pathologisieren.

 

Engagement vs. Arbeitssucht

Was unterscheidet denn einen Arbeitssüchtigen von einem engagierten, zielstrebigen Arbeiter, der nicht süchtig ist?

Der fehlende Ausgleich. Süchtiges Arbeiten ist dadurch gekennzeichnet, dass es keine Begrenzung, keine Entspannung kennt. Es ist ein permanentes Leben auf der Überholspur, ein permanentes Gas geben bis an die Grenzen der physischen Leistungsfähigkeiten und auch darüber hinaus.

Ein ständiges Beschäftigtsein mit arbeitsbezogenen Themen, ein ständiges Verfügbarsein und daraus resultierend eine Vernachlässigung sämtlicher anderer Lebensweisen, die ein Menschsein auch ausmachen, wie Freundschaft, Partnerschaft, soziale Beziehungen, so etwas wie Ruhe und Entspannung, Freizeit und Hobby, persönliche Überzeugungen. Alles wird der Arbeit untergeordnet und das 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

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Gibt es Erklärungsansätze, wie es zu Arbeitssucht kommt?
Wie in allen Bereichen, die sich mit der Entstehung von Sucht beschäftigen, gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte. Man geht zum Beispiel davon aus, dass es ein physiologisches Korrelat geben kann, das heißt, es gibt bestimmte Neurotransmitterprozesse, die durch exzessives Vielarbeiten ausgelöst werden. Das wird gern auch als Flow-Erleben bezeichnet.

Wenn ich mich mit etwas sehr identifiziere, spielen sich im Gehirn biochemische Prozesse ab, die mit einem Rausch zu vergleichen sind. Es gibt andere Ansätze, die sich eher mit der psychologischen Funktion des Arbeitens beschäftigen und wo es um die Frage geht, was der Betroffene durch exzessives Vielarbeiten eigentlich erreichen möchte, also so etwas wie Reputation oder Geld verdienen.

Wenn man das aber psychologisch aufarbeitet, stellen wir fest, dass es bei Workaholics eher um Themen wie Angstverdrängung, starke Selbstzweifel und ein gering ausgeprägtes Selbstwertgefühl, was durch ständiges Arbeiten und dem Erreichen von Erfolg kompensiert werden soll, geht. Indikatoren wie Identifikation mit dem Job spielen dabei eher eine untergeordnete Rolle.

Gibt es Erkenntnisse, ob die Zahl der Workaholics steigt oder durch die vermehrte Forschung einfach nur mehr Fälle bekannt werden?
Das ist immer schwierig zu sagen. Es gibt zumindest ein größeres Interesse an der Thematik. Es gibt zahllose Selbsthilfegruppen, psychosomatische Rehabilitationskliniken bieten spezielle Workaholic-Programme an. Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz nehmen aber generell zu. Unbestritten ist, dass es einen Wandel der Arbeitswelt gegeben hat.

Daraus resultiert für eine bestimmte Klientel eine Zunahme eines bestimmten exzessiven, unbegrenzten Arbeitsverhaltens. Das wird inzwischen auch an der Substanz, also der Zahl der Fälle, spürbar. Arbeitssucht als solches ist aber kein neuzeitliches Phänomen. Schon in vielen Jahrhunderten zuvor findet man Beschreibungen von Arbeitsverhaltensweisen, die sehr stark an das erinnern, was wir heute als Arbeitssucht bezeichnen.    

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Gibt es konkrete Zahlen, wie viele Deutsche von Arbeitssucht betroffen sind?
Es gibt leider nur Schätzungen, was unter anderem daran liegt, dass wir bei Workaholismus nicht über eine offiziell anerkannte Krankheit reden. Arbeitssucht als Diagnose finden Sie nicht in den statistischen und diagnostischen Manualen von Ärzten. Insofern existiert diese Symptomatik für Krankenkassen auch gar nicht.

Man ist dabei, einen entsprechenden Diagnoseschlüssel zu erarbeiten. Die Schätzungen gehen von 300.000 bis 400.000 Betroffenen bundesweit aus. Arbeitssuchtgefährdet sind etwa 14 Prozent aller Arbeitnehmer, wenn wir die Kriterien anlegen, die für uns kennzeichnend für Arbeitssucht sind.

Welchen Risiken sind Workaholics ausgesetzt?
Es gibt individuelle Risiken. Der Organismus wird physiologisch und psychologisch massiv belastet. Der menschliche Organismus ist auf Leistung ausgerichtet, aber er braucht Ruhe- und Entspannungsphasen. Wenn diese beiden Teile in ein Ungleichgewicht geraten, ist mit psychischen und physischen Auswirkungen zu rechnen. Das kann sich zunächst relativ milde zeigen, Schlafstörungen, Nervosität, Magen-Darm-Beschwerden. Das kann sich aber steigern bis hin zu Herzinfarkten, Schlaganfällen, tiefen Depressionen, suizidalen Handlungen

Welche Folgen  außerhalb der eigenen Gesundheit können auftreten?
Auf Arbeitsebene kommt  es zu Stimmungseintrübungen und Fehlentscheidungen, so dass Arbeitssucht dem einzelnen schadet und es auch im Umfeld zu negativen Erscheinungen kommt, weil das Privatleben vernachlässigt wird. Das soziale Umfeld dünnt zunehmend aus, Freundschaften und auch die Ehe können daran zerbrechen.

Zudem sind Workaholics schlechte Teamarbeiter und als Führungskraft ungeeignet, weil sie alle Arbeit an sich ziehen und nicht delegieren können. Workaholics verfügen zwar über eine meist große fachliche Expertise, aber eben auch über einen egozentrischen und egomanen Führungsstil. Das ist in einer arbeitsteiligen Gesellschaft wie der unsrigen eine Qualifikation, die äußerst selten erforderlich ist.

Wie wirkt sich Arbeitssucht auf die tatsächlich geleistete Arbeit des Betroffenen aus und entsteht dadurch ein volkswirtschaftlicher Schaden?
Ja, der entsteht. Workaholics kann man wie eine Maschine betrachten, die ich permanent im Hochleistungsbereich fahre, sozusagen im roten Bereich. Ein Motor kann eine gewisse Zeit  im roten Bereich fahren, seine Haltbarkeit ist dadurch aber maximal reduziert. Studien haben gezeigt, dass ein hoher volkswirtschaftlicher Schaden dadurch entsteht, dass Arbeitskraft und damit auch Expertise frühzeitiger als eigentlich gedacht verlorengeht. Aus einem solchen Arbeitsverhalten heraus entstehen oft Behandlungs- und Rehabilitationskosten, so dass man sagen muss, es ist eine ähnliche Problematik wie Alkoholismus, die volkswirtschaftlich einen erheblichen Schaden verursacht.  

Erkennen zumindest Arbeitssuchtgefährdete selbst, dass Sie arbeitssüchtig sind und falls ja, wie können sie gegensteuern?
Natürlich ist Selbstreflektion immer hilfreich. Meist sind es erst schwerwiegende soziale Probleme wie Scheidungen, die zu einem Umdenken führen. Noch häufiger ist es aber, dass schwere Erkrankungen oder körperliche Komplikationen eintreten müssen, bevor Betroffene ihren Arbeitsstil reflektieren. Umso wichtiger ist es, dass Freunde, Familie und auch Arbeitgeber frühzeitig das Gespräch suchen.

Woran erkennen denn diese Personen, dass sie es mit einem Arbeitssüchtigen zu tun haben?
Ein Phänomen ist die Quantität der Arbeit. Wenn man feststellt, dass jemand mehr oder weniger Tag und Nacht mit Arbeit beschäftigt ist, früh im Büro ist und abends spät geht. Der zu sehr ungewöhnlichen Zeiten Mails schreibt, der nirgendwo erkennen lässt, dass er einen Ausgleich hat, dass er sich Inseln der Entspannung schafft, kann als gefährdet betrachtet werden.

Auch Personen, die nicht Nein sagen können, Aufgaben übernehmen, die gar nicht zu ihrem originären Tätigkeitsfeld gehören, und jedes Projekt annehmen, sind gefährdet. Das Problem ist, dass so etwas häufig missinterpretiert wird als besonderes Engagement. Es ist völlig okay, dass es Phasen solcher Anstrengungen im Arbeitsleben gibt. Wenn sich diese Phasen aber wie ein roter Faden durch die Arbeit ziehen, sollte man das Gespräch suchen.

Da sind wir beim Schlagwort Work-Life-Balance, was mittlerweile bei  jedem Unternehmen in der Broschüre steht. Wie wird das aber tatsächlich gelebt?
Sehr unterschiedlich. Es gibt Unternehmen, die das sehr ernst nehmen und entsprechende Verhaltens-Kodizes haben und Maßnahmen ergreifen. Anderen Unternehmen dient das Schlagwort wirklich nur als Hochglanzbroschüren-Rhetorik. Arbeitgeber sollten grundsätzlich darauf achten, dass die tägliche Arbeitszeit nicht massiv und wiederholt überschritten wird, dass Arbeitnehmer ihre Urlaubstage komplett nehmen und auch sinnvoll nehmen, das heißt nicht zerstückeln über das gesamte Jahr, sondern wirklich mal 14 Tage, besser noch drei Wochen am Stück frei nehmen.

Unternehmen, die Work-Life-Balance wirklich leben, sind langfristig deutlich besser beraten, gerade auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. Viele Arbeitnehmer, die sich zu Workaholics entwickeln, sind wichtige Leistungsträger des Unternehmens und daher schutzbedürftig.   

Können therapierte Workaholics wieder komplett ins Arbeitsleben einsteigen?
Wie bei vielen Suchterkrankungen ist das eine Frage des kontrollierten Verhaltens. Bei einer stoffgebundenen Abhängigkeit wie Alkohol gibt’s immer noch die Empfehlung der totalen Abstinenz. Das kann man bei der Arbeitssucht natürlich nicht machen, also geht es darum, ein kontrolliertes Verhalten zu erwerben. Dieser Ansatz findet sich auch bei anderen Suchterkrankungen wie gestörtem Essverhalten. Da geht es auch nicht darum, dem Essen total abzuschwören.

Sie sagen, es ist für den Arbeitnehmer machbar, kontrolliert zu arbeiten. Ist diese Reintegration aber auch für den Arbeitgeber machbar?
Der Arbeitgeber ist im Rahmen seiner Fürsorgepflicht gefordert, dem Arbeitnehmer zu helfen und dem Fakt Rechnung zu tragen, dass jemand ein pathologisches Arbeitsverhalten entwickelt hat und zu dessen Genesung es wichtig ist, andere Arbeitsformen zu finden als die bisherige. Wenn der Arbeitgeber ernsthaft drüber nachdenkt, wird er feststellen, dass es am Ende des Tages auch für ihr nutzenstiftend ist, wenn ihm die Arbeitskraft über eine längere Laufzeit erhalten bleibt, weil sie ein vernünftiges Verhältnis zu ihrer Arbeit hat. Zum zweiten zeigt sich bei Workaholics im fortgeschrittenen Stadium eine erhöhte Fehleranfälligkeit, so dass auch hier letztlich Risiken minimiert werden, wenn ein Arbeitnehmer zu einem vernünftigen Arbeitsverhalten gelangt.

Betrifft Arbeitssucht nur Arbeitnehmer?
Nein, auch andere Bevölkerungsgruppen sind davon betroffen. Denken Sie nur an die sprichwörtlich ‚rastlosen Rentner‘ oder Studenten und Schüler, Hausmänner oder Hausfrauen. Mit der Erwerbsarbeit hat Workaholismus erst mal nichts zu tun. Arbeit und Tätigsein ist originärer Bestandteil unseres Menschseins und jeder muss lernen, kontrolliert damit umzugehen.

Wie äußert sich Arbeitssucht bei Studenten?
Sie sind in einem hohen Maße mit Unsicherheit konfrontiert, was Studienerfolg und Berufseinstieg angeht. Für manche ist der Druck, ein gutes Studium abzuschließen, Initialzündung dafür, sehr, sehr viel zu machen und sehr, sehr gute Arbeit abzuliefern. Dabei wird bei einigen Studenten die Grenze dessen, was geleistet werden muss, immer weiter nach oben geschoben.

Da spielen auch Dinge wie besonders hohe Leistungsmotivation oder Hang zu Perfektionismus eine Rolle. Wir stellen bei betroffenen Studenten fest, dass es Menschen sind, die viele, viele Stunden am Schreibtisch oder in der Bibliothek sitzen, um ihre Arbeiten und Studienleistungen so optimal wie möglich zu gestalten. Diese Studenten leiden dann oft auch unter Versagens- und Prüfungsängsten.Vermutlich werden die Zeitverknappung des Studiums und die immer weiter fortschreitende Angleichung von Biographien, die auf dem akademischen Weg kaum noch Individualisierungsprozesse zulassen, keine positive Wirkung haben.
Absolut richtig. Wir haben eine sehr starke Verschulung des Hochschulsystems, eine individuelle Anpassung an die Anforderungen wird immer schwieriger. Studium war im Humboldtschen Sinne ja auch eine Persönlichkeitsentwicklung, das wird immer schwieriger. Nach meinem Dafürhalten schadet das aktuelle System jungen Menschen in ihrer Entwicklung.

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Thomas Günther

Dieser Text stammt aus der Feder von:

Thomas Günther

guenther(at)audimax.de
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Tag des Workaholics

Der Tag des Workaholics wird jedes Jahr am 5. Juli befeiert. Er ist allen gewidmet, die unter dem Krankheitsbild 'Workaholismus' leiden.