Pro und Contra eines Doktortitels

Lohnt es sich, für einen Doktortitel an der Uni zu bleiben, während die Kommilitonen längst Karriere machen? Hier die Pros und Contras:

Die letzte Prüfung ist abgelegt, die finale Arbeit geschrieben. Die Pflicht ist absolviert. Jetzt beginnt die berufliche Kür. Und diese orientiert sich nicht nur an den Fragen, wo man sich für was bewerben will, sondern auch an der Überlegung, ob sich die Türen der Alma Mater wirklich endgültig hinter den Absolventen schließen sollten. Während rund 40.000 frisch gebackene Ingenieure diese Frage mit einem »Ja« beantworten, gehen etwa 2.200 Ingenieure einen anderen Weg: Sie promovieren. Die Motive dafür mögen vielschichtig sein, im Wesentlichen aber machen Experten wie VDE -Bildungsexperte Michael Schanz drei Kategorien aus.

 

Promotion oder nicht? Weiche Motivationen

Zum Ersten die eher ›weichen‹ Motivationen: Dazu gehört zum einen das intrinsische Motiv, ein wissenschaftliches Thema richtig gut kennen zu lernen. Und zum anderen ein eher extrinsisches Motiv, sich möglichst alle Wege der späteren Karriere in Technik und Wissenschaft zu öffnen.

Zum Zweiten geht es den angehenden Doktortitelträgern um besondere und durch den Titel nachweisbare Kompetenzen. Dazu, so Schanz, gehöre, sich Wissen selbstständig aneignen zu können, wissenschaftliche Methoden anzuwenden und interdisziplinär zu arbeiten. Vor allem aber die Fähigkeit, sich und seine Arbeit zu organisieren und Studierende anzuleiten sei ein deutliches Ausrufezeichen für eine spätere Bewerbung.

Ähnlich sieht dies auch Frank Stefan Becker, der bei der Siemens AG unter anderem für den Hochschulteil des Bildungsprogramms ›Generation21‹ verantwortlich ist:

»Ingenieure erbringen durch ihre Promotion den Nachweis, dass sie nicht nur fachlich schwierige Aufgaben erfüllen können. Durch die Arbeit haben sie auch gelernt, ihr Projekt nach innen wie auch außerhalb des Instituts zu vertreten und sogar Mittel dafür einzuwerben«.

Deshalb würden promovierte Ingenieure beim Einstieg entsprechend dieser ›Berufserfahrung‹ entlohnt.

Und Drittens spielt auch das später zu erwartende Gehalt eine Rolle: Nach Zahlen des VDE darf ein promovierter Elektroingenieur bereits beim Einsteig auf ein Einkommensplus von 25 Prozent hoffen. Allerdings – so mahnen die Experten – stehen diesen Positiva auch drei bis fünf Jahre anspruchsvolle Forschungsarbeit gegenüber. Diese werden kaum »ohne Schmerzen« vorbeigehen, meint Michael Schanz. Zudem treffen die ›Dr.-Ings‹ in der Regel auf eine Berufswelt, die signifikant mehr von ihnen erwartet als von den nichtpromovierten Kollegen.

Promotion: Realitätsferne Theoretiker?

Und eine Promotion frisst Zeit: Denn wenn frisch betitelte Ingenieure in der Wirtschaft zu ihren Kollegen ohne Doktorhut stoßen, sind diese in der Regel schon ein, zwei Führungsebenen weiter und verteidigen ihren Vorsprung. Nicht selten werden promovierte Ingenieure dann hinter vorgehaltener Hand als realitätsferne Theoretiker verspottet, wohl wissend, dass die so Gescholtenen kaum mit gleicher Münze heimzahlen können.

Weil sie sich ja meist auf ein eng begrenztes Forschungsfeld konzentriert haben und die Unternehmenswelt oft nur von außen kennen. Und es gibt einen weiteren Aspekt, der in die Überlegungen mit einbezogen werden sollte: Promovierte erwarten berechtigterweise in Richtung Gehalt und Karrieremöglichkeiten mehr als Diplomierte. Unternehmen müssen sich also fragen: Kann ich dem Bewerber Entsprechendes bieten?

»Eine Promotion könnte sich also sogar negativ auswirken, wenn Unternehmen die Befürchtung haben müssen, dass der Mitarbeiter nach der Einarbeitungszeit oder einigen Berufsjahren die Firma wieder verlässt, weil er nicht die Voraussetzungen vorfindet, die er aufgrund seiner Promotion erwartet hat«, konstatiert Frank Stefan Becker.

Ingenieure sollten deshalb Kosten und Nutzen einer Promotion genau abwägen. Nicht selten wird auf Praxiserfahrung mehr Wert gelegt – besonders in Vertrieb und Marketing. Je produkt- oder kundennäher der Einsatz, desto unwichtiger die Promotion.

Ist eine Promotion nun also sinnvoll oder nicht?

»Die Frage erinnert mich an ein Fahrzeug, für das 20.000 Euro investiert werden sollen«, erzählt Frank Stefan Becker. Er rät deshalb zu überlegen, wofür man es braucht:

  • Will man der Freundin oder dem Freund imponieren?
  • Steine zur Baustelle bringen oder durch die Wüste fahren?

»Eine Entscheidung, ob oder ob nicht sollte sich immer an dem Ziel orientieren, das man verfolgt«, bekräftigt er. »Schlagen Sie die Zeitung auf und beobachten Sie, ob für die Aufgaben, für die Sie sich interessieren, eher promovierte oder diplomierte Ingenieure gesucht werden!«

Ein wichtiger Aspekt sei aber auch das Alter: »Wer erst mit 28 Jahren die Promotion beginnen will, dem würde ich zur Vorsicht raten«. Im Zweifel aber plädieren die meisten Experten und Personalverantwortlichen zur Promotion. »Als ›Dr.-Ing.‹ ist man in der Industrie zunächst für eine F&ELaufbahn prädestiniert.

Danach hat man die Wahl: Entweder bleibt man dann auf der Expertenschiene oder wechselt später je nach Eignung und Möglichkeiten ins General Management«, sagt Schanz. Bei einem Einstieg ins Management helfe der ›Dr.‹ als Aushängeschild und verleihe größere Autorität. Er ist sich daher sicher: Unternehmen werden einen großen Teil ihrer Führungspositionen ausschließlich oder zumindest am liebsten mit einem ›Dr.-Ing.‹ besetzen.


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