Mathematiker in Versicherungen: vielzählige Chancen warten

»Den Überblick behalten.« Dieses Stichwort passt nicht nur hervorragend zu den vielzähligen Einstiegsmöglichkeiten für Mathematiker allgemein, sondern speziell auch für diejenigen, die in der Versicherungsbranche unterkommen möchten:

»Es ist wichtig, dass man lernt, in mehreren Projekten und Tätigkeitsfeldern gleichzeitig unterwegs zu sein und die verschiedenen Aufgaben zu organisieren und aufeinander abzustimmen«, sagt Tim Franz, Aktuar bei der Gothaer Versicherung.

Der 34-Jährige hat sich nach dem Abitur für ein Mathematik-Studium entschieden, weil er zum einen Spaß an Mathe und logischem Denken hatte, aber auch, weil er sich im Hinblick auf seine spätere berufliche Laufbahn nicht zu sehr einschränken und gute Anstellungschancen haben wollte: »Ursprünglich hatte ich vor, erst in die Wissenschaft zu gehen, um anschließend dann in die private Wirtschaft zu wechseln«, erklärt Franz seine eigentlichen Einstiegsvorstellungen. Den Zwischenschritt hat er durch Praktika in der Wissenschaft während des Studiums dann aber gewissermaßen übersprungen:

»Aus meiner Sicht sind die oftmals befristeten Arbeitsverträge in der Wissenschaft nicht attraktiv.« 

Heute beschäftigt er sich neben der Kalkulation von Tarifen vor allem mit mathematischer und statistischer Modellierung. So führt er beispielsweise Simulationen durch und errechnet, welches Risikokapital das Unternehmen zurücklegen muss, um künftige Schadenereignisse wie zum Beispiel Unwetter regulieren zu können. Dabei braucht er in jedem Fall zwar mathematisches Backgroundwissen – allerdings zählen letztlich aber eine schnelle Auffassungsgabe und ein logisches Verständnis für komplexe Sachverhalte.

Viel neues Wissen und viele Kalkulationen

Bei Simone Finke war es vor allem das allgemeine Hintergrundwissen zum Thema Versicherungen, das sie sich zusätzlich aneignen musste. Die 42-Jährige, die Statistik auf Diplom mit Nebenfach BWL studiert hat, arbeitet ebenfalls als Aktuar bei der Gothaer. Ihr Arbeitgeber hat sie bei der mehrjährigen Ausbildung zum Aktuar unterstützt. Im Gegensatz zu ihrem Kollegen Franz war ihr während ihres Studiums bereits klar, dass ihre berufliche Zukunft in Richtung Finanzmathematik gehen wird. Heute zählen neben Tarifkalkulationen, Simulationsrechnungen sowie Berechnungen und Analysen zur Erfüllung aufsichtsrechtlicher Anforderungen im nationalen und internationalen Umfeld zu ihren täglichen Aufgaben.

Auch Katharina Hoge kalkuliert viel: Neben der Kalkulation neuer Versicherungstarife beschäftigt sie sich hauptsächlich mit der Weiterentwicklung bestehender Tarife. Dabei fließen in die Bemessung der Beiträge viele verschiedene Aspekte ein, wie die 27-jährige Spezialistin Produktentwicklung im Bereich Lebensversicherung der DEVK Versicherungen erklärt: »Beispielsweise betrachtet man eine Risikolebensversicherung, die den Hinterbliebenen des Kunden die vereinbarte Summe auszahlt, falls der Kunde im Lauf der Versicherungsdauer stirbt. Um dieses Risiko bewerten und damit den Versicherungsbeitrag bestimmen zu können, müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie wahrscheinlich es ist, dass der Kunde in fünf, zehn oder auch 20 Jahren stirbt. Denn in diesen Fällen muss die DEVK die Summe auszahlen. Diese Wahrscheinlichkeiten werden von verschiedenen Faktoren wie Alter und Geschlecht beeinflusst. Da laut gesetzlicher Vorgaben das Geschlecht nicht in die Bemessung der Prämie einfließen darf, muss eine einheitliche Sterbewahrscheinlichkeit unabhängig vom Geschlecht hergeleitet werden. Hierzu wird das Männer-Frauen-Verhältnis unserer Kunden prognostiziert«, beschreibt Hoge einen Aspekt ihrer Tätigkeit. Hinzu kommen Versicherungsbedingungen, die Kommunikation mit der Versicherungsaufsicht und die Genehmigung einiger Versicherungsprodukte wie Riesterverträge. Dabei ist im gesamten Prozess die Mitarbeit in vielen verschiedenen Bereichen notwendig. Darunter fallen auch nicht-mathematische Fachgebiete wie der Vertrieb oder die Rechtsabteilung. Hinzu kommt, stets auf dem aktuellsten Stand bezüglich Gesetzesänderungen und der momentanen Kapitalmarktsituation zu sein.

Wie auch Simone Finke hatte auch Hoge im Studium nur wenig über die verschiedenen Versicherungsprodukte gelernt, weswegen sie sich zu Anfang ihrer Tätigkeit erstmals einarbeiten musste:

»Dabei fehlten mir neben den speziellen lebensversicherungsmathematischen Kenntnissen insbesondere auch die rechtlichen und steuerlichen Hintergrundinformationen. Allerdings unterstützt mich hier die DEVK bei der Ausbildung zum Aktuar.«

Vom frühen Interesse zum späteren Beruf

Diese Ausbildung, bei der es sich um eine Weiterbildung für Versicherungsmathematiker handelt, die verschiedene Bereiche der Versicherungswirtschaft wie Personen-, Schadenversicherungs- und Finanzmathematik, Statistik, Solvency II und Rechnungslegung abdeckt, absolviert auch Susanne Kuchenmeister. Die 28-Jährige hat sich bereits in der Schule schon sehr für Mathematik interessiert und war sich – wie Tim Franz von Gothaer – der vielfältigen Berufsmöglichkeiten in den verschiedenen Bereichen bewusst, wenngleich sie sich schon früh für die Produktentwicklung in einer Versicherung interessiert hat. Aus diesem Grund ist sie nach ihrem Wirtschaftsmathematik-Studium bei Talanx Deutschland Bancassurance eingestiegen und arbeitet als Versicherungsmathematikerin in der Produktentwicklung.

»Zu meinen vielfältigen Aufgaben zählt die Entwicklung neuer Produktkonzepte. Unter anderem habe ich mich beispielsweise mit dem Relaunch unserer bestehenden Unfallversicherung beschäftigt. Dabei wurde das Produkt kalkuliert und die Bedingungen verbessert«, erklärt Kuchenmeister und fügt an, dass bei neuen Produkten zudem die Profitabilität beurteilt und die bestehenden Produkte regelmäßig an gesetzliche Änderungen angepasst werden müssen.

»Diese Veränderungen sowie neue Produkte müssen dann auch in die bestehenden Verkaufssysteme integriert werden. Dafür liefere ich Vorgaben und teste anschließend die Systeme«, beschreibt die 28-Jährige weiter. Für diese Tätigkeiten braucht sie die Grundrechenarten und muss Barwerte berechnen können. Wenn auch höhere mathematische Vorgehensweisen und Modelle in ihrem Bereich nicht notwendig seien, so sei es allerdings sehr wichtig, dass man die Zusammenhänge versteht und Lösungen auch für komplexe Probleme findet: »Dafür ist die mathematische Denkweise sehr hilfreich.«

Unverzichtbar: eine mathematische Denkweise Eine mathematische Denkweise sollten demnach alle mitbringen, die 'irgendwas mit Mathe' machen wollen. Dabei bietet das Mathestudium auch fernab vom Lehramt sehr viele Möglichkeiten, die zudem noch interessanter sind, wie Kuchenmeister betont. Dabei möchte Katharina Hoge von der DEVK jedem raten, sich über die verschiedenen Jobmöglichkeiten zu informieren und sich gegebenenfalls mit Mathematikern aus diesen Bereichen auszutauschen – schließlich konnte auch sie auf diese Weise herausfinden, welche Fachrichtung für sie die richtige ist:

»Grundsätzlich empfehle ich, dass der ausschlaggebende Punkt für die Wahl eines Mathematik-Studiums der Spaß an der Mathematik beziehungsweise dem Suchen nach einer Lösung mathematischer Probleme sein sollte. Beides wird einen nämlich das gesamte Studium und Berufsleben lang begleiten.«

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