Diskussionsrunde Fachkräftelücke

Ende Februar moderierte audimax eine Diskussionsrunde zum Thema Fachkräftemangel auf Einladung von A.T. Kearney.

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Robert Wetzlmayr/ Quelle: Pixabay.com unter CC0

Fachkräftemangel ist in aller Munde. Manche Experten bestreiten seine Existenz, andere wiederum zeichnen den Untergang der deutschen Volkswirtschaft und damit auch den Teufel an die Wand, wenn sie vom Fachkräftemangel sprechen. Doch wie sieht die Realität aus und was erwartet unser Land in den kommenden Jahren? Welche Lösungsstrategien gibt es, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken? Wie müssen sich Hochschulen künftig ausrichten, um ihren Teil zur Schließung der Fachkräftelücke beizutragen?

Und welche Rolle kommt diesbezüglich Unternehmen zu? Darüber sprachen in einer angeregten Diskussion auf Einladung der Unternehmensberatung A.T. Kearney Experten Ende Februar in Berlin, unweit des Reichstags. Teilnehmer der von audimax moderierten Diskussionsrunde waren:

Dr. Martin Sonnenschein, Managing Director Central Europe von A.T. Kearney Robert Ziegler, Vice President A.T. Kearney Prof. Oliver Günther, Ph.D., zum Zeitpunkt der Diskussionsrunde Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der HU Berlin, mittlerweile Präsident der Universität Potsdam Prof. Dr. Ronnie Schöb, Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft der FU Berlin Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani, Rektor der ESCP Europe Wirtschaftshochschule Berlin.

Diskussionsrunde zum Thema MINT Fachkräftelücke

Was sie zu sagen haben und welche Lösungsansätze in der zweistündigen Diskussion entwickelt werden konnten, könnt ihr hier lesen.

Martin Sonnenschein:

Der Wettbewerb um leistungsfähige Mitarbeiter, sowohl mit akademischem Werdegang als auch mit handwerklichen und gewerblichen Fähigkeiten, ist in vollem Gange. Ich beobachte das insbesondere, wenn ich mich mit Personalvorständen unterhalte, die perspektivisch denken und überlegen, welches Personal Unternehmen in den nächsten zehn bis 15 Jahren benötigen. Dann spürt man, dass die genannten sechs Millionen, die die Lücke auszumachen scheinen, die einzelnen Betriebe, Unternehmen und Großunternehmen trifft. Ich will gleich eine These aufstellen: Früher war Kapital das große Thema, um Wachstum zu finanzieren. In den nächsten Jahren ist es das Potenzial der Mitarbeiter.

Robert Ziegler:

Ich möchte gern etwas weiter ausholen und den Blick unserer Klienten einbringen. Ich habe das Problem des Fachkräftemangels in den letzten sechs Jahren, als ich im Mittleren Osten gelebt habe, viel stärker erlebt. Dort kommen in manchen Ländern 95 Prozent der Arbeitskräfte aus dem Ausland. Ich hatte demnach erwartet, dass der Mangel in Deutschland kein größeres Problem ist, da wir hier bessere, vielfältigere und vielzähligere Bildungsinstitute auf allen Niveaus haben, also eine deutlich bessere Ausbildung im technischen und fachlichen Bereich. Dass es hier trotzdem Fachkräftemangel gibt, ist wohl dennoch unbestritten. Ich sehe Tag für Tag bei unseren Klienten, dass viele Positionen gar nicht beziehungsweise nicht mit qualifiziertem Personal besetzt werden können. Ich kenne das von meiner Frau. Sie ist sehr qualifiziert und hat zwölf Monate lang in Berlin einen Job gesucht. Als sie dann endlich etwas gefunden hatte, erfuhr sie, dass ihr Arbeitgeber 18 Monate lang nach jemandem mit ihren Qualifikationen gesucht hatte. Das heißt, wir haben eine sehr hohe Intransparenz im Markt, die dazu führt, dass das Angebot nicht die Nachfrage trifft. Wir benötigen Spezialwissen für bestimmte Projekte. Mal punktuell, mal für längere Zeit. Dieses Spezialwissen gibt es sicherlich draußen im Markt, nur dauert es sehr lange und es kostet sehr viel Aufwand, dass Angebot und Nachfrage zusammenfinden.

Oliver Günther:

Selbstverständlich gibt es jetzt schon einen Fachkräftemangel in Deutschland, allerdings ist er noch nicht besonders akut. Auch in Bereichen, wo sich erste Schwierigkeiten abzeichnen, haben bekannte und attraktive Unternehmen keine ernsthaften Probleme, Arbeitskräfte zu finden. Aber dieser Trend zum Mangel wird sich allein aus demografischen Gründen verstärken. In den MINT-Fächern ist der Bedarf mittelfristig ungebrochen hoch, aber unsere Abiturienten wollen nicht so richtig in die MINT-Fächer rein, zumindest nicht in so großen Zahlen, wie wir sie aus volkswirtschaftlicher Sicht bräuchten. Das hat viele Gründe, auf die wir später noch eingehen können. Es ist durchaus rational begründet, wenn ein begabter Abiturient sich ausrechnet, dass es, wenn er einmal Vorstand werden will, effizienter ist, BWL zu studieren als sich durch ein mühsames Maschinenbau- oder Wirtschaftsingenieurstudium zu kämpfen. Aus Sicht der Volkswirtschaft zeichnet sich da eine besorgniserregende Perspektive ab. Was die unternehmerische Sicht angeht, wird es starke Ungleichheiten geben. Wenn Sie an die ganzen Mittelständler denken, deren Namen nicht so bekannt sind und die irgendwo in Ostwestfalen sitzen – da will einfach keiner hin. Die haben jetzt schon extreme Probleme, gute Ingenieure und Informatiker zu bekommen. Dieser Trend wird sich verstärken. Wer an unattraktiven Standorten sitzt und eine Firma vertritt, die eben nicht so bekannt ist, wird Schwierigkeiten haben.

audimax:

Glauben Sie, dass Abiturienten bei ihrem Abschluss schon die Vision haben, in 25 Jahren Vorstand zu sein? Oder wählen sie ihr Studienfach nicht eher nach anderen Kriterien?

Sonnenschein:

Ich glaube, dass Schüler gedanklich nicht ausreichend auf MINT-Fächer vorbereitet werden. Und das Gefühl, dass das sehr anspruchsvolle Studium mühsam ist, ist schon da. Viele haben scheinbar Respekt davor. Von daher glaube ich, das Problem fängt nicht erst an der Hochschule an, sondern schon an der Schule.

Günther:

Ich bin selber Informatiker, aber auch Dekan einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und mir widerstrebt es ein wenig, gegen die eigene Disziplin zu argumentieren. Faktum ist aber, dass wir uns insbesondere in BWL vor Bewerbern kaum retten können, während wir in den MINT-Fächern bundesweit zu wenige Studienanfänger haben. Das wird uns volkswirtschaftlich schon ein Problem machen, denn nur mit BWL, VWL und Jura können Sie eine so komplexe Volkswirtschaft wie Deutschland nicht fahren.

Ayad Al-Ani:

Laut des Mittelstandsbarometers sagen viele Unternehmen, sie hätten Probleme, Fachkräfte zu bekommen. Deutsche Unternehmen sind der Meinung, dass sie ihre Fachkräfte aus Deutschland rekrutieren können. Schweizer und Franzosen antworten auf die Frage nach der Personalgewinnung, dass sie einen hohen Prozentsatz der Fachkräfte aus Deutschland rekrutierten. Das geht sich mathematisch nicht aus! Deutsche Unternehmen haben häufig eine starke Fokussierung auf deutsche Bewerber, was die Sache einengt. Wir beobachten bei unseren Studenten, die ungefähr zur Hälfte aus Westeuropa kommen: Selbst die, die gut Deutsch sprechen, haben Schwierigkeiten, einen beruflichen Einstieg in die deutschen Unternehmen zu finden. Man sollte bedenken: Die Rekrutierungsbudgets der Unternehmen sind lokal verteilt. Die Firmen befürchten meist, dass Neueingestellte nach zwei Jahren das Unternehmen wieder verlassen. Somit suchen sie sich eher Bewerber, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie hier bleiben. Merkwürdigerweise sind das oft die Unternehmen, die selbst global aufgestellt sind. Ein anderes Thema ist ‚Aging-Workforce‘. Ich kenne kaum ein Unternehmen, das ein Konzept hat, wie es mit den Mitarbeitern 50+ effizient umgeht. Für Hochschulen wird das ein sehr attraktiver Ansatz. Eine Untersuchung der DIHK beklagt, dass das von Hochschulen zu wenig wahrgenommen wird und gerade mal elf Prozent der Deutschen sagen, sie wüssten, wo sie entsprechende Weiterbildungsangebote finden und sind damit zufrieden. Ich denke, die Hochschulen würden gut daran tun, ihre Kooperationsstrategie mit Unternehmen auf neue Beine zu stellen. Das löst das Thema „Wie schaffe ich es, dass jemand Maschinenbau studiert“ nicht, aber es tut sich derzeit sehr viel. Beide Seiten wissen aber noch zu wenig voneinander.

Ronnie Schöb:

Warum sprechen wir von Fachkräftemangel? Mangel hat mit Rationierung zu tun und entsteht zum Beispiel, weil staatlich vorgegeben nur eine geringe Menge an bestimmten Gütern produziert worden ist und diese nicht den Marktbedarf deckt. Ganz banal gesprochen: Wenn es in Märkten Mangel gibt, müsste der Preis entsprechend reagieren und damit Anreize schaffen, den Mangel zu beseitigen. Wenn die Preise steigen, wird nicht nur das Angebot steigen, sondern auch die Nachfrage zurückgehen. Damit müssen wir uns auch beschäftigen.

Günther:

Warum ist das erwartete Lebenseinkommen eines Ingenieurs nicht wesentlich höher als das eines Betriebswirts?

Schöb:

Gute Frage. Ich war lange in Magdeburg an der Universität und habe dort auch mit einigen Unternehmen gesprochen. Die Bereitschaft, die Attraktivität auch über den Lohn zu erhöhen, habe ich dort nicht gesehen. Warum, weiß ich nicht. Ich wollte aber noch auf einen anderen Punkt hinaus. Die relative Knappheit von Fachkräften ist doch eine gute Nachricht für unsere Studenten. Sie haben ein Gut anzubieten, das knapp ist. Dementsprechend können sie mit diesem Pfund wuchern und das sollten sie in Zukunft auch tun. Die Unis spielen allerdings eine große Rolle beim Problem des ‚Matchings‘. Unsere Studenten sind teilweise bis kurz vor dem Examen orientierungslos; dann ist es zu spät. Wenn Unternehmen spezielle Expertise brauchen, ist es wahrscheinlich nicht ausreichend, sie nur von der Universitätsausbildung zu erwarten. Hier müssen Universität und die Wirtschaft Bildungspakete schnüren, die es den Studenten möglich machen, im Betrieb ihre spezielle Expertise zu vertiefen.

Ziegler:

Es gibt ein paar Beispiele, wo das funktioniert. Ich kenne von der ESCP Europe Wirtschaftshochschule Berlin so genannte ‚Company Projects‘, also Pflichtpraktika. Wo man als Student schon früh gedrängt dazu wird, sich nicht nur akademisch zu bilden, sondern in Unternehmen zu gehen und vertieft zu lernen. Die Studenten, die schon nach dem Abitur sagen „Ich will Vorstand werden“ – das ist nur eine absolute Minderheit. Die Meisten wollen erstmal verstehen, wie sie sich einigermaßen positionieren können, sodass sie danach noch alle Optionen offen haben, noch nicht zu spezialisiert sind und aus einer bestimmten Ecke nicht mehr herauskommen. Die schauen eher danach, welcher der Erstjob nach dem Studium sein wird. Es gibt Unis, die so etwas anbieten. Gerade in den MINT-Fächern sind mir solche Konstrukte aber nicht bekannt.

Günther:

Bezüglich des Matchings machen wir mittlerweile schon mehr als früher. Unsere Fakultät hat extra eine GmbH gegründet, um diesen ‚Match‘ von Absolventen und Unternehmen zu verbessern. Wir haben das konkrete Problem, dass viele unserer Studenten gern im Berliner Raum bleiben würden, aber nicht genau wissen, welche Unternehmen passen. In unserem Fall finanzieren Unternehmen diese GmbH über einen Jahresbeitrag. Der Geschäftszweck der GmbH ist eine Stellenvermittlung, um den Markt transparenter zu machen, den Unternehmen gegen einen entsprechenden Kostenbeitrag Zugang zu unseren Absolventen zu schaffen und den Absolventen die Augen zu öffnen, welche Möglichkeiten sie hier im Berliner Raum haben.

audimax:

Wenn Studenten selbst beim Examen noch planlos sind: In welchem Alter müsste man Anreize in Richtung MINT setzen?

Günther:

Eigentlich schon in der Schule. Aber dann kommt wieder die Frage, warum Ingenieure nicht ein höheres Lebenseinkommen erwarten dürfen als die Betriebswirte.

audimax:

Ist es dann nicht Aufgabe der Uni, in der Ausbildung die Lehrer so zu formen, dass sie MINT fördern?

Günther:

Das stimmt. Ich war letzte Woche in Singapur und da läuft alles ganz anders. Das ist keine föderale Demokratie westlicher Prägung, sondern es geht viel stärker von oben runter. Singapur hat vor drei Jahren entschieden, dass es Personal im Gesundheitsbereich braucht. Da werden dann Studienplätze eingerichtet und auf diese werden die Schüler gesetzt. Es wird gesagt, du kriegst jetzt diesen Studienplatz, erhältst ein Stipendium, darfst ein Jahr in die USA und so werden die Anreize von oben nach unten durchgedrückt. Für uns wäre das undenkbar. Als Unis sind wir ja auch gehalten, unser Angebot der Nachfrage anzupassen. Wenn die Kids alle BWL studieren wollen, ist das für mich als Dekan wunderbar. Dann kann ich zum Präsidenten oder zum Senator gehen und sagen: Die wollen alle kommen. Ich brauche mehr Professuren, mehr Studienplätze und dann kriege ich die vielleicht sogar auch. Aber das ist ein echtes Steuerungsproblem.

Al-Ani:

Ich sehe ein großes Problem darin, dass diese ganzen Systeme – Schule, Unternehmen, Unis – nicht alle an einem Strang ziehen. Unternehmen und Unis sollten zusammenarbeiten. Es spräche ja nichts dagegen, offen zu legen, in welchen Bereichen man jemanden braucht und das als Angebot zu positionieren.

audimax:

Aber dann werden vielleicht Stimmen laut, die sagen, die Privatwirtschaft dürfe auf keinen Fall in Forschung und Lehre eingreifen.

Sonnenschein:

Die freie Wirtschaft gibt bereits zwei Milliarden Euro für Bildung aus, aber ich glaube, das reicht noch nicht. Wenn man Nachfrage in gewissen Berufen hat, muss die Förderung auch da hingehen. Dazu muss ich als Unternehmer bereit sein, denn nach fünf bis zehn Jahren bekomme ich dann in Form von adäquatem Personal meinen Return.

Schöb:

Die Leute haben Angst vor dem anspruchsvolleren Ingenieurstudium und gehen dann in vermeintlich leichtere Bereiche, weil sie sich sagen, dass sich für die erwarteten Löhne der Aufwand, den sie zu betreiben haben, und die riskante, frühzeitige Spezialisierung nicht lohnen.

audimax:

Welche Anreize müssten geschaffen werden?

Ziegler:

Ich denke, auf Unternehmensseite muss eine höhere Flexibilität entstehen, auch Exoten in Positionen zu setzen. Muss der Ingenieur, der jetzt Maschinenbau machen soll, wirklich ein Maschinenbauer sein oder kann das auch ein anderer Ingenieur sein? Umgekehrt funktioniert es ja auch: Es gibt genügend Ingenieure in Managementfunktionen, warum kann man das nicht in die andere Richtung auch hinbekommen? Vielleicht ist dafür eine Art Fortbildung notwendig, ein kurzes ‚Back-to-School‘ für ein, zwei Jahre. Denn die Entscheidung, was ich studieren will, treffe ich vier Jahre, bevor ich auf den Markt komme. Bis dahin hat sich der Markt vielleicht schon längst verändert.

Sonnenschein:

Für mich stellt sich die Frage, wen der Arbeitsmarkt eigentlich sucht und wie viel Spezialisierung man braucht. Bei A.T. Kearney stellen wir 40 bis 50 Prozent ‚Exoten‘ ein. Wir haben Kunstgeschichtler, Psychologen – die Bandbreite ist enorm und bringt uns neue Sichtweisen und Ideen in unsere Klientenprojekte. Mancher dieser Leute tun sich in den ersten sechs bis zwölf Monaten schwer, aber sie bekommen ein Extratraining und nach zwölf bis 24 Monaten stelle ich in der Projektarbeit keine Unterschiede mehr fest. Wenn die Grundfähigkeiten wie analytisches Denken und Kommunikationsstärke vorhanden sind, kann man unendlich viel erreichen. Ich denke, wir müssten viel länger breit ausbilden, bevor wir in die Spezialisierung kommen. Denn viele Abiturienten wollen und können sich noch gar nicht festlegen, was sie den Rest ihres Lebens machen wollen.

Günther:

Ein bisschen mehr Flexibilität kommt über Bologna rein – ich bin ein großer Fan davon. Dadurch, dass wir nach dem dritten Studienjahr diese Sollbruchstelle haben, werden einige in die Praxis gehen und andere werden weiter studieren und sich spezialisieren. Und da sind wir Professoren gefragt: Ich sehe mit Sorge, dass viele Kollegen in ihre Masterstudiengänge nur Leute aufnehmen, die eh schon drei Jahre lang dasselbe Fach studiert haben. Das ist natürlich völlig daneben. Mehr Flexibilität ist sehr wichtig, wenn wir den Abiturienten den Druck nehmen wollen, dass das, wofür sie sich jetzt entscheiden, für immer Bestand haben wird. Noch mal zum Thema Singapur: Natürlich können wir dieses System nicht unverändert übernehmen, aber ich habe vorhin rausgehört, dass es Sympathien dafür gibt. Wollen wir denn mehr Steuerung?

Al-Ani:

Steuerung ist nicht das richtige Wort, eher Anreize.

Schöb:

Wir sollen, so wird gefordert, die Ausbildung breiter anlegen. Aber was Sie, Herr Sonnenschein, an Ihren Exoten schätzen, ist das Spezialwissen, das sich unsere Studenten im Studium angeeignet haben. Breite bedeutet Verzicht auf Tiefe. Das ist der falsche Weg. Wir müssen Studenten anleiten, sich mit einem Thema intensiv auseinanderzusetzen, es durchzudenken von A bis Z. Wir müssen die Fähigkeit der Studenten schulen, Probleme eigenständig zu lösen und nicht Lösungswege für konkrete Probleme anbieten.

Al-Ani:

Was ist denn für uns als Hochschule eigentlich das Ziel? Es sollte nicht nur sein, den Studenten ein Zeugnis in die Hand zu drücken, sondern sie in der Arbeitswelt einsetzbar zu machen.

audimax:

Viele Unternehmen stellen die fachlichen Kompetenzen der Studienabgänger gar nicht in Frage, beklagen wohl aber die mangelnde Sozialkompetenz. Wie können hier die Hochschulen eingreifen?

Schöb:

Das kann nicht die primäre Aufgabe der Universität sein. Das muss vorgelagert sein. Wir wissen doch aus der Forschung, dass man mit der Vermittlung von sozialen Kompetenzen sehr, sehr früh anfangen muss. Mit 19 Jahren ist das möglicherweise schon zu spät.

Al-Ani:

Ich glaube, man muss das nicht unbedingt lehren. Aber je mehr die Studenten in die Praxis kommen, lernen sie das automatisch. Das muss die Hochschule nicht extra vermitteln. Die Hochschule sollte zumindest ermöglichen, dass sie diese Praxis verstärkter haben.

audimax:

Ist dies der Ansatz, dass man an der Uni, wo es klassischerweise nur um die Wissenschaft geht, mehr Praxisanreize schafft und verpflichtende Praktika einführt?

Schöb:

Es ist nicht primäre Aufgabe der Universität, soziale Kompetenzen zu vermitteln. Die Uni ist trotzdem ein Ort, wo sehr viele soziale Kompetenzen eingeübt werden. Die Grundlagen müssen jedoch früher gelegt werden.

Sonnenschein:

Wir reden ja viel über Bildung und die Auflösung des Fachkräftethemas; das geht natürlich nur über Bildung und Zusammenarbeit. Mich überrascht immer wieder, dass, egal welche Regierung am Werke ist, jeder sagt: „Bildung ist wichtig! Wir müssen in Bildung investieren.“ Fakt ist, dass die Ausgaben für Bildung als Anteil am Bruttoinlandsprodukt gemessen in den letzten 15 Jahren nicht nach oben gegangen sind, sondern eher nach unten. Da haben wir grundsätzlich schon ein Problem. Alle fordern, aber es handelt keiner. Ich möchte an dieser Stelle mal auf ‚Deutschlands Erbe‘ schauen: Gute, deutsche Ingenieurskunst, das Land der Ideen. Der deutsche Ingenieur ist der Gastarbeiter der Zukunft: Er reist herum und arbeitet im Ausland, weil er dort teilweise mehr Geld verdient. Wir müssen in der Lage sein, diesen ‚Braindrain‘ in einen ‚Braingain‘ zurückzuführen.

audimax:

Ist denn der einzige Attraktivitätsfaktor wirklich nur das Geld?

Sonnenschein:

Es ist nicht nur das Geld, es sind auch Lebensbedingungen, Sicherheit, eine ordentliche Ausbildung.

Günther:

Und Prestige! Der Beruf des Ingenieurs genießt heute immer noch ein hohes Ansehen, vielleicht aber nicht mehr so wie früher.

audimax:

Dann beißen wir uns doch mal am Punkt des Images fest. Es geht ja nicht nur um Geld, sondern wie Sie sagen, auch um Prestige und Ansehen. Wie kann man das verbessern?

Al-Ani:

Ich glaube, die Unsicherheit darüber, wie der Produktionsstandort Deutschland überhaupt aussehen wird, ist ein großes Thema. Hier gibt es keine klare Botschaft. Das Image ist meiner Ansicht nach intransparent. Schauen Sie doch das Beispiel Berlin an. Hier fehlen 60.000 – 70.000 Industriearbeitsplätze. Welche Industriepolitik verfolgt Berlin eigentlich?

Schöb:

Warum sollte die Stadt Berlin dann in die Ingenieursausbildung investieren, wenn der Ingenieur später in einem anderen Bundesland seine Einkommensteuer abführt? Wir leiden hier unter dem Föderalismus im Bildungssystem. Abhilfe könnten wir schaffen, wenn wir Berlin als Bildungsstandort definieren, der sich über Gebühren finanziert, das Geld vorab einnimmt und nicht darauf hoffen muss, dass diejenigen, die Berlin ausbildet, hier auch später Steuern zahlen. Wenn ich nur nachrangig als Staat Erträge generieren kann, dann sind die Anreizstrukturen auf politischer Ebene völlig verfehlt.

Günther:

Was ist mit Vorbildern? Ich denke, da kann man auch ein bisschen mehr machen, das ist noch zu wenig im öffentlichen Bewusstsein.

Sonnenschein:

Das Berufsbild muss mit all seinen Fähigkeiten besser gezeichnet werden.

audimax:

Wer ist dafür verantwortlich? Sind es nur die Schulen oder auch die Unternehmen?

Sonnenschein:

Schule, Unternehmen, Berufsverbände, ich glaube, das ist eine gemeinsame Initiative. Ich glaube, in den MINT-Fächern ist das zu einseitig. Zum Thema Berufsbildschaffen: Da fängt’s schon wieder bei den Lehrern an – der Lehrer muss als Multiplikator und als berufsbildender Ratgeber fungieren.

Schöb:

Wir sehen das ja an den Schulen – es ist teilweise wirklich schwierig, Physik- oder Mathematiklehrer zu bekommen. Vielleicht müssen wir darüber nachdenken, dass wir schon bei der Struktur der Lehrer unterscheiden müssen. Wir brauchen gute Lehrer! Und bessere Mathematikbücher! Ich kann jeden Schüler verstehen, der kein besonderes Interesse an Mathematik entwickelt.

audimax:

Auch hier die Frage: Wen muss man in die Verantwortung nehmen? Den Schulen ist es möglicherweise egal, was mit ihren Schülern nach dem Abschluss passiert. Offenbar haben Schulen eher eine ‚Zeugnismentalität‘ wie Sie sagen, Herr Al-Ani. Abschluss und Schluss.

Schöb:

Ja, eine 1,3 mit Sport und Erdkunde ist genauso viel wert wie eine 1,3 mit Mathematik und Physik.

audimax:

Wer muss da anpacken? Müssen Unternehmen vielleicht bereits in die Schulen eingreifen?

Sonnenschein:

Unternehmen engagieren sich immer früher und investieren, wenn auch in einem bescheidenen Maße. Unternehmen geben aber auch immer noch Unmengen an Geld für Coaches und Trainer aus, um all das, was vorher versäumt wurde, nachträglich zu korrigieren. Ich glaube, dass ein kluger, langfristig denkender Unternehmer, nicht einer, der nur Drei-Jahres-Verträge hat, bereit wäre, auch langfristig zu investieren und eine andere Mittelallokation vorzunehmen, wenn es erforderlich ist.

Al-Ani:

Bei kleinen Mittelbetrieben kann man beobachten, dass sie trotz der Schwierigkeit, Talente zu bekommen, so erfolgreich sind. Meine Hypothese ist, dass die Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiter in solchen Unternehmen relativ hoch ist – selbst Geschäftsführer sind im Vergleich zu Führungskräften größerer Unternehmen länger dabei. Ich glaube, bei DAX-Unternehmen in Deutschland ist die Verweildauer unter drei oder vier Jahren. Die Mittleren scheuen sich auch nicht davor, Investitionen in die Mitarbeiter zu machen, weil sie wissen, dass sie dem Unternehmen treu verbunden sind. Das ist ein zukunftsweisender Weg.

Günther:

Ihre Frage war ja: Wer ist hier verantwortlich? Selbst als Dekan oder Präsident an der Uni sind da die Spielräume leider sehr beschränkt. Letztendlich gefragt ist die Regierung.

Sonnenschein:

Woran wird ein Dekan einer namhaften Universität oder Fakultät eigentlich gemessen? Wann wird man sagen, dass er einen guten Job gemacht hat, wenn er fünf Jahre seinen Posten hatte?

Günther:

Wenn Sie mich fragen: Eigentlich könnte ich mich auch in meinen Lehnstuhl setzen und gar nichts machen. Da fehlt es in der Tat noch an Anreizen.

Schöb:

Erstmal haben wir keine vier oder fünf Jahre, sondern wir haben zwei Jahre.

Günther:

Wir sind aber intrinsisch motiviert.

Schöb:

Das ist der akademischen Selbstverwaltung geschuldet. Die Aufgaben des Dekans sind eben viel weniger als von außen her erwartet wird. Es sind nicht diejenigen, die richtungsweisende Entscheidungen treffen, sondern diejenigen, die versuchen, das Schiff über Wasser zu halten. Das sind meist die intensivsten Arbeiten.

audimax:

Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Deutschen Telekom, hat in Bezug auf die hohen Abbrecherquoten im MINT-Bereich gesagt, wir müssten einfach die Mittelzufuhr an die Hochschulen begrenzen und nach Abbrecherquote, Frauenquote und Evolution der Lehre steuern.

Schöb:

Solche Kriterien sind schädlich! Die Abbrecherquote kann ich problemlos steuern. Ich muss einfach nur den Anspruch bei Prüfungen auf Null setzen. Das sind Indikatoren, die letztendlich kontraproduktiv sind.

Sonnenschein:

Aber werden Sie daran gemessen, Leute erfolgreich ins Berufsleben zu bringen und Karrieren gemacht zu haben?

Günther:

Ich habe mal einen Artikel geschrieben über das Amt des Dekans und da habe ich ganz massiv dahingehend plädiert, dass es längere Amtszeiten geben sollte. Diese zweijährigen Amtszeiten sind unsinnig. Da kriegst du gar nichts auf die Reihe. Längere Amtszeiten brauchen wir, natürlich auch Entwicklungsmöglichkeiten und andere Anreize, denn man verabschiedet sich währenddessen teilweise aus der Wissenschaft. Sie haben insofern recht – der ‚Normaldekan‘, der macht das zwei Jahre, weil er mal dran ist, und dann sind zwei Jahre rum, ohne dass was passiert ist. Das ist in der Tat ein Problem.

Sonnenschein:

Ich glaube, dass man die Universitäten per se nicht aus der Verantwortung lassen soll.

Al-Ani:

In einer Business School ist das heute schon weitergedreht. Man kann spekulieren, ob das irgendwann auch auf Universitätsebene ankommt. Für uns sind vor allem Financial-Times-Rankings extrem wichtig. Dies belegen insbesondere unsere Bewerber- und Studierendenbefragungen. Diese unterstreichen, dass für mehr als 50 Prozent der Befragten Ranking-Ergebnisse ein wichtiges Orientierungs- und Entscheidungskriterium sind. Es gibt verschiedene Kriterien und ein wichtiges Kriterium ist zum Beispiel das Anfangsgehalt der Absolventen. Da zählt dann das Gesamtergebnis, nicht nur das Zeugnis. Ähnliche Rankings könnte man auch mühelos woanders machen.

Günther:

An Universitäten kann man auch über interne Ressourcenverschiebungen einiges bewirken. Eine Absolventenquote ist in der Tat gefährlich. Die Anreize können nach hinten losgehen. Aber dass Fachbereiche und Fakultäten, die gute Arbeit leisten, auch mehr Geld kriegen, ist problemlos machbar. Da traut sich bloß keiner ran, denn er hat Angst, dass er nicht wiedergewählt wird, weil er ja dafür anderen was weggenommen hat.

Schöb:

Dazu braucht es entsprechende Anreize. Wenn wir mehr Ingenieure brauchen, müssen wir die Anreize schaffen, innerhalb der Universitäten verstärkt in die Ingenieursausbildung zu investieren. Im Grunde müsste die Politik für jeden ausgebildeten Ingenieur einen satten Überschuss erwirtschaften können.

Sonnenschein:

Im Rahmen des Studiums hat man doch zwei, drei Monate ein Praktikum. Die Qualität des Praktikums und was geleistet wird, zahlt aber eigentlich nirgendwo ein. Außer dass der Student sich vielleicht ein bisschen mehr qualifiziert, aber für den Studienabschluss als solches ist es eigentlich nicht relevant.

Al-Ani:

Bei uns nicht. Bei der ESCP Europe Wirtschaftshochschule Berlin sind Praktika Teil der Notengebung. Jeder Studierende muss einen Praktikumsbericht schreiben, der bewertet wird.

Sonnenschein:

Wie ist das an den anderen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten?

Günther:

Das wird begrüßt, spielt aber letztlich keine Rolle für den Studienerfolg.

Al-Ani:

Wir haben in unserem Masterprogramm in European Business ein Company-Consulting-Projekt, das heißt, je vier Studenten müssen für vier Wochen für ein Unternehmen ein Beratungsprojekt bearbeiten. Und ich bin immer wieder erstaunt, wie ernst und anspruchsvoll die Unternehmen die Beratungsleistung der Studenten dabei in Anspruch nehmen. Das Ergebnis sind meist belastbare und für die Mandanten verwertbare Ergebnisse, die dann Grundlage betriebswirtschaftlicher Entscheidungen sind. Die Unternehmen begrüßen so etwas auch, denn dabei erkennen sie die Qualifikationen der Teilnehmer. Ein sehr hoher Prozentsatz unserer Studierenden, die solche Projekte oder Praktika machen, erhalten im Anschluss häufig direkte Job-Angebote.

audimax:

Wir möchten noch einen ganz anderen Aspekt einfließen lassen: Bislang reden wir über das klassische Hochschulmodell – der Abiturient kommt, macht seinen Abschluss und steigt ins Berufsleben ein. Vielleicht liegen einige qualifizierte Fachkräfte einfach brach? Sie haben momentan keinen Job und haben irgendwann den Anschluss verpasst. Das Potenzial wäre aber da, sie sind vielleicht aber schon 40 Jahre. Wessen Aufgabe ist es, das zu reaktivieren? Müssten Unis Crashkurse anbieten oder Unternehmen sie auf die Jobs trainieren, in denen sie Mitarbeiter brauchen?

Al-Ani:

Ich glaube beide. Die Hochschulen können ihr Angebot auf dieses Segment ausrichten und auch Unternehmen sollten darüber nachdenken, wie sie damit umgehen wollen. Früher oder später wird ihnen keine Wahl bleiben – insbesondere Unternehmen mit hoher Fluktuation. Dann sind sie gezwungen, ihr Potenzial weiterzuentwickeln.

Günther:

Da haben Sie an der Universität doch auch ein Finanzierungsproblem. Ich sehe die Problematik auch. Aber aus der Substanz heraus ist das an meiner Fakultät völlig unmöglich zu realisieren.

Sonnenschein:

Didaktisch-pädagogisch müsste das ganz anders aufgesetzt werden. Erwachsenenbildung ist für den Markt der Bildungsinstitute sehr wichtig. Und ich glaube, wir kommen da nicht drum herum. Es wird einfach passieren müssen, statt Leute in Frührente zu schicken, sie lieber möglichst lange zu beschäftigen.

Schöb:

Die Universität hat einen Weiterbildungsauftrag, dieser wird sicherlich weiter ausgedehnt. Aber es kann nicht im Rahmen der Strukturen, die sie jetzt auszeichnet, stattfinden.

audimax:

Damit sind wir bei der Ursprungsfrage dieser Diskussionsrunde: Wie kann eine Uni der Zukunft aussehen? Offenbar gibt es nicht DIE Uni der Zukunft.

Schöb:

Diese Frage beschränkt sich darauf, die Rolle der Unis für die Ausbildung zu beleuchten. Die Formulierung der Frage ist damit viel zu eng gefasst. Die Uni muss sich zunächst einmal positionieren, welche Rolle sie in der Forschung spielen soll. Da liegen wir im Wettstreit mit den Forschungsinstituten. Zum zweiten müssen sich die Universitäten fragen, wie sie exzellente Forschung und exzellente Lehre miteinander in Einklang bringen können. Erst an dritter Stelle kommt die Frage, inwieweit sie auch den Markt bedienen sollen. Nur diese dritte Frage wird hier gestellt und ist in diesem Kontext für mich nicht beantwortbar.

Ziegler:

Ich stelle mir die Universität der Zukunft so vor, dass wir viel mehr Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft haben. Die Frage ist, wie wir die Nähe zwischen Arbeit und Lehre erhöhen können. Wir haben hier in Berlin dieses Ungleichgewicht: Es gibt sehr viele Studienplätze, wir haben aber sehr wenige Industriearbeitsplätze. Die Leute werden dadurch natürlich mobil, gehen aus Berlin weg, und was hält sie davon ab, nicht auch noch andere Grenzen zu überschreiten und ins Ausland zu gehen? Auf der anderen Seite haben wir dadurch auch ein Problem, wenn jetzt alle Universitäten in Berlin Pflichtpraktika einführen. Die Industrie hier könnte das überhaupt nicht leisten. Das heißt auf der einen Seite haben wir Verantwortung, mehr Industrie anzusiedeln, damit Berlin auch ein attraktiver Arbeitsplatz ist und nicht nur ein schöner Studienplatz. Genauso ist es umgekehrt automatisch so, dass direkt immer Lehre mit entsteht, wenn irgendwo neue Industrien entstehen. So sieht meiner Meinung nach die Universität der Zukunft aus: deutlich dezentraler, stärker integriert mit dem Arbeitsplatz beziehungsweise auch mit der angewandten Forschung.

Günther:

Wir werden auch noch eine viel stärkere Ausdifferenzierung in unterschiedlich orientierte Universitäten sehen. Es wird sowohl forschungsorientierte Unis geben, wo sich ein größerer Teil des Budgets und des Personals auf Spitzenforschung konzentriert. Die Unterscheidung zwischen Unis und Fachhochschulen wird sich auflösen. Und es wird Hochschulen geben, die sich bewusst auf Marktlücken konzentrieren. Die wissen, dass sie in der Spitzenforschung in den kommenden 20 Jahren eh keinen Blumentopf mehr gewinnen. Deshalb konzentrieren sie sich auf bestimmte Ausbildungsbereiche und Forschungsdisziplinen, wo eine konkrete Nachfrage da ist. Diese Ausdifferenzierung werden wir überall erleben. Alles zugleich leisten zu können, ist schlicht budgetmäßig nicht machbar.

Sonnenschein:

Ich würde mir ein Spitzeninstitut für die Lehrerausbildung vorstellen. Es muss dafür eine Exzellenzuniversität geben.

audimax:

Wie sehen Sie die Rolle der Wirtschaft in einer möglichen Uni der Zukunft?

Sonnenschein:

Die Wirtschaft wird fleißig mit investieren, das ist gut getätigtes Investment.

Ziegler:

Die großen Unternehmen haben seit Langem verstanden, dass sie, wenn sie irgendwann große mächtige Wale haben wollen, jetzt beginnen müssen, Plankton zu züchten.

audimax:

Ist denn das Modell von heute, in dem man drei, vier Jahre stur durchstudiert, ein bisschen überholt? Ist die enge Verzahnung der Königsweg?

Sonnenschein:

Davon bin ich fest überzeugt. Genau wie das traditionelle Berufsbild in manchen Unternehmen überholt ist. Es wird heute viel projektbezogener gearbeitet. Berufsbilder werden sich verändern und genauso wird das an den Universitäten sein.

Günther:

Das sehe ich genauso. Die Vernetzung, die wir diskutiert haben, wird die Regel werden. Bei uns studieren die Studenten eine wissenschaftlich ausgerichtete BWL, aber 80 Prozent sind eigentlich an der Wissenschaft im Sinne von Forschung nicht interessiert, die wollen einfach einen Job haben. Da ergibt es Sinn, dass wir uns im Bachelorbereich darauf einstellen. Im Master können wir im Bereich der Spitzenforschung ausbilden. Ob wir uns nur darauf konzentrieren können, ist eine andere Frage.

Al-Ani:

Mein Plädoyer ist, gerade bei den angewandten Wissenschaften, dass eine viel stärkere Vernetzung und Kooperation mit den Unternehmen erfolgen sollte. Die Studierenden benötigen von Anfang an Orientierung, wo sie hingehen können und welche Einstiegsmöglichkeiten sie erhalten. Spätestens mit Beginn des Masters sollten Kontakte zwischen Unternehmen und Studierenden aufgebaut werden. Ungefähr 80 Prozent unserer Studierenden haben ihren Arbeitsvertrag schon vor Abschluss. Das ist keine Hexerei, das ist eine Organisationsfrage.

audimax:

Sinnieren Sie zum Abschluss noch ein wenig: Wenn Sie jetzt im Sommer Ihr Abitur machen würde, mit welchen Erwartungen würden Sie an die Uni gehen?

Sonnenschein:

Ich würden ein aufregendes Studentenleben erwarten, mich breit qualifizieren wollen: Ein Studium generale, links und rechts spannende Angebote. Und dafür möchte ich auch noch Zeit eingeräumt bekommen.

Schöb:

Ich wäre neugierig aufs Fach und aufs Leben.

Günther:

Ich denke, es ist wichtig, dass wir versuchen, unsere Studenten, auch wenn sie in großen Gruppen antreten, direkt anzusprechen und ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen.

Ziegler:

Was mir gut getan hätte, ist deutlich mehr Interaktion mit Leuten, die es schon geschafft haben und schon 15 Jahre im Berufsleben sind. Wenn ich früher, noch als Schüler, Informationen bekommen hätte und als Student mehr Interaktion mit der Berufswelt, hätte ich sehr viel früher ein besseres Verständnis dafür gehabt, was später die entscheidenden Skills sind.

Al-Ani:

Ich würde heute nicht mehr fünf Jahre an einer Institution verbringen, ohne irgendetwas Reales gemacht zu haben. Die Zeiten sind einfach vorbei, dafür entwickelt sich die Welt zu schnell. Es passiert viel zu viel, als dass man sich in dieser Zeitkapsel vergraben kann, nach fünf Jahren wieder nach oben kommt und sagt „Juhu, da bin ich! Könnt Ihr was mit mir anfangen?“.

10.03.2015
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Otto fragt: "Um Mint-Berufe ausüben zu können, muss ich doch ein Mathegenie sein und Frauen lerne ich dort auch nicht kennen, oder?" 

 

Dr. Ellen Walther-Klaus, Geschäftsführerin 'MINT Zukunft schaffen', antwortet:

»Beides stimmt definitiv nicht! Allerdings sollte man die vier Grundrechenarten beherrschen und integral- und differentialrechnung sowie etwas Vektorrechnung sollte man schon können. nur glaube ich nicht, dass dies mehr Anforderungen stellt als eine Sprache zu erlernen – und dabei meine ich nicht, um Konversation machen zu können, das kann man eh nur richtig nach einem Aufenthalt im lande, sondern ihre Grammatik, ihre Semantik …

Mathematik sind aber auch nicht die Rechenverfahren. Mathematik ist die Sprache, in der wir uns Vorstellungen, Modelle von der uns umgebenden natur machen. Sie erfasst Modelle der aus der natur für uns abgeleiteten technik, wie zum Beispiel elektrischer Strom mit Begriffen aus ›dem Strom, dem Fluß‹ beschrieben wird. hier setzt das Verständnis dafür ein, was diese Modelle leisten und was nicht, wo ihre Grenzen sind.

Und was die Mädels angeht: ihre Zahl in Mathematik und Naturwissenschaften steigt stetig an!«

Dr. Ellen Walther-Klaus, Geschäftsführerin

MINT Zukunft schaffen