Interview mit Dr. Ellen Walther-Klaus

Die Geschäftsführerin von >MINT Zukunft schaffen< hat die Anfänge des WWW begleitet, Tipps für Studenten und Ratschläge an Annette Schavan.

Dr. Ellen Walther-Klaus

Frau Dr. Walther-Klaus, ausnahmsweise sind Sie heute mal nicht auf Reisen quer durch die Republik, sondern im Home Office. Was sind Ihre Aufgaben? 

Wir selbst sind eine Initiative, die nichts tut, was andere schon viel besser machen. Wir sehen jedoch in Deutschland, dass es wenig Transparenz gibt. Viele Initiativen mit deckungsgleichen Zielgruppen oder Themen wissen nichts voneinander. Daher ist es eine unserer Hauptaufgaben, über unser Portal Transparenz zu schaffen, was es in Deutschland alles für Organisationen gibt, um letztlich die Aktivitäten der einzelnen Initiativen zu bündeln.

›MINT Zukunft schaffen‹ ist also ein Filter?

Genau. Wir wollen eine Art qualitativ hochwertiges MINT-Google werden.

Wie oft sind Sie als Geschäftsführerin für diese Ziele unterwegs?

Das ist unterschiedlich, in manchen Wochen drei oder vier Tage, in anderen gar nicht. Das hängt damit zusammen, dass deutschlandweit verteilt viele Einzelinitiativen organisiert sind. Diese Initiativen erfahren dadurch Wertschätzung, dass wir uns mit ihnen persönlich in Verbindung setzen, um sie wirklich zu verstehen.

Also geben Sie nicht nur etwas weiter, sondern Sie nehmen auch viel mit?

Genau. Es gibt unglaublich viele interessante Themen – nicht nur in den Ballungszentren: Intelligente Kleidung in der Schwäbischen Alb, die weltweit besten Klebstoffe in Niederbayern oder Tiefseekabel in der Ostsee. Auch unglaublich viele, unterschiedlich ausgerichtete Schülerlabore in der gesamten Bundesrepublik, von Handwerk bis High-Sophisticated. Es ist notwendig, das kennenzulernen. Denn viele Eltern und Lehrer fragen uns, wo finde ich solche Initiativen? Und wir brauchen diese Praxisbeispiele, denn wenn sie Menschen begeistern wollen, müssen die Dinge sehr einfach, aber mittlerweile auch medienwirksam sein.

Das klingt so, als ob der Föderalismus nicht Ihr bester Freund sei?

Das ist in der Tat sehr schwierig, weil sich in jedem Bundesland die schulischen Ausbildungswege und -inhalte doch deutlich unterscheiden. Aber diese Situation ist in gewisser Weise auch Chance: Wenn man Schülerlabore überregional einrichtet oder überregionale Wettbewerbe veranstaltet, können wir noch besser zeigen, was für tolle und unterschiedliche Aktionen existieren. Es gibt übrigens auch Tendenzen in der Politik zu sagen, wir müssen in der Bildung weg von den Inhalten und hin zu den Fähigkeiten und Skills. Es ist letztlich egal, ob ich Quantenmechanik, Optik oder Elektrizitätslehre lerne bzw. studiere, wichtig ist, dass ich lerne, wie ich in die Tiefe und in die Breite komme und wie ich mir Konsequenzen überlege, also auch analytisches Denken. Diese Tiefe ist wichtig, um zu erkennen, woran im Detail Dinge hängen.

Das wirft die Frage des Sokrates’ auf: Wer erzieht die Erzieher?

Das ist ein weiteres großes Thema, hochschuldidaktische Programme sind rar. Es gibt natürlich viel Didaktikangebote für Lehrer, nur das hat lange Zeit geruht. Erst jetzt hat man viele lose Enden, die man erst wieder zu einem vernünftigen Faden zusammenbinden muss. Hinzu kommt, dass wir in den letzten Jahren – ob wir das wollen oder nicht – in einer Medienwelt leben, die akzeptiert ist und die weltweit zu riesigen Konsequenzen geführt hat. Es ist schwieriger geworden, Begeisterung zu wecken, wenn es im Internet immer knallt und zischt.

Erläutern Sie das bitte näher.

Heutzutage jemanden zu ermuntern, eine Zitronenbatterie zu basteln, was an sich ja spannend ist, ist schwierig. Die meisten sagen: Kaufen wir doch eine Batterie, geht doch schneller. Da erlebt jeder Pädagoge einen Zwiespalt, wie kriege ich das hin, wie kann ich das vermitteln?

Warum haben Sie Mathe, Physik und Informatik studiert?

Mich hat fasziniert, dass es die Jugendlichen fasziniert. Zu der Zeit, als das Internet aufkam, war ich gerade Laborleiterin an der Uni und zuständig für die ersten verteilten Rechnernetze. Das war für mich zuerst ganz schrecklich, denn ich musste auf einmal viel Neues lernen und viele verschiedene Philosophien der Hersteller verinnerlichen. Einige Hersteller waren sehr offen, bei denen konnte man alles herunterladen. Es gab damals einen ominösen Befehl namens ›Finger‹, mit dem man über einen anderen Menschen alles herausfinden konnte. Der Befehl war in einem der Betriebssysteme nicht geblockt. Nachdem ich das gesehen hatte, dachte ich mir nur: Oweia! In einer anderen Betriebssystemphilosophie waren solche Befehle geblockt und man musste sie freischalten.

Viele MINT-Studenten werden anfangs mit theoretischer Mathe überrumpelt. Welchen Durchhalte-Rat haben Sie?

Die vier Grundrechenarten und die darauf aufbauenden Rechenarten zu lernen. Das hat weniger mit Mathematik zu tun, sondern wirklich damit, gut rechnen zu können.

Das ist ein sehr simpler Rat.

Ja, aber genau so simpel ist es. Lernen Sie gut die vier Grundrechenarten, differential was darauf aufbaut, Vektorrechnung und Differentialgleichungen mit Nebenbedingung.

Wie sah die Frauenquote zu Ihren Anfängen aus?
Von 300 Studenten waren fünf weiblich. Aber wir hatten damit kein Problem.

In der MINT-Vision 2015 heißt es, die Frauenquote im Studium soll verdoppelt werden. Wie ist hier der Status quo? Wir sind auf einem guten Weg. Mittlerweile wissen viele Leute, was sich hinter MINT verbirgt. Gerade auch in der Wirtschaftskrise ist vielen klar geworden, dass MINT für uns als Exportnation unser Nerv ist, dass wir abhängig davon sind im internationalen Vergleich mit Ländern wie Indien und China, die ja fünf Millionen Studienabgänger pro Jahr verzeichnen.

Zum Vergleich: Wir haben 300.000. Auf diese 300.000 aber können wir sehr, sehr stolz sein und diese müssen den Vergleich mit China und Indien keineswegs scheuen. Die Wichtigkeit von zwei Dingen ist, glaube ich, klar geworden: Wir müssen im Hochtechnologiebereich wirklich exzellent sein und eine breite Pyramide an qualifiziertem MINT-Personal aufbauen. Immer noch aber gibt es Vorurteile, dass sich Mädchen in MINT-Fächern schwieriger tun. Das stimmt nachweislich nicht. Da kommen wir dazu, was Sie vorhin angesprochen haben, die Didaktik für Mädchen muss in manchen Phasen anders sein als bei Jungen.

Wie meinen Sie das?

Experimentell arbeiten Mädchen anders als Jungen. Sie bauen ihre Versuche anders auf, sichern sehr stark die Umgebung ab, überlegen, lesen die Gebrauchsanweisung und fangen dann erst an – und arbeiten dennoch häufig schneller.

Was sind andere Hebel, an denen Sie in nächster Zeit unbedingt ansetzen wollen?

Jugendliche und ihre Eltern wissen über die neuen Berufsbilder und die Skills, die man braucht, nicht viel. Nach wie vor gibt es Vorurteile à la ›ein Ingenieur krabbelt im Kämmerlein und lässt sich von irgendjemandem sagen, was er auszutüfteln hat‹. Diese Vorurteile müssen aus der Welt geschafft werden. Das versuchen wir über die Botschafterinitiative. Unternehmer, Hochschüler und Forscher gehen in Schulen und geben ihre Erfahrungen weiter.

Ohne Unterstützung aus der Politik werden die Ziele nur schwer zu erreichen sein. Wenn Sie Beraterin von Bundesbildungsministerin Annette Schavan wären – was würden Sie ihr raten?

Ich hätte eine ganz, ganz lange Liste. Deutschland braucht für die eigene Entwicklung einen CIO – einen Chief Information Officer, der Deutschland selbst als Land weiterentwickelt. Außerdem bräuchten wir Menschen, die sich angucken, was Kerntechnologien in Deutschland in den nächsten 50 Jahren sein könnten. Wenn man beispielsweise sieht, dass in Zukunft Gebäude fantastisch geklebt werden können, dann resultiert daraus ganz Entscheidendes für den Sektor Bauindustrie. Das könnte auch eine zukunftsweisende Technik sein, die aus Deutschland angeleiert wird. Anderes Beispiel: Deutschland war lange Zeit führend bei Bergbautechnik. Die wird in Deutschland nicht mehr so gebraucht wie noch vor 50 Jahren, aber wir waren führend. Auch was Sicherheit im Bergbau angeht. Das wäre zum Beispiel auch eine Überlegung, wollen wir das weitermachen, wollen wir das mit anderen weitermachen? Hier kann man ansetzen.


Zur Person

Dr. Ellen Walther-Klaus promovierte am Lehrstuhl für mathematische Logik der Ruhr-Uni Bochum. Nach verschiedenen Leitungsfunktionen, unter anderem bei Siemens Nixdorf und der Siemens AG, wechselte sie 2001 zur T-Systems International GmbH. Seit 2007 ist sie Geschäftsführerin von ›MINT Zukunft schaffen‹.

10.03.2015
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Otto fragt: "Um Mint-Berufe ausüben zu können, muss ich doch ein Mathegenie sein und Frauen lerne ich dort auch nicht kennen, oder?" 

 

Dr. Ellen Walther-Klaus, Geschäftsführerin 'MINT Zukunft schaffen', antwortet:

»Beides stimmt definitiv nicht! Allerdings sollte man die vier Grundrechenarten beherrschen und integral- und differentialrechnung sowie etwas Vektorrechnung sollte man schon können. nur glaube ich nicht, dass dies mehr Anforderungen stellt als eine Sprache zu erlernen – und dabei meine ich nicht, um Konversation machen zu können, das kann man eh nur richtig nach einem Aufenthalt im lande, sondern ihre Grammatik, ihre Semantik …

Mathematik sind aber auch nicht die Rechenverfahren. Mathematik ist die Sprache, in der wir uns Vorstellungen, Modelle von der uns umgebenden natur machen. Sie erfasst Modelle der aus der natur für uns abgeleiteten technik, wie zum Beispiel elektrischer Strom mit Begriffen aus ›dem Strom, dem Fluß‹ beschrieben wird. hier setzt das Verständnis dafür ein, was diese Modelle leisten und was nicht, wo ihre Grenzen sind.

Und was die Mädels angeht: ihre Zahl in Mathematik und Naturwissenschaften steigt stetig an!«

Dr. Ellen Walther-Klaus, Geschäftsführerin

MINT Zukunft schaffen