1. Platz 'Josephine', Carla Heinzel

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Pünktlich um 6 Uhr 30 hallte Josephines unerträglich fröhliches „Guten Morgen“ durch das Zimmer. Sie stürmte zum Fenster, riss es auf, drehte sich zu Kathrin um und fragte:

„Wie geht es Ihnen heute, Frau Langendörfer?“

Jeden Tag das gleiche Spiel. Kathrin antwortete nicht. Sie antwortete nie. Die Hoffnung, dass Josephine eines Tages aufhören würde zu fragen, hatte sie längst aufgegeben. Aber auch sie konnte stur sein. Niemals würde auch nur ein Wort über ihre Lippen kommen.

„Wünschen Sie Kaffee zum Frühstück und ein weich gekochtes Ei?“

Kathrin nickte.

Die gleiche Frage.

Jeden Morgen.

Seit 14 Monaten.

Josephine kam zu ihr ans Bett, ließ ihre dünnen Finger über den Touchscreen wandern, es klackte unter Kathrins Rücken, dann fuhren die Motoren die Matratze in eine aufrechte Position.

„Sie haben gut geschlafen, wie ich sehe.“ teile Josephine ihr nach einem Blick auf das Display des Bettes mit. „Keine Druckstellen, kein Wundliegen, kein Urinstau. Alles bestens, Frau Langendörfer.“

Von wegen. Woher nahm sie die Dreistigkeit, ihr erzählen zu wollen, dass alles bestens war? Sie hatte doch keine Ahnung!

Josephine brachte ihr das Frühstück zusammen mit der Fernbedienung. Kathrin schaltete den HoloTV ein und schaute den Kindern beim Spielen zu. Die Holographie war schon drei Wochen alt. Hoffentlich brachte Alwin bei seinem nächsten Besuch eine neue.


Sinsheimer Abendblatt, 23. März 1998: Valium-Skandal im Altenheim Bei einer Untersuchung im Pflegeheim Altauerbach kam Erschreckendes zutage. Seit Monaten werden Patienten mit im Kaffee aufgelöstem Valium ruhiggestellt. Zur Erklärung hieß es aus Kreisen der Pflegeleitung, das Personal sei hoffnungslos überlastet. ...


Josephine bügelte die Wäsche. Das heiße Eisen unter ihren Händen glitt über das Bettlaken. Dass bei all den technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte noch immer das Bügeleisen Verwendung fand...

Kathrin beobachtete Josephine, wie sie langsam und doch so unerträglich fehlerlos ihre Arbeit verrichtete. Kathrin wartete auf den Tag, da sie eine Falte im Bettlaken entdecken würde. Sie freute sich regelrecht darauf, das erste Mal zu Josephine zu sprechen, um sie dann zu tadeln!

Josephine hinterließ keine Falten, machte aber dennoch einen Fehler. Sie nahm das oberste Laken vom Stapel der fertigen Wäsche und bügelte es ein zweites Mal. Kathrin erschrak. Josephine hatte sich noch nie einen Fehler erlaubt. Seit 14 Monaten und 12 Tagen beobachtete sie sie bei der Arbeit, die sie ausnahmslos ohne Tadel verrichtet hatte.

Darauf hatte Kathrin gewartet, all die Jahre. Sie hatte hämisch lachen und Josephine ins Gesicht sagen wollen, dass sie wohl doch nicht so perfekt war, wie alle dachten. Aber jetzt, wo der Zeitpunkt gekommen war, da lachte Kathrin nicht. Sie hatte Angst.

„Ist alles in Ordnung mit Dir, Josephine?“ fragte sie.

Josephine blickte zu ihr auf und lächelte.

Kein Anzeichen der Verwunderung, dass Kathrin nach so langer Zeit des Schweigens zum ersten Mal zu ihr sprach. „Machen Sie sich um mich keine Gedanken, Frau Langendörfer. Ich bin hier, um mich um Sie zu sorgen. Nicht umgekehrt.“


dpa, 9. Mai 2018: Zwanzigtausend Schüler demonstrieren gegen die Einführung der Sozialpflicht Berlin. Keiner hatte mit einem solchen Ansturm gerechnet. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, die Menschenmassen unter Kontrolle zu halten. Über zwanzigtausend Betroffene hatten sich vor dem Landtag versammelt, um gegen den Plan der Bundesregierung zu protestieren, ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Schulabgänger einzuführen. ...


Kathrin sah auf die Uhr. Halb zehn. Wieso Rief Alwin heute nicht an? Es war doch Sonntag!

Es klingelte. Endlich. Josephine brachte ihr die Fernbedienung. Kathrin wollte den grünen Knopf drücken, um das Gespräch entgegen zu nehmen, doch da war kein grüner Knopf!

Josephine, das ist die falsche Fernbedienung!“ Kathrins Stimme überschlug sich.

„Verzeihung.“ sagte Josephine und korrigierte ihren Fehler.

„Ist alles in Ordnung bei Dir, Mama?“ fragte Alwin, als das Televiz sein Bild in den Raum projizierte.

„Nein. Nichts ist in Ordnung. Josephine hat mir die falsche Fernbedienung gebracht.“

Alwin lachte.

„Was ist daran lustig?“

„Das macht sie irgendwie sympathisch.“

„Heute morgen hat sie ein Bettlaken zweimal gebügelt.“

„Du machst dir doch nicht etwa Sorgen um sie?“

Alwin lachte noch immer. „Natürlich mache ich mir Sorgen. Sie hat noch nie einen Fehler gemacht und heute gleich zwei! Sie wirkt irgendwie... verwirrt.“

Alwin wollte nicht aufhören zu Lachen. Er nahm sie nicht ernst. Er nahm sie nie ernst, wenn es um Josephine ging.

„Na, immerhin tust du mal was anders, als auf sie zu schimpfen.“ sagte er.


Niederwalder Courier, 11. Dezember 1932: „Intelligentes Bett“ rettet Pflegepatientin das Leben Im Dreiherrenstift in Obershausen schlug nun zum ersten mal ein intelligentes Bett Alarm, als es ein Aussetzen des Herzschlags der Schlafenden maß. Es sandte sofort einen Notruf ans nahegelegene Krankenhaus. Die Sanitäter konnten dank raschem Eintreffen die 95 Jahre alte Frau wiederbeleben. „Wir sind froh, dass sich die Einführung der intelligenten Betten in den Pflegeheimen als richtig erwiesen hat.“ sprach Bundessozialminister Hemmling, als er von dem Vorfall erfuhr. ...


„Guten Morgen.“ Josephine stürmte zum Fenster, riss es auf, drehte sich um und fragte ihre allmorgendliche Frage: „Wie geht es Ihnen heute, Frau Langendörfer?“

Schlecht. Es ging ihr schlecht. Ja, sie machte sich Sorgen, und sie hatte die Nacht deswegen nicht geschlafen. So sehr wie sie Josephine hasste, so sehr brauchte sie sie auch. Sie hatte doch sonst niemanden.

„Wie geht es Ihnen heute, Frau Langendörfer?“ fragte Josephine erneut und verharrte neben dem Fenster.

Kathrin erschrak. Ein Fehler. Schon wieder.

„Wie geht es Ihnen heute, Frau Langendörfer?“

„Hör auf!“ brüllte Kathrin. „Also gut! Ich spreche! Ich rede mit Dir. Aber hör damit jetzt auf!“

„Wie geht es Ihnen heute, Frau Langendörfer?“

Josephine war angeschlagen, beschädigt – kaputt! Kathrin hatte immer gewusst, dass man sich auf sie nicht verlassen konnte, aber nie hatte jemand auf sie hören wollen.

„Wie geht es Ihnen heute, Frau Langendörfer?“ Kathrins Blick schweifte durch das Zimmer und suchte nach der Televiz-Fernbedienung. Sie lag auf dem Regal neben dem Bügelbrett. Unerreichbar für sie!

„Wie geht es Ihnen heute, Frau Langendörfer?“ Josephine bewegte sich noch immer nicht. Die Fernbedienung des HoloTV lag ebenfalls auf dem Regal. Neben ihrem Bett stand ein halb gefülltes Glas Wasser. Der Katheterbeutel war fast voll.

„Wie geht es Ihnen heute, Frau Langendörfer?“

Eine Woche. Erst In einer Woche würde Alwin wieder anrufen. Eine Woche mit einem halben Glas Wasser. Vielleicht überlebte sie.


dpa, 5.August 2057: Pflegeversicherung übernimmt Finanzierung von Pflegerobotern Nach langem Hin und Her der Oppositionsparteien ist es nun beschlossene Sache: Die Pflegeversicherungen müssen künftig ab Pflegestufe 3 für eines der Pflegerobotermodelle der Serie „Ned“ oder „Josephine“ aufkommen. Finanziert wird das Vorhaben durch die Streichung des verpflichtenden sozialen Jahres, das den Staatshaushalt jährlich 50 Milliarden Credits kostet. ...


Benedict WellsJurymeinung

"Schlau, berührend, poetisch. Und vor allem: lesenswert"

Benedict Wells

Der Autor aus dem Diogenes Verlag feierte sein hochgelobtes Debutalbum mit ›Becks letzter Sommer‹.

 

Carla HeinzelZur Autorin:

Carla Heinzel, 31, studierte an der Filmakademie Baden- Württemberg und ist seit 2004 diplomierte Trickfilmerin. Heute verdient sie ihre Brötchen mit sprechenden Schildkröten oder Killerbienen. Zum Ausgleich unterrichtet sie als freie Dozentin an mehreren Hochschulen und haut ganz handfest aufs Schlagzeug oder fährt Kajak.

 

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