2. Platz 'Vielleicht überirdisch', Janine Jargow

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Schweigend stand ich neben ihm am Grab und lauschte seinen gemurmelten Tränen und dem säuselnden Wind. Es war schmerzvoll diesen großen gestandenen Mann, den jahrelang nur Zahlen beeindrucken konnten, auf so menschliche, vielleicht schwache Weise um meine Oma trauern zu sehen. Einer von uns sollte stark sein, aber ich hatte nicht erwartet, dass ich es war, die jetzt vor der frischen Erde stand und nichts fühlte außer dem Gemurmel des gebrochenen Mannes. Erst allmählich wanderten die steten Worte, die er sprach, in meine Realität: 22, 6, 66. Murmelte er das schon die ganze Zeit? Ich wollte ihn nicht fragen, ich wollte schweigen und in meinem Kopf versuchten die Zahlen einen Sinn zu ergeben. Von Trauer gelähmt schien sich mein Gehirn nicht unbedingt viel Mühe zu geben. Durch 2 und 3 teilbar, 66 durch 22 ist 3, 22 und 66 sind durch 11 teilbar, 66 durch 6. Gemeinsame Teiler: 1,2,3,6.

Irgendwie wollte ich die sinnlosen Gedanken vertreiben und dachte an sie, die immer für mich da gewesen war. Da fiel mein Blick das erste Mal bewusst auf diesen granitenen Grabstein und ich schob es auf meine innere Leere, es nicht gleich gewusst zu haben. Sie war 66 Jahre alt und hatte am 22. Juni Geburtstag. Aber wieso murmelte mein Großvater das? Vielleicht weil er die Zahlen liebte und sie für ihn in diesen Zahlen weiterleben würde.

Ich wollte die Stille nicht zerbrechen lassen und legte ihm behutsam eine Hand auf seine herabhängende Schulter. Er zuckte so unmittelbar zusammen, dass ein kleines weißes Handy aus seiner Tasche fiel. Nun musste ich etwas sagen. „Es tut mir leid.“ Ich wusste nicht einmal, was ich genau meinte. Den Unfall, der sie getötet hatte, als sie mich abends vom Kino abholen wollte, oder dass ich ihn erschreckt hatte. Ich hatte zu ihm nie eine enge Bindung aufbauen können, dafür liebte ich meine Oma zu sehr und seine Welt der Regeln und Zahlen zu wenig. Aber ich hatte mir vorgenommen nun für ihn da zu sein. Ich würde ihn besuchen, ihm Essen kochen und wenn es sich nicht umgehen lassen würde, könnte ich versuchen Schach zu lernen, um ihm die Partnerin zu ersetzen, an deren Tod ich mir die Schuld gab. Auch wenn ich wusste, dass es der Fahrer des anderen Wagens war, der den Unfall verursachte, so stellte ich mir doch immer wieder die Frage, ob sie nicht noch leben würde, wenn sie später oder früher oder gar nicht gefahren wäre.

Ich hob das Handy auf und als ich es dem irgendwie fremden Mann hinhielt, erschreckte mich seine tiefe, fast laute Stimme „Behalt es. Ich glaube es ist beim Unfall kaputt gegangen. Vielleicht kriegst du es ja an.“ Wie stolz ich immer war, dass meine Oma ein modernes Handy hatte und Simsen konnte. Sie sagte immer, ich halte sie jung und ich sagte, dafür macht sie mich klug und weise. Nach dem Unfalltod meiner Mutter vor 6 Jahren war sie die einzige, die mir alles erzählen und der ich alles erzählen konnte. Wir redeten oft tage- und nächtelang. Was ich mir immer anhören durfte. Die alten Geschichten, wie sie ihren Mann schon im Chemie-Unterricht gemocht hat und das es so schwer war an ihn heranzukommen, wenn man keine Zahl oder Formel war. Dass er ja so hübsche Haare hatte und ich die Augen meiner Mutter habe…

Und nun hatte ich ihr Handy. Weiß und kalt lag es in meiner Hand und ich vermutete es wäre das letzte Persönliche, was ich von ihr bekommen konnte. Vielleicht enthielt es ihre letzte Geschichte für mich. Ich drückte den Anschaltknopf einmal kurz; nichts passierte. Ich drückte etwas länger; natürlich wieder nichts. Dann hätte mein Großvater das Handy wohl auch anbekommen. Aber ich hatte meine Oma das Handy doch schon einmal anmachen sehen. Sie hatte sehr oft gedrückt. Vielleicht war das Handy also schon länger kaputt. Ich drückte zweimal kurz hintereinander. Nichts. Also dreimal kurz. Nichts. Ich verzählte mich und drückte in meiner Hast wohl fünf statt viermal. Das Handy ging mit leichtem Vibrieren an. War es jetzt die fünf oder die Kombination von fünf und drei? Stolz zeigte ich meinem stillen Nebenmann das erleuchtete Display. „Das Passwort weiß ich nicht.“ sagte er und ging zu einer nahe gelegenen Bank unter einer Erle. Ich machte das Handy aus und entfernte die Sim-Karte. Ich drückte fünfmal den kleinen oberen Knopf. Nichts passierte. Dann dreimal gefolgt von fünfmal. Uns so weiter. Zwischendurch nahm ich immer wieder den Akku raus. So komisch es sich auch anfühlte, irgendwie dachte ich, wenn sich das Handy eine Folge merkt, dann muss ich ja zum Ausgangspunkt zurück. Bei dem Wort Folge schien es kurz in meinem Geist zu blitzen. Ich tat die Sim-Karte wieder hinein, denn wenn ich recht hatte, wusste ich wahrscheinlich auch das Passwort oder den Code, je nachdem. Also drückte ich: 1,1,2,3,5. Und das Display erschien erneut. Diesen Code kannte sogar meine Oma und der mürrische Mann hätte das sicher auch hinbekommen, wenn er gewollt hätte. Aber vielleicht wollte er nicht. Vielleicht war es zu früh.

Das Display leuchtete auf. Nach der Anzeige in der Ecke des Displays war es kurz nach 10 Uhr. Vielleicht war zu dieser Uhrzeit das Handy ausgegangen. Das Passwort wurde abgefragt. Also doch ein Wort. Fibonacci. Na super. Ich hatte es doch gewusst. Sollte ich es ihm sagen? Die letzte nette Botschaft von ihr. Deine Zahlen sind auch meine Zahlen.

Ich gab mir einen Ruck und trottete zur Bank, behutsam nahm ich Platz und leise sagte ich: „Passwort war Fibonacci und um es anzumachen muss man die Folge drücken.“ Überrascht sahen mich seine kalten, rot umrandeten Augen an. „Schön.“ war das einzige, was er hervorbrachte. Und dann murmelte er wieder 22, 6, 66 und dann zusätzlich noch 140. Das ergab jetzt wirklich keinen Sinn, oder? „Was murmelst du da?“ fragte ich, aber dann tat es mir fast leid, gefragt zu haben.

Am 22. 6 begann ihr Leben und mit 66 Jahren und 140 km/h des Geisterfahrers ging es zu Ende.

Es war schon so spät, dass die Beleuchtung der Straße nicht mehr fähig war, dem Friedhof das Beängstigende zu nehmen. Aber es war nicht meine Entscheidung, wann wir gehen würden.

Was waren wohl ihre letzten Worte? Ich sollte wohl besser nicht fragen. Also schaute ich weiter auf das Display, das einzige Licht, dass mir noch geblieben war. Vielleicht konnte ich wenigstens ihre letzte SMS lesen, wenn schon nicht nach Worten fragen. Komischerweise waren ihr Eingang und ihr Ausgang leer. Es war nur eine Nachricht im Entwurf, an mich adressiert: „Ich komm zu dir 12 18 88 53 26.“

Lange rätselte ich. Die Zahlen könnten zufällig Zustande gekommen sein, als sie mir schreiben wollte, dass sie losfährt oder auf dem Weg ist oder die Zahlen könnten für Buchstaben stehen. Aber nach dem Alphabet ergab es keinen Sinn: LRJAZ. Aber wenn man die Anfangsbuchstaben der chemischen Elemente mit den betreffenden Zahlen:

Magnesium, Argon, Radium, Iod, Eisen.

Dann stand dort der Name meiner Mutter: Marie.

Erschrocken schloss ich die Nachricht. Dann sah ich, wann sie gespeichert wurde. Um 22.06 Uhr.

 

SmudoJurymeinung:

'traurig, eine einfache Situation mit überraschendem Schluss'

Smudo

Klug & Kult – das ist die Musik der ›Fantastischen Vier‹. Text-Guru Smudo weiß, wie gut gesetzte Worte klingen.

 

Janine JarrowZur Autorin:

Janine Jargow, 21, studiert Philosophie, Neurowissenschaften und Kognition in Magdeburg und arbeitet nebenbei an ihrem ersten Roman. Ihre drei Leidenschaften: Singen, Schreiben und Schauspielern. In diesem Sinn arbeitete sie schon für die ›Märkische Allgemeine Zeitung‹ und spielte in einem Musical mit.

 

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