3. Platz 'Die gegenwärtige Situation des R. Swoboda'

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In den allermeisten Fällen erwies sich der letzte Tag des Jahres als der deprimierendste, zumindest, was Rufus anging, und was die Sache noch verschlimmerte, war, dass es sich zudem um den letzten Tag des ersten Jahres eines neuen Jahrzehnts handelte, ein neues Jahrzehnt, dessen Beginn er sich schillernder und allgemein spektakulärer vorgestellt hatte, und schon war es vorbei, dieses erste Jahr, er hatte noch immer keinen Job, kein Mädchen, und es fühlte sich an, als wolle ihn jemand schubsen über die Grenze des einundreißigesten Zwölften zum ersten Ersten, dabei wäre er gerne stehen geblieben, wollte nur ein bisschen noch verweilen.

Rufus bezog Hartz 7, womit er sich den Großteil seines recht jungen Lebens lang in der so genannten Präventivstufe 1 befunden hatte, was bedeutete, dass er zu einer Sorte von Bürgern gehörte, die, so hatte der Staat aufgrund verschiedener Statistiken beschlossen, tendenziell gefährlicher einzuschätzen waren als Personen, die kein Hartz 7 bezogen, tröstlicherweise aber nicht so gefährlich wie die Angehörigen der Präventivstufe 2, die z. B. einmal in ihrem Leben eine Strafe auf Bewährung von ein bis zwei Jahren oder eine Jugendstrafe erhalten hatten. Erstpräventivler, so der Umgangston, mussten die Behörden spätestens zwei Tage im Vorraus über jede Überschreitung der deutschen Grenze mit Angaben zur Rückkehr und des Grundes - Urlaub, etcetera - informieren, über die geplante Uhrzeit des Grenzüberschreitens plus minus einer Stunde menschlicher Verspätungstoleranz, (Verkehrsunüblichkeiten wurden schließlich aufgezeichnet und automatisch der angegebenen Uhrzeit der/des Bürger/s/In der Präventivstufe 1 angeglichen), damit der Alarm bei Registrierung des KFZ-Kennzeichens nicht anschlug. Früher war Rufus mit Kumpels zu Silvester noch spontan weggefahren, nach Amsterdam, hauptsächlich, um Gras zu rauchen, wären sie damals erwischt worden, hätte sie das rückwirkend sogar in Präventivstufe 3 gebracht, sie hatten wirklich Schwein, sagten sie oft, andererseits, wer rauchte heutzutage noch Gras. Wann hatten die Niederländer eigentlich das Kiffen verboten, da war er sogar noch ein Teenager gewesen, fast zehn Jahre lag das jetzt zurück, nicht lange vor den Trips nach Holland hatte er schließlich erst mit dem normalen Rauchen begonnen, damals hatten die Kippen gerade mal um die fünf Euro gekostet, und in manchen Kneipen war ganz offiziell erlaubt, drinnen zu rauchen, es waren wirklich paradiesische Zeiten gewesen, und Kameras nur an den Bahnhöfen und Bankautomaten, es war schwer, es sich heute noch vorzustellen, dass man damals seine Zigaretten einfach auf den Boden werfen oder den Haufen seines Hundes nicht entfernen konnte, und es tatsächlich meistens keine Konsequenzen gab, weil in den Parks, den Plätzen und Straßen keine Kameras installiert waren, überhaupt, unvorstellbar, dass zu dieser Zeit niemand bei den Hartz - wie viel war das damals – Hartz 5 - Empfängern monatlich das Konsumverhalten überprüfte, und bei ihm jedes Mal, „Jaja, Wein trinken Sie gerne, was, Herr Swoboda?!“ und zackzack, etwas auf dem MobileScreen notiert, aber so, das Rufus es nicht sehen konnte, diese verdammten Arschlöcher. Die ganzen Perser, hieß es, hauten ab, reihenweise, zurück in den Iran, selbst wenn sich das Land auch nach der Befreiung noch nicht vollständig erholt hätte von der jahrzehntelangen Diktatur, würden, so sagte man, die Perser meinen, Deutschland sei auf den besten Weg … nun ja, wohin, das sagten sie nicht genau, aber wenn es jemand wissen müsste, dann doch die. Und Rufus wusste es auch, er wusste, wie es sich anfühlte, ein Präventivgefährlicher zu sein, auch wenn die Politiker es anders betitelten, als „Bürger unter verstärkter Beobachtung zum Wohle der allgemeinen Sicherheit“, so in etwa, Beamtenchinesisch, er wusste, wie sich die Blicke anfühlten, dass man sich zu lange im Nacken kratzte und in den Hosentaschen wühlte an den Bushaltestellen, wo sie einen von ganz nah und schräg oben filmen. Sie wussten, welchen Bus Rufus nahm. Sie wussten, wie oft, aber sie wussten nicht warum, denn wo bitteschön, will einer hin, der nicht arbeitet? So einer sollte doch den ganzen Tag am Computer recherchieren, sich weiterbilden, höchstens, was will so jemand vor der Tür? „Bürger der Präventivstufe 1 stehen auch ohne konkreten Verdacht unter Beobachtung von Freizeit- und Konsumverhalten“, stand im Gesetz, „weitere Maßnahmen dürfen erst in Verbindung mit verdächtigen Begebenheiten erfolgen“, hieß es weiter. Rufus gab an der Bushaltestelle einem niesenden Fremden ein Taschentuch.

„Ein Taschentuch, klar, Herr Swoboda, das haben wir gesehen, aber war nicht vielleicht etwas in diesem Taschentuch, ein Mikrochip, zum Beispiel? Sehen Sie, natürlich wollen wir Ihnen keine Schwierigkeiten bereiten, aber für uns sieht es so aus, als würde der Mann auf den Aufnahmen das Tuch nicht sofort zur Nase führen, Sie verstehen, und Sie wussten auch nicht, dass dieser Herr bei uns aktenkundig ist – Stufe 3?“

„ …“

„Ich muss Ihnen leider sagen, es kommt erschwerend hinzu, wir haben festgestellt, dass dieser Herr und Sie nur einige Straßen von einander entfernt aufwuchsen. Also, machen Sie es uns nicht so schwer, Sie belasten ansonsten nur sich selbst, was war in dem Taschentuch?“ Rufus, stammelnd, Rufus, zuhause, ein Schreiben im Maileingang öffnend, Sehr geehrter Herr Swoboda, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Sie aufgrund jüngster Vorkommnisse, wie die Polizei der Stadt ... beschlossen hat, mit sofortiger Wirkung offizieller Bürger der Präventivstufe 2 sind, die rechtlichen Angleichungen in Bezug auf Ihre Person unter dieser aktuellen Änderung der Umstände finden Sie anbei. Mit freundlichen Grüßen, Margot V. (Bundesamt für Regelungen von Präventivmaßnahmen), Rufus, an der Kasse im Supermarkt, mit bunten Karten bezahlend, die Hälfte seines Geldes bekam er von diesem Zeitpunkt an in Gutscheinkarten, einige für Grundnahrungsmittel, wenige für Genussmittel, wie jeder Bürger der Stufe 2, und die Verkäuferin schaute sich Rufus genau an, denn sie wusste das, die Leute in der Schlange wussten das, und an diesem ersten Abend in der neuen Stufe fühlte er sich zunehmend unverstanden, alleingelassen. Doch das stimmte nicht, denn genau in diesem Augenblick dachte jemand an ihn, und zwar die Verkäuferin, im geschlossenen Laden, feststellend, dass das Geld in der Kasse, selbst mit dem Betrag, der auf den Gutscheinzetteln abgedruckt war, nicht mit dem Betrag übereinstimmte, der, wie ihr angezeigt wurde, in der Kasse zu sein hätte, sie dachte sofort an Rufus, an ihn und die kleinen Zettel, und sie informierte die zuständigen Behörden, nannte ihnen die Nummer der Kamera ihrer Kasse, damit der Vorfall überprüft werden konnte, und siehe da, Rufus hatte die falschen Gutscheine benutzt, überhaupt wirkte er auffallend hektisch auf dieser Aufnahme, und schon hatte Rufus eine neue Nachricht in seinem Posteingang, schon war er in Stufe 3, und dort bekam man ein schwarzes Gerät an den Knöchel gebunden, welches einem die Beinhaare einklemmte, und jetzt wusste man auch, wie lange er schlief, wie oft er zum Kühlschrank ging, denn die Ortung funktionierte auf Zentimeter genau, man sah, wie oft er am Computer saß, aber man sah nicht, ob er sich dort wirklich um die Suche nach einer legalen Arbeitsstelle bemühte oder ob er nicht eventuell Kontakt mit weiteren Verdachtspersonen hielt, doch das war kein Problem, denn ab Stufe 3 hatte das Amt das Recht, sich der IP-Adresse der Verdachtsperson zu ermächtigen und nachzuschauen, welche Websites besucht wurden. Und schon wussten sie, dass Rufus Mitglied der Piraten war, damals, 2012, und zwar noch bis zum Tag des Verbots, schon wussten sie, zu welchen anderen ehemaligen Mitgliedern er vor ein, zwei Jahren den Kontakt hielt, wie es so geht, stand in den Mails, mit der Arbeit, mit der Katze, aber das konnten schließlich Codes sein, sagten sie ihm, ob die Partei im Untergrund noch bestehe, fragten sie ihn, und sie nahmen ihn mit, er sei durch diese Erkenntnisse leider bereits in Stufe 5, und er wisse, das heißt, präventive Haft für sechs Monate, fürs Erste, und in diesem Moment sitzt Rufus in einem viereckigen Raum, der sich nur von außen öffnen lässt, er denkt an den ersten Tag dieses Jahres, wo er sich vorgenommen hatte, aus dieser lästigen Stufe 1 herauszukommen, Arbeit zu finden, und gleich ist es zwölf, die Tür öffnet sich und ein Polizist reicht ihm mit gönnender Miene ein Plastikglas mit etwas Sekt, Rufus nickt, fünf Monate noch, dann kann er zu Vorstellungsgesprächen gehen, bei denen er hoffentlich nicht gebeten wird, seine Knöchel vorzuzeigen, Rufus Swoboda, 27 Jahre alt, blickt hoch auf die Digitalanzeige über der Tür, wo die Null vor der Zwei vor der Null vor der Zwei zur Eins umschlägt. Happy New Year.

Armin MaiwaldJurymeinungen

'Prima viel Sinn für Humor (auch schrägen)'

Armin Maiwald

Der Erfinder der legendären ›Sendung mit der Maus‹ hat mittlerweile über 800 Sachgeschichten produziert.

 

Sabine UehleinSabine Uehlein

Die studierte Literaturwissenschaftlerin treibt ›Programme & Projekte‹ bei der ›Stiftung Lesen‹ in Mainz an.

 

 

 

Clio Alyssa VoßZur Autorin:

Clio Alyssa Voß, geboren 1988, studiert in Marburg Deutsche Sprache und Literatur. Die Autorin war 2010 Preisträgerin beim 20. Juniorautorenwettbewerb der Regensburger Schriftstellergruppe ›International‹ sowie des ›Flying Sparks‹-Wettbewerbs zum Thema crossmediales Erzählen im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.

 

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