Englischlehrerin in Indien

Von Kreativität, Galgenmännchen und viel süßem Chai

Dorf in Indien.

Und dann war plötzlich der 1. Januar da. Ich stand am Frankfurter Flughafen und war bereit, für den Flug LH760 nach Neu-Delhi einzuchecken. Indien. Das Abenteuer begann direkt am Gate. Überall Saris, Turbane und ein unglaublich hoher Lautstärkepegel. In Neu-Delhi wurde ich abgeholt und verbrachte die ersten Tage bei meiner WWO-Kollegin Anna. WWO – World Without Obstacles, das ist die Organisation, für die ich an einer Grundschule Englisch unterrichten würde. Ich hatte mich entschieden, meine Zeit und mein Engagement ehrenamtlich zur Verfügung zu stellen, da wollte ich keine Kosten für eine Vermittlung zahlen. Auf www. volunteerworld.com, einer Vergleichsplattform für internationale Freiwilligenarbeit, suchte auch World Without Obstacles, eine kleine indische NGO, nach Freiwilligen. WWO hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch Bildung und Aufklärung in rückständigen Gegenden Indiens zu helfen.

Von Neu-Delhi aus ging es mit dem Nachtzug in rund elf Stunden nach Ayodhya. Dort holte mich meine Gastfamilie ab und wir fuhren weitere eineinhalb Stunden nach Belsar weiter. Belsar ist eine Stadt mit rund 20.000 Einwohnern, doch es könnte dörflicher nicht sein. Kuh steht neben Ziege steht neben Haus steht neben Fahrrad. Die meisten Häuser sind aus Backsteinen und verputzt, Lehmhütten sieht man hier kaum noch. Aber Ochsenkarren. Und Menschen, die mit einem Becherchen Wasser auf die Felder gehen, um ihr Geschäft zu verrichten. Westliche Toiletten sind bekannt und auf dem Vormarsch, aber bei Weitem noch nicht überall vorhanden. In meiner Gastfamilie zum Glück schon. Ganz stolz präsentierten sie mir das soeben fertig gestellte Badezimmer mit ›western toilet‹, einer Hock-Toilette. Dass das Badezimmer mitten ins Haus gebaut wurde und kein Dach hatte, fiel mir vor lauter Aufregung erst später auf. Als einzige im 15-Personen-Haushalt hatte ich ein Einzelzimmer. Das ist ansonsten nicht üblich: es wohnen auch schon mal fünf Leute in einem Zimmer.

Am 11. Januar kam dann mein erster Arbeitstag in der Gurukul Children Academy. GCA ist eine Grundschule, die von WWO 2014 gegründet wurde. Im Vorfeld hatte ich mir sehr viele Gedanken gemacht, wie ich den Unterricht gestalten könnte, doch es stellte sich alles, was ich vorbereitet hatte, als zu anspruchsvoll heraus. Trotz mehrerer Jahre Unterricht konnten die Kinder kaum mehr als ihren Namen und ihr Alter sagen. Zwar kannten sie viele Vokabeln, konnten aber keine ganzen Sätze bilden. Da war Kreativität gefragt. Wir fingen damit an, bunte Namensschilder zu malen und uns gegenseitig vorzustellen. ›Who am I? My favorite color/ fruit/ animal‹ war das Motto der ersten Woche.

Von da an gab es jede Woche ein Thema, um das sich alles drehte. Zum Beispiel ›This is my family tree‹ – Verwandtschaftsgrade. Mit Spielen wie Memory, Galgenmännchen und Ich-packemeinen- Koffer brachte ich den Kindern einfache Grammatikregeln und weitere Vokabeln näher, allen voran aber den Spaß am Lernen. Hierbei bekam ich tatkräftige Unterstützung von Rahul, dem einzigen Lehrer, der gut genug Englisch sprach, um für mich zu übersetzen. Die Kinder waren begeistert von diesem neuen Unterricht.

Um 14 Uhr war die Schule vorbei. Nach der Abschlussversammlung, bei der die rund 100 Schüler zusammen beteten und die Nationalhymne sangen, verteilten sie sich wieder in den 20-Kilometer-Radius, aus dem sie gekommen waren. Für mich hieß das Feierabend und zurück nach Hause, passend zur Mittagszeit. Essen spielt in Indien eine große Rolle. Zwar isst hier jeder, wann er möchte. Allerdings in der Reihenfolge Gast – Männer – Jungs – Frauen. Nur die Kinder dürfen quasi jederzeit essen. Meistens wird im Schneidersitz auf dem Boden sitzend und mit den Fingern gegessen. Das Essen auf dem Land ist einfach. Chapati – Fladenbrot, Chaval – Reis, Sabzi – Gemüse, jeden Tag in einer anderen Version, und Dhal – Linsensuppe. Und danach gibt es Chai – indischen Gewürztee. Das ganze morgens, mittags, abends, eine krasse Umstellung. Je mehr der Gast isst, umso größer das Kompliment an den Gastgeber. Es war dementsprechend gar nicht so einfach zu erklären, dass es mir durchaus schmeckte, ich aber weniger essen wollte. Zumal auch zwischendurch immer wieder einer der Jungs irgendeine Leckerei vom Markt holte, die ich unbedingt probieren musste.

Aber nicht nur die Gepflogenheiten beim Essen unterscheiden sich, eigentlich ist im ländlichen Indien alles anders als bei uns. Ein Teil der digitalen Welt ist hier jedoch bereits angekommen – praktisch jeder besitzt ein Handy, die meisten sogar ein Smartphone mit mobilem Internet. In Belsar gibt es keine Bars, Clubs, kein Kino, kein Schwimmbad. Wie also sollte man dort jemanden kennenlernen? Die Antwort hat mich verblüfft – arrangierte Ehen sind hier noch üblich. Die Eltern wählen jemanden, der zu einem passt und es wird sozusagen ein Vertrag mit dem anderen Elternpaar geschlossen. Meine Frage, ob das gut sei, sorgte für Verwunderung. »Wie soll man denn sonst wissen, wen man heiratet?« – das Konzept von Dates, Ausgehen, sich kennenlernen ist hier eher unbekannt. Nach rund zwei Monaten in Belsar war für mich der Tag des Abschieds gekommen. Mit einem weinenden Auge, weil ich so herzliche, fürsorgliche und freundliche Menschen kennenlernen durfte, und einem lachenden Auge, weil ich mich so sehr auf meine eigene Welt, meine Familie und meine Freunde freute, sagte ich auf Wiedersehen. Denn wiedersehen möchte ich Indien auf jeden Fall!


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