Brücke vor Skyline

Freiwilligendienst in Amerika

COFFEE CLUB UND FRIENDLY VISITS. Mein Jahr in Cincinnati mit Aktion Sühnzeichen Friedensdienste

Cincinnati, die Stadt, in der ich nun elf Monate meines Lebens verbracht habe, zeigt zum Abschied nochmal ihr sonnigstes Gesicht. Mein Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste neigt sich dem Ende zu und es bleibt die Frage: Wo ist die Zeit geblieben?

Meinen Freiwilligendient leiste ich beim Jewish Family Service in Cincinnati. Ich bin Teil des Center for Holocaust Survivors, einem Team aus Sozialpädagogen und Lehrern, welches den HolocaustÜberlebenden in Cincinnati soziale Dienste vermittelt. Ich helfe den älteren Menschen zum Arzt oder zum Einkaufen zu fahren und organisiere Programme: Beim "Coffee Club" nehmen wir die englischsprachigen Senioren mit in die Shopping Mall, wo es bei Kaffee und Gebäck Raum für Gespräche und freundschaftliches Beisammensein gibt; der "Friendship Club" ist ein bilinguales Treffen mit russischer Simultanübersetzung, das jeden Monat ein anderes Thema behandelt und bei "Sunday in the City" organisieren wir einen Ausflug in die Stadt, zum Beispiel zum Symphonieorchester oder zur Gartenschau.

"Friendly Visits" sind ein zentraler Teil meines Dienstes. Ich besuche Holocaust-Überlebende zuhause, wir trinken eine Tasse Kaffee und tauschen uns darüber aus, was im Leben des anderen so vor sich geht. Außerdem ist es meine Aufgabe, den Überlebenden bei der Korrespondenz mit deutschen Behörden oder Organisationen, welche die für Holocaust-Überlebenden zur Verfügung gestellten Gelder verteilen, zu helfen. Etwa 250 Holocaust- Überlebende leben im Großraum Cincinnati, 180 davon werden vom Jewish Family Service aktiv betreut. Zwei Drittel von ihnen sind aus der ehemaligen Sowjetunion ausgewandert.

Die Hälfte unserer Klienten lebt auf oder unter Armutsniveau. Viele haben psychische Probleme, ein großer Teil leidet wegen ihrer Verfolgungsgeschichte unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch leiden Familienverhältnisse unter den Narben des Holocausts. So sind Kinder von Überlebenden häufig auch mit psychischen Problemen belastet, resultierend aus dem Zustand ihrer Eltern. Das Bild, welches ich hier zeichne, mutet düster an. Doch mir scheint, dass viele Menschen ausschließlich Bilder von Elie Wiesel im Kopf haben: strahlende Charaktere, welche den Grausamkeiten und der Barbarei des Nationalsozialismus tapfer die Stirn geboten haben. Ich habe solche Menschen getroffen, einige sprechen über ihre Erlebnisse und haben es zu ihrer noblen Mission gemacht, sich dem Vergessen entgegenzustellen. Dennoch sind Überlebende auch nur Menschen, denen man Unvorstellbares angetan hat und viele brechen, wenn die Herausforderungen des Älterwerdens hinzukommen, unter der Last zusammen.

Eine ganz besondere Komponente meines Auslandsjahres war es, zwei Kulturen näher kennen lernen zu dürfen: die jüdische und die amerikanische. Das Arbeiten in der jüdischen Gemeinde hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht und ich bin auch privat unglaublich freundlich in Empfang genommen worden. Ich war Gast beim Sabbat Dinner und wurde zum Pessach-Fest eingeladen. Außerdem wurden mir spannende Einblicke in den Glaubensalltag und die Kultur gewährt. Je länger ich mich in Amerika aufhalte, desto mehr lerne ich Land und Leute kennen. Die eine amerikanische Kultur gibt es gar nicht: Die Leute im Westen sind vollkommen anders als die im Osten und die im Süden ganz anders als die im Norden. Städte haben je nach Region eine ganz eigene Atmosphäre, einen eigenen Akzent, eine eigene Architektur und diese Diversität beginne ich mehr und mehr zu verstehen. Es war zudem faszinierend, den Wahlkampf mit zu verfolgen und ich bin sehr gespannt, welchen Weg dieses Land, das mir so ans Herz gewachsen ist, einschlagen wird.

Ich hatte ein faszinierendes Jahr, in dem ich unbeschreiblich viel gelernt habe, und so schaue ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf den näher rückenden Abschied. Es wird sehr schade sein, den Senioren, meinen Kollegen und Freunden Lebewohl zu sagen, aber andererseits bin ich unglaublich glücklich und dankbar darüber, dass alles so gut gelaufen ist und ich all diese tollen Erfahrungen machen durfte.


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