Palmen und blauer Himmel am hellen Sandstrand von Sanibar. In der linken Ecke spazieren Menschen über den Sand
(c) Carla Wolf

Missionieren auf Sansibar

Zwischen Nonnen, Tourguides 
und Kellnern: Carla berichtet von ihren Erlebnissen als 
Missionarin auf Zeit auf Sansibar

»Umeoleva?« Ich lächle den Fischverkäufer nett an und versuche mich weiter durch das Gedränge an den Tischen mit Fisch vorbeizuschieben. Ich hatte nicht verstanden, dass er mich gerade gefragt hatte, ob ich verheiratet sei. Großes Gelächter und ich bin nur verdutzt. Selbst meine intensive Vorbereitungszeit in Deutschland hat mich auf diesen ersten Moment nicht vorbereiten können.

Insgesamt war ich ein Jahr lang als Missionarin auf Zeit (MaZ) auf Sansibar. MaZ ist ein kirchlicher Freiwilligendienst, der vom entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ›weltwärts‹, getragen wird. Für mich ist MaZ mittlerweile jedoch mehr eine Familie. Ein Jahr vor meiner großen Reise begann die Vorbereitung mit Seminaren zum Thema ›Eine Welt‹‚ ›So bin ich‹ oder ›Kolonialismus‹. Aus Mitfreiwilligen wurden Freunde, die ich auch während des Einsatzes besuchen oder um Rat fragen konnte.

Mein Zuhause war Machui, ein kleines Dorf in der Mitte Sansibars, umgeben von Bananenstauden und Mangobäumen. Meine Familie bestand aus sechs Nonnen und etwa 50 Schülern im Alter von 16 bis 26 Jahren. Auf dem Gelände gab es eine Krankenstation, einen Kindergarten, eine Kantine und ein Berufskolleg, mein Arbeitsplatz. An dem Kolleg wurden junge Erwachsene als Köche, Rezeptionisten und Mechaniker ausgebildet. Ich half den Lehrern beim Deutsch- und Food-and-Beverage-Unterricht. Wie schwer die deutsche Sprache ist, wurde mir erst bewusst, als ich den Unterschied zwischen ›verändern‹ und ›ändern‹ erklären sollte. Den Deutschunterricht gestalteten wir spielerisch mit Rollenspielen oder Jahreszeiten-Liedern. Einige Schüler erzählten mir stolz, dass sie während ihres Praktikums bei deutschen Touristen mit ihren Deutschkenntnissen punkten konnten.


Carlas Tipps

Hinkommen Über maz- spiritaner.de beim Info- Seminar vorbeischnuppern, sich bewerben und Teil der Familie werden.

Unbedingt ausprobieren Reis und Bohnen mit Kokosnuss.

Unvergesslich Das Zuckerfest am Ende der Fastenzeit zusammen mit einer Million Muslime.

Das geht nur hier Stoffe aussuchen und zum nächsten Schneider vor Ort bringen.

Bitte nicht Hakuna Matata. Der Spruch wird einem als Tourist öfters begegnen, ist aber kein richtiges Kiswahili. Besser: Hakuna Shida.


Neugierige Fragen

Neben dem Unterricht für die Schüler des Kollegs gab ich noch einen Abendkurs. Dort waren die Jahreszeiten innerhalb von fünf Minuten besprochen und ich musste mir etwas anderes einfallen lassen. Die Schüler lernten unheimlich schnell und stellten Fragen, die mich ins Schwitzen brachten. ›Fischers Fritz fischt frische Fische‹, Til-Schweiger Filme und das deutsche Wahlsystem. Ich selbst lernte sehr viel. Wir hatten oft Diskussionen, wie die Dinge in Deutschland und auf Sansibar laufen. Ehe, Kinder, Essen … Viele der Schüler kamen vom tansanischen Festland und lebten das ganze Jahr bei uns in Machui. So war ich Tag und Nacht nie alleine. Fußball spielen, gemeinsam Beten und Tanzen – langweilig wurde es nie.

Sprache macht den Unterschied

Im Dorf wird Kiswahili gesprochen. Also saß ich Abend für Abend in der Kantine und versuchte, neue Wörter aufzuschnappen und diese Sprache zu lernen. Schnell hatte ich einen Freund gefunden, der mir die Grammatik erklärte. Nach einigen Monaten waren dann auch Fischverkäufer, die eine Frau suchten, kein Problem mehr. Immer öfter blieb ich an Ecken stehen und konnte mit den Leuten über Gott und die Welt quatschen.

Die Sprache machte den Unterschied. Die Tourguides oder Verkäufer merkten, dass ich Kiswahili verstand und sprach und behandelten mich wie einen alten Freund. Wer dort lebt, wo andere Urlaub machen, bekommt auch einen neuen Blick auf den Tourismus. Manchmal musste ich innerlich den Kopf schütteln, wenn ich Frauen in kurzen Hosen und Bikinis durch die Innenstadt laufen sah – auf einer muslimisch geprägten Insel.

Christentum und Islam

Mit katholischen Schwestern zusammenzuleben und einen Einblick in ihren Alltag zu bekommen, war sehr spannend. Der Tag begann mit einer Messe, zusammen mit den Schülern und Bewohnern  des Dorfes und endete mit dem Abendgebet. Aber nicht nur das Christentum habe ich genauer kennenlernen dürfen, auch der Islam wurde für mich zu einem Thema. An unserer Schule und im Dorf leben Christen und Muslime friedlich zusammen. An Festen oder vor Examen wurde jeweils ein Gebet von Muslimen und eines von Christen gebetet.

Wer in Tansania ein Kleid oder T-Shirt kaufen möchte, muss nicht in einen Laden gehen. Denn es gibt eine Vielzahl von Stoffläden und Schneidern. Stundenlang streifte ich durch die Läden, um mich für einen Stoff zu entscheiden. Dann ging es zu meinem Schneider Abdalla, der die schönsten Kleider, Jacken oder T-Shirts zauberte. Und so konnte ich sonntags in der Kirche mit den anderen Frauen in ihren bunten Kleidern mithalten.

Fremde werden Freunde

Neben meinem Schneider traten viele andere Menschen in mein Leben. Der alte Opa William, der vor seinem Haus Gemüse verkauft. Die Zwillinge Elisa und Anna, die schon gerannt kamen und mir in die Arme sprangen, wenn sie mich von weitem sahen. Mama Christina, die mir beibrachte, wie man Brote backt oder Bohnen richtig zubereitet.

Ein Jahr ging unglaublich schnell vorbei. Fremde wurden Freunde – ich habe nun ein neues Zuhause und Menschen, die ich immer in meinem Herzen tragen werde. Sansibar und seine Bewohner haben mich verzaubert und ich hoffe, eines Tages wiederkehren zu können.


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