Work und Travel in Kanada

Mit Spikes durch den Eiscanyon: Laura erzählt von ihrer Zeit als Work & Traveler im Land der Lumberjacks

Meine Reise begann gut einen Monat nach dem Abiball. Alles ging unglaublich schnell und ehe ich mich versah, war ich schon mit meiner Familie und meinen zwei besten Freundinnen in Frankfurt am Flughafen. Der Tränenfluss hielt sich in Grenzen, da die Vorfreude auf dieses große Abenteuer – und meinen ersten Langstreckenflug – überwog! Im Terminal hielt ich Ausschau nach den vier anderen, die die gleiche Reise mit ›TravelWorks‹ machten. Nach und nach gaben sich alle zu erkennen und wir standen im Grüppchen in der Schlange zum Boarding – alle voller Erwartungen.

In Toronto angekommen, mussten wir durch ein langes Prozedere, um unser Working Holiday-Visum ausgestellt zu bekommen. Nachdem jeder sein Gepäck hatte, fuhren wir mit einer Mitarbeiterin der Organisation, die uns am Flughafen abholte, zu unserem Hostel.

Die folgenden zwei Tage wurden wir durch ein Seminar auf die kanadische Kultur, den Arbeitsmarkt, die verschiedenen Provinzen und ihre Gesetze vorbereitet. Hinzu kam, dass wir Dinge wie die SIN, die kanadische Sozialversicherungsnummer, das Bankkonto und den Handyvertrag glücklicherweise nicht allein beantragen mussten. Alleine wäre ich vom Angebot ziemlich erschlagen gewesen und hätte Angst gehabt, übers Ohr gehauen zu werden. Zusammen mit meiner ›TravelWork‹-Mitstreiterin Henrike verlängerte ich meinen Aufenthalt im Hostel, die drei Jungs suchten sich andere Unterkünfte. Im Gegensatz zu Henrike ging ich nicht auf Jobsuche, sondern wurde Mitglied beim Verein ›World Wide Opportunities On Organic Farms‹, WWOOF, und sah mich nach einer Farm um, auf der ich den Herbst verbringen konnte. Ich entschied mich von September bis November für die ›Flying Shoe Farm‹ im Herzen der Provinz New Brunswick. Bis dahin wollte ich die Ostküste Kanadas entlang reisen.

Mit Henrike war ich dann ein Wochenende bei den Niagarafällen. Die Wasserfälle waren unglaublich beeindruckend, die Stadt glich jedoch einem einzigen Vergnügungspark. Nach ein paar Tagen Toronto, in denen Henrike einen Job und eine Wohnung fand, brach ich mit dem Greyhound- Bus nach New York auf, wo ich unter anderem auch meine beste Freundin Elsa traf, die dort ihre Vorbereitungsveranstaltung für ihr Au Pair Jahr hatte.

Von New York fuhr ich weiter nach Ottawa. Ottawa ist für die Hauptstadt Kanadas mehr als überschaubar, jedoch von der Architektur und den Museen sehr beeindruckend. Nach einer Woche ging es weiter nach Montréal. In Québec hatte ich auch ohne Französischkenntnisse keine Probleme. Alles ist sehr bilingual: Reisende werden zweisprachig begrüßt, sodass man sich praktisch eine Sprache aussuchen kann.

Die ganze letzte Augustwoche verbrachte ich bei traumhaftem Wetter in Halifax, Nova Scotia. Halifax ist eher britisch angehaucht. Täglich wird eine Kanone vom Citadel Hill abgefeuert. In Halifax war ich auch Kajakfahren, was ich technisch und kraftmäßig ein wenig unterschätzt hatte, aber es hat sehr viel Spaß gemacht. Am 1. September fuhr ich dann mit dem Bus nach Fredericton in New Brunswick auf die Farm. Dort wurde ich abgeholt und es ging noch einmal etwa 45 Minuten lang aus der Stadt hinaus ins Dorf Stanley. Dies war rückblickend die Zeit, in der ich mein Englisch am meisten verbessern konnte. Neben der wirklich harten Farmarbeit – ich musste Pferde, Schweine, Ziegen, Hühner und Kaninchen versorgen und auch schlachten, Gemüse ernten, Bäume fällen, Holz hacken und einen Acker mittels Traktor umpflügen – habe ich dort auch viel über Lebensmittel, Gesundheit und Pestizide gelernt und die anderen WWOOFer wurden zu guten Freunden.

Schweren Herzens, aber mit Vorfreude, endlich mal wieder in einer Großstadt zu sein, flog ich im November für meine nächste Station nach Vancouver. Dort fand ich nach drei Tagen einen Job als saisonale Verkäuferin für die Weihnachtszeit bei einer britischen Modekette sowie ein Zimmer in einer mehr als zentralen WG. Zwischendurch hatte ich mehrere Tage hintereinander frei, sodass ich die Möglichkeit hatte, kleine Trips nach Portland, Seattle,Vancouver Island und Whistler zu machen.

Mitte Januar endeten schließlich mein Job und mein Mietvertrag und ich begann eine zweiwöchige Reise durch die Rocky Mountains. Ich verbrachte eine Nacht in Calgary, danach vier Nächte im wunderschönen Lake Louise. Dort arbeitete Henrike und wir ging zusammen Ski fahren – ein atemberaubendes Skigebiet! Für zwei Nächte blieb ich dann in Banff und reiste von dort nach Jasper. Der Weg dahin wird als einer der schönsten Fahrten Kanadas beschrieben – dem kann ich nur zustimmen! Was ich von Jasper mitnehme, ist der ›Maligne Canyon‹, eine Schlucht mit Wasserfällen, die im Winter zugefroren sind, sodass man mit Spikes durch den Canyon wandern kann.

Die Zeit in Kanada ging rasend schnell vorbei. In Köln zurück war ich froh, wieder bei meiner Familie und meinen Freunden zu sein und vor allem mein eigenes Zimmer mit meinem Bett und meiner Matratze zu haben. Was ich während meines Aufenthaltes gelernt habe, ist Dankbarkeit zu zeigen, geduldig und organisiert zu sein und mich zu trauen, ganz unverblümt den Kontakt zu Fremden aufzunehmen. Kanadier lieben Small Talk, davon kann sich manch ein verklemmter, distanzierter Deutscher eine dicke Scheibe abschneiden.


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