USA-Flagge
Jacob Morrison/Unsplash

Freiwilligendienst in den USA

Lange T-Shirts als Lockmittel und Feuer im Camp: Patrick betreute ›underprivileged children‹ in den USA.

Freiwilligendienst in einem Summer Camp

Betreuer in einem Summer Camp für ›underpriviliged children‹ in den USA? Für drei Monate nach dem Abi? Was Sinnvolles machen UND im Ausland sein? Gute Idee! Das fand zumindest ich, und hab‘ mich für diese Variante des Auslandsaufenthaltes entschieden. Wie’s war? Lies selbst. Meine Reise ging – nach einem eintägigen Workshop in New York – in jenes Camp für ›benachteiligte Kinder‹, dessen Camp Director sich für mein Profil entschieden hatte. Bei mir war das: Sussex, New Jersey. Mit mir fuhren noch ungefähr 15 andere internationale Betreuer dorthin, von denen die meisten aus Großbritannien, einige wenige aus Polen, Slowenien, Australien und Deutschland stammten. Wir internationalen Betreuer freundeten uns schnell an und verbrachten die freie Zeit immer miteinander.

Ausland? Irgendwo im Nirgendwo!

Das Camp befand sich mitten in der Natur – eine knappe halbe Stunde dauerte die Autofahrt bis zum nächsten Supermarkt! Ein riesiges Gelände, das an einem See gelegen war. Unsere Aussicht von der Hütte: ein Footballfeld. Dahinter begann ein dichtes Waldgebiet. Neben dem Footballfeld befanden sich ein Basketballplatz und ein umzäuntes Hockeyfeld. Nicht weit entfernt war der See, in dem die Kinder Fischen, Schwimmen und Tretboot fahren konnten. Hierher kommen drei Mal hintereinander für zwei Wochen Gruppen von Kindern, die einen außergewöhnlichen Sommer erleben sollen – Kinder, die in der dritten Pflegefamilie leben oder deren Eltern im Gefängnis sitzen. Die Kinder hatten nicht immer einfache Zeiten und waren nicht gerade aus der Abteilung ›in Watte gepackt‹.

Das Campleben

Der Jungencampus war von denen der Mädchen streng getrennt. In unserer Häuserreihe waren alle Jungs im Alter von sieben bis 14 Jahren untergebracht. Meine Gruppe: Acht neun- bis zehnjährige Jungs, mit denen ich zusammen mit einem amerikanischen Betreuer in einer rustikalen Holzhütte lebte. Wir schliefen Bett an Bett, die Hütte war mit zwei Waschbecken und Toiletten ausgerüstet und wurde nachts oft von Moskitos heimgesucht. Fernsehen? Radio? Playstation? Privatsphäre? Fehlanzeige! Das galt für uns und für die Kids. Im Camp können sich die Kinder von ihrem alltäglichen Leben in Queens, der Bronx oder Brooklyn erholen. Das ländliche Leben kennen sie gar nicht. Also kommen sie ins Camp, als Abwechslung. Hier können sie verschiedene Sportarten ausüben, spielen und neue Freunde finden. Der Tag begann pünktlich um 7:25 Uhr mit einem Weckruf durch die Lautsprecher. Dann war es an der Zeit, die Kinder zu wecken und sie dazu zu bewegen, Camp-Kleidung zu tragen, ihre Betten zu machen und die Hütte für die tägliche Inspektion in Ordnung zu bringen. Anfangs sträubten sich die Jungs, die einheitliche Kleidung – rotes Hemd und blaue Hose – zu tragen, da sich jeder zweite von ihnen wie ein lässiger Gangster fühlte und lieber sein Basketball-Trikot übergestreift hätte. Jedoch fanden sie sehr schnell Gefallen an meinem morgendlichen Spiel: Wer als Erstes sein Bett gemacht und die Zähne geputzt hatte, der bekam die längsten und somit gleichzeitig auch die coolsten T-Shirts und Hosen, und wer als Letzter fertig war, der musste sich mit den kürzesten Hemden und Hosen begnügen.

Helfer in allen Lagen beim Freiwilligendienst

Wenn sich jemand verletzte, krank war oder keine Lust auf eine Aktivität hatte, waren wir die ›Babysitter‹. Es war so angelegt, dass es kaum Momente gab, in denen die Kinder unbeaufsichtigt waren. Zu jeder Zeit wusste ich, wo meine Jungs sich aufhielten. Mittags und abends verteilte ich Milch und Kekse, die vor unserer Hütte abgestellt wurden. Ich besorgte Medizin oder brachte die Jungs zur Krankenschwester. Ich half ihnen, wenn sie Briefe an ihre Eltern schrieben. Bevor es Zeit war schlafen zu gehen, erzählte ich meiner Gruppe hin und wieder gruselige Geschichten – das wollten sie hören. Außerdem – einer der Höhepunkte im Camp-Leben – gab es eine drei Tage lange Olympiade.

Dabei wurden Kinder und Betreuer in zwei Gruppen unterteilt. Tauziehen, Wassersport, Basketball – die Gruppen lieferten sich einen Wettkampf in vielen Disziplinen. Die Olympiade endete mit einem großen Feuer: Die Kinder sammelten aus den Waldgebieten Feuerholz, während die Betreuer versuchten, ein Feuer zu entfachen, das eine in zwei Meter Höhe gespannte Kordel zertrennen sollte. Danach wurde die Gewinnergruppe der Olympiade ermittelt und in einer kleinen Siegerehrung gefeiert. Ein anderes Highlight war ein Wettbewerb, bei dem jede Gruppe Tage vorher schon einen Tanz und ein Lied einübte und in einer Art Karaoke-Show versuchte, die Jury von ihrem Talent zu beeindrucken. Meine Gruppe sang ›I heard it through the Grapevine‹ von Marvin Gaye und wurde Zweite. Es gab viele solcher ›social events‹, bei denen sich alle Gruppen im Theatersaal zusammenfanden. Wir Betreuer waren unter anderem auch für die Organisation zuständig, halfen bei den Vorbereitungen und beim Schmücken des Saals für Events wie für die Wahl des allerbesten Campers, für Talentwettbewerbe der Kinder und auch deren Betreuer oder für den Laufsteg – wo männliche Betreuer sich als Frauen verkleideten, um auf dem Catwalk die neueste Mode der Saison zu präsentieren – umgekehrt schlüpften aber auch die Frauen in die neuesten Modetrends für Männer.

Fazit: Freiwilligendienst in den USA

Wie’s war? Ich habe meine Sprachkenntnisse verbessert und Freundschaften geschlossen. Außerdem – und vor allem – hab’ ich gelernt, mit außergewöhnlichen Kindern umzugehen. Kinder mit einer Kindheit, wie meine Jungs sie hatten und haben, sind logischerweise nicht sehr offen und zugänglich, sie vertrauen einem nicht. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich umso wichtiger, den Kindern wenigstens zwei Wochen im Jahr eine schöne Zeit zu bereiten. Als Betreuer hat man selbst in der Hand, wie die Kinder auf einen reagieren. Ist man zu fürsorglich, wird das ausgenutzt. Wenn man sich nicht durchsetzen kann oder zu viel durchgehen lässt, dann tanzen sie einem auf der Nase herum. Bei uns in der Gruppe war den Kindern schnell bewusst, dass ihr Schicksal in ihrer eigenen Hand lag: Wenn sie sich daneben benahmen, schickte unser Gruppenleiter die Jungen statt zur ihrer einzigen frei gewählten täglichen Aktivität als ›punishment‹ zum Tanzen. Das mochte keiner gerne.

Ich glaube, jeder von uns Betreuern hatte Augenblicke, in denen er am liebsten aufgegeben hätte. Ich glaube, dass das normal ist, denn welcher Abiturient ist es schon gewohnt, für knapp drei Monate am Stück fast 24 Stunden täglich Kinder zu betreuen? Einer der schönsten Momente im Camp war gegen Ende, als die Kinder ihre Koffer gepackt hatten und sich auf dem Weg zu den Bussen vereinzelt umdrehten und zu mir kamen, um sich noch mal zu verabschieden. Einige fragten, ob ich nächstes Jahr auch wieder im Camp sein werde. Das war der Augenblick, in dem ich wusste, dass es den Jungs gefallen hat: Mission accomplished!


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