Freiwilligendienst in Jerusalem

Wie leben die Menschen im Land der Bibel? Nach einem Jahr Freiwilligendienst weiß Veronika: Unterschiedlicher könnte ein Volk nicht sein.

Jerusalem
Jerusalem privat

Abenteuerlicher Start in Jerusalem

»Warum leben und arbeiten Sie in Jerusalem?« Wie oft musste ich diese Frage beantworten. Nicht nur am Flughafen in Tel Aviv, im Ministerium in Jerusalem oder am Checkpoint zwischen Jerusalem und Ramallah, als eine israelische Soldatin argwöhnisch meinen deutschen Reisepass beäugte. Auch mir selbst stellte ich diese Frage, als ich mit meinem 35-Kilo-Koffer und luftiger, aber züchtiger Bekleidung Ende August in Jerusalem ankam. Warum will ich zwölf Monate lang in Jerusalem ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen?

Für mich bedeutete das die Möglichkeit, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Nach dem Abi nicht gleich wieder die Schul- bzw. Unibank zu drücken, sondern erst einmal etwas ganz anderes und trotzdem Sinnvolles zu machen. Und das ganz alleine zu organisieren, ohne Mamis oder Papis Unterstützung. Außerdem war es schon lange mein Traum, Israel kennenzulernen. Wie kann es sein, dass ein Land, das nur so groß ist wie Hessen, dennoch ständig in den Medien präsent ist? Bei der Suche nach einem FSJ-Platz wurde ich schnell im Internet fündig. Ich bewarb mich beim Deutsch-Israelischen Verein in Gießen, der deutsche Volontäre im Bereich der Rehabilitation behinderter, alter und sozial schwacher Menschen an staatliche israelische Einrichtungen vermittelt.

Mein Start in Israel war ziemlich abenteuerlich. Aufgrund eines Missverständnisses wurde ich nicht am Flughafen abgeholt und musste mich alleine nach Jerusalem durchschlagen. Zusammen mit fünf deutschen Mitvolontärinnen wohnte ich in einer WG, jeweils zu zweit im Zimmer mit einem gemeinsamen Bad. Da wir aber alle in Schichten in unterschiedlichen Einrichtungen arbeiteten, kam es nie zu Streitereien, wer morgens als Erste unter die Dusche hüpfen darf.

Arbeitsplatz beim Freiwilligendienst

Mein Arbeitsplatz war eine Wohngemeinschaft mit sechs körperlich und geistig behinderten Israelis zwischen 16 und 32 Jahren, keiner von ihnen fähig, sich verbal mitzuteilen, alle an den Rollstuhl gefesselt und Epileptiker. Nachtschicht, Abendschicht, feiertags Morgenschicht – insgesamt etwa 40 Stunden die Woche, oft aber auch mehr: Die Bewohner aus dem Bett holen, Zähne putzen, waschen, füttern, Spaziergänge und physiotherapeutische Übungen machen, einmal wöchentlich ins Schwimmbad, die Wohnung putzen, kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen und in den richtigen Schrank packen – das war ein ganz schöner Akt zu lernen, welche Klamotten wem gehören, besonders bei den Socken.

Was ich besonders toll fand, war, dass die fest angestellten Mitarbeiter bunt zusammengewürfelt waren: Mein Chef war ein muslimischer Araber aus Hebron, es gab eine russische Jüdin, die aber schon lange in Israel lebte, eine junge Deutsche, die zum Judentum konvertiert ist und eine polnische Volontärin, die mit einem Palästinenser verlobt war.

Israel: Land der Gegensätze

In Israel kommt man in kürzester Zeit für wenig Geld wirklich weit, schließlich ist das Land ja echt klein. Ich nutzte meine Freizeit in vollen Zügen aus, habe das ganze Land bereist, war in Jordanien, zweimal in Ägypten und habe eine Fahrradtour gemacht. Es gibt einige Organisationen, die davon abraten, ins Westjordanland zu reisen, aber ich bin der Meinung, dass ich so nur das halbe Land kennengelernt hätte.

Israel besteht schließlich nicht nur aus Traumstränden am Mittelmeer, der Klagemauer, christlichen Pilgern und hunderten Synagogen – auch die Palästinenser und die Sicherheitsmauer gehören dazu. Mit deutschem Pass kommt man ohne Probleme durch den Checkpoint zu den palästinensischen Gebieten – Gaza ist natürlich eine Ausnahme, das ist tabu! – und auch dort habe ich mich wie auch in Israel immer sicher gefühlt. Zwar waren die Sicherheitskontrollen vor Museen, Banken, Ämtern, Kaufhäusern und Cafés anfangs befremdend, sie gaben mir aber ein Gefühl der Sicherheit und bald schon nahm ich sie gar nicht mehr wahr. »Du bist aus Deutschland?« Ein wildfremder, junger Jude lädt mich auf offener Straße zum Shabbat-Essen und zum Übernachten ein – hier wird nicht lange gefackelt. Förmlichkeiten und Zurückhaltung sind verpönt.

Allgemein ist Israel und vornehmlich Jerusalem mit einem Wort zu bezeichnen: extrem – politisch, religiös, kulturell, landschaftlich ... Ein Beispiel: Es ist Freitag, ich fahre mit dem Bus in die Innenstadt und erledige am Markt meine Einkäufe. Hier spürt man den Orient, eine Vielfalt von Sprachen, Menschen, Gerüchen. Die Neustadt hingegen wirkt wie jede andere westliche Stadt; es gibt McDonald‘s (natürlich koscher!), Straßenmusiker, Kneipen, Miniröcke. Shoppen und Ausgehen kann man hier genauso wie in Deutschland. Ich spaziere weiter durch Mea Shearim, das Viertel ultraorthodoxer Juden. Wehe, man lässt sich hier am Shabbat mit einem Telefon in der Hand erwischen.

Das Gesetz der fünf Bücher Mose hat hier höchste Priorität. Hundert Meter weiter beginnt der arabische Teil der Altstadt, wo sich heute Tausende von Moslems zum Freitagsgebet durch die engen Gassen gen Tempelberg schieben. Mein nächster Stopp ist an der Klagemauer: Die Schläfenlocken der schwarz gekleideten Männer schwingen bei den heftigen Bewegungen zum Gebet. Festlich gekleidete Jüdinnen mit Röcken, die laut Oberrabbinat im Sitzen zehn Zentimeter unter dem Knie enden müssen. Ich muss mich beeilen, wenn ich den letzten Bus erwischen will, denn bald beginnt Shabbat und die Straßen sind wie ausgestorben. Eine Frau spricht mich an, wo ich meine Strümpfe gekauft hätte, die würden ihr so gut gefallen. Ich fühle mich als ein Teil all dessen, obwohl mein Hebräisch noch ziemlich holprig ist. Doch das ist in Israel, einem Einwanderungsland, keine Seltenheit. Als ich auf dem Weg zu meiner Wohnung auf einen Palmzweig trete, wird mir bewusst: Bald werden es wieder grüne Wiesen und nadelige Waldböden sein.


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